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SchlüchternerMung

Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

M 40.

Samstag, Den 18 Mai.

1889.

Das Heil kommt von den Juden.

Von Pfarrer Hartman». Schlächtern.

(Fortsetzung.)

Ebenso einseitig und unvorsichtig wie Pastor Wagner mit der Anziehung dieses Lutherwortes verfahren ist, verfährt er auch im Weiteren mit der Benutzung b i b- lis cher Stellen. Da wird angeführt Röm. 3, 1. 2: Was haben denn die Juden für Vortheils? Fürwahr sehr viel. Zum ersten, ihnen ist vertraut, was Gott geredet hat"; und ferner: Röm. 9, 4:Denen von Israel gehört die Kindschaft und die Herrlichkeit und der Bund, und das Gesetz und der Gottesdienst, und die Verheißung" und wird gesagt, damit habe Paulus einevollgültige Auslegung" des Wortes gegeben:Das Heil kommt von den Juden." Jedermann, der den Römerbrief kennt, weiß dagegen, daß Paulus gar nicht die Absicht hat, diesen Beweis zu erbringen, weder im III. noch im IX. Cap., noch in irgend einem andern, sondern er will zunächst in den ersten Capiteln nach­weisen, daß Juden sowohl als Heiden allpimal Sünder sind. Die Juden haben zwar das vor den Heiden voraus, daß ihnen vertraut ist, was Gott geredet hat, d. h. daß Gott sich ihnen in seinem Worte geoffen­bart und ihnen die Verheißung des zukünftigen Messias gegeben hat, sodaß sie also wohl leichter ich möchte sagen: bequemer zum Glauben an den Messias hätten kommen können, als die Heiden, aber glauben mußten auch s i e. Insofern hatten sie auch wieder keinen Vortheil vor den Heiden (V. 9), noch viel weniger hatten sie Ursache, sich wegen des Gesetzes zu rühmen, denn kein Fleisch wird durch des Gesetzes Werk gerecht (V. 20) undso halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben (an Christum Jesum) (B. 28)." Und im 9. Cap. giebt Paulus zunächst seinem Schmerze und seiner Trauer über Israels Unglaube Ausdruck. Er wolle lieber selber von Christo getrennt ein Bann­opfer werden, wenn er damit sein Volk, seine Brüder, retten könnte, sie, denen doch eigentlich dieKindschaft" gehört, die in erster Linie zur Kmdschaft Gottes berufen sind, und denen gehört die Herrlichkeit, indem Gott in sichtbarer Herrlichkeit unter ihnen wohnte in der Stiftshütte und im Tempel, und der Bund, den Gott mit den Vätern gemacht hatte, und die G esetzgebung und der G o t t e s d i e n st mit seinem vorbildlichen Kultus und die Verheißungen von Christo dem Erlöser. Das sind freilich hohe Gnadengaben, die Gott dem Volke Israel geschenkt hatte, aber Israel hat sie nicht erkannt, darüber ist Paulus betrübt. Darum haben sie auch die Gerechtigkeit, die vorGott gilt, nicht überkommen, weil sie dieselbe nicht aus dem Glauben, sondern aus den Werken des Gesetzes suchten. Denn sie haben sich gestoßen an den Stein des Anlaufens (Christus); wie geschrieben steht: Siehe da! Ich lege in Zion einen Stein des Anlaufens und einen Fels der Aergerniß; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zu Schanden werden (V. 3133). In Summa: Die Juden haben gar keinen Vortheil vor den Heiden und haben keine Ursache sich zu rühmen, da sie beide Sünder sind und beide nur durch den Glauben an Jesum Christum gerecht und selig werden können. Das ist's, was Paulus im Römerbrief feststellt. Daß das Heil, der Heiland, von den Juden komme, das nachzuweisen hatte er gar nicht nöthig, das war auch schon den römischen Christen eineunleugbare That­sache", wie es auch bis heute eineunleugbare That­sache" ist. Aber ebensounleugbare Thatsache" ist es, daß die Juden im Großen und Ganzen damals das Heil verschmäht haben und es bis auf den heutigen Tag verschmähen und daß das auch mit ein Grund ist, daß von den Juden heute das Heil nicht kommt, son­dern manches Unheil. Und wenn sodann Pastor- Wagner bezüglich der Heidenvölker sagt, es sei an ihnen in Erfüllung gegangen das Wort Pauli Röm. 1, 22: »Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren ge­worden," so hätte er doch auch sagen müssen, wiefern sie zu Narren geworden sind, nämlich insofern, als sie das Geschöpf mehr ehrten, denn den Schöpfer, als sie in den Werken der Schöpfung den Schöpfer nicht er­kannten und nicht erkennen wollten, in welcher Be­ziehung es den Heiden weder unter den heutigen Christen, noch unter den Juden an Collegen fehlt.

Der Pastor hätte auch, um etwaige Mißverständnisse und allerlei Einbildungen bei den heutigen Juden zu verhindern, noch anführen können, daß doch viele von diesen Heiden ihre Narrheit und Thorheit aufgegeben haben, indem sie schon längst im Lichte des Christen­thums wandeln und dieWeisheit von oben her" haben; und daß das Werk der Mission dafür sorgt, daß noch immer mehr solcher thörichten Heiden zur Weisheit Christi herangebildet werden und daß auf solche Weise sich auch immer mehr erfüllt das Wort des Heilandes: Viele werden kommen vom Morgen und vom Abend und mit Abraham und Jsaak und Jakob im Himmel­reich sitzen, aber die Kinder des Reiches werden aus- gestoßen in die äußerste Finsterniß hinaus, da wird sein Heulen und Zähnklappern (Matth. 8, 11. 12)."

Was Pastor Wagner weiter sagt, daß der Prophet über Israel ausrufen konnte:Finsterniß bedecket das Erdreich und Dunkel die Völker, aber über Dir gehet auf der Herrn und Seine Herrlichkeit scheinet über Dir (Jes. 60,2)" das ist vollständig wahr: Ueber Israel war der Herr aufgegangen und die Herrlichkeit des Herrn war erschienen über ihm, sofern Gott der Herr sich Seinem Volke geoffenbart hatte und mit Seiner Herrlichkeit unter ihm wohnte im heil. Tempel. Aber trotzdem war die Finsterniß der Sünde groß in Israel. Muß nicht der Herr durch den Propheten klagen:Ich habe Kinder auferzogen und erhöht, und sie sind von mir abgefallen. Ein Ochse kennet seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennet es nicht und mein Volk vernimmt es nicht" (Jes. 1, 2.3) ? Und befand sich Israel nicht grade wegen seiner Sünde in der Babylonischen Gefangenschaft, als der Prophet die obige Weissagung aussprach? Denn eine Weis­sagung ist's doch auf den Messias, und als sie in Erfüllung ging, als die Nacht verging und der Tag anbrach, als in Christo Jesu der Herr in Wirklichkeit aufging über Israel und Seine Herrlichkeit erschien, was hat Israel gethan? Antwort:Er kam in Sein Eigenthum, aber die Seinen nahmen Ihn nicht auf' (Joh. 1, 11) und bis heute nehmen sie Ihn noch nich auf.

Es ist ferner wahr: Männer aus Jsrae waren alldie heiligen Menschen Gottes, die geredet haben, getrieben vom heil. Geist" (II. Petr. 1, 21) und eineherrliche heilsame Gottesgabe ist die ganze heil. Schrift Alten Testaments". Aber weil sie eine Gottes­gabe ist, weilGott darin geredet hat zu den Vätern durch die Propheten (Ebr. 1,1)", so ist es doch auch wahr, daß wir in erster Linie Gott dem Herrn für diese heilsame Gabe Dank schuldig sind und in zweiter Linie jenen heil. Männern, welche von dem hl. Geist sich haben erfüllen und treiben lassen, nie und nimmer aber dem jüdischen Volke im Großen und Ganzen, welches ja jene hl. Menschen, die Propheten verfolgt und getödtet hat von einem Moses an bis auf Johannes den Täufer; und am allerwenigsten wird uns Jemand zumuthen können, daß wir, weil fromme Juden durch Einwirkung des hl. Geistes das Alte Testament geschrieben haben, dafür den heutigen Juden noch unsern Dank abstatten und die Augen verschließen müßten gegen so manches Unheil, das von Vielen ausgeht.

Nun folgen in der Rede des Pastor Wagner eine Menge Aussprüche, die ja an sich auch wieder völlig wahr sind, die aber doch weiter nichts sind, alsrhetorischeAusschmückun- gcn, die mit der Sache gar nichts zu thun haben und gar nichts beweisen, wozn aber vielleicht mancher jüdische Leser gesagt haben wird:O wie geistreich!" Was hat es z. B. mit der Thatsache, daß das Heil von den Juden gekommen ist, zu thun, wenn er pathetisch aus- ruft:In jüdischer Sprache redet und betet Er (der Heiland) grade in entscheidungsvollen Tagen und in weihevollsten Stunden" und nun wird hingewiesen auf das Hephatha, auf das Talitha kumi, auf das Eli Eli lama absathani. Es ist allerdings höchst merkwürdig, daß der Herr Christus zum jüdischen Volke nicht in n e u h o ch d e u t s ch er oder in englischer Sprache geredet hat, sondern in jüdischer. Aber ebenso merkwürdig ist es, daß Er auch in jüdischer Sprache dasWehe" ausgesprochen hat über die Schrift- gelehrten und Pharisäer (Matth. 23), in jüdischer Sprache gesagt hat zu den Juden:Ihr glaubet nicht, denn ihr seid meine Schafe nicht," in jüdischer

Sprache geklagt hat über Jerusalem:Jerusalem, Jerusalem, die Du tödtest die Propheten und steinigest, die zu Dir gesandt sind, wie oft habe ich Deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt (Matth. 23, 37)."Wenn Du es wüßtest, so würdest Du auch bedenken zu dieser Deiner Zeit, was zu Deinem Frieden dient. Aber nun ist es vor Deinen Augen verborgen. Denn es wird die Zeit über Dich kommen, daß Deine Feinde werden um Dich und Deine Kinder mit Dir eine Wagenburg schlagen, Dich belagern und an allen Orten ängsten, und werden Dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen, darum daß Du nicht erkannt hast die Zeit, darinnen Du heim gesucht bist (Luc. 19, 4244)" (wörtlich im Jahre 70 nach Christi in Erfüllung gegangen), in jüdischer Sprache bei der Reinigung des Tempels ausgerufen hat:Es steht geschrieben:Mein Haus ist ein Bethaus", ihr aber habt es gemacht zur Mörder­grube (Luc. 19, 46)". Ja, nicht wahr, lieber Leser, es ist doch höchst merkwürdig, wenn ein Mann mit seinen Landsleuten in der Landessprache redet!

Was soll es heißen:Es waren jüdische Kranke, die Er gesund machte?" Gewiß! Es war aber auch ein heidnisches Weiblein, dem Er die Tochter gesund machte und zu dem Er sprach:O Weib, Dein Glaube ist groß, Dir geschehe, wie Du willst (Matth. 15, 28);" es war auch ein heidnischer Hauptmann, dem Er­den Knecht gesund machte und dem er das Zeugniß ausstellte:Solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden (Luc. 7, 9)", und es war ein von den Juden so verachteter Samariter, den der Herr vom Aussatz heilte und der allein zurückkehrte und Gott die Ehre gab (während die neun Juden sich als undankbar erwiesen) und den Er daher erst wahrhaft heilte auch vom Aussatz der Sünde durch das Wort:Gehe hin, Dein Glaube hat Dir geholfen (Luc. 17)."

Und wenn Pastor Wagner weiter fragt:Woher waren die 12 Apostel, woher die 70 Jünger, die 300 Brüder, die 3000 Seelen am Pfingstfest u. s. w. ?" nun so wird ihm jedes Schulkind die richtige Antwort geben:Sie waren aus Israel"; aber jedes Schulkind wird auch auf die Frage:Was hat das mit unserer Stellung den heutigen Juden gegenüber zu thun?" die richtige Antwort geben:Gar nichts!" Es ist doch wahrlich nicht das Verdienst der heutigen Juden, daß jene Juden, als die wahren Jsrae- liten sich zu Christo bekehrt haben und dann hinaus­gegangen sind in alle Welt, um das Evangelium von dem Gekreuzigten und Auferstandenen weiter zu tragen. Und wenn Pastor W. sagt:Im letzten Grunde sind d i e I n d e n die Heilsvermittler der Welt g e b l i e b e n," so meint er damit nicht die heutigen Juden, sondern jene Apostel, wie aus den folgenden Sätzen hervorgeht, aber auch das ist nur insofern richtig, als jene Juden eben Christen geworden sind. AIs Juden hätten Paulus, Petrus und die andern Apostel das Evangelium von Christo nicht predigen können; es müßte denn sein, daß Pastor W. die an Christum gläubig gewor­denen Juden als die wahren Juden, als das wahre Israel bezeichnen will; dann geben wir ihm vollständig Recht, wie wir ja auch von einem N e u- testamentlichen Zion reden (d. i. die christliche Kirche).

Sonderbar klingt die Frage: Woher nehmen denn die Deutschen, Engländer und Amerikaner (warum nicht ein­fach: die Christen?) die Mittel zur Mission und Evangelisation? Da denkt man bei dem WortMittel" im ersten Augenblick unwillkürlich an das Geld, das nun einmal zum Werke der Mission nöthig ist, und man erwartet beinah die Antwort:Von den Juden!" Doch zu einer solch ungeheuerlichen Behauptung ver­steigt sich der Redner Gottlob denn doch nicht. Denn unter den Mittel n versteht er die geistlichen Mittel n. Aber seine Antwort, die er giebt, ist zum mindesten mißverständlich, wenn er sagt:Es ist das von den Juden empfangene Gotteswort, es ist die von den I u d e n verfaßte Bibel, es ist das von den Juden überkommene Lebensbild Jesu. Als die Evangelisten und Apostel des Neuen Testaments ihre Evangelien und Briefe schrieben und das Lebensbild Jesu darstellten und es anderen brachten, da waren sie