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Die Patrone schlug durch den Helm und drang in den Hinterkopf. Mit einem lauten Aufschrei sank der tödtlich Getroffene bewußtlos zusammen. Nach einer kurzen Biertelstunde war der Todeskampf beendet, und der Soldat hauchte in den Armen seines Offiziers seinen Geist aus.

Aus Thüringen, 24. Mai. Heiter auch in ernster Zeit! Der Drang zum Streiken, welcher neulich selbst bei den Nachtwächtern einer thüringer Stadt hervortrat, hat in Belieben auch Frauen ergriffen. Etwa 50 Feld- arbeiterinnen ließen die Arbeit im Stich, nachdem sie mit ihren höheren Forderungen abgewiesen worden waren. EinigejFrauen, welche die Arbeit nicht niederlegen wollten, wurden von den Streikenden unter Bedrohung mit Kraut­hacken dazu veranlaßt.

Weimar, 21. Mai. (Protektorat.) Der Groß- Herzog hat das Protektorat über denVerein für Massen­verbreitung guter Schriften übernommen. Dem Verein haben sich bereits mehrere Tausend Mitglieder ange­schlossen, u. A. gegen 30 Abgeordnete der verschiedensten Parteirichtungen. Der Jahresbetrag ist auf mindestens 3 Mark festgesetzt; die Mitgliedschaft auf Lebenszeit wird durch einmalige Zahlung von 300 Mk. erworben. Beitrittserklärungen wolle man an die Kanzlei des Ver­eins für Massenverbreitung guter Schriften in Weimar gelangen lassen.

Aus Baiern, 24. Mai. Die Arbeitseinstellungen mehren sich noch immer. Ju Speier haben die Mau­rer aus allen ihren größeren Bauten die Arbeit ein­gestellt. In Bamberg wurden die Forderungen der Maurer von den Meistern genehmigt.

München, 23. Mai. Die Schuhmacher in der Gebrüder Regensteinschen Fabrik haben in Folge von Lohndifferenzen und Maßregelung des Wortführers die Arbeit niedergelegt. Die Arbeiter, deren Löhne ungemein niedrig sind, verlangten eine Erhöhung und arbeiteten zu diesem Zwecke einen Lohntarif aus, welcher jedoch von den Prinzipalen nicht angenommen wurde. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sich dieser partielle Streik auch aus andere Geschäfte der Branche ausdehnt. Die Schlo sser wollen am künftigen Sonntag eine Ver­sammlung abhalten, in welcher sie ihre Lohnforderungen tarifiren werden, um sodann mit den Meistern in Unter­handlungen zu treten.

Tages-Ereignifse.

Schlüchteru. Der heutigen Nummer unserer Zeitung liegt eine Beilage der Firma I. Oberdorfs u. Co. in Cass el an, worauf wir hiermit aufmerksam machen.

In Folge höherer Verordnung ist den Lehrern jede mittelbare und unmittelbare Einwirkung auf die Kinder zum Läuten der Kirchenglocke untersagt. Wenn man bedenkt, wie viel Unglücksfälle speziell in unserem Regierungsbezirk seit einigen Jahren schon vorgekom­men sind, so muß man diese Verordnung nur begrüßen. Das Läuten der Glocken ist keine Arbeit für Kinder, denen noch die nöthige Vorsicht mangelt, sondern nur für Erwachsene.

21. Mai. Ueber den Stand der Saaten im diesseitigen Bezirk wird uns geschrieben: Die dies­jährige Frühjahrsbestellung ist so ziemlich beendet. Der Hafer ist theilweise schon aufgegangen und steht schon recht gut, sodaß bei der feuchten Witterung der Chili- salpcrgespart werden kann. Die Zuckerrübenkerne sind gut abgelaufen und ist mit der ersten Behackung schon begonnen worden. Die Winterfrucht hatte gut überwintert, der Roggen stand ganz besonders gut, hat sich aber in Folge der starken Regengüsse von ver­gangener Nacht faßt all gelegt. Der Weizen ver­spricht eine sehr gute Ernte. Das Wiesengras und die Futterstoffe stehen namentlich Klee sehr üppig. Die Schwalm ist vergangene Nacht aus ihren Ufern ausgetreten und hat die Felder und Wiesen von Harle, Niedermöllrich und Lohre theilweise überschwemmt.

(Frachtermäßigung.) Um der Kohlennoth zu begegnen, erhielten die preußischen Staatsbahndirek­tionen Befehl, die ermäßigten Sätze für Steinkohlen- beförderung nach den Nordseehäfen, Belgien und Holland auf 4 Wochen auch in umgekehrter Richtung anzuwen- den. Ferner treten sofort Frachtermäßigung für Stein­kohlen aus dem Saar- und Wurmgebiet auf allen preußi­schen Staatsbahnen gleichfalls auf vier Wochen in Kraft.

Homberg, 24. Mai. Die vom landwirthschaftlichen Verein dahier am 22. d. M. veranstaltete Lokal schau und Prämirung von Rindvieh verlief bei dem herrlichsten Wetter unter reger Betheiligung programmmäßig, endete aber bedauerlicher Weise mit einem Streite, wobei die Provozirenden Gutspächter H. und dessen Sohn, Reserve- Lieutenant H. von Borken von dem angegriffenen Guts­besitzer v. H. von Dickershausen derart verhauen wurden, laß ein Arzt hinzugezogen werden mußte, der die vielen Kopfwunden zunähte und verband. Die näheren Um­stände, unter denen der Streit begann, sollen hieruner- örtert gelassen werden, sie würden kein milderndes Ur­theil für die Verhauenen zulassen. Uebrigens aber auch wird die Sache ihr Nachspiel vor Gericht haben.

(H. M.)

Kassel, 21. Mai. Neureg nlirung derSchul- kompetenzen. Endlich ist die von vielen Lehrern lange gefürchtete, von vielen aber sehnlichst gewünschte Neuregulierung der Schulkompetenzen von Königlicher Regierung angeordnet. Die Lehrer haben in Gemeinschaft

mit den Lokalschulinspektoren und Bürgermeistern bis zum 1. Juli d. I. die Aufstellung an der Hand der alten Kompetenzen vorzunehmen und bis zu diesem Tage einzureichen. Leider wird auch das Einkommen aus kirchlichen Nebenämtern wieder mit in das Gehalt der Lehrer eingerechnet, was, da die Trennung des kirch­lichen und anderen Einkommens noch nicht festgcstellt ist, zur Zeit noch nicht unthunlich war. Freilich soll dasjenige, welches für Verrichtung des niederen Küster- Dienstes, welcher jetzt überall in Wegfall kommt, dem betr. Lehrer nicht gekürzt, sondern überall bezahlt wer­den. Billig vermuthet man, daß die Kirche jetzt überall da, wo sie dazu im Stande ist, den Organisten und Lehrer besser besolden werde, als dies bisher der Fall war, zumal ja auch die General-Synode auf ge- schehenenAntrag ihre Geneigtheit dazu zu erkennen gegeben hat. Bei der Kompetenzregulierung werden, was ein wesentlicher Vortheil ist, die Dienstländereien nach dem Grundsteuer-Reinertrag abgeschätzt, wodurch wohl manches Schulgrundstück bedeutend geringer veranschlagt wer­den wird. Zu bedauern ist allerdings, daß auch die sogen. Stolgebühren wieder mit in Anrechnung kommen, da nachweislich hier immer Verluste zu verzeichnen sind.

(H. M.)

Ausland.

Prag, 24. Mai. Heute fand in Kladno eine Aus­gleichskonferenz statt, welcher die politischen und berg- bauamtlichen Vertreter beiwohnten. Die Delegirten der Arbeiter beharrten auf der Forderung betreffs der Arbeits­zeit.

Wien, 25. Mai. In der vergangenen Nacht kamen in Kladno die ersten Ausschreitungen vor. Etwa 1000 Streikende umlagerten den nicht feiernden Amalien- schacht und insultirten die dortigen Arbeiter. Die Gen­darmerie -versuchte die Menge zu zerstreuen, letztere antwortete mit einem Steinhagel auf die Gendarmen. Auf telegraphisches Ersuchen des Bürgermeisters trafen heute 700 Mann In fanterie ein.

Auf Schloß Heinrichswaldau.

Von Martha Eitner.

Vers, von »Im Mai des Lebens"

(Fortsetzung.)

Den 17. Juni.

Welch' bange, schwere acht Tage! welche Sorge, welche Angst! Gott sei Dank, nun ist die Gefahr vorüber. Die vergangene Nacht war furchtbar, aber seitdem hat sich Etse's Zustand zum besseren gewendet. So matt und müde liegt mein kleiner Liebling in den Kissen, aber die Augen1 Nicht mehr quälen verworrene Fieber- phantasieen die Kranke.

Als am zweiten Pfingstfeiertage der Arzt früh morgens geholt worden war, da schüttelte er noch bedenklich den Kopf. Der Zustand des Kindes hatte sich bedeutend verschlimmert, das Fieber hielt fortwährend an, Elfe kannte uns nicht, phantasirte fortwährend.

Ich war ganz still, ganz stumm, innere Angst ließ mich schweigen, und ich wollte Muth behalten, wenigstens äußerlich, um die anderen zu beruhigen.

Welcher Liebe Herr von Ingen fähig ist, das habe ich in diesen Tagen gesehen. Die furchtbare Angst, seinen Liebling zu verlieren, malte sich in seinen Augen, in allen seinen Zügen, jede seiner Bewegungen verrieth seine namenlose Unruhe. Stundenlang hat er ganz still an dem kleinen Bettchen gesessen und jede Miene der Kranken beobachtet. Ich machte ihm jedesmal Platz, wenn er kam, aber immer wieder rief er mich bittend zurück. Elfe sprach so oft meinen Namen aus:Tante Lene, liebe Tante Lene," klang es manchmal so ängstlich von den brennenden Lippen.

Dann rief sie wieder:Papa!" Wenn ich die Hand auf ihre heiße Stirn legte, lächelte sie so beruhigt und flüsterte mehrere Male ganz leise:Mama, liebe Mama!" wie mir das ins Herz schnitt! Und Herr v. Ingen schaute mich so eigenthümlich an, als wünsche er, daß eine andere, Fräulein Rosa, meinen Platz einnehmen möchte, um so den Namen von den Kinderlippen zu hören, den sie bald beanspruchen durfte.

Tante Marianne aber, unsere köstliche, alte Tante ist ein Schatz und aus Liebe für ihren Neffen zu den schwersten Opfern bereit. Sie, die sich Jahre lang nicht aus ihrem Zimmer gerührt hat, theils aus Gewohn­heit, aber auch weil die alten Glieder schmerzen und keine Bewegung ertragen, hat sich bei mir einquartiert. Als uns der Arzt am zweiten Pfingsttagc verlassen hatte, da humpelte die treue Seele am Arme ihrer Be­dienung durch den Korridor bis in mein Zimmer.

Ich komme zu Ihnen, Helenchen, bleibe hier, bis das Kind wieder gesund ist," sagte sie, als ich sprachlos, halb vor Bewunderung, halb vor Schreck, sie anblickte.

Nun sitzt sie Tag für Tag an meinem Fenster im Lehnstuhl, strickt fleißig, und sendet dazwischen mit ge­falteten Händen stille Seufzer zum Himmel. Im Neben­zimmer, das mit dem mehligen durch eine kleine Tapeten­thür zusammenhängt, hat sie für sich und ihr Mädchen die Betten aufschlagen lassen, damit ich nicht allein sei.

Welch Uebermaß von Liebe in diesem allen Herzen. Herr v. Ingen ist aber auch seit seiner Kinderzeit der

bevorzugte Liebling der Tante. Für mich ist ihre Nähe eine wunderbare Beruhigung. Ich habe gleich von dem elften Tage der Krankheit an Frau v. B. gebeten, mir doch die völlige Pflege des Kindes zu überlassen, mich von den anderen Pflichten einstweilen zu entlassen.

Sie werden es ja auch am besten verstehen," gab sie mir mit Thränen zur Antwort. Oft hatte sie mich gebeten, ich solle mich ausruhen, aber ich konnte ja nicht. Jetzt fühle ich, daß meine Kräfte ihrem Ende zugehen. Die Aufregung hatte sie angespannt jetzt bin ich todtmüde.

Fräulein Rosa war einige Male hier. Welcher Gegensatz! Diese frische, strahlende Blume in dem Krankenzimmer mit den von Sorge bleichen Gesichtern! Aber selbst ihre Nähe vermochte keinen Freudenstrahl auf Herrn von Jngens Züge zu zaubern. Wie sehr muß er sein Kind lieben, wenn er selbst das Weib seines Herzens, das er ja wohl bald sein Eigen nennen wird, nicht im Stande ist, ihn trotz der Angst glücklich zu machen.

Und so sind die Tage vergangen, in ununterbrochener Sorge. Täglich kam der Arzt zweimal. Gestern hielt ich wie gewöhnlich Wache bei der Kleinen. Ihr Zustand beunruhigte mich mehr als je. Sie athmete so schwach, langsam ging der Puls, eiskalt waren die kleinen Glieder. Eine tödtliche Angst kam über mich, ich glaubte, wir müßten unsern Liebling nun doch verlieren. Ich ließ Herrn von Ingen rufen. Er war im Augenblick da, er hatte auch keine Ruhe gefunden. Ich bat ihn, sofort nach dem Arzt zu schicken. Er folgte meiner Weisung ohne ein Wort, dann stand er neben mir, wie starr vor Angst. Ich wollte Tante Marianne wecken, Frau v. B. rufen lassen, aber er faßte hindernd meine Hand und schüttelte den Kopf.

Dann rang es sich leise, fast stöhnend aus seiner Brust:Mein Gott, ich kann meine Elfe nicht ver­lieren !"

Und ebenso leise flüsterte ich ihm zu:Beten Sie!"

Er sank auf seine Kniee, beugte sich über das Kind, und ich wußte, daß seine stumme Angst zum Himmel schrie. Tante Marianne war gekommen, auch Frau v. B-; wer sie herbeigerufen, ich weiß es nicht. Dann kam der Arzt. Fast eine Stunde saß er an dem kleinen Lager, das Kind beobachtend.

Ich stand am Fenster. Draußen war eS so licht und hell, die Bäume erglänzten im Silberschein des Mondes, die Sterne funkelten in wunderbarer Pracht. Da hörte ich den leisen Ruf einer Kinderstimme:Papa!" Im selben Augenblick stand der Arzt auf und sagte: Die Gefahr ist vorüber, und nun wird es wieder besser werden."

Ich wagte kaum zu athmen vor Glück über diesen Ausspruch. Ein leisesGott sei Dank" drang zu mir hin aus der Gruppe der andern.

Dann sah ich, daß der Arzt, von Frau v. B. und Herrn von Ingen begleitet, das Zimmer verließ. Langsam trat ich näher, aber meine Füße wankten. Ich weiß nur, daß es schwarz vor meinen Augen wurde, daß mir das Bewußtsein verschwand.

Dann hatte ich einen wunderbaren Traum: ich sah zwei dunkle Augen auf mich gerichtet, ich fühlte einen Kuß auf meiner Stirn.

Und als ich erwachte, stand Tante Marianne neben mir und netzte mir Schläfe und Stirn mit wohlriechendem Wasser.

Was ist geschehen?" fragte ich ganz erstaunt.

Ach, Helenchen, was machen Sie für dumme Streiche!" antwortete sie lächelnd,aber nun ist alles gut. Nun müssen Sie eilig zu Bett, müssen ruhen. Unsere Kleine schläft ruhig und sanft, und meine Lotte wird Wache halten."

Und heut früh kam Herr von Ingen, so strahlend, so glücklich. Er streckte mir die Hand entgegen:Nebst Gott haben wir unsere Elfe wohl Ihrer treuen Pflege zu verdanken."

Er schien mir wie ein ganz anderer Mensch. Er sagte das so tiefbewegt und küßte meine Hand. Aber ich konnte nicht recht froh werden, trotzdem ich doch so unaussprechlich glücklich war.

Den 22. Juni.

Täglich wird es besser mit Elschen. Tante Marianne hat mich wieder verlassen, hat ihr gewohntes Leben wieder ausgenommen. Fast stündlich kommt einer, oder der andere und schaut sich nach der Kleinen um. Auch Adele und Erwin werden vorgelassen, und Elfe lächelt jedem freundlich zu. Sie ist immer noch sehr malt, aber mit Gottes Hilfe wird es bald gut werden.

Am öftesten kommt Herr v. Ingen, zum Verderben für meine Ruhe. Ich kann es nie recht verbergen: die Liebe, die ich besiegt zu haben glaubte, steht auf in neuer Kraft, mächtiger, heißer denn je. Ich weiß nur das eine, daß ich ihn fliehen muß, wenn ich nicht zu Grunde gehen soll.

Mir fehlt im Augenblick die körperliche Kraft, um geistig zu überwinden. Ich fühle mich so müde, habe so oft Anwandlungen von Ohmacht zu Frau v. B's Entsetzen.

Ich lachte jedesmal darüber und bitte sie, e« nur um GotteSwillen den andern zu verschweigen. Ich bin nicht im Stande zu schreiben, welches Uebermaß von Liebe mir hier zu Theil wird, jetzt noch mehr denn je. Und