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Samstag, den 8. Juni.
Einige Gedanken über Volkswirthschast.
Bon A s m u s Mahne r. (Fortsetzung.) II.
Helft! helft! So rief ich neulich euch zu, ihr Wohlhabenden und wirthschaftlich Starken. Helft, denn die Gefahren, die unserer Gesellschaft drohen, sind groß und nahe, und euch bedrohen sie am meisten, die ihr noch etwas zu verlieren habt. Helft! Heute aber soll der Mahnruf lauten: Laßt euch helfen! Laßt euch helfen, ihr wirthschaftlich Schwachen, ihr Annen! „Nun," denkt Einer, „das ist doch sehr überflüssig, Jemand zuzurufen: „Laß dir helfen!" Helfen läßt sich doch Jeder gern." Lieber Herr, das ist nicht wahr. Man sieht, Sie sind nicht von hier. Drum muß ich auch „Sie" zu Ihnen sagen, denn das „Du" lassen Sie sich als Fremder nicht gefallen. Brauchen Sie auch nicht. Aber reden Sie uns auch nicht in unsere Sachen, von denen Sie nichts verstehen. Die Leute lassen sich durchaus nicht alle helfen. Denn es gehören zwei Dinge dazu, die hierlands leider dünn gesäkt sind, weil das Eine nicht Jedem paßt und weil Einem zum Anderen nicht Jeder paßt. Das Erste ist, daß man einsieht: „Ich bin hilfsbedürftig, es steht schlecht mit mir." Und das Andere ist, daß man weiß: „Der, welcher sich zum Hessen anbietet, will und kann mir helfen." Das heißt mit anderen Worten: „Ich muß mir selbst mißtrauen und einem Anderen vertrauen." Solange einer nicht diese beiden Gesinnungen zugleich hat, solange läßt er sich nicht helfen. Eins allein hilft nichts. Wenn Einer nicht einsieht, daß er hilfsbedürftig ist, so sucht er gar nicht nach Hilfe, und wenn Jemand kommt, der ihm helfen will, so lacht er ihn aus oder sagt: „Das brauch' ich nicht. Aber geh' zu meinem Nachbar, der ist durch seinen Leichtsinn oder durchs Saufeu oder durch Wucherer heruntergekommen; dem thut's Nöthig; ich helf mir schon selbst." Und wenn Einer dem, der ihm Hilfe anbietet, nicht traut, baun nickt er wohl mit dem Kopfe und sagt : „Ja, ja!" solange der Andere mit ihm redet, ist er aber fort, dann heißt's: „Der soll mich nicht drankriegen, der hat doch nur seinen Bortheil dabei," oder: „So gescheit wie der, bin ich auch noch," oder: „Arzt, hilf dir selber!" Darum ist Beides nöthig: Erkenntniß der eigenen Schwachheit und Vertrauen zu dem Helfer. Wenn ich darum sage: „Laßt euch helfen, so soll das vor Allem heißen: „Seht erst einmal ein, daß ihr krank seid, daß euch etwas fehlt!" Nun sollte man meinen, das könnte Einer leicht clnsehen, da brauchte er ja nur einmal in seinen Haushalt hineinzugucken. Ader weit gefehlt! Sehr viele wissen gar nicht, wie schlecht es mit ihnen steht, weil sie nämlich nicht rechnen. Ein Bauer sagte mir einmal, als ich ihm auseinanversetzte, daß er sich besser berechnen müßte: „En Bauer derf net rechene." Der Mann hatte nämlich sein Heu, das er glaubte, übrig zu haben, im Herbst verkauft, und als das Frühjahr voriges Jahr etwas länger auf sich warten ließ, da mußte er eS für das doppelte Geld wiederkaufen. Der Mann hatte also im Herbst eine Summe ausgenommen, die er ein halbes Jahr später mit der doppelten Summe wieder zahlte, d. h., er hatte für das gelöste Geld 200 pCt., geschrieben .zweihundert Procent, gezahlt. Ja, en Bauer -erf net -rechene! Der Mann hätte lieber sagen sollen: „Ich kann net rechene. So geht's hier und so geht's -auch sonst. Es wird drauf los gehaust, und eS weiß Einer nicht, wieviel Schulden und wieviel Vermögen er hat. Die Dummheit ist's bei einer großen Anzahl von Leuten, daß sie nach und nach zu Grunde gehen. Wenn Einer ein paar hundert Mark hat, so meint er in seiner Einsältigkcit, sie würden nicht all. Und doch halten unsere Alte-. ein schönes Sprichwort, das heißt: „Man schöpft einen Ziehbrunnen leer." Freilich will man von den alten Sprichwörtern nicht mehr viel wissen. Die Dummheit ist der eine Grundfehler, der die Leute hindert sich helfen zu lassen. Und die Dummheit ist besonders, nehnn's nicht für ungut, bei euch Bauern daheim. (Ueber eucre Schlauheit red' ich, wenn ich wiederkomm'.) Die Schule halten Viele von euch für eine Last oder, wie ihrs nennt, „ein Laster". Das Letztere meint ihr aber nicht so schlimm. Ader statt -aß ihr eueren Kindern Zeit gebt, daß sie etwas ordent
liches lernen können, wartet ihr nur bis die Schule aus ist, damit ihr ihnen schnell die Bücher abnehmen und den Kühstecken in die Hand geben könnt, daß das arme Bich ausgetrieben wird; aber wenn die armen Kinder groß werden wie das liebe Vieh, daran liegt euch nichts. Jeder angelt danach, daß er sein Kind aus der Schule bekommt, dann meint er, er hätt' 's große Loos gezogen. Es muß ein Kind wahrhaftig gute Anlagen haben, wenn es nach der Schulzeit nicht Alles vergißt. Wie geht's denn, z. B., gar oft, wenn ein Bürgermeister gewählt werden soll? Da ist große Noth, daß man Einen findet, der der Sache nur einigermaßen vorstehen kann, denn das Meiste muß ja doch der Herr Lehrer machen, oder wenn ihr euch, was ja auch vor- kommt, dummer Weise mit ihm überworfen habt, irgend ein Amtsschreiber. Versteht mich wohl! Ich weiß recht gut, daß es auch Ausnahmen giebt. Merkl's euch aber: „En Bauer muß rechene", sonst ist er verrathen und verkauft; sonst steckt er schon bis über die Ohren im Wasser und weiß noch nichts davon; sonst meint er die Aecker und das Haus, das er sieht, wär' ja noch sein, und es ist schon längst der Landeskreditkasse oder einem Wucherer. Neulich rieth ich Einem, der sein Gut durch seine leichtsinnige Wirthschaft so ziemlich verschuldet hatte und trotz seiner Arbeit gar nichts mehr voran brächte, weil die Zinsen alles fraßen, er sollte doch sein großes Gut verkaufen, um von dem Rest, der ihm nach Be^ Zahlung der Schulden verbliebe, ein kleineres Gut zu bewirthschaften, wo er doch für sich und nicht für seine Kinder arbeite. „Dos duhn ich öwer niet. Bos soll dann do ous mäine Kenn' wäre?" Der Mann meinte, seine Kinder hätten mehr davon, wenn er ihnen ein großes, verschuldetes Gut hinterließe, wo sie immer von Anderen abhängig sind, als wenn er ihnen ein kleines, aber schuldenfreies Gütchen ließe, wo sie frei sind, so lang sie frei bleiben wollen. Das nennt so Einer denn, für seine Kinder sorgen. Woher kommt's aber ? Der Mann kann nicht rechnen. Hierin liegt aber außer der Dummheit noch etwas anderes, was die Leute hindert ihr Elend einzusehen. Bei der Dummheit wächst nämlich gewöhnlich noch ein zweites. Denn es heißt im Sprichwort: „Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz." Der Stolz, daß man den Leuten noch Sand in die Augen streuen und vor ihnen den großen Mann spielen will, ist ein zweiter Fehler, der den Leuten die Einsicht in ihr Elend verwehrt. Und da sinds nicht nur die Bauern, die ihren Stall voll Vieh zeigen, und wenn man sich erkundigt, sinds „Jühre Küh'", — sondern es sind vor allem die Leute in der Stadt, die an der „Großemannssucht" leiden, und da nicht zum wenigsten die Frauen. Was man sieht, das muß man haben, die Kinder müssen herausgeputzt werden wie die Prinzen und Prinzessinnen, eS muß ein Sopha angeschasit werden, die bekommt man ja jetzt so billig, eS muß auch einmal eine Kaffeegesellschaft gegeben werden. Das muß alles sein, denn die Anderen thuns ja auch, und was die Frau So und So kann, das können wir doch auch. Und dann sieht man die schönen Möbel an und denkt: „Ach, wir haben ja noch die schönen Sachen (die aber meistens geborgt sind), wir sind doch noch nicht so arm." Oh, ihr Leute, reibt euch die Augen aus, daß ihr sehen könnt, wie's um euch steht, sonst seid ihr verloren. Schmeißt den Hochmuth hinaus, denn das ist der, der gewöhnlich vor dem Fall kommt. Laßt euch helfen! Laßt euch helfen! Seid nicht zu dumm, seid nicht zu stolz dazu!
Und wenn euch auch Manches von dem, was ihr heute gelesen habt, nicht grade gefällt, nehmt'S nicht übel. Denn ich wollt's nicht sagen, um euch zu ärgern, da ich mir meines Herrn Jesu Wort wohl zu Herzen nehme, wenn er sagt: „Wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniß kommt", sondern ich Habs gesagt, weil ich der Meinung bin, daß eS euer Bestes ist, wenn ihr nur erst einmal cinseht, daß ihr krank seid. Dir Mittel zu helfen werden sich nachher schon finden. Das war meine Meinung und ick denke, euere Meinung ist die deS KönigS Salvino, der sagt: „Wer sich gern läßt strafen, der wird klug werden, wer aber ungestraft sein will, der bleibt ein Narr!" Und das wollt ihr hoffentlich nicht.
(Fortsetzung folgt.)
Hagelversicherung.
Von der Kinzig. Der Himmel hat in diesem Jahre vollen Segen über unsere Fluren ausgegossen. Der Landwirth schaut mit froher Erwartung hinaus auf seine Felder, wo in üppigster Fülle ihm der Lohn seiner Arbeit entgegen winkt. Ja, es ist wahr, die Aussichten lassen wieder einmal zu den schönsten Hoffnungen berechtigen. Parallel mit diesen Hoffnungen schleicht aber ein Gespenst, die Befürchtung, es möchte vielleicht alle Aussicht auf Realisirung der Wünsche plötzlich getrübt werden. — Schon kommen Nachrichten aus dieser und jener Gegend über beträchtliche Hagelschäden. Fast alljährlich ist auch unsere Gegend der Schauplatz mehr oder weniger großer durch Hagel herbeigeführter Verwüstungen. Frisch in Erinnerung dürfte noch das furchtbare Hagelwetter vom 3. Juni v. I. sein, das von Süd-Westen kommend über das Kinzigthal Hinweg- strich und auf einer großen Anzahl von Feldgemarkungen vom südlichen Theile unseres Kreises bis hinaus nach Unterfranken seine vernichtende Gewalt ausübte. Der Schaden war für manche Ortschaften ein so beträchtlicher, daß das Manko in der Wirtschaftsrechnung einzelner Betroffenen so bald nicht ausgeglichen werden dürfte. — Eine Beruhigung nun ist es für den Landwirth, wenn er seine Feldfrüchte gegen Hagelschlag hat versichern lassen. Nicht alle Landwirthe aber benutzen die ihnen gebotene Gelegenheit zur Versicherung, sondern viele bleiben zurück, weil angeblich die Kasse eine Ausgabe für solchen Zweck nicht noch gestattet oder weil man glaubt, es werde nicht hageln und das Geld sei dann unnöthiger Weise dahin gegeben. Beide Einreden sind verwerflich. Der Landwirth, der den Werth seiner Arbeit würdigt, hat auch für die Versicherung die nöthigen Mittel übrig. Bekommt doch die ganze wirth- schaftliche Thätigkeit durch das Versicherungswesen einen anderen Charakter: Das Wagende, Unsichere geht verloren, die Aussicht, daß die ArbeitSerfolge nicht zufälligen Ereignissen anheimgegeben sind, durch deren Eintreten vielleicht eine ganze Existenz mit einem Schlage zunichte gemacht werden kann, hat etwas ungemein Beruhigendes. Indem der Landwirth seine Ernte, sein Vieh, sein Haus versichert, sorgt er dafür, daß ihm und den Seinen das Kapital erhalten bleibt, auf dessen Benutzung die Existenz der Familie beruht. Der einsichtige Landwirth betrachtet die Sache auch noch von einer ganz anderen Seite, nämlich mit Rücksicht auf das Gemeinwohl. Wenn er den hohen sittlichen Werth der Arbeit erkennt, so wird in ihm von selbst der Wunsch rege, die Gefahren, denen die menschliche Habe ausgesetzt ist, für den Einzelnen zu vermindern und die Schäden von vielen Personen gemeinschaftlich tragen zu lassen. Das eigene Interesse jedes Einzelnen führt hier zur Humanität. Geht auch der, welcher seine Güter versichert, nicht von dem Gedanken aus, anderen eine Wohlthat zu erweisen, so ist dieses doch die Folge seiner Versicherung, und die Versicherungen, welche andere aus gleichem Grunde bewirken, kommen in gleicher Weise ihm wieder zugute. Je größer die Zahl derer wird, die versichern, desto leistungsfähiger werden die VersicherungSkassen, können also die Prämien vermindern oder die Schadenvergütungen steigern. —
Seit mehreren Jahren hat Schreiber dieses seine Feldfrüchte bei der Hagelversicherungs - Gesellschaft „Born s s i u" in Berlin versichern lassen. Weit entfernt, anderen Versicherungsanstalten zu nahe zu treten, kann ich erklären, daß Mir die „Borussia" am besten zusagt. Die Gesellschaft besteht erst seit 17 Jahren unb ist schon die zweitgrößte in Deutschland (Versicherungssumme von 111 V* Mill. Mark). Im vorigen Jahre hat dieselbe nur 60 Pfg. pro 100 Mark Versicherungssumme (incl. Nachzahlung) erhoben, ohne einen Abzug auf Stroh zu machen, wie dies bei anderen Gesellschaften der Fall ist. Actiengesellschaften haben meist 90 Pfg. bis 1 Mk. 30 Pfg. an Prämien erhoben. Die niedrigen Prämiensätze der „Borussia" scheinen in der umsichtigen und sparsamen Verwaltung ihren Grund zu haben. Sie stellt nämlich t:iue Reisenden an, spart daher große Kosten und verzichtet auch auf Versicherungen in solchen Gegenden, wo es erfahrungsgemäß alljährlich öfters hagelt. Nicht allein der niedrigen Prämiensätze halber ist die Gesellschaft „Borussia" zu empfehlen, sondern noch ein anderer schwerwiegender Punkt füllt