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SchlüchternerZeitung

Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

Jf 45. Mittwoch, den 5. Juni. 1889.

Einige Gedanken über Volkswirthschaft.

Von A s m u s Mahner.

I.

Die Ereignisse der letzten Tage in den westfälischen Kohlenbezirken geben einem Jeden, dem etwas an dem Wohl und Wehe unseres Vaterlandes liegt und wem von den Lesern dieses Blattes sollte nichts daran liegen? viel zu denken. Es muß einem Jeden, Bürger wie Bauer, darauf ankommen, daß sich das Vaterland wohl befinde. Wenn Einen auch nicht die Liebe dazu treibt, die Liebe zu dem Lande, wo seine Vorfahren gelitten und gestritten haben, wo sie mit ihrem saueren Schweiß und oft mit ihrem theueren Blut den Acker gedüngt haben, die Liebe zu dem Lande, welches ihm durch die Schule den Geist gebildet, durch die Kirche das Herz befriedigt hat wenn ihn auch nicht die Liebe dazu treibt, so muß ihn doch sein eigener Vortheil dazu treiben, daß er mit sorgen hilft, daß das Vaterland stark und mächtig werde. Ihr Gebildeten kennt alle das schöne Wort des idealen Schiller:An's Vaterland, ans theure schließ' dich an! Da sind die starken Wurzeln deiner Kraft!" Unsere Bauern drücken den Hang am Vaterland prosaischer und, ich meine, doch gemüthvoller aus, wenn's im Sprichwort heißt:Der Has ist gern, wo er geheckt ist." Schiller zeigt den Vortheil, der in der Vaterlandsliebe liegt, unsere Bauern zeigen, daß es uns in der Natur liegt, am Vaterland zu hängen. Durch solche Ereignisse aber wie die im Westfälischen wird das Vaterland schwach und ohnmächtig. Wie leicht kann sich eine solche Arbeitseinstellung wiederholen, und wenn sie sich wiederholt, dann wird sie jedenfalls noch einen größeren Umfang annehmen als seither. Denn das ist klar, und das sieht auch der Allerdümmste ein: Zusammenhalten muß man, wenn man etwas durchsetzen will. Drum müssen alle die Arbeit niederlegen, wenn sie etwas erreichen wollen. Daher ist es eigentlich nur eine Art von Nothwehr, die das Gesetz freilich mit Recht bestraft, wenn die Streikenden, d. h. die, welche die Arbeit niedergelegt haben, die Anderen an der Arbeit hindern. Deshalb ist es aber auch für Jeden klar, daß sich die Arbeiter von nun an immer fester zusammenthun werden und ihren Verband immer weiter ausbreiten werden. Man denke sich nun einmal was geschehen muß, wenn alle oder nur 8;* der Kohlenarbeiter Deutsch­lands die Arbeit niederlegen. Dann ist ganz Deutsch­land trotz seiner Unmassen von Soldaten wehrlos. Wie fühlbar hat sich schon der kleine oder doch verhältniß- mäßig kleine Streik in Westfalen gemacht. Hätte Deutschland einen schlagfertigen Feind (Frankreich ist zum Gottes Glück nicht schlagfertig), der die Gelegenheit benutzte, dann wäre es Deutschland vielleicht ergangen wie Frankreich vor 18 Jahren. Und ein solches Schick­sal wird keiner, der es kennt, dem Vaterlande wünschen, denn er wünschte sich ja damit selbst das größte Unglück; und das thut Keiner, der nicht ein Narr ist. Darum sage ich, Jeder, Bauer und Bürger muß helfen, daß das Vaterland stark wird und stark bleibt, denn das ist nur sein Vortheil. Und es ist nicht nur sein Vortheil, sondern es ist auch die Pflicht eines Jeden, wenigstens eines jeden Christen, denn Jesus sagt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! und Paulus sagt:Niemand suche, was sein ist, sondern ein Jeg­licher, was des Andern ist!" Also Christen sind vor allem schon durch ihre Religion verpflichtet, daß sie dem Nächsten helfen; der Nächst: wohnt aber im Vater, land und wird gehalten durch das Vaterland. Anders­gläubige undFreidenker" sollten wenigstens durch ihren eigenen Vortheil sich verpflichtet fühlen, denen, die sie um sich haben und um sich sehen zu helfen, denn der Armen sind mehr als der Reichen, und wenn das Maß voll ist, dann läuft's über, ihr habt's in Westfalen gesehen.Aber," so sagt Einer, »wir können doch nicht ins Westfälische gehen und da den Arbeitern und Fabrikherrn zureden, daß sie sich vertragen sollen und daß sie so gefährliche Sachen nicht wieder vorkommen lassen." Wird auch gar nicht ver­langt, lieber Freund. Aber wenn irgendwo eine Krank­heit ausbricht, meinetwegen Masern oder Scharlach, dann gehen die Aerzte doch nicht nur zu den Kranken, sondern dann ordnen sie auch an, daß in dem Hause, wo ein Krankes liegt, geräuchert wird etwa mit Wach- Holderbeeren, oder daß Chlorkalk hingestellt wird. Das

hilft den Kranken nichts, aber es ist für die Gesunden, daß sie nicht auch angesteckl werden. Ihr merkt schon, wo ich hinaus will. Nicht nach Essen und ins West­fälische braucht ihr zu gehen, wo die Kranken sind, sondern hier könnt ihr bleiben, wo die Gesunden sind, wenn ihr helfen wollt. Sorgen sollt ihr, daß sie nicht auch krank werden. Unter den Kranken verstehe ich aber nicht nur die körperlich Kranken, sondern vor Allem die w i r t h s ch a f t l i ch Kranken, d. h. nicht nur die, welche durch die Wirthschaften in unserem Kreis so schwach geworden sind, daß sie kaum noch stehen können, sondern auch die, welche in ihrer eigenen Wirthschaft, d. h. ihrem Haushalt, ihrem Ackerbau, ihrem Viehstand schwach und krank sind. Solcher Kranken giebt's auch bei uns in Hülle und Fülle. Denen helft, ihr Christen, den Armen, die ihr allezeit bei euch habt, um Gottes Willen helft ihnen, der euch so viel Gutes gethan hat! Helft ihnen, ihr Andersgläubigen, wenn nicht um eueres Glaubens willen, so doch weil es euer Vortheil ist, denn es ist das Einzige, was retten kann vor dem Tohuwabohu! Denen helft, ihr Freidenker, denn ihr kennt ja den Weheruf, den Einer der Eueren ruft:

Weh', wenn sich in dem Schooß der Städte

Der Feuerzunder still gehäuft,

Das Volk, zerreißend seine Kette,

Zur Eigenhilfe schrecklich greift!"

Alle Mann an Bord! Periculum in mora! Wirket so lange es Tag ist, denn es kommt die Nacht, da Niemand wirken kann!Oh," sagt Einer,so weit sind wir noch lange nicht. Wir haben hier noch ganz gute Verhältnisse. Das Westfälische ist noch weit von hier!" Lieber Freund, heut zu Tage ist gar nichts weit. Hast Du nicht gesehen, wie es gleich m Schlesien brannte, nachdem hundert Meile» davon der Brand ausgebrochen war? Ein anderer meint:Wenn ich mir hier bat Beutel vollgemacht habe, dann gehe ick nach Frankfurt oder Cassel oder sonst einer großen Stadt. Dort spiele ich dann den Herrn." Merk' Dir, Die, welche Du hier ausgezogen hast, gehen auch, wenn sie nichts mehr haben, in die großen Städte und ver­mehren die Socialdemokraten. Helft, helft! Wenn ihr nicht aus Liebe helfen wollt, helft doch aus Klugheit! Ihr fragt: Wir sollen wir helfen? Wir geben ja den Armen Almosen, so viel wir können. Was hilft's? Nichts! Nun, Schreiber Dieses will im Folgenden in einigen Aufsätzchen dies oder jenes darzulegen suchen, was helfen könnte zur Besserung unserer wirthschaftlichen Lage, oder was wenigstens einen Anderen, der mehr davon versteht, anregt mit zu suchen nach Hilfe. Wenn es nun dem Einen oder Anderen scheinen wollte, als schreibe der Schreiber etwas platt oder zu breit, so mag er freundlichst bedenken, daß es mir darauf an« kommt, auch für den gemeinen Mann verständlich zu schreiben. Und wenn euch Bauern manchmal etwas unverständlich ist, so geht nur zum Herrn Pfarrer oder Herrn Lehrer, und laßt's euch erklären; und wenn's die Beiden nicht wissen, dann schadet's nichts, wenn ihr's auch nicht wißt. Somit für heute: Gott befohlen!

(Fortsetzung folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser hat der Leibdienerschaft des hochseligen Kaisers Friedrich eine freudige Ueberraschung bereitet. Die Diener erhielten je eine prachtvolle goldene Uhr mit dem Bildnisse des verstorbenen Kaisers und dem Namenszuge Kaiser Wilhelms, als Andenken für ihre treuen Dienste. Außerdem wurde Jedem ein volles Jahrgehalt ausgezahlt.

Ein neuer Salonwagen wird für den deutschen Kaiser in der Breslauer Actiengesellschaft für Eisenbahn- Wagenbau hergestellt. Der Wagen, dessen Modell sich zur Zeit in Berlin befindet, verläßt in dieser Woche die Stellmacherwerkstatt, um noch den Anstrich und die innere Einrichtung zu erhalten. Das Wagengestell steht auf vier paarweise verbundenen Achsen und ist mit diesen durch mehrfache lange Federlagen derart verbunden, daß die beim Fahren entstehenden Erschütterungen von den Insassen fast gar nicht wahrgenommen werden. Der Wagen zerfällt in mehrere Räumlichkeiten, wie das-, Arbeits-, Schlafzimmer u. s. w. Das Gewicht des Wagens beläuft sich auf 800 Centner und die Kosten derselbe» sind auf 80,000 Mark veranschlagt.

Der in derselben Fabrik hergestellte sächsische Königs, wagen hat sich auf 60,000 Mark gestellt.

Reich mit den Schätzm des Occidents be­laden", haben die Mandara-Neger Berlin verlassen, um in ihre Heimath zurückzukehren. Dieselben haben vom Kaiser folgende Geschenke erhalten, die sie im Verein mit den mannigfachen von ihnen hier eingekauften ähn­lichen Merkwürdigkeiten als die Blüthe abendländischer Cultur mit in ihre Urwälder nehmen werden. Jeder der Neger erhielt eine Dreysesche Büchse, sodann Kleinig­keiten, mit denen sie kindlich spielen. Der Sultan selbst bekommt zunächst eine Revolverbüchse, dann die Modelle eines kleinen Dampfers, einer kleinen Eisenbahn und einer kleinen Dampfspritze. Auch für eine größere Hand­spritze ist gesorgt. Dann kommt eine Laterna magica, ein Kaleidoskop, Affen, Bären und Elephanten mit Musik, Pfeifen, Trompeten und ähnliche Instrumente. Auch eine Lohengrinrüstung aus den Schätzen der Theater­garderobe und eine Nähmaschine wandern mit nach Afrika. Ferner nehmen sie silberne Pokale und einen Brillantring mit dem Namenszuge des Kaisers mit usw. Für die 20 Frauen Mandaras sind Armbänder und Halsketten mit Medaillons bestimmt. Der Sohn des Sultans endlich, der dem kleinen deutschen Kronprinzen eine geschnitzte Waffe sandte, erhält von Letzterem als Gegengabe ein Velociped und eine Kürassieruniform.

Tages-Ereignisse.

Schlüchtern, 3. Juni. Heute Nachmittag genau 3 Uhr zog ein schweres Gewitter über unsere Stadt. Es regnete in Strömen, Blitz folgte auf Blitz, und gegen halb Vier läutete die Rathhausglocke Sturm. Ein Blitzschlag hatte in den Thurm der Stadtkirche eingeschlagen. Mehrere Balken brannten, das Feuer wurde aber rasch gelöscht. Die Besichtigung zeigte, daß der Blitz am Thurme niedergefahren, im Innern ge­zündet und ein kleines Loch in die Kirchendecke ge­schlagen hatte. Mit diesem Blitzschläge muß sich ein anderer Strahl von unten herauf vereinigt haben, denn in der Sakristei, auf der dem Thurme entgegengesetzten Seite der Kirche sind die Dielen von unten herauf emporgehoben, ein Napf mit Sand, der in der Ecke auf diesen Dielen gestanden, war auf den Tisch ge­schleudert und dieser nebst den darauf liegenden auf­geschlagenen Büchern ganz von dem Sande überschüttet worden. Rings herum war die Mauer von kleinen Blitzgängen durchlöchert und auf dem Dache der Ostseite noch eine Zahl Schiefer herabgeschlagen. Auch im Jahre 1863 soll es mitten im Winter in die Kirche eingeschlagen haben, während die ebenso hohen und nahe liegenden Klosterthürme, so viel man weiß, noch nie davon betroffen sind.

Die wichtigste Veränderung, welche der neue Fahrplan gebracht, ist die Späterlegung des AbendzugeS in der Richtung nach Frankfurt. Dieser Zug geht von Fulda aus ebenso zeitig wie früher ab, muß aber in Elm 40 Minuten warten, bis ihn der neu eingelegte Blitzzug überholt hat, und fährt dann erst 8 Uhr in Elm ab. In Schlüchtern ist er 8 Uhr 12 Minuten, in Steinau 8 Uhr 22, in Salmünster 8 Uhr 31 Min.

Gegenwärtig steht alles herrlich draußen; das Wetter ist derart, daß man, wie man zu sagen pflegt, es wachsen sehen kann. Selten hat man um diese Zeit eine solche üppige Vegetation gehabt. Wenn der liebe Gott weiter seine schützende Hand über seine Schöpfung auSgebreitet hält und Alles so heimgebracht werden kann, wie es jetzt in Aussicht steht, dann wird es ein gesegnetes Jahr geben.

Schlüchtern. Ueber das Verhalten des Eisenbahn- Dienstpersonals gegen das Publikum hat der Eisenbahn- minister folgende Verfügung erlassen:Neben vielen anerkennenden Aeußerungen über freundliches und ent­gegenkommendes Verhalten des mit dem reisenden Publi­kum dienstlich verkehrenden Staatseisenbahn-Beamten­personals sind leider auch manche Klagen über unhöfliches und absprechendeS Benehmen einzelner Beamten zu meiner Kenntniß gelaugt. Ich nehme daraus Anlaß, nachdrücklich daran zu erinnern, daß nach § 1 des Betriebs-Reglements, nicht minder § 69 Absatz 1 und 2 des Bahnpolizei-Reglements für die Eisenbahnen Deutsch­lands, wie die gemeinsamen Bestimmungen für alle Beamten deS SlaatseisenbahndiensteS ein höfliches und