aber hat sich durch die Erfahrung, die ja überhaupt erst die Lehrmeisterin des Vereins werden muß, ein neues Arbeitsgebiet aufgethan durch die Vermittlung bezüglich Erzwingung der Abrechnungen. Bekanntlich ist es eine allgemeine Geschäftspraxis der unser hessisches Landvolk aussaugenden bekannten Geschäftsleute, daß sie nie klar abrechnen, so daß ihre Opfer ständig an sie gebunden sind. Der gewöhnliche Mann weiß sich nun zumeist nicht zu helfen, er kennt die Büttel nicht, den Wucherer zur Abrechnung zu zwingen. Die Mitglieder und Freunde des Vereins möchten doch daher in allen solchen Fällen die Hülfe denselben in Anspruch nehmen.
Ein besonderes Interesse scheint die Sache des Vereins im Kreise Schlüchtern gefunden zu haben, wiewohl derselbe noch keine Mitglieder unter den Kreisbewohnern hat. Schlüchtern ist freilich wohl neben Hersfeld, Roten- burg, Fulda und Marburg der Kreis, wo das wucherische Unwesen in höchster Blüthe steht. Der Geldwucher ist zwar dort nach der Schlüchterner Zeitung so gut wie verschwunden, dagegen besteht der Wucher nach derselben Quelle in der Form von Grundstückwucher, Mehlwucher, Waarenwucher, Viehwucher u. s. w. in einer Ausdehnung, die fast unglaublich ist. Es ist deshalb mit Dank zu begrüßen, daß der dortige Kreisausschuß folgende Beschlüsse gefaßt hat: 1) denjenigen Handelsleuten, von denen eine wucherische, unreelle oder betrügerische Handlungsweise glaubhaft nachgewiesen wird, den Sparkassen- Kredit zu versagen. 2) an alle Orts-, Gerichts- u. Polizeibehörden das Ersuchen zu richten, von allen wucherischen, betrügerischen, unreellen Handlungen Einheimischer, welche zu ihrer Kenntniß gelangen, dem Kreisausschuß Mittheilung zu machen, 3) in Erwägung zu ziehen, ob nicht diejenigen zur öffentlichen Kenntniß zu bringen sind, denen der Sparkassen-Kredit entzogen ist.
Inwiefern sich diese dankenswerthe Anregung aus Schlüchtern für die ganze Provinz nutzbar machen läßt, wird die nächste Vorstandssitzung des Vereins in Bebra zu erwägen haben. Schon jetzt aber dürste darauf hinzuweisen sein, das die Kreditentziehung nicht bloß bei glaubhaft nachgewiesenen betrügerischen Handlungen an= zuregen, sondern über alle solche Geschäftsleute zu verhängen sei, die dem Allgemeinwohl schädliche Geschäfte, vor allem Güterschlächterei, treiben. Wird sich dies bei öffentlichen Kassen leicht erreichen lassen, so dürften auch die Vorschußvereine im eigenen Interesse sich anschließen. Denn daß diese Institute durch Geschäftsverbindung mit derartigen Leute oft große Gefahren laufen, beweist der bekannte Fall einer hessischen Vorschußkasse, die durch einen Güterschlächter so geschädigt wurde, daß die Mitglieder an 50 Prozent ihrer Geschäftsantheile einbüßten.
Deutsches Reich.
Berlin. Großes Aufsehen hat eine gelegentliche Bemerkung des Reichskanzlers in seiner am Sonnabend im Reichstage gehaltenen Rede gemacht. Fürst Bismarck sagte: An irgend ein Mittel gegen Kamalitäten derart, wie sie uns dieser Tage bedroht haben, werden wir doch denken müssen. Wir dürfen uns dem unmöglich aussetzen, daß die kleine Minorität der Bewohner der Kohlenreviere uns jeden Tag in die Lage setzen kann, in die uns etwa die Landwirthschaft setzen könnte, wenn sie uns das Brod abschneiden würde. Dir Kohle ist in vielen Provinzen so nothwendig geworden, wie das Brod uns allen ist und es müssen meines Erachtens von
Staatswegen Vorkehrungen getroffen werden, daß die Kohle nicht plötzlich in drei Tagen der Menschheit entzogen werden kann, daß nicht jede kleine Wirthschaft am Kochen, jede Waschfrau am Waschen, jede anderweitige Industrie verhindert wird.
— Das „Berl. Tgbl." erzählt: „Der Kapellmeister des ersten G a r d e - R e g im e n t s z. F. hatte in Potsdam beim Parademarsch mit Musik unrichtig eingesetzt. Der Kaiser merkte den Fehler, der schon einmal passirt war, und während damals Stubenarrest die Bestrafung war, sandte diesmal der Kaiser den Kapellmeister sofort nach Hause auf 14 Tage Urlaub. Es heißt, er solle den Posten nicht wieder antreten."
Tages Ereignisse.
Schlüchtern. Das Kammergericht hat soeben folgenden bemerken-werthen Entscheid gefällt: Eine Polizeiverordnung, welche die Eltern unbedingt für die Schul- versäumnisse der Kinder haftbar macht, entbehrt der | rechtsverbindlichen Kraft. In Füllen, wo es den Eltern trotz aller Anstrengungen nicht gelingt, ihre Kinder zum regelmäßigen Schulbesuch zu bewegen, giebt es kein anderes Büttel, als die Kinder durch die Polizei der Schule zuführen zu lassen.
Soden-Stolzenberg, 21. Mai. Gestern fand dahier unter dem Vorsitz des Kgl. Kreisschulinspectors Herrn Dr. Kley aus Fulda eine Conferenz der kath. Lehrer der Kreise Schlüchtern, Gelnhausen und Hanau statt. Es waren 70 Theilnehmer erschienen, darunter die Herren Lokalichulinspectoren von Großauheim, Groß- krotzenburg, Somborn, Wirtheim, Orb, Salmünster, Soden und Herolz. Die Verhandlungen begannen Vormittags 11 Uhr im Rathhaussaale. Nachmittags 3 Uhr fand ein gemeinschaftliches Gastmahl im Lokale des Herrn Johannes Betz statt, bei dem Herr Kreis- schnlinspector Dr. Kley mit bekannter Redegewandtheit den Toast auf den geliebten Kaiser ausbrachte, in welchen alle Theilnehmer begeistert einstimmten. Nach dem Mahle wurden noch einige Stunden bei gemüthlicher Unterhaltung, Gesang und Musik verbracht. — Die nächste Hauptconferenz findet im Mai 1890 in Gelnhausen statt.
Aus dem Kreise. Ein Abonnent unserer Zeitung schreibt uns: In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag d. W-, es mochte gegen 11 Uhr 30 gewesen sein, war am Himmel ein herrliches Schauspiel wahrnehmbar. Ich befand mich mit mehreren Herren auf der Landstraße nach S- Plötzlich wurde es hell, wie am Tage, so daß wir erschrocken Umschau hielten. Wir bemerkten am Himmel einen Stern in doppelter Größe eines 3 Markstückes, der von Nordost in der Richtung nach Südwest ziemlich langsam weiter ging und einen intensiv gelbrothen Strahl in der Länge von 1'/r Meter nach sich zog. Das Schauspiel war mindestens 15 Secunden sichtbar. Wahrscheinlich haben wir es hier mit einem jener großen Meteore zu thun, die man mit dem Ausdruck „Feuerkugel" bezeichnet.
Fulda, 19. Mai. Privatnachrichten aus Rom zufolge wurde am 15. d. Mls. der Bischof von Fulda Dom Papste in einer mehr als eiustülldigen Privatau- dienz empfangen. Der Papst unterhielt sich lange mit dem Bischöflichen Pilger über die kirchlichen Verhältnisse in Deutschland, „die viel besser sein könnten."
Kassel, 22. Mai. Der Knecht eines Fuhrwerksbesitzers aus Wehlheiden fuhr am Montag Nachmittag mit einem Wagen vor das Leipziger Thor. Dort spannte
er die beiden Pferde aus, ließ den Wagen an der Straße stehen und verkaufte das eine Pferd an den Wasenmeister, während er mit dem anderen auf- und davonritt. Er entkam jedoch nicht unbemerkt. Der in Bettenhausen stationirte Gendarm Lausch verfolgte den Dieb von da bis Münden, wo er ihn erwischte, nachdem der Gendarm das Pferd dem Diebe abgenommen und in Münden eingestellt hatte.
Eschwege, 18. Mai. Zahlreiche Mitglieder der Alt- und Neustädter Gemeinde — namentlich von letzteren waren verhältnißmäßig viele erschienen — hatten sich gestern im Saal des Gasthofs zur Krone eingefunden, um über die Gesangbuchsfrage zu berathen. Es wurde, wie das „Krsbl." berichtet, eine Eingabe, welche sich gegen die Einführung des neuen Gesangbuchs richtet, zur Verlesung gebracht und angenommen. In betr. Eingabe wurde hauptsächlich gegen das neueinzuführende Gesangbuch geltend gemacht, daß dasselbe keine Noten enthalte, dann ein Theil der Lieder im heutzutage schwer verständlichen Urtext wiedergegeben, der Kostenpunkt des Gesangbuchs ein zu hoher und mit der Einführung desselben den zahlreichen Beamtenfamilien keine Rechnung getragen sei u. s. w. — Die Eingabe soll in zwei Exemplaren ausgefertigt, mit den Unterschriften der Gegner des neuen Gesangbuchs versehen und an maßgebender Stelle eingereicht werden.
Homburg, 20. Mai. Gestern Abend von 9 bis ge* gen 12 Uhr wurde unser Kreis durch einen wolkenbruch- artigen Regen heimgesucht, welcher alle Flüsse und Bäche so füllte, daß sie aus ihren Ufern traten und Wiesen und Feldern sehr beträchtlichen Schaden zufügten. Aus fast allen Orten des Kreises laufen recht traurige Nachrichten tin über die augerichteten Verwüstungen. Leider hat das Wetter auch ein Menschenleben als Opfer gefordert. Der vierjährige Knabe des Schafmeisters auf Rittergut Lembach ging mit andern Kindern gestern Vormittag vor das Dorf, um auch das große Wasser zu sehen. In einem unbewachten Augenblick glitt er aus und fiel in den reißenden Bach und wurde vor den Augen seiner Kameraden fortgeschwemmt. Obgleich die ganze Gemeinde alsbald zur Stelle war, hatte man das Kind bis gegen 12 Uhr noch nicht gefunden. — Der anhaltende Regen fast den ganzen Monat hindurch hat viele Landwirthe mit der Bestellung in Rückstand gebracht und man vermuthet, daß ein großer Theil der Frühjahrsländereien unbestellt bleiben würden.
— Das neue Hausmädchen. Höre mal, Auguste, ich muß Dir sagen, daß ich mit Deiner Vorgängerin sehr zufrieden war, indem sie einen großen Ernst besaß, der sie nie verließ. Ich hoffe, daß das auch bei Dir der Fall sein wird. — Gnädige Frau, ich denke, Sie werden auch mit meinem zufrieden sein, nur heißt er nicht Ernst, sondern Albert, und verlassen wird er mich hoffentlich auch nicht.
LtZitternngsbericht.
Das Wetter wird in den nächsten 2—3 Tagen mnth- maßlich folgenden Gang nehmen: Die Wärme wird, wenn nicht Äcwiter eintrelen, sich noch erhöhen; der Himmel wird heiler sein; es werden Ostwinde vorherr- schen; Gewitter sind wahrscheinlich.
Kirchlicher Anjeigec für Schlüchtern.
Sonntag den 26. Mai 1889.
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