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^ 50. Mittwoch, den 26. Juni. 1889.
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„Schlüchterner Zeitung
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Schlächtern, im Juni 1889. Der Herausgeber.
Einige Gedanken über Bolkswirthschaft.
Von Ä s m u s Mahner.
(Fortsetzung.)
V.
Wenn nun die Vorbedingungen erfüllt sind, daß nämlich die Wohlhabenden, wirchschaftlich Starken helfen wollen, indem sie den eigenen augenblicklichen Vortheil fahren lassen, indem sie sich aus der heutzutage wahrhaftig sehr übel angebrachten Bequemlichkeit aufraffen, — daß nämlich die Armen, wirthschaftlich Schwachen sich helfen lassen wollen, indem sie ihr Elend einsehen, indem sie zu den Vertrauenswerthen Helfern endlich einmal Vertrauen fassen — wenn diese Vorbedingungen erfüllt sind, dann erhebt sich die Frage: «Wie soll geholfen werden?" „Oh, das ist gleich gesagt," meint ein besonders Schlauer, „gebt jedem Armen soviel, daß er seine Schulden bezahlen kann und noch etwas übrig hat; gebt jedem Bauer 1000 oder ein paar Tausend Thaler — dann ist den Leuten geholfen." O ja! das wäre nicht übel! Nein! Lieber Freund, da hast Du wieder einmal recht neben das Nest gelegt. Erstens geht das nicht, nnd zweitens hilft das nichts, denn gar viele Arme und gar viele Bauern hätten dann wohl auf ein paar Jahre etwas, aber dann wär's da. wo schon so viel hingegangen ist, nämlich im Wirthshaus oder im Kassenschrank der Herren Wucherer. Wer keinen besseren Rath zu geben weiß, der behalt' diesen für seinen Privatgebrauch. Geldunterstützung wird freilich nicht fehlen dürfen, wenn geholfen werden soll. Aber mit diesen Unterstützungen ist den Armen grad so geholfen, wie den Lahmen mit einer Krücke. Der Arz^ darf sich nicht damit zufrieden geben, dem Lahmen, den er heilen will, ein Recept zu schreiben, das in der Apotheke des Schreiners gemacht, sondern er muß immer darauf bedacht sein, dem Kranken die Beine wieder grad und kräftig zu machen. So auch der, welcher helfen will! Es muß sein Streben sein, daß die Leute wieder allein gehen lernen ohne Unterstützung. Dazu braucht man freilich Geld, wie der Arzt beim Lahmen auch eine Zeitlang die Krücke braucht. Woher nun das Geld nehmen? Diese Frage wird heute in gar mannigfacher Weise beantwortet, und um Geld für Unterstützungen zu erhalten, hat man heutzutage allerlei Wege. Allerdings sind sie nicht alle grade sehr lobenswerth. Das verpönte Sprüchlein: „Der Zweck heiligt die Mittel" wird wohl nirgends mehr zu Grunde gelegt, als bei der modernen Wohlthätigkeit. Besonders hat sich in der Stadt eine merkwürdige Art von Wohlthätigkeit herausgebildet. Da giebt'-: Wohlthätigkeits- Concerte, Wohlthätigkeit- - Bazars, Wohlthätigkeits- Lotterien. Nun frage ich Sie, meine Herren, und besonders Sie, meine Damen: Was hat ein Concert, ein Bazar, eine Lotterie mit Wohlthätigkeit zü thun? Doch wohl nichts! „Ja, es kommt aber bei solchen Veranstaltungen viel Geld ein." Gewiß! und ihr weint wie jener Staatsmann: „Man riccht's dem Geld dicht an, wenn'S auch eine Petroleumsteuer ist." Das Ötb’ ich zu; wenn sich's um Wegebauten oder Canal- anlagen oder dergleichen handelt, dann ist's einerlei, ob der Staat das Geld dazu durch eine Petroleumsteuer oder durch eine Rosenölsteuer aufgebracht hat. Aber euer Fall ist doch ein wenig anders. Und, wenn ihr erlaubt, dann ist Asmus der Ansicht, daß auf Geld, welches d rrch Pläsir und Vergnügen eingekommen ist, kein Segen ruhen kann. „Oh, da- ist doch zu regoristisch!" Run, sagt einmal: Warum geht ihr denn ins Concert bder in den Bazar, oder warum tretet ihr einer Lotterie bei ? Doch um euch ein Vergnügen zu machen, oder
ein wenig interessante Aufregung zu haben, ob ihr wohl was gewinnt und was ihr wohl gewinnt. Wer giebt euch aber im besagten Falle den Anlaß zum Vergnügen? Doch die Armuth der Leute, für die da gesteuert wird. Sagt, ist's nicht ein bitterer Hohn auf
Armuth? Mit lachendem Munde oder mit interessanter s
Liebe unv Freundlichkeit sich ihm zuwendet. Dieses ist Wohlthätigkeit, jenes aber ist Wohlthätigkeitsschwindel und Wohlthätigkeitshumbug. Humbug- ist aber nichts für uns Deutsche. Den wollen wir den Engländern überlassen, die ihn bei uns eingeschleppt haben. Ihr sagt nun: „Aber Damen der höchsten Stände machen doch auch solche Dinge mit." Nun, AsmuS ist sehr für Autoritäten, aber er weiß auch, daß es heißt: „Prüfet Alles und behaltet das Gute." Dieser Wohlthätigkeitshumbug ist aber nichts Gutes, sondern er bringt einen doppelten Fluch: euch, weil ihr dadurch verleitet werdet, euch für besser zu halten als ihr seid, denn ihr meint wohl zu thun und geht doch im Grunde nur euerem Vergnügen nach; — den Armen, weil dadurch die Kluft zwischen Reich und Arm, die durch die Wohlthätigkeit ausgefüllt werden soll, erst recht den Armen zum Bewußtsein gebracht wird.
(Fortsetzung folgt.)
Zum 24. Juni.
Nach einem Jahre schwerster und schmerzlicher Trauer stehen unserm Königshause in der nächsten Zeit zwei Hochzeitsfeiern bevor: am 24. Juni die Vermählung des Prinzen Friedrich Leopold, einzigen Sohnes des verstorbenen General-Feldmarschalls Prinzen Friedrich Karl, geboren am 14. November 1865, Rittmeister im Regiment Gardes du Corps, mit der Prinzessin Luise Sophie zu Schleswig-Holstein, geboren zu Kiel am 8. April 1866, einer Schwester unserer Kaiserin; im October die Vermählung der Prinzessin Sophie von Preußen, zweiten Tochter Kaiser Friedrichs, mit dem Kronprinzen von Griechenland. Beiden fürstlichen Brautpaaren ist die herzliche Sympathie und freudige Theilnahme des ganzen Landes zugewendet. Durch die schweren Schicksalsschläge, welche das Königshaus betroffen, sowie durch die Pflichten, welche ihm zugefallen, war unser Hof fast vereinsamt. Prinz Heinrich, des Kaisers einziger Bruder, weilt in Folge des Dienstes auf der Marine in Kiel, Prinz Albrecht als Regent in Braunschweig, und so lasteten auf dem Kaiserpaare allein alle die Pflichten der Repräsentanten, welche einem großen Hofe obliegen und bisher ungeachtet der Trauerzeit recht erhebliche Dimensionen angenommen hatten. Dieselben werden nach Aufhören des Trauerjahres voraussichtlich nicht unwesentlich anwachsen, um so erwünschter ist es, daß dem Kaiserlichen Haushalt noch ein zweiter fürstlicher Hofhalt in der Residenz zur Seite tritt.
Die Wahl, welche Prinz Friedrich Leopold getroffen, entspricht den innigen Beziehungen, in denen er zu den Kaiserlichen Majestäten steht, sowie dem traulichen Familienleben des Kaiserpaares, dessen Zeugin Prinzeß Luise Sophie in den letzten Jahren vielfach gewesen ist. Ward dereinst bei der Vermählung deS Prinzen Wilhelm im Jahre 1881 der Liebesbund freudig begrüßt, welcher fortan die Häuser Preußen und Schleswig-Holstein Der einigt, so berührt die nunmehrige Verdoppelung dieses Bundes namentlich in Schleswig-Holstein selbst überall auf das freudigste. Denn Prinzeß Luise nennt Schleswig- Holstein, an dessen meerumrauschter Küste ihre Wiege gestanden, ihr Geburtsland. Noch war die Vereinigung des Landes mit Preußen nicht vollzogen, aber der große geschichtliche Wendepunkt nahte mit schnellen Schritten heran, schon kreiste der preußische Adler ob der Kieler Bucht und der Frühlingshauch, welcher dort das junge Fürstenkind grüßte, schwellte auch die weißen Flaggen der preußischen Kriegsschiffe.
Dem Sohne des Befreiers ihres Geburtslandes reicht jetzt die Prinzessin die Hand zum Liebesbunde. Prinz Leopold konnte dem Andenken seines Vaters kaum eine schönere Erinnerung widmen, als durch seine Vermählung mit einer Tochter des schleswig-holsteinischen Stammes, welchen Prinz Friedrich Karl einstmals für Deutschland zurückgewonnen, für welchen Preußens Ehre verpfände»
Aufregung wollt ihr einer bekümmerten Wittwe oder einem schweißbedeckten Arbeiter etwas zu Gute thun? ! Ach, liebe Leute, irret euch doch nicht so! Darauf liegt kein Segen! Den Segen, den der hat, welcher beim Geben sein Herz weich werden läßt über der Noth des leidenden Mitmenschen, den verliert ihr bei dieser Art der Wohlthätigkeit sicherlich. „Aber das Geld, welches einkommt, kann doch manche Noth stillen." Auch das ist nicht wahr. Wenn ihr die Armen kenntet, würdet ihr nicht so thöricht denken. Die Leute haben so gut ein Herz in der Brust wie ihr Gebildeten, sie fühlen nicht weniger fein als ihr, denn das Gefühl hat nichts zu thun. mit Französisch Parliren, und Clavierspielen braucht man nicht, um feinfühlig zu sein, auch der Geld- sack hat mit dem Gefühl nichts zu thun. Wenn die Armen an einem glänzend erleuchteten Bazar vorübergehen und sehen die strahlenden Gesichter der Käufer und die verbindlichen Mienen der geputzten Verkäuferinnen — meint ihr, die Leute glaubten, daß die Gesichter deshalb so strahlen, weil sie sich freuen, wohlthätig sein zu können, die Noth der Armen lindern zu helfen? Oder wenn sie im Vorbeigehen den schmelzenden Gesang eines süßen Liebesliedchens durch das offene Fenster des Eoncertsaals hören — meint ibr nicht, daß die Armen sich da auch einmal sagen: „Da wird zu unserer Armuth die Musik gemacht und die Reichen lassen sich die Ohren kitzeln, damit wir etwas in den Magen bekommen." Sind das vielleicht segenbringende Gedanken, die ihr da in der Seele des Armen wachruft? Seht, durch solche Dinge nehmt ihr nicht nur euch den Segen, der im Geben liegt, sondern auch dem ArMen den Segen, der im Empfangen liegt. Versteht mich recht! Ich will nicht sagen, daß ihr überhaupt Vergnügen dieser Art meiden sollt, ich meine nur, ihr solltet euer Vergnügen, euer Lachen, euer Schäkern, euer Concertiren nicht mit der bitteren Armuth in Verbindung setze». Worin liegt denn eigentlich der bleibende Segen, den der Arme durch das Empfangen hat? Doch nicht etwa in den paar Groschen, die er bekommt, denn die sind gar bald aufgezehrt. Nein! Der bleibende Segen ist der, daß das Bewußtsein in ihn kommt: „Der wohlhabende Mitmensch kümmert sich um mich; ich bin nicht ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft, sondern auch für mid) schlagen mitfühlende Herzen." Dadurch wird die breite Kluft zwischen Reich und Arm ausgefüllt. Bei der genannten Art von Wohlthätigkeit kann aber ein solches Bewußtsein nie in die Brust deS Armen einziehen. Oder, will vielleicht Einer sagen: „Das ist Unsinn; die Armen sind gar nicht so feinfühlig; wenn die Brod haben ihren Bauch zu füllen, dann ist ihnen alles egal." Wer so sagt, der kennt die Armen nicht. „Doch," sagt Einer, „ich kenne Arme, den und jenen, denen ists einerlei, wo das Geld herkommt, wenn sie's nur erhalten." Das will dir Asmus gerne zugeben. Aber wisse, er tennt auch Wohlhabende, sogenannte Gebildete, denen, ist ebenso alles einerlei, nur mit dem Unterschied, daß denen alles egal ist, wenn sie Wein und Braten haben, sich den Banch zu füllen. Also das sind Ausnahmen — wie du doch gern zugiebst? —, die bei Reich und Arm vorkommen, Mithin als Ausnahmen nichts beweisen. — Nein! Liebe Frauen, — denn von euch werden gern solche Dinge arrangirt — wenn ihr fünfzig Pfennig oder eine Mark, oder einen Thaler übrig habt, dann tragt's nicht erst ins Concert, in die Lotterie, sondern geht gleich zu einer armen Familie Und gebt es mit einem freundlichen Wort, oder noch, besser, wenn ihr gerade wißt, was noth thut, ein Laib Brod, ein Kleidchen oder ein Paar Schuhe, dann kauft das und bringt'- hin mit Freundlichkeit. Dann wird euere Gabe einen doppelten Segen haben bei euch und bei den Armen. Habt nur keine Angst, ihr brächtet das nicht fertig, oder die Leute wiesen euch ab. Wisset, eS ist kein Meusch so verkomme», der es nicht als eine Wohlthat empfände, wenn ein Höherstehender in herzlicher