Das Heil kommt von den Juden.
AuS einer Rede bet Herrn E. Wagner, Pastor der deutschen evang. Gemeinde in Sydenham, gehalten in der Frieden-kirche zu Barmen.
(Schluß.)
Und noch jetzt besteht des Heilands Wort in Kraft: im letzten Grunde sind die Juden die Heils-Vermittler der Welt geblieben. Woher nehmen denn die Deutschen, Engländer und Amerikaner und andere Völker die Mittel zur Mission und Evangelisation? Vermögen sie aus Eigenein zu schöpfen? Meine Lieben, ihr wißt: es ist das von den Juden empfangene Gottes-Wort, das sie verkündigen; es ist die von den Juden verfaßte Bibel, die sie übersetzen und verbreiten; es ist das von Juden > überkommene Lebensbild Jesu, das sie der Welt vor •/ Augen malen. Ein Paulus und Petrus, ein Jakobus und Johannes, die Völker-Apostel aus Israel sind es, die auch inmitten der Christenheit noch heute ihres Zeugenamtes warten; sie gehen Hand in Hand durch die Gemeinden, sie stehen abwechselnd auf der Kanzel, sie rufen die Sünder zur Buße; ihre Segenswünsche grüßen unS bei unserem Gottesdienste, ihre Trostworte erquicken uns an unseren Gräbern, ihre Mahnungen begleiten unseren Pilgerlauf von Jahr zu Jahr, von Sonntag zu Sonntag. Was auch die Chaldäer und Phönizier, die Griechen und Römer an Kunst und Wissenschaft der Welt zu Nutz hervorgebracht haben — durch Israel haben wir mehr empfangen, ewige unvergängliche Güter des Heils und der Seligkeit, darum sind wir ihm auch zu größerem Dank verpflichtet.--Unsere GesammtsteUluig zu den Juden muß — in theoretischer und praktischer Hinsicht — einer Revision unterzogen werden. Beim Jugendunterricht muß die Kirche ihre Stellung zu den Juden nach diesem Grundsatz einer Prüfung unterziehen. Es ist Thatsache, daß die Abneigung gegen Israel in unserer Zeit vielfach aus der Schule und aus dem Confirmanöenunterricht stammt. Es kommt ja viel darauf an, wie wir die Geschichte ' Israels lehren; die Jugend ergreift stets Partei: je nachdem was sie hört, liebt sie entweder ein Volk oder sie haßt es, und diese ersten Eindrücke bleiben oft fürs Leben. Lehret das alte Testament und leget beständig den Finger auf die Abtrünnigkeit und den Ungehorsam Israels, sowie auf die Drohungen und Gerichte Gottes — andere Empfindungen werdet ihr gegen dies Volk erwecken, als wenn ihr vielmehr hervorhebt, wie sich Gottes Gnade und Liebe nicht umsonst offenbart an Israel, wie sich selbst in ben dunklen Zeiten stets ein „heiliger Same" (Jes. 6, 13) erhalten, ein Elias mit 7000 „übriggebliebenen" Gottesanbetern in den Tagen des Ahad u. s. w. Und wenn Du zur Geschichte des Neuen Bundes kommst — wie viel hängt davon ab, wie Du sie selbst betrachtest! Sagst Du so: „Wer hat Jesum verfolgt? — Die Juden. Wer hat ihn verworfen? — Die Juden. Wer hat ihn an's Kreuz gebracht? — Die Juden." Oder suchst Du vielmehr darauf hinzuweisen, wie so mancher Jsraelit ohne Falsch den Heiland erwartete und willkommen hieß, wie die Jünger um seinetwillen Alles verließen, ihm nachfolgten und im Missionsdienst an der Völkerwelt bereitwillig ihr Leben in die Schanze schlugen? Ja, meine Lieben, erweitern wir dem Heranwachsenden Geschlecht von vorn herein den Blick zum Verständniß der Geschichte Israels, zeigen wir, wie auch in Israels Unglauben und in der Kreuzigung Jesu Gottes Hand die leitende war, — dann werden auch unsere Kinder, anstatt die Juden als ! Mörder des Heilandes anzuklagen, an die eigene Brust schlagen und bekennen lernen: „Das Heil kommt von den Juden!"
Deutsches Reich.
' Berlin. Zum Polizeidienst in Potsdam während des NesidirenS des Kaiserpaares daselbst werden auch in diesem Jahre, sobald der kaiserliche Hofstaat dorthin verlegt ist, 20 Berliner Schutzleute abcommandirt werden. Im vorigen Jahr waren während des ganzen Sommers hiesige Schutzleute dort stationirt. Die zu diesem Dienst Abcommandirten erhalten pro Mann und Tag "»c Zulage von 4 Mark. Die Mehrzahl derselben tont verheirathet und hatte in dieser Zeit natürlich auch Berlin ihren Hausstand zu erhalten; die Betreffenden hatten sich deshalb diesmal an den Polizeipräsidenten
Herrn von Richthofen mit der Bitte gewandt, die erwähnte Extrazulage für ihren Aufenthalt in Potsdam erhöhen zu wollen, da sie mit 4 Mark mehr pro Tag nicht ausreichten, weil sie in Potsdam wie hier Miethe zahlen und gleichzeitig an beiden Orten gewissermaßen einen Haushalt haben müßten. Herr von Richthofen hat indessen diesem Gesuch nicht stattgegeben, sondern diesmal statt der verheiratheten unverheirathete Schutzleute für den Potsdamer Dienst ausgewühlt. Dieselben werden zumeist für den Dienst in den Königl. Gärten verwendet und stehen während ihres Aufenthalts in Potsdam unter dem Befehl des dortigen Polizeipräsidenten.
— Deutsche Künstler wollen die Pariser Welt-Ausstellung, welche zur Feier der französischen Revolution demnächst wird eröffnet werden, beschicken. Ueber hundert deutsche Maler und Bildhauer wollen sich an dieser Beschickung betheiligen. „Die Kunst geht nach Brod"; da muß die Rücksicht auf Vaterland und Königthum schweigen. Edel ist das gerade nicht, aber praktisch.
Berlin, 24. April. Ein Kanarienvogel als Lebensretter. Ein altes Mütterchen, welches in der Barnim- straße eine kleine Wohnung auf dem Hofe hoch oben im vierten Stock inne hatte, kletterte kurz vor Ostern wie immer mühsam ihre vier Treppen hinauf, um sich nach des Tages Last und Mühe die wohlverdiente Ruhe zu gönnen. Die Alte ist Kleiderausbesserin und hat außer einem Sohn Niemanden mehr auf der Welt, der ihr nahe steht. Dieser Sohn aber ist Matrose bei der Handelsmarine und hat kürzlich geschrieben, daß er sein Mütterchen zum Osterfeste besuchen werde. In ihrer Einsamkeit theilt nun die Matrone ihrem geliebten Piepmatz, der in einer Ecke auf einem alten, wackeligen Tisch steht, ihre Freude mit, sie erzählt dem Vogel von dem fernen Sohne, den sie endlich nach so langer Abwesenheit wieder in die Arme schließen soll, und wie er geschrieben hat, daß er ein schönes Stück Geld mit- bringe, und Aehnlichcs mehr. Dann legte sich die glückliche Mutter auf ihr einfaches Lager, welches mit dem Kopf an den Tisch grenzte, auf dem das Bauer mit dem Kanarienvogel steht, und vergißt in ihrer Freude ganz und gar die Lampe auszulöschen. Von schweren Träumen geängstigt, wälzt sich die alte Frau unruhig in ihrem Bette. Plötzlich aber hört sie ein ängstliches Gezirpe; halb wachend, halb träumend, sieht sie schwarze Wolken das kleine Gemach durchziehen. Nur noch mühsam athmend, liegt die Aermste da und kann sich nicht erheben. Das Gezirpe artet jetzt zu einem eigenthümlichen Schreien aus, und durch diese seltsamen jammernden Töne erlangte die Frau noch im letzten Augenblicke ihr Bewußtsein. Erstaunt blickt sie umher und sieht durch eine qualmende Masse eine dunkelrothe Flamme emporglühen Hub hört das ängstliche Kreischen uud Flattern ihres Vogels. Es war die Lampe, welche durch irgend einen Zufall qualmte und dem Explodiren nahe war. Mit Aufbietung ihrer ganzen Kräfte schleppte sich nun die schon halb erstickte und bewußtlose Alte an das Fenster, riß dieses mit schnellem Ruck auf und sog die frische Nachtluft mit Begierde ein. Dann sprang das Mütterchen, so schnell sie ihre alten Beine tragen konnten, zur Lamp-, faßte dieselbe und warf sie in ihrer Angst hinab in den Hof, woselbst die Leuchte zerschellte und verlöschte. Der Piepmatz aber war bei Zuströmung der frischen Luft wieder ruhig geworden, und jetzt erst sah das Mütterchen, daß sie ihre Rettung nur dem Vogel zu danken hatte, welcher sie durch sein ängstliches Geschrei aus ihrer halben Betäubung riß.
— Wegen Thierquälerei wurde der Kutscher G. vom Kgl. Amtsgericht I hierselbst zu 4 Wochen Haft vcr- urtheilt. Derselbe hatte sein Pferd, welches, einen mit Steinen schwer beladenen Wagen ziehend, vor Mattigkeit in der Breslauerstraße umgefallen war, derartig mit Peitschenstiel und Fäusten bearbeitet, daß Vorübergehende sich für das gequälte Thier ins Mittel legten und den rohen Menschen einem Schutzmann Übergaben.
— Zur Warnung für Damen. Auf ganz eigenthümliche Weise zu Schaden gekommen ist gestern die Gattin des in der Fürbringerstraße wohnenden Xylographen Sch. Dieselbe stieß, indem sie auf dem Sopha sitzend beim fröhlichen Lachen den Kopf nach sinken warf, so unglücklich gegen die Lehne des Sophas, daß sie sofort mit einem lauten Aufschrei ohnmächtig
zusammenbrach: sie hatte sich eine Haarnadel tief in den Schädel getrieben. Der herbeigerufene Arzt erklärte die Verwundung für so bedenklich, daß er die Ueber- führung der Verunglückten nach dem katholischen Krankenhause anordnete, wo sie jetzt schwerkrank darniederliegt. Der Fall verdient um so mehr mitgetheilt zu werden, als er unsere Frauenwelt dringend zu der immerhin so nothwendigen Vorsicht bei dem Gebrauch der Haarnadeln mahnt.
Aus Niederschlesien, 25. April. (Frühjahrs-Gewitter.) Sowohl der ^prottauer wie der benachbarte Saganer Kreis sind gestern Abend von einem folgenschweren Unwetter heimgesucht worden. Starke Gewitter, verbunden mit wolkenbruchartigen Regengüssen, haben zum Theil erhebliche Verheerungen angerichtet. Der in Sprottau kurz vor 8 Uhr in der Richtung von Sagan eintreffende Personenzug mußte vor Buchwald nahezu dreiviertel Stunden auf offener Strecke liegen bleiben, weil der Bahndamm von den herniederströmenden Wassern ernstlich bedroht, an einigen Stellen sogar unterspült wurde. Der von seiner serienreife von der Station Mallinitz (Strecke Liegnitz - Sagan) nach Dober heimkehrende junge Lehrer Glöscht wurde vom Blitz erschlagen. Dasselbe Verhängniß traf eine Dienstmagd in der im Saganer Kreise gelegenen Ortschaft Küpper. Ein anderer Blitzstrahl fuhr in den Viehstoll des Mühlenbesitzers Klaute in Langheinersdorf im Kreise Sprottau und tödtete vier werthvolle Kühe. Die starke Erleuchtung des Horizontes an einigen Stellen ließ auch auf den Ausbruch mehrfacher Feuersbrünste schließen und stellenweise sollen die Saatfelder durch den nieber» strömenden Regen außerordentlich gelitten haben, theil- weise sogar vollständig vernichtet worden sein.
Meiningen, 24. April. Eine bemerkenswerthe Ansprache hat der herzogliche Landrath Z i ll er des hiesigen Kreises an die Viehversicherungsvereine im Regierungsblatt veröffentlicht. Sie lautet: „Die Zahl der Viehversicherungsvereine hat sich in neuerer Zeit erheblich gemehrt, seit 1883 hat sich die Zahl verdoppelt, immerhin steht die Vermehrung noch nicht im richtigen Verhältniß zur Größe des Bedürfnisses. Es darf nicht verschwiegen werden, daß zahlreiche Bauern unseres Kreises sich in einer ungesunden Abhängigkeit von den Viehhändlern befinden. Steht aber das Vieh des Land- wirths im Eigenthum des Händlers, kann dieser bestimmen, wann und wie er es wegnehmen und durch anderes ersetzen will, dann arbeitet der Landwirth im Wesentlichen nur für den Händler, selten ist es ihm möglich, aus diesem Abhängigkeitsverhällniß wieder her- auszukommen, es ist eben ein solcher höchst trauriger Zustand der Anfang vom baldigen Ende. Nun ist es ja sehr gebräuchlich, über den Viehwucher zu räsonniren, viel nützlicher wäre es jedoch, die Schuld nicht bloß bei den Händlern zu suchen, sondern auch zu erwägen, was Seitens der Landwirthe zur Abhülfe dieses für unseren Bauernstand ganz unwürdigen Zustands zu geschehen hat. Vieles kann hier geschehen, ganz vornehmlich wird aber jene Abhängigkeit hervorgerufen durch Viehverluste, zu deren Ersatz das bäuerliche Betriebskapital nicht aus- reicht. Insoweit sind es in erster Linie die Viehver- sicherungSvereine, von welchen Abhülfe zu erhoffen ist. Für jeden Ort müßte ein solcher bestehen; in ähnlicher Weise, wie jetzt die Feuerversicherung, müßte auch die Viehversicherung verbreitet sein. Ich bitte daher Alle, welche es mit der Förderung des Bauernstandes wohl meinen und dies zu bethätigen geneigt sind, insbesondere auch die Herren Schultheißen, Geistlichen und Lehrer, ganz vornehmlich zur Gründung und Ausbreitung von Viehversicherungsvereinen mitzuwirken und dabei den Vorurtheilen entgegenzutreten, welche noch vielfach gegen dieselben verbreitet sind und verbreitet werden. Daß, wie jedes au sich zweckmäßige Unternehmen, auch ein Viehversicherungsverein schlecht eiugerichtet und verwaltet werden kann, das ist ja ganz sicher, und aus den Vorjahren lassen sich auch im hiesigen Kreis dafür Belege beibringen; den Biehversicherungsvereinen aber anzu- dichten, daß sie die Landwirthe nothwendiger Weise zur nachlässigen Behandlung ihres Viehs verleiteten, daß sie krankes Vieh in das Dorf brächten rc., das sind ganz abgeschmackte, durch die allgemeine Erfahrung längst widerlegte Vorwürfe, gerade das Gegentheil ist nach diesen Richtungen der Fall.