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M 36. Samstag, den 4 Mai. 1889.
Deutsches Reich.
Berlin. (Ein Sonnen an bet er.) Bei der Vereidigung der Mannschaften der Landwehr, gelegentlich der Controlversammlung im benachbarten Schöneberg, am Montag, verweigerte ein Landwehrmann hartnäckig die Ableistung des vorgeschriebenen Eides der Treue für Kaiser Wilhelm IL, unter dem Vorgeben, er sei „Sonnenanbeter". Man nahm dem Scanne den Land- wehrpaß ab und entließ den „Sonnenbruder" einstweilen unbeeidigt.
— Die vom „Eber" und vom „Adler" geretteten Mannschaften erreichen nach einem Telegramm der „Post" in der zweiten Hälfte des Mai voraussichtlich die Hei- math.
— Nachrichten aus Samoa zufolge fall unter den am Lande befindlichen Matrosen die Ruhr ausgebrochen sein.
Kiel, 30. April. (Vom Hofe.) Prinz Heinrich hat in einem huldvollen Schreiben au den kommandirenden Admiral dem Seeosfizier-Korps eine Pathenstelle bei dem jüngst geborenen Prinzen angetragen. Vizeadmiral Frhr. v. d. Goltz sprach Namens des Offiziers-Korps den Dank desselben für die Ehre aus. Die Taufe findet am Sonntag Nachmittag 5 Uhr statt.
Hamburg, 27. April. Endlich scheint sich das Dunkel, welches bisher über dem Knaben-Mord in Horn lag, einigermaßen zu lichten. Die gegen den in Haft genommenen 23jährigen Schuhmachergesellen Benthien genannt Ahrens aus Blisdorf bei Lauenburg vorliegenden Jndicien häufen sich mehr und mehr. In dem mit ihm angestellten Verhör, welches durch die Zahl. der Zeugenvernehmungen fast drei Stunden währte, verwickelte er sich fortwährend in Widersprüche in dem Nachweise über seinen Aufenthalt am Sonntag den 7. April, sowie über die Ursache der Kratzwunden an seinen Händen und am Halse und endlich über den Verbleib eines seiner Hemden, das nach Aussage einer Zeugin erhebliche Blutflecken gehabt. Benthien legte ein Ge- ständmß ab, obgleich so viel belastendes Material gegen ihn hcrdeigeschofft ist, daß er als vollständig der grausigen That überführt erachtet werden dürfte. Beim Vorhalt der Widersprüche in den Verhören schützt B. Geistesschwäche und Gedankenlosigkeit vor.
Braunschweig, 30. April. Ein hiesiger Maler leidet an starken F e l t g e s ch w ü l st e n , welche in stetem Wachsen begriffen sind und den Kopf des Armen schon nach unten in eine riesige Fettlage gebettet haben. Die Krankheit hat für Aerzte ein ganz erhebliches Interesse, und deshalb will der Mann insofern Kapital aus seinem Leiden schlagen und gleichzeitig der Wissenschaft dienen, als er sich an deutschen und ausländischen Universitäten vorstellen will.
Dülmen. Die Wittwe Thcrese Maaß, welcher es schwer wurde, durch Handarbeit sich und ihre Kinder zu unterhalten, bat den Kaiser um Gewährung einer Nähmaschine. In diesen Tagen ist nun vom Regierungspräsidenten ein Schreiben durch die Behörde an die Wittwe Maaß gelangt, worin dieselbe davon in Kenntniß gesetzt wurde, daß der Kaiser ihre Bitte gewährt habe. Gleichzeitig traf eine schöne Maschine bester Art hier ein.
Kohlfurt, 29. April. Zwei Schulk laben im Alter von neun und zehn Jahren, welche mit Streichhölzern spielten, kamen auf den unseligen Gedanken, untereinander zu wetten, wer von ihnen die meisten Streichhölzer essen könnte. Die traurigen Folgen blieben nicht aus. Während der eine der Knaben noch gerettet worden ist, mußte der andere, der Sohn eines Bahnwärters, unter furchtbaren Schmerzen sterben.
Coburg, 29. April. Heute Vormittag ereignete sich hier ein bedauerlicher Unglücksfall. Die Frau Gräfin von Ortenburg war zwischen 10 und 11 Uhr ausgeritten, stürzte in der Nähe der Barriere zwischen Esbach und der Rosenau vom Pferde, wurde ein Stück geschleift und blieb dann bewußtlos liegen. Baron v. Werthern, welcher das allein und wild auf der Bertelsdorfer Straße dahinjagende Pferd bemerkte, schickte sofort Bediente aus, um nachzusehen, ob nicht ein Unglücksfall sich in der Nähe ereignet habe. Bald fanden sie denn auch die Frau Gräfin an der oben bezeichneten Stelle in bewußtlosem Zustande und blutüberströmt und brachten dieselbe alsbald nach Schloß Esbach. Der rasch herbei-
gcrufeue Arzt konstatirte außer einigen Kopfwunden einen doppelten Armbruch.
Köln. (Ein betrogener Betrüger.) Ein Beamter hatte bei Gelegenheit seines Dienst-Jubiläums von seinen Kollegen eine prachtvolle goldene Uhr zum Geschenk erhalten. Eines Tages kam ihm im Gedränge die Uhr abhanden; ob er dieselbe verloren oder ob diebische Hände ihm den Werthgegenstand geraubt hätten, konnte er nicht angeben. Eine Annonce in der Zeitung, in welcher er dem ehrlichen Finder 20 Mk. Belohnung versprach, blieb ohne Erfolg. Da klagte er einem Freunde seinen Verlust, und dieser versprach zu helfen. Anderen Tages erschien in verschiedenen Zeitungen folgende Anzeige: „300 Mark Belohnung erhält derjenige, welcher meine goldene Remontoir-Uhr gefunden hat; dieselbe hat nur für mich als theures Familienandenken diesen hohen Werth." Unterzeichnet waren die Inserate mit dem Namen und dem Wohnorte des Freundes. Schon am anderen Morgen erhält derselbe den Besuch eines Mannes. „Sie haben auf die Rückerstattung Ihrer Uhr 300 Mk. Belohnung gesetzt?" „Jawohl," erklärt der Freund, „und es kommt mir auf ein Goldstück auch nicht an; denn ich lege auf die Wiedererlangung des theuren Andenkens großen Werth." „Ich habe die Uhr gefunden, hier ist sie," entgegnete der Fremde. Der andere nimmt die Uhr in Empfang und spricht nach kurzem Anschauen mit enttäuschter Mine: „Wie schade, das ist nicht meine Uhr, die gehört meinem Freunde in der W.-Straße, der auf deren Rückgabe eine Belohnung von 20 Mk. ausgesetzt hat, dieselben können Sie sofort von mir in Empfang nehmen; im übrigen mache ich Sie darauf aufmerksam, daß das Strafgesetzbuch den Funddiebstahl ebenso bestraft, wie den gemeinen Diebstahl." Als der Fremde das Strafgesetzbuch erwähnen hörte, nimmt er flugs die 20 Mk. und verduftet. „Sie sind ja so glücklich im Finden," ruft ihm der Freund die Treppe hinunter nach, „nun suchen Sie auch meine Uhr, und die 300 Mark sollen Ihnen nicht fehlen!" So gelangte der Verlierer wieder zu seinem Eigenthum.
München, 30. April. Gestern Abend bemerkte Prinz Ludwig Ferdinand bei seinem Spaziergange im Nymphen- burger Schloßgarten eine alte Frau im Kanal mit dem Tode des Ertrinkens ringen. Der Prinz sprang sofort hinzu, zog die schon halb erstarrte Frau mit vieler Mühe aus dein Wasser und führte sie, wie die „N. N." erzählen, in das Schloß, wo sie mit Speise und Trank gestärkt wurde. Der Prinz ließ die Frau dann in das Josesspital fahren. Möge die menschenfreundliche That dem hochherzigen Prinzen Glück und Segen bringen!
München, 29. April. Für die Festbauteu zum VII. deutschen Turnfest, welche von den Architekten Linke, Littmann und Elfte ausgeführt werden, ist nunmehr die Summe von 99,000 Mark ausgesetzt worden. Dazu gehören die Halle (4200 Quadratmeter Grundfläche), vier Wirthsbuden, der Haupteingang und zwei Neben- eingänge; bis zum 22. Juni ist Alles fertig zu stellen. Ferner sind zu errichten: drei Dienstgcbäude, Tribünen, Musik- und Tanzpodien, Leitungen für Wasser, Gas, elektrisches Licht und Telephon für die Summe von etwa 50,000 Mark, so daß mit einem Reservefonds von 7000 Mark dem Bau-Ausschuß eine Summe von 157,000 Mark bewilligt werden mußte.
Augsburg, 1. Mai. Baierische Pioniere werden im Verein mit preußischen und badischen in der Zeit vom 3. bis 14. August größere Pontonierübungen auf dem Rhein zwischen Philippsburg, Germesheim, Mannheim und Ludwigshafen ausführen.
Tages-Ereiflnisse.
Schlächtern. Zur Kurzsichtigkeit der Schuljugend, welche immer mehr zunimmt, macht Professor Dr. Förster, Direktor der königl. Augenklinik in Breslan, laut „Lehrer-Zeitung für Thüringen und Mitteldeutschland," darauf aufmerksam, daß Augenleiden von Schülern und Schülerinnen nicht selten durch daS Tragen zu enger Halskragen hervorgerufen werden. In nicht weniger als 300 beobachteten Fällen handelt es sich um ein chronisches, durch Störung des Blutumlaufes veranlaßtes Leiden.
— Herr Oberförster C o e st c r zu Niederkalbach hat am 20, d. Mts. früh im Reviertheil Oberkaldach einen
prachtvollen Auerhahn im Gewichte von 9 Pfund erlegt.
— In der jetzigen Jahreszeit ist es wohl angebracht, die Landwirthe auf die Versicherung ihrer Frucht gegen Hagelschaden aufmerksam zu machen.
— (Jagdkalender.) Im Monat Mai dürfen nur Rehböcke, Auer-, Birk und Fasanenhähne geschossen werden; alles übrige Wild hat Schonzeit.
— Zu der 28. allgemeinen deutschen Lehrerversammlung, welche vom 10. bis 13. Juni in Augsburg statt- findet, haben die bayrischen Eisenbahnen dieVerlängerung der Gültigkeitsdauer der vom 9. Juni ab gelösten Rückfahrtskarten bis einschließlich 17. Juni genehmigt.
— Volksschullehrer, welche außerhalb Preußens die erste Lehrerprüfung bestanden haben, jetzt aber im preußischen Staatsdienst stehen, sind nach einer an sämmtliche Provinzialschulkollegien ergangeneu Verfügung des Kultusministers zur zweiten Prüfung zuzulassen, andere derartige Lehrer sind, wenn nicht besondere Gründe für sie sprechen, bei einer Bewerbung um Zulassung zur zweiten Prüfung abzuweisen.
— Zur Warnung. Zahlreichen deutschen jungen Mädchen werden oft unter den günstigen Bedingungen Stellungen als Lehrerinnen, Erzieherinnen, Gesellschafterinnen, Gehilfinnen für Läden u. s. w. in Londoner Häusern angeboten; treffen sie aber in London ein, so sehen sie sich sehr häufig in ihren Erwartungen getäuscht und verfallen der Noth und oft noch schlimmeren Verhältnissen. Es ist daher allen diesen jungen Mädchen auf das Dringenste anzurathen, daß, bevor sie sich nach London begeben, sie sich brieflich an The National Vigilance Society 276, Strand London W. C. wenden. Diese Gesellschaft zieht ganz unentgeltlich Erkundigungen über die betreffenden Häuser und Stellungen ein und beantwortet alle diese Anfragen kostenlos. Die von dem König der Belgier in London gegründete belgische Unterstützungsgesellschaft empfiehlt die genannte, nur im humanen Interesse gestiftete Gesellschaft als sehr zuverlässig.
Homburg v. d. H., 28. April. In voriger Nacht wurde hier an nicht weniger als drei Stellen eingebrochen, bet zwei Metzgermeister ohne Erfolg, da die Hausherrn wach wurden. Beim Krämer Ruppel jedoch wurde Goldschmuck in bedeutendem Werthe und außerdem noch Geld im Betrage von 300 Mark gestohlen.
Witzenhausen, 29. April. Bei einer Hochzeit in Werleshausen, wobei zur Feier geschossen wurde, entlud sich, als eben die Hochzeitsgäste zum Zug nach der Kirche sich ordneten, einem jungen Mann der zu allem Unglück auch noch scharf geladene Revolver und der Schuß drang einem 21jährigen blühenden Mädchen durch das Gesicht nach dem Halse zu. Das Mädchen dürfte, wenn es mit dem Leben davonkommt, auf immer ein entstellendes Merkmal davontragen.
Kassel, 30. April. Der Kaiser kommt. Wie wir hören, wird der Kaiser unsrer Stadt in diesem Sommer einen Besuch abstatten, einmal um die während der Sommermonate hier stattfindende Ausstellung in Augenschein zu nehmen, dann aber auch, um wieder einmal an dem Orte zu verweilen, mit welchem unsern Kaiser die schönen Erinnerungen der hier verlebten Schulzeit innig und unauslöschlich verbinden. Nach vorläufigen Dispositionen ist, wie wir hören, der 15. Ju li als Tag der Ankunft des hohen Gastes hier in Aussicht genommen. Die Stadt wird die großartigsten Vorbereitungen zum würdigen und glänzenden Empfang des jungen kaiserlichen Herrn zu treffen haben. Daß Prinz Heinrich, der Protektor der Ausstellung hierher kommen wird, ist bereits gemeldet, man darf mit einiger Bestimmtheit erwarten, daß der hohe Protektor bei der Eröffnung der Ausstellung zugegen sein wird und daß es uns auch vielleicht vergönnt sein wird, die Gemahlin des Prinzen bei diesem Besuch kennen zu lernen.
Cassel. (Wegen Kindesmords verhaftet.) Gestern wurde bei einer vor dem Weserthore wohnenden Familie das Dienstmädchen unter dem Verdachte des Kindesmordes verhaftet. Die Leiche des Neugeborenen wurde in einem Kleiderschränke, wo sie seit mehreren Tagen versteckt war, aufgefunden.
— Ein Schaflamm mit zwei Köpfen kam in vergangener Nacht in dem Schafstalle des Oekonomen