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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

Einige Gedanken über Volkswirthschaft.

Von A s m ii s Rk a h n e r.

(Schluß.)

Nun kann freilich eine sociale Thätigkeit, wie sie Stöcker in der Residenz übt, kein Vorbild für christliche Männer in der Provinz sein, denn Umstände verändern die Sache. Daher geben wir im Folgenden eine Anzahl von Punkten, welche bei einer christlAh-socialen Thätig­keit in unserer Gegend zu berücksichtigen sind. Diese Auf­stellung macht durchaus keinen Anspruch auf Bollstäudig- keit. Im Gegentheil wurde sich Verfasser freuen, wenn Andere noch Anderes oder auch Besseres vorbrächten.

Punkte, welche bei einer christlich- socialen Thätigkeit in unserem Kreise zu berücksichtigen sind.

1. Jeder Bolksfreund muß sich bei seiner Thätigkeit für das Volk über die politischen, wie gesellschaft­lichen Parteien seines Wirkungskreises stellen, damit er der Mittelpunkt und Führer aller christlich und Human Gesinnten aus alten Parteien werden kann.

2. Jede sociale Thätigkeit christlicher Männer hat, besonders in unseren Städten, mit einem apologe­tischen Feldzug gegen den Grund-Irrthum unserer Zeit zu beginnen, als sei das Christenthum durch die Wissenschaft überwunden. Hierzu empfehlen sich öffentliche Vorträge für die Gebildeten.

3. Die christlich-sociale Thätigkeit zerfällt in eine moralische und eine w i r t h s ch a f t l i ch e.

A. Die moralische Thätigkeit erstreckt sich auf alle Gebiete, welche die innere Mission zu ihrem ArbeitSfelde gemacht hat. Die Ziele per inneren Mission sind lebhafter und ailseiriger zu erfassen, als dies seither geschehen ist.

B. Die Wirth s chaftii che Thätigkeit hat folgende Arbeitsfelder und Zielpunkte:

a. Verallgemeinerung der Schulsparkassen.

b. Kampf gegen das Wucherthum durch Grün­dung Raiffcisenscher Darlehnskassen.

«. Einbürgerung einer angemessenen Haus­industrie.

d. Bessere Pflege der Obstbaumzucht unter Schülern und Erwachsenen.

e. Anleitung zu einer rationelleren Belnibnng des Ackerbaus.

4. Für all diese D inge i st die vorhandene L v c a t p r e s s e und das V e r e i n s l e b e n nutzbar zu machen.

XL

Wir lassen hiermit noch einen XL und letzten Artikel folgen, in welchem wir einige Andeutungen über die Bertheilung der in Artikel X. gestellten Aufgaben geben wollen.

Punkt 2, der Feldzug gegen den durchaus nnwisscn- schaftlichen Unglauben, wirb besonders den Pfarrern und Lehrern bleiben. Es empfiehlt sich außerdem wirksame Redner aus Laien- und geistlichen Kreisen zu verschreiben Und apologetische Schriften zu verbreiten. Der Heraus­geber dieser Zeitung würde gewiß gern dahin zielende Aufsätze aufnehmen.

Für Punkt 3 A. wäre einmal, wie bei allen diesen Punkten, durch persönliches Einwirken, sodann aber dadurch zu arbeiten, daß bieSchlüchterner Zeitung' benutzt wurde, um die Ziele und Bestrebungen der inneren Mission, die vielfach noch sehr unbekannt sind, zur Kenntniß der Leute zu bringen. Auch eine Aufgabe speciell für die Geistlichen unseres Bezirks.

Punkt 3 B. a., Einrichtung von Schulsparkassen wäre title Aufgabe für die Lehrer und Lokalschulinspectoren. Auch hier würde eine Besprechung von sachkundiger Seite in derSchlüchterner Zeitung" anregend und Nützlich sein.

b. Bekämpfung des Wuchers. Mit der Aus­führung dieses Punktes hat Herr Pfarrer Hartmann- Schlüchtern durch seine ArtikelDas Heil kommt von den Juden" einen dankenswerthen Anfang gemacht. Vivat sequeus! Ein Rechtsgelehrter würde uns vielleicht 111 der Schlüchterner Zeitung einmal darlegen, was der Staat durch die Gesetzgebung darin gethan. Die Wucher- tzesetze sind noch viel zu wenig bekannt. Die Pfarrer M» Lehrer hätten, abgesehen von der moralischen Ein-

wiikung, durch Unterricht brsondeis im Rechnen die erwachsene Jugend zu belehren. Was die Einrichtung von Raiffeisenschen Darlehnskassen anfangs, so wäre es wünschenswerth, wenn der Königliche Landrath einmal zu geeigneter Zeit, d. h. wenn auch die Bauern und Dorfpfarrer Zeit haben, einen sachkundigen Mann ver­anlassen wollte, einen Vortrag über diesen Punkt in unserer Kreishaupistadt zu halten. Angeregt und unter­richtet hierdurch, würden gewiß viele Pfarrer und Bürgermeister die Gründung dieser segensreichen Kassen gern in die Hano nehmen.

c. Eine angemessene Hausindustrie als Winterbeschäfti­gung würde viel Arbeitskraft dem Lande erhalten, welche jetzt ihren Unterhalt in der Ferne suchen muß, wodurch dem Lande in wirthschaftlicher und moralischer Beziehung großer Abbruch geschieht. Ein tückstiger Kaufmann, der die Verhältnisse auf dem Lande kennt, würde uns wohl gern in diesem Blatte entsprechende Hausindustrien angeben und auch einträgliche Absatzgebiete bezeichnen.

d. Bessere Pflege der Obstbaumzucht unter Schülern und Erwachsenen, sowie Pflege der Bienenzucht. Abgesehen von den sittlichen Bildungseinflüssen solcher Beschäfti­gungen kann der Obstbau für viele Orte eine Quelle der Wohlhabenheit werden, wie practische Erfahrungen dies bezeugen. Belehrende Aufsätze in der Schlüchterner Zeitung würden hier viel nützen. Speciell eine Aufgabe für die Lehrer.

e. Rationellere Betreibung des Ackerbaus. Wieder ist die Localpresse ein erwünschtes Hülfsmittel. Wie wärs, wenn ein paar tüchtige Landwirthe wöchentlich veröffentlichten, was in den einzelnen Wochen im Felde zu thun ist! Die landläufigen Kalender bieten ja auch Derartiges, aber sie werden erstens daraufhin nicht gelesen, und zweites sind sie für zu weile Kreise de- redmJ. Eines schickt sich aber nicht für alle. Ferner wäre es angebracht, wenn der landwirthschaftliche Verein seine Verhandlungen weiteren Kreisen durch diese Zeitung zugänglich machte.

Es wird sich schon für jeden ein Plätzchen in der Schlüchterner Zeitung finden, wo er durch Mittheilung seines Wissens und Könnens seinen Kreisgeuosieu nützlich werden kaun.

Hoffentlich hat der Eine oder Andere der lieben Leser hierzu durch Vorstehendes eine Anregung erhalten. Sollte sich aber hier und da Einer durch allzugroße Schärfe verletzt fühlen, so bedeute er, daß dieS nicht in meiner Absicht lag, sondern, daß meine Absicht nur die war, GuteS zu wirken, solange es Tag ist. Somit: Gott befohlen!

Lokales und Provinzielles.

Schlächtern,. Juli. Am Montag den '15. Juli, begannen die G er I ch ts fer l cn, die bis zum 15. September dauern. In dieserZeit werden nur in sog. Feriensachen Termine avgehaltru und Entscheidungen erlassen. Als Feriensachen werden bezeichnet: 1. Straf­sachen ; 2. Arrestsachen und die eine einstweilige Ver­fügung betreffenden Sachen; 3. Maß- und Marktsachen;

4. Streitigkeiten zwischen Vermietheru und Miethern von Wohnungs- und anderen Räumen wegen Ueber- lassung, Benutzung und Räumung derselben, sowie wegen Zurückhaltung der vorn Miether in die Miethräume eingebrachten Sachen; 5. Wechselsachen; 6. Bausachen, wenn über Fortsetzung eines angefaugenen BaueS ge- stritten wird. Das Gericht kann aber auf Antrag auch andere Sachen, soweit sie besonderer Beschleunigung bedürfen, als Feriensachen bezeichnen. Auf das Mahu- verfahren, das Zivangsvollstreckungsverfahren und das Konkursverfahren sind die Ferien ohne Einfluß. Auf die Sachen der freiwilligen Gerichtsbarkeit beziehen sich diese Vorschriften nicht. Daher nehmen namentlich Grund- und Hypothekenbuchsachen, Vormundschaftssachen und Testamemssachen auch während der Gerichtsferien ihren ungestörten Fortgang.

* Für die im Monat Juni d. J. erfolgten Fouragelieferungen sind im Lieferungsverbande Fulda folgende Durchschnittspreise maßgebend: Hafer 7.34, Heu 3.35 und Stroh 3.32 Mark pro Centner.

Wir machen die Landwehrleute zweiten Aufgebots darauf aufmerksam, daß sie, bei Vermeidung empfind­licher Strafen, von jeder Wohnungsveränderung sofort Anzeige beim Bezirksseldwebel zu machen haben. Die

sehr oft aus Unachtsamkeit unterlassene Verpflichtung glauben wir den Betheiligten gerade jetzt ins Gedächt­niß rufen zu sollen, da zur Zeit Recherchirungen im Gange sind, ob die Mannschaften auch alle Wohnungs- veränderungen ordnungsgemäß angezeigt haben.

* Das Kirchliche Amtsblatt veröffentllicht das Kirchengesetz für die evangelische Kirche im Bezirke des Konsistoriums zu Kassel betreffend die Trauung.

Aus unserer Provinz kamen schvn seit langer Zeit die lautesten Klagen über die Auswucherung des Land­volkes. Sehr erfreulich ist es nun, daß neuerdings von Borbeugungsmaßregeln und von wachsendem Verständnis der Bevölkerung für solche berichtet werden konnte. So wird berichtet, daß die Bestrebungen, der wucherischen Ausbeutung durch Gründung von Kassen vorzubeugen, sich stetig ausdehnen. Von Darlehnskassen nach Raiff- eisenschen System sind neuerdings im Kreise Marburg drei, im Kreise Messungen vier begründet worden. Im letzteren Kreise ist ferner ein Rindviehversicherungsverein gegründet worden, welcher bereits 600 Mitglieder und 26 Ortschaften zählt, bei welchen etwa der vierte Theil des Rindviehbestandes im Kreise, nämlich 2500 Stück, versichert sind.

(-) Salmünster, 14. Juli. Das 4. Bundesfest des Bogelsberg - Kinzigthaler Sängerbundes fand heute in unserer festlich geschmückten Stadt seinen programm­gemäßen Verlauf. Zwanzig Vereine betheiligten sich an dem Feste, und zeichneten sich namentlich die Ge­sangvereine von Schlierbach und Meerholz durch ihre brillanten Vorträge aus.

, Hersfeld; 12. Juli. Vom hiesigen Schöffengerichte wurde heute morgen der Dienstknecht Johannes Ritter ffon Meckbach zu acht Wochen Gefängniß verurtheilt wegen Betrugs. Derselbe hatte sich fast zu gleicher Zeit an fr^f verschiedene Dienstherren vrrmiethri und den Mieth^yaler eingesteckt, aber den Dienst nirgends angetreten.

Schmalkrlden, 9. Juli. In Oberroth hatte ein Einwohner Rattengift gekauft. Die Mutter machte sich, entweder aus Neugier oder weil sie die weiße Masse für Zucker gehalten, darüber, nahm von dem gefährlichen Gifte und gab auch der Frau des Mannes, einer Wöchnerin, davon. Die Letztere hat das unverantwort­liche Versehen mit dem Tode gebüßt, während die Mutter, welche vermuthlicher Weise weniger genommen, mit dem Leben davongekommen ist.

Der schlimme Jude.

Eine Geschichte für kleine Antisemiten.

(Aus der Schlüchterner Zeitung vom Jahre 1989.)

Bor nunmehr 100 Jahren lebte in Schlächtern, einem Städtchen der Provinz Hessen, ein frommer gottes- fürchliger Mann, der mit großem Fleiß das Gewerbe eines Antisemiten betrieb. Einige behaupten, er habe in seinen Mußestunden auch in der Kirche gepredigt, andere, er habe nebenher das Schulmelsteramt ausgeübt. Dieser wackere Mann nun, welcher etwas abseits von der Stadt lebte, mußte eines Morgens, verschiedener Geschäfte halber, in die Stadt gehen. Er that dies schweren Herzens, denn er hatte viele, viele Kinder, die er unbewacht zu Hanse lassen mußte. Nun war es gerade um die Zeit des jüdischen Passahfestes, und der Marin fürchtete, die bösen Juden möchten in seiner Abwesenheit eines seiner Kinder holen und schlachten, wie sie ja nachweislich oft thaten; denn ihre schändliche Religion lehrte diese bösen Menschen solche Gebräuche zrüu Osterfeste. So empfahl denn der Gute seinen Kindern während seiner Abwesenheit die größte Vorsicht; sie sollten, sagte er, die Thüre Verschlüssen halten und, falls ein Jude sich zeige, ihn nicht ciuwssen,Zhm auch keine Antwort aus feine Fragen geben.Wie sollen wir aber die Juden als solche erkennen?" fragte das älteste Kind, ein herziger Knabe von 10 Jahren.Das wird euch nicht schwer sein," antwortete der Vater, denn da ihre Seele schwarz ist, so hat sich diese Farbe auch auf ihr Aeußeres übertragen. Wenigstens haben sie schwarze Augen und schwarze Haare, auch sind sie erkenntlich an einer starken Nase, welche mitten im Gesichte sitzt und mit deren Hülfe sie schon von weitem riechen, wo etwas zu verdienen ist." So sprach der sorgsame Hausvater und entfernte sich, nachdem er seinen Kirchen« nochmals Vorsicht empfohlen hatte. Auf seinem