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Erscheint Akittwochs und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Akark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
Das Heil kommt von den Juden.
Von 'Pfarrer Hartmann- Schlächtern.
(Fortsetzung statt Schluß.)
Es erübrigt nun noch, Einiges zu sagen über die „Revision" unserer Stellung zu den Juden in r e l i g i ö s- sittlicher Hinsicht. Nachdem das Heil von den Juden gekommen ist — sofern nämlich bei Heiland dem Fletsche nach aus Israel stammt, — nachdem aber das jüdische Volk im Großen und Ganzen dieses Heil von sich gewiesen — und es heute noch von sich weist, — nachdem ferner Gott der Herr nach Seiner Gnade die früheren H e i d e n v ö l k e r , zu denen auch unsere deutschen Vorfahren gehörten, zu diesem Heil und zu Seinem Reiche berufen und sie nun zu Trägern des Heils in Christo Jesu gemacht hat: — so haben diese Völker, die sich Christe n nennen, die Aufgabe, das Heil in Christo Jesu allen denen, die davon noch nichts missen, oder nichts wissen w o l l e n , zu verkündigen und zwar durch Wort und Wandel. Diese Aufgabe, die sich auf den besonderen Befehl Christi gründet (Matth. 28, 18—20), hat die christliche Kirche, abgesehen von den ersten Jahrhunderten, besonders wieder in unserem Jahrhundert erkannt, weshalb sie Mission treibt sowohl unter den Heiden, wie auch unter den Juden. Dies sollte aber auch jeder einzelne Christ als seine Aufgabe erkennen, Mission zu treiben an den Heiden, wie au den Juden. „Christ sein heißt Mission treiben" hat einmal mit Recht ein Missionsprediger gesagt. Von diesem großen Gesichtspunkte aus müssen wir Christen unsere Stellung den Juden gegenüber — von den Heiden ist hier nicht die Rede — in religiöser Hinsicht in der That einer gründlichen Revision unterziehen. Denn was die Juden bei einem großen Theil von Christen heutzutage von Christenthum und Religion sehen, das ist wahrlich oft nicht darnach angethan, in denselben die Lust und das Verlangen nach dem Heil zu erwecken. Sage Niemand: „Das Judenthum als solches ist und bleibt verstockt gegen das Heil, da hilft doch Alles nichts" — ich bleibe dabei, daß wir ihnen das Heil verkündigen müssen durch Wort und Wandel; ob es etwas hilft, — darum haben w i r nicht zu sorgen, das ist Gottes Sache.
Auch durch Wort? Jawohl auch durch Wort. Das ist freilich nicht Jedermanns Sache, aber es kann doch jeder Christ einmal in die Lage kommen, zu bekennen und da gilt es den Mund aufzuthun. Im vorigen Jahre kam ich einmal mit einem „gebildeten" Juden — er war Reformjude — in ein religiöses Gespräch, dem noch ungefähr 15 Christen beiwohnten. Wir kommen auch auf die Wunder zu sprechen. Da sagte der Mann: „Welcher vernünftige Mensch des 19. Jahrhunderts glaubt wohl, daß die Kinder Israel trockenen Fußes durch's rothe Meer gegangen seien, ich frage jeden der Herren hier, ob er das glaubt und — setzte er zu mir gewendet hinzu — S i e glauben es selber nicht." Die übrigen Herren waren mäuschenstill, ich aber habe ihm das Nöthige geantwortet und es war nicht schwer, den „gebildeten und vernünftigen Menschen des 19. Jahrhunderts" bei der Oberflächlichkeit seiner religiösen Anschauung so in die Enge zu treiben, daß er zuletzt beschämt abzog. Die übrigen Herrn „Christen" gratulirten mir, daß ich „dem Juden so heimgeleuchtet hätte". Ich aber mußte ihnen sagen: „Sind Sie Christen? Hier hätten Sie es zeigen Müssen, hier hätten Sie Bekenntniß ablegen müssen, daß es im 19. Jahrhundert unter den Christen noch vernünftige Menschen giebt, die an einen allmächtigen Gott glauben, der Wunder thun kann und daß ein Gott, der keine Wunder thun kann, gar kein Gott ist." So giebt's immer mal Gelegenheit für den Christen, auch den orthodoxen Juden gegenüber von seinem speciell christlichen Glauben (denn die orthodoxen Juden glauben auch an einen allmächtigen Gott, der Wunder thun kann) Zeugniß abzulegen — und ist es vielleicht nicht Jedermanns Sache durchs Wort vom Heile in Christo Jesu zu zeugen, so kann es doch jeder thun durch einen christlichen Wandel. Aber daran fehlt's auch gar sehr. Ich will nur auf Einiges, das besonders in die Augen füllt, Hinweisen.
Einst in den ersten Jahrhunderten des Christenthums Wiesen die Heiden mit den Fingern auf die Christen
und sprachen: „Seht, wie haben die Christen einander so lieb!“ Reden, thun und wandeln die Christen von heute auch so, daß sie den Juden dieses Bekenntniß abzwingen? Oder müssen nicht vielmehr wir Christen gar häufig auf die Juden deuten und sagen: «Seht, wie haben sie einander so lieb?" Achtet nur auf das Familienleben der Juden! Findet man da im Allgemeinen nicht viel mehr Liebe untereinander, — Liebe zu den Eitern, namentlich wenn diese alt und betagt sind, Liebe zu den Kindern und zu den Geschwistern ■— als in christlichen Häusern, wo man z. B. nur zu oft das Sprichwort bestätigt findet: „Es ist leichter, daß ein Vater 6 Kinder ernähre, als 6 Kinder einen Vater?" Ich weiß recht wohl, es giebt auch recht jämmerliche jüdische Haushaltungen und giebt auch wahrhaft christliche Häuser in allen Ständen, in denen der Geist der Liebe und des Friedens wohnt; aber im Allgemeinen dürfte meine Behauptung zutreffen.
— Achtet ferner auf den Wohlthätigkeitssinn, der im Allgemeinen bei den Juden mehr ausgeprägt ist, als bei den Christen, besonders wenn es sich um Glaubensgenossen handelt. Die Habsucht und die Gewinnsucht ist ja gewiß bei vielen Juden sehr ausgebildet, und aus ihr entspringt ja grade das Unheil, welches so Viele oft aurichten und welches oben mehrfach angedeutet wurde; allein auf der andern Seite zeichnen sie sich entschieden vor den Christen aus durch ihre Bereitwilligkeit zu helfen überall da, wo Hülfe noth thut. Und wenn es auch vorkommt, wie ich es selbst schon erlebt und auch von Juden schon gehört habe, daß der Jude auch den Juden einmal — wie man sagt — ganz gehörig über's Ohr haut, — in der Noth verläßt so leicht keiner den Andereu. Gewiß es wird auch in der Christenheit — wer wollte es leugnen! — besonders in unserer Zeit viel gethan für das allgemeine Wohl der Menschheit, es werden viele Opfer gebracht z. B- für die Werke und Anstalten der äußeren und inneren Mission; aber immer noch müssen wir fragen: „Was ist das für so Viele?" Auf den Einzelnen kommt dabei doch noch sehr wenig, — und wenn man auch für das Große und Allgemeine noch etwas übrig hat, — gerade in dem einzelnen und besonderen Falle, wenn D i r vielleicht grade Gott den armen Lazarns vor die Thüre legt, wie oft gehst Du hartherzig und lieblos vorüber, oder meinst gar Wunder was Du gethan hättest, wenn Du ihm etwas zuwerfen lässest von den Brocken, die von Deinem wohlbesetzteu Tische fallen. Da, ihr Christen, in diesem Punkte ist eine „Revision" nöthig. Da lernt von den Juden; doch was sage ich — lernet von euerem Heiland, der so viel für euch gegeben hat, Sein theueres Blut, Sein heil. Leben, der euch gesagt hat: „Ein neu Gebot gebe ich euch, daß ihr euch unter einander liebet, gleichwie ich euch geliebt habe; daran wird Jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, so ihr Lieb e untereinander habt (Joh. 13, 34. 35),“ und der einst zu euch sprechen wird: „Was ihr gethan habt Einem unter diesen meinen geringstenBrüdern, das habt ihr mir gethan (Mtth.25,40)." Ja diese christliche Bruderliebe — wenn d i e allewege wieder mehr geübt würde, sie würde nicht nur manchen Christen aus den Schlingen des Wucherers befreien und andere vor gleichem Schicksal bewahren, sondern sie müßte auch den Juden zuletzt Achtung abgewinnen und vielleicht auch — wenn auch nur im Stillen — das Bekenntniß abzwingen: „Seht, wie haben die Christen einander so lieb!" Ob sie dadurch dem Heil näher kommen — darüber habt ihr euch keine Gedanken zu machen, dafür laßt Gott sorgen. —
Ferner muß ich hier auf einen wunden Punkt Hinweisen in dem religiösen Leben der meisten Christen — das ist die Son n t a gsenth ei l ig u n g. Es wird hier nicht zum erstenmal ausgesprochen, daß die Juden ihren äußeren Wohlstand nicht durchweg ihren besonderen Geschäftspraktiken und dem Wucher zu verdanken haben — wie Viele meinen — sondern zum , großen Theil ihrer Heilighaltung des Sabbaths. : Und wenn es ja auch wahr sein mag, wie mir kürzlich i von glaubwürdiger Seite versichert werde, daß viele i Juden die strengen Sabbathsgesetze als eine drückende i Last empfänden, daß sie am Samstag Abend den ersten | Stern kaum erwarten könnten, um sich wieder „ins Geschäft" zu stürzen, und daß demnach die Juden auch *.
heute noch unter dem „G e s e tz" seufzen, — sie feiern doch eben noch den Sabbath und der Segen dieser Sabbathsfeier ist nicht wegzuleugnen; und wenn wir uns diesen Segen auch nur auf die einfach e und natürliche Weise erklären wollten, daß die Judeu eben ruhen von aller Arbeit, daß sie den Sabbath in Mäßigkeit und Nüchternheit hinbringen und daß sie in Folge dessen dann mit um s o frischerer! Kräften und mit um so größerem Eifer ihren Geschäften wieder obliegen können, — so ist es immerhin ein Segen, den auch der Christ sich nicht sollte entgehen lassen.
(Schluß folgt.)
Der Streik in Rheinland nnd Westfalen beginnt von Neuem.
Die Einigung zwischen den Arbeitgebern und den Bergleuten in Rheinland und Westfalen, welche gestern noch bestimmt erwartet wurde, ist leider nicht zu Stande gekommen. Der Ausstand beginnt von Neuem und in größerem Umfange als bisher. Die „Köln. Volkztg." erhält dazu folgende Meldungen:
Bochum, 24. Mai. Die Stimmung in der eben stattfindenden Delegirten-Versammlung der Bergarbeiter ist dem Frieden ungünstig. Seit Sonntag ist ein großer, bedenklicher Umschlag eingetreten. Allgemein forderten die Redner die prozentuale Lohnerhöhung.
— 24. Mai. Soeben verkündet der Vorsitzende der Delegirten-Versammlung das Ergebniß der Berathungen: „Am nächsten Sonntag streiken sämmtliche Gruben in Rheinland und Westfalen."
In geheimer Abstimmung erklärten sich die Dele- girten von 48 Gruben für vorläufige Einstellung des Streiks, 69 dagegen für sofortige Niederlegung der Arbeit.
Berlin, 27. Mai. In Dortmund wurde in der letzten Nacht das ganze Streik-Komitee, bestehend aus 40 Personen, verhaftet.
Köln, 25. Mai. Der „K. Volksztg." wird aus Bochum berichtet: Der Vorsitzende des Zentralkomitees, Weber, ist heute verhaftet, angeblich wegen der Aeußerung : „Krieg dem Kapital! Sieg oder Tod!" Verschiedene Garnisonen sind bereit, das Militär ausrücken zu lassen. Die Verhängung des großen Belagerungszustandes wird erwartet. Allerseits laufen Berichte über neue Arbeitseinstellungen ein.
Deutsches Reich.
Berlin. Die in der Pelz- und Mützenbranche beschäftigten „Mamsells" wollen ebenfalls in eine Lohnbewegung eintreten. Sie haben in einer im Schützenhause abgehaltenen Versammlung beschlossen, sich den Forderungen der Kürschnergesellen anzuschließen. Der zu diesem Zwecke gewählten Kommission gehören 3 Pelzarbeiterinnen und 2 in der Pelzbranche beschäftigte Stepperinnen, 2 Mützenarbeiterinnen und 2 in der Mützenbranche beschäftigte Arbeiterinnen an. Die Forderungen der Gesellen bezwecken eine Erhöhung des Lohntarifs, die ihnen gestattet, durchschnittlich 24 Mark die Woche verdienen zu können.
Salzwcdcl, 23. Mai. Die Maurergesellen sind auch hier mit erhöhten Lohnforderungen an die Meister herangetreten und wollen die Arbeit niederlegen, wenn binnen 14 Tagen die Forderungen nicht bewilligt werden.
Oldenburg, 21. Mai. (Ein entsetzlicher Unglücksfall) ereignete sich am Sonnabend Mittag auf der großen Alexanoerhaide. Unser Infanterie-Regiment war früh Morgens hinausmarschirt, um dort kompagnicweise Uebungen abzuhalten. Als gegen die Mittagszeit eine Pause im Exerzieren eintrat, lagerten sich die Soldaten auf dem weiten Terrain auf platter Erde. Die 2. Kompagnie hatte sich in einem dieHaide umschließenden Graben und am Wall niedergelassen und die Gewehre zusammengestellt. Dieselben waren mit sogenannten Platzpatronen geladen. Einer der Soldaten machte sich nun mit dem Gewehre zu schaffen, untersuchte die Magazine und machte Zielversuche. Dadurch waren die Waffen aus ihrer früheren festen Stellung herausgekommen und plötzlich fällt ein Gewehr zu Boden und entladet sich. Der Lauf war direkt auf die im Graben lagernden Soldaten gerichtet, und der Schuß traf einen Soldaten.