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Erscheint Mittwochs und Sonnabends.
Ueber bessere Verwerthung des Schlachtviehs.
Prof. Feser-München hat über dieses in landwirth- schaftlichen Kreisen heutigen Tages vielfach besprochene Thema in dem Verein zur Wahrung landwirthschaftlicher Handelsintcressen zu Dresden einen Vortrag gehalten, dem wir nach der Sachs. Landw. Zeilschr. das Nachstehende entnehmen. — Der Unterschied zwischen den heutigen Viehpreisen einerseits und den Fleischpreisen andererseits ist — sagt Redner — ein so bedeutender, daß sich mit Recht der Producent verkürzt und benach- theiligt, wahrend gleichzeitig der Consument sich in unzulässiger Weise übervortheilt fühlt und in unrichtiger Würdigung der bestehenden Verhältnisse seine hohen Ausgaben gar noch dem Producenten allein in die Schuhe schiebt. Daher kommt es, daß alle berechtigten Forderungen der Landwirthe so geringes Entgegenkommen von vielen Seiten finden und die vorhandenen Hindernisse zur Besserung der bestehenden Nothlage so schwer zu bekämpfen und zu beseitigen sind. (?)
Einige Beispiele werden es klar machen, wie wenig Vieh- und Fleischpreise mit einander übereinstimmen, wie bedeutend der Unterschied ist, den der Landwirth für seine Waare erhält und der Consument auf der anderen Seite in wenig veränderlicher Form bezahlt. Redner berichtet über nachstehende von ihm selbst beobachtete Beispiele. Es wurden angekauft, geschlachtet und verkauft Schlachtthiere in Schwabing bei München.
I. Ein vom Händler für 290 Mk. gekaufter Ochse (12'/r Ctr. Lebendgewicht a 23,2 Mk.) lieferte
Fleisch .... 630 Pfd. zu 60 Pfg.--378-M. Haut .... 87 „ „ 33 „ = 28. < 1 „ Unschlitt u.Nierenstock 150 „ „ 18 „ — 27,— „ 433.71 M. ab Einkaufspreis 290.— „ Ueberschuß 143.71 M. = 40,5 pCt. des Einkaufspreises.
II. Ein vom Händler für 270 Mk. gekaufter Ochse (11 Ctr. ä 24,5 Mk.) lieferte Fleisch . . . 540 Pfd. zu 60 Pfg. = 324.— M. Haut ... 76 „ „ 33 „ — 25.08 „
Unschlitt rc. . HO „ „ 18 „ — 19.80 „
368.88 M. ab Ankaufspreis 270.—
Ueberschuß 98.88 M- — 36,5 pCt. des Ankaufspreises.
IH. Eine vom Bauer für 210 Mk. gekaufte Kuh (10 Ctr. ä 21 Mk.) lieferte Fleisch . . . 490 Pfd. zu 56 Pfg. ----- 274.40 M. Haut ... 76 „ „ 33 „ — 25.08 „
Unschlitt rc. . 18 „ „ 18 „ = 16.20 „
315.68 M. ab Einkaufspreis 210.— „
Ueberschuß 105.69 M. = 50,3 pCt. des Einkaufspreises.
Zu diesen Beispielen bemerkt Redner, daß solche den Gewinn des Fleischers noch unter der Wirklichkeit an- gäben, indem der Erlös aus den Schlachtnebenproducten, wie Eingeweide, Kopf, Füße, Euter rc., welcher mehr als ausreichend die haaren Auslagen beim Einkauf, den Aufschlag, die Steuer und die Einwage deckt, nicht in Rechnung gebracht wurde.
Durch Umfrage auf dem Dresdner Viehmarkt und Schlachtviehhof ermittelte Feser noch eine Reihe anderer Fälle, bei welcher sich jedoch nur 30.5, 20.8 und bezw. 28.3°/o Gewinn berechnete, immerhin beweisen ihm die Ermittelungen zur Genüge, „daß die Fleischer gegenüber den niedrigen Ankaufspreisen — im Durchschnitt zu 25 Mark per Centner Lebendgewicht — einen ganz ungebührlichen Gewinn haben, der ohne Uebertreibung bis zu 3O°/o des aufgewendeten Kapitals und darüber angenommen werden darf, wobei besonders betont werden muß, daß dies ihr Reingewinn nach Abzug aller Unkosten ist."
Wie in allen Dingen, so ist es auch hier; für alle Fleischergeschäfte wird diese Aufstellung nicht gelten: aber im Großen und Ganzen erntet der Fleischer zur Jetztzeit goldene Früchte, während der producirende ^andwirth darbt und Noth leidet und für seine gelieferten Thiere kaum die Selbstkosten einnimmt, sicherlich häufig ganz umsonst arbeitet.
- Preis vierteljährlich 1 Mark. —
Samstag, den 11. Mai.
Als ein besonderes Uebel für den Landwirth bezeichnet F. die Händler, welche sich als rahmavschöpfende Personen zwischen den Landwirth und den Fleischer einschalten. Früher, vor Errichtung von Schlachtviehhöfen in unseren größeren Städten, ging der Fleischer zum Einkauf von Schlachtvieh auf das Land, in die Ställe der Land- wirthe, kaufte dort selbst und gab, mit mäßigerem Gewinn als jetzt zufrieden, fürs Schlachtvieh einen ver- hältnißmäßig höheren Preis, z. B. in München noch, vor 25 Jahren 29—30 Mk. für den Centner Lebendgewicht bei einem Fleischpreise von 42 Pfg. das Pfund. Jetzt zahlt er am Schlachtviehhof in München wie in Dresden nur 25 Mk. bei einem Fleischpreise von 50 bis 70 Pfg., er hat es bequemer und fast gar keine Unkosten! Der Landwirth ist genöthigt, wenn er sein Vieh nicht selbst zum Metzger bringen und anbieten will, sein Schlachtvieh an den Händler abzusetzen, der fast ebensoviel Nutzen, im Allgemeinen doch die Hälfte oder mindestens ein Viertel des Gewinnes des Fleisches beansprucht. Geht der einzelne Landwirth selbst zum Markte, so hat er meist noch mehr Schaden als beim Händler. Der Fleischer läßt ihn stehen, er geht lieber zum Händler, der ihm regelmäßiger bedient; der Land- wirth, welcher von den wechselnden Handelsconjuncturen meist weniger gut unterrichtet ist, kann aus diesen daher keinen Nutzen ziehen; er muß um jeden Preis verkaufen, da ein längeres Zuwarten die Unkosten beständig erhöht und ein Wegtreiben nebenher die hohe Gefahr der Seuchenverbreitung in sich birgt.
Zwischen dem Consnmenten, der über theure Fleisch- preise klagt, und dem Landwirthe, der um Spottpreise sein Schlachtvieh abzugeben sich genöthigt sieht, haben sich im Verkehr immer mächtiger werdende Zwischenglieder eingeschoben, die das beklagte Mißverhültniß zwischen Vieh- und Fleischpreisen verursachen.
Redner giebt zur Abhilfe der bestehenden Mißstände eine Reihe von Verbesserungsvorschlägen, von denen insbesondere folgende hervorzuheben sein 'dürften:
1. Genossenschaftliche Vereinigung der Viehbesitzer zum unmittelbaren Verkauf der Schlachtthiere an die Fleischer resp. Schlachtviehhöfe (wie das bereits von Baden aus z. B. in Straßburg versucht wird), oder bei öffentlichen Vergebungen von Schlachtviehlieferungen an große Staats-, Gemeinde- und Privatanstalten an diese.
2. Am gründlichsten und sichersten ist das bestehende Mißverhältniß der Schlachtvieh- und Fleischpreise zu beseitigen, wenn die genossenschaftliche Vereinigung von Landwirthen auch das zweiteZwischenglied unseres Schlacht- viehverkehrs, daS Fleischergewerbe, möglichst unschädlich zu machen sucht durch Errichtung von landwirthschaftlichen Genossenschafts-Schlächtereien. (F. Z.)
Deutsches Reich.
Berlin, 6. Mai. TaufgebührenfürZwillinge.
Den Oberkirchenrath hat in diesen Tagen eine interessante Entscheidung beschäftigt. Ein Rittergutsbesitzer von Adel war in der glücklichen Lage, Zwillinge taufen zu lassen, er sandte dem Küster hierfür an Gebühren den Betrag von zehn Mark. Der Küster aber beanspruchte den Betrag von 30 M., einmal weil für adelige Täuflinge die Gebühren 15 M. betragen, sodann weil die Taufe von Zwillingen nicht einen Taufakt, sondern zwei Taufakte darstellte, und er deshalb 2mal 15 Mark zu beanspruchen habe. Der Rittergutsbesitzer lehnte diese Zahlung ab. Der Streit ist alsdann durch alle Kirchlichen Instanzen gegangen und schließlich vor dem Oderkirchen- rath zum Austrag gekommen. Aber auch innerhalb des Oberkirchenraths war man in dieser Frage getheilter Ansicht, und es wurde schließlich, nach der „Freis. Z.", nur mit einer Stimme Mehrheit beschlossen, daß bei Taufen vonZwillingeneineGebührenforderung zum doppel- tenBetrage im Sinne des klagendenKüsters gerechtfertigt sei.
Aus Schleswig, 6. Mai. Mit durchschossener Brust und blutüberströmt fand man in frühester Morgenstunde einen etwa 30jährigen Bahnbeamten, Michelsen, auf dem neuen Kirchhof in FlenSburg. Wie sich heransstellte, hatte der Unglückliche sich durch einen Revolverschuß getödtet. Einen ergreifenden Eindruck machte es aber auf die Umstehenden, als man bemerkte, daß Michelsen, der den Selbstmord am vorhergehenden Abend ausgeführt haben muß, das Grab seiner Frau ausgesucht und auf demselben die todbringende Waffe gegen seine Brust gerichtet hatte; die
1889.
Ruhestätte seiner Frau wurde auch für ihn zur letzten Ruhestatt. Neben dem Todten lag der Revolver, den er noch krampfhaft umschlossen hielt.
Greifenberg i. P., 6. Mai. Ein herzergreifendes Beispiel von Patriotismus verdient in weiteren Kreisen bekannt zu werden. Schreiber dieses traf jüngst einen Trupp Chausseearbeiter, die ihr Mittagsmahl hielten, bestehend in trocknem Brod und Schnaps; der älteste von deni sechzehn fragte alsbald: „Wo komm sich Kaiser- Denkmal hin?" Mit Mühe verständigten wir uns, daß es sich um das Denkmal Kaiser Friedrichs handle. Weiter befragt, erklärte der Mann: hab sich auch eine Mark gegeben, hab sich gesammelt unter meine Kamerad und 30 Mark zusammengebracht. Unter Kronprinz Feldzug mitgemacht, zu guteKaiser. Wenn sich Geld nicht treicht, werd sich nochmal sammeln, bring sich wieder 30 Mark zusammen. Hab sich Kaiser Friedrich zu lieb, zu gute Kaiser, kann sich nit vergessen."
Hamburg, 4. Mai. (Zum Morde in Horn.) Der des Mordes an dem Knaben Steinfatt beschuldigte Schuhmachergeselle Benth i e n genanntAhrens, aus Bliesdorf verharrt bei seinem Leugnen. Er zeigt ein etwas exent- risches Wesen und simulirt Irrsinn, benimmt sich indessen durchaus folgsam. Alle Versuche, sein Alibi zu beweisen, sind fehlgeschlagen, trotzdem äußerte er, er sehe einer Anklage mit Ruhe entgegen; da er unschuldig sei, müsse er auch freigespiochen werden. Der Lehrer des Rauhen Hauses und jene jungen Leute, welche damals in der Nähe der Mordstätte auf einem Spaziergange sich befanden, wollen in Benthien jenen Menschen erkennen, welcher am Tage des Mordes sich in der Nähe der Mordstätte umhertrieb. Gestern Vormittag wurde B. zum Zwecke der Konfrontation gefesselt in einer Droschke nach dem am Hover Wege gelegenen Familienhause des Rauhen Hauses geführt. Vom Garten desselben aus hatte man den muthmaßlichen Mörder davon eilen sehen. B. sollte nun nachdem ihm die Fesseln abgenommen waren, in der Weise laufen, wie er an dem Abend der That beobachtet war. Zunächst nahm er jedoch einen hinkenden Gang an, nach energischer Aufforderung lief er dann zwar, aber in so linkischer Art, daß man deutlich erkennen mußte, er habe die Absicht zu täuschen. B. versuchte auch sein Gesicht zu verstellen, in dem er es in Falten zog. Er wurde alsdann mehreren Männern und Knaben vorgestellt, welche ihn am Abend des 7. April in Begleitung des Knaben Steinfatt gesehen hatten, und alle erkannten ihn, ohne sich auch nur einen Augenblick zu besinnen, sogleich wieder. Nach Beendigung der Untersuchung an Ort und Stelle wurde B. wieder gefesselt in einer Droschke nach dem Gefängniß zurückgebracht. Er bestreitet in den Verhören übrigens mit großer Entschiedenheit, daß jenes in seinem Logis gefundene blutgetränkte Taschentuch sein Eigenthum sei. Dies hat ihm bis jetzt auch noch nicht nachgewiesen werden können.
Gelsenkirchen, 5. Mai. Auf den hiesigen und den meisten umliegenden Zechen haben viele Bergleute, namentlich Schlepper und Pferdelreiber die Arbeit eingestellt, weil ihnen die Lohnerhöhung nicht bewilligt worden ist. Unruhen sind auSgebrochen. Gestern Nachmittag schon retteten sich viele Bergleute, meist junge Burschen zusammen und wurden von der Polizei auscinanderge- trieben. Gegen Abend wurde der Aufruhr bedenklicher. Auf der Bahnhofstraße hatten sich viele von den genannten Bergleuten und viele Neugierige gesammelt. Die Polizei war nicht mehr im Stande, die Haufen auseinander zu treiben. Auf dieselbe wurde mit Steinen geworfen, und mancher Unschuldige ist von solchen Steinwürfen arg verletzt worden. Von einem Neubau auf der Bahnhofsstraße wurden die Ziegelsteine genommen. Die Polizei machte von Säbel und Revolver Gebrauch. Es wurde, wie man annimmt, nur mit Platzpatronen geschossen, um die Haufen zu sprengen. Von Schußverletzungen hat man nichts gehört, aber viel von Wunden in Folge von Säbelhieben. Nun wurde auch auf die Polizei geschossen. Dieselbe konnte sich nicht mehr gegen die angesammelten Haufen vertheidigen und zog sich in das Zentral-Hotel von Döbbeke zurück. Sofort wurden die Scheiben und Laternen dieses Hotels mit Steinen zertrümmert. Die Polizei hatte sich mittlerweile verstärkt und besetzte wieder die Straße. Sie stellte sich im Schatten einer Trinkhalle am Nenmarkt auf, von wo aus Angriffe auf die Hausen mit blanker Waffe und