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33.

Ein Vor mundschafts-Termin.

Bon Arnold Winkel.

Aus meiner ersten Referendar-Thätigkeit am Amts­gericht zu S. bewahre ich eine heitere Erinnerung; ich kann sie jetzt wohl zum Besten geben, da über die Ge­schichte längst Gras gewachsen ist.

Also: Sitze ich da an einem herrlichen Frühlings- morgen mit meinem Kollegen Pergel im Amtszimmer und beschäftigen wir uns theils mit einem gewaltigen Aktenstoß, deradverfügt" werden muß, theils mit unseren Erlebnissen des letzten Abends.

Es ist erst halb zehn Uhr, und vor elf pflegt unser gestrenger Herr Amtsrichter und Obervormund nicht zu kommen, also vorläufig noch Zeit genug zum Plaudern.

Ein Aktenstück nach dem andern geht durch meine Hand:Aufforderung an den Vormund zur Erledigung der Verfügung vom 3. 2. cr.Excitetur Pfleger bei Vermeidung einer Ordnungsstrafe von 5 Mark, Frist 14 Tage, 2) nach 3 Wochen."

Pro notitia: Anna Elisabeth Grever ist großjährig. Verf.: Zu laden auf den 14. April 1880 Vm. 10 Uhr zwecks Bekanntmachung mit ihren Vermögensverhältnissen vor Herrn Referendar Winkel.

Du Pergel, ist heute der vierzehnte?"

Jawohl!"

Da habe ich ja sogleich Termin!"

Pechvogel! ich verfüge meine Sachen ab und verfüge mich selbst zum Frühschoppen.

(Es klopft.) Schnell setze ich meine finsterste Amts- miene auf und rufe:Herein!"

Zwei hübsche junge Damen, eine brünette und eine blonde, treten ein. Sie blicken zuerst ängstlich umher; alS sie uns allein sehen, werde» sie muthiger und werfen uns schelmische Blicke zu. Pergel macht eine Verbeugung über die andere; dann ergreift er aus Versehen das Tintenfaß statt des Sandfasses und schüttet den schwarzen Inhalt über das sauber geführte Aktenstück des so pedantisch strengen und correc:en Herrn Amtsrichters und Obervormunds. DieMädcheu kichern; Pergel brummt nach Möglichkeit in seinen Bart, und ich schreibe, tief über meine Akten gebeugt, weiter, um das Lachen zu unterdrücken.

Wiederholtes Kichern. Ich thue, als hätte ich die Eintretenden jetzt erst bemerkt.

Sie wünschen?"

Ich bin vorgeladen."

Aha, Sie sind die unverehelichte Anna Elisabeth Grever, geboren am 14. April 1859 zu Hamm, Tochter des verstorbenen Oberbergraths Carl Grever uno seiner jetzt zu St. wohnenden Ehefrau Amalie, geb. v. Orth, evangelisch?"

Das bin ich," erwiderte die Blonde.

Und was wünschen Sie?" frage ich die Brünette.

Ich ach ich meine Freundin wünschte meine Begleitung."

Kollege Pergel hat sich inzwischen von dem ersten Schrecken über das besudelte Aktenstück erholt und beeilt sich, die auf den Boden fließende Tinte mit dem Sand- faß aufzufangen.

Darob allgemeines Schütteln des Kopfes, Feder- gekritzel. Er dreht sich ärgerlich um und schreibt weiter.

Ich schreite zur Verlesung des langen Inventars. Da plötzlich nein, das ist doch zum fängt auf dem Marktplatze, gerade vor unserem Amtsgebäude, eine fahrende Musikkapelle an zu spielen. Ich beeile mich, das Fenster zu schließen. Von unten schaut mich ein silberbetreßter Trompeter erstaunt an, als ob er sagen wollte:Thue nur nicht so dickmäusig, Du machst das Fenster schon wieder auf!"

. Ich fahre fort!Ferner steht zu Ihren Gunsten im Grundbuche von"

Die Musik klingt noch immer deutlich herauf; ich merke, die jungen Mädchen hören mehr auf die Klänge der Musik als auf die Inventarverlesung.

Pergel wird munter und pfeift leise den hübschen Walzer mit. Er wiegt sich hin und her, ich mache eine Pause und fahre taklinäßig mit dem linken Fuße über den Boden. Die Mädels kichern und wissen sich vor Verlegenheit kaum mehr zu fassen.

Du Winkel, der Piätor kommt noch nicht," sage ich leise zum Kollegen.

I, bewahre. Ist der Sekretär nebenan?"

Mittwoch, den 24. April.

1889.

Nein, der summt überhaupt nicht, der hat heute Kindtaufe."

Pergel wird kühn:Meine Damen, gestatten Sie, daß ich mich Dorfteile, Referendar Pergel, dies mein Kollege Winkel; gestatten Sie, gnädiges Fräulein Grever, daß ich Ihnen meine verbindlichsten Glückwünsche zu Füßen lege."

Feuerröthe steigt den jungen Damen ins Gesicht. Solche Behandlung hatten sie vor Gericht nicht erwartet. Nun werden sie muthiger und stellen sich ebenfalls vor als Anna Elisabeth Grever, heute großjährig, und Mariechen Krüger, noch minderjährig, Vormundschafts- akten K 193.

Zunächst allgemeine Phrasen: schönes Frühlingswetter, kalter Winter vorbei, im letzten Winter viele Gesell­schaften, Kasinoball!

Von unten wird uns die überraschende Mittheilung, daß der Mann mit den Coaks da ist. Ich bekomme eine Idee KasinoballMutter der Referendar ist da!"

Tanzen ja, meine Damen, das ist ein brillantes Institut, tanzen Sie auch so gern?"

Was da noch weiter an vorbereitenden Phrasen ge­wechselt worden ist, weiß ich nicht mehr. Aber im nächsten Augenblick waren beide Fenster weit aufgerissen, der silberbetreßte Trompeter schmettert höhnisch seine Weisen zu uns empor. Pergel umfaßt das hübsche Mariechen, ich als stellvertretender Obervormund hole mein Mündelzwecks Bekanntmachung mit ihren Ver- mögensverhältnissen" beim Tanzen, und vorwärts gehls im lustigen Dreivierteltakt um den großen Amts­tisch herum.

Die Aktenstücke fliegen umher und immer weiter und weiter! Die Musik hört auf und will fortziehen. Ich aber wie der Blitz aus Fenster, meinem Trompeterlein ein blankes Zweimarkstück zugeworfen, und nun jubeln uns die freudig gestimmten Musikanten mit ihren nicht erfreulich gestimmten Instrumenten den herrlichen Donau­walzer zu, dann einen flotten Galopp. Wir durchsausen die Amtsstube, daß der alte Vater Suarcz, dessen gegipste Büste unser Zimmer ziert, vor Schrecken ob laesam majestatem sanctae matris Juslitiae fast von der Wand fällt. Dann wieder ein Walzer, und plötzlich wird die Thüre geöffnet, und hinein mit bedächtigem Schritt der Herr Amtsrichter und Obervormund tritt.

Ich schnappe nach Luft und falle beinahe in Ohnmacht. Fräulein Grever wünscht in den Boden zu versinken. Pergel sieht in seinem Eifer den Gestrengen zuerst gar nicht und tanzt ihn fast in Grund und Boden. Fräulein Krüger hegt ähnliche Wunsche wie ihre Freundin.

Wer sind die Damen?" fragt mit ernster Amtsmiene der gestrenge Amtsrichter.

Ich raffe mich auf:Herr Amtsrichter verzeihen, die Frühlingsluft--"

Was wünschen Sie hier?" fährt er die erschrockenen Damen an.

Ich bin vorgeladen!"

Ich bemerke, wie der Herr Amtsrichter sich bemüht, sein Lächeln zu verbergen.Waaaa---s?"

Ich springe dem armen, verlegenen Mädchen bei: Die unverehelichte Anna Elisabeth Grever, geboren am 14. April 1859 zu Hamm, Tochter des verstorbenen Oberbergraths Carl Grever und seiner jetzt zu St. wohnenden Ehefrau Amalie, geborene von Orth, vor­geladen zwecks Bekanntmachung mit ihren Vermögeus- verhältnissen, ist heute großjährig."

Ist der Termin erledigt?"

Jawohl, Herr Amtsrichter!"

Sie können gehen!" sagt er zu den Damen.

Leise und verlegen entfernen diese sich mit Thränen in den Augen. An der Thüre treffen uns beiden Unglücksraben noch so vorwurfsvolle und zugleich flehende Blicke aus vier dunklen Augen, daß ich für meinen Theil ein Gefühl halte, als wäre ich eines dreifachen Raubmordes angeklagt.

Kaum hat sich die Thür geschlossen, so wendet sich der Amtsrichter zu uns:

Für heute sind Sie entlassen, das Weitere wird sich sinden, ich werde gleich dem Herrn Präsidenten berichten."

Herr Amtsrichter, wenn ich mir gehorsamst gestatten darf

Eine ziemlich unzweideutige Bewegung mit der Hand wir nehmen resignirt unsern Hut und entfernen uns.

Du, Winkel, mit unserer juristischen Laufbahn ist es jetzt ex 1

Ja, das soll wohl sein, ich gehe über's Wasser." Den Rest des Tages bringen wir auf meiner Bude zu und entwerfen Zukunftspläne. Ich überlege, was wohl die Carriere eineswarmen Wursthändlers" ein- bringt, während Pergel sich für einenechten Bierlokal­inhaber" wie geschaffen fühlt. Endlich setzt er sich ans Klavier, spielt zuerst den Chopin'schen Trauermarsch, dann die Moudscheinsonate, schließlich kommt er zum Coaksmann, und dann erbraust in mächtigen Klängen das schöne Lied:Weg mit den Grillen und Sorgen." Unwillkürlich summe ich zuerst mit, dann aber erschallt aus unserer vollen Brust das herrliche Lied:

Drängt euch ein Wölkchen von Sorgen, Scheucht es durch Hoffnung bis morgen, Hoffnung macht Alles uns leicht!

Hoffnung, Du sollst uns im Leben

Lieblich und tröstend umschweben.

Und wenn Freund Hein uns beschleicht,

Mache den Abschied uns leicht!"

Dann noch die alte Burschenherrlichkeit und der Rodensteiner, und bald ist unser Kummer fortgesungen.

Da öffnet sich die Thüre und auf der Schwelle er­scheint der Herr Amtsrichter und Obervormund. Ein schriller Akkord--

Nun, die Herren scheinen doch sehr sorglos zu sein, ich hörte auf der Straße den kräftigen Kommersgesang und wollte doch 'mal zusehen, wer denn von Ihnen so viel Ursache hat, lustig zu sein!"

Herr Amtsrichter, wir wissen ja, was uns bevorsteht, und haben uns in unsere Lage schon gefunden."

Ei, das ging aber schnell! und die Eltern, die keine Mühen und Kosten gescheut haben und so große Hoff­nungen auf ihre Herren Söhne setzen?"--

Der Amtsrichter sah uns erbleichen; die Eltern! An die hatten wir noch gar nicht gedacht!

Nun, meine Herren! ich habe für diesmal noch von einer Berichterstattung abgesehen. Einmal in Rücksicht auf Ihre Eltern und dann auch, um die unbesonnenen jungen Damen nicht bloßzustellen. In Zukunft muß ich mir solche Narrheiten aber denn doch verbitten!"

Pergel und ich werden abwechselnd blaß und roth. Ein aufjauchzender Schrei entringt sich unserer gequälten Brust. Wir erfassen die Hände unseres Gestrengen und überschütten ihn mit überschwänglichen Dankesworten.

Na, na, schon gut, bin ja auch jung gewesen, aber der Mutter des Fräulein Grever sowie dem Major Krüger mußte ich doch Mittheilung machen, damit sie ihre Töchter besser hüten. Machen Sie bei den Familien Besuch und entschuldigen Sie sich!"

Die Besuche wurden gemacht, die Eltern waren auch nicht unerbittlich, und so kam die Versöhnung bald zu Stande, die auf dem nächsten Kasinoball mit einem Paar Flaschen Sekt, die Papa Krüger springen ließ, gefeiert wurde.----

Und darauf, so denkt vielleicht dieser oder jener unser Leser Verlobung zweier Paare Hochzeit u. s. w.

Mit nichte».

Unsere beiden Tänzerinnen wurden an andere, minder leichtfertige Männer, als wir Beide es einst gewesen, verheiralhet. Aber wir pflegen mit denselben freund­schaftlichen Verkehr. Kollege Pergel ist Rechtsanwalt in D., ich wurde Amtsrichter in K. und spiele dort den Obervormund. So oft wir Beide mit den Damen zusammenkommen, sprechen wir von dem Ball im Amts­gerichte und amüsiern uns köstlich bei dieser Jugend- crimicrnng._________________________________(D. Leseh.)

Deutsches Reichs

Berlin, 16. April. Von Ostern ab werden eine größere Anzahl von nicht deutsch sprechenden Lehrern m Bezirk Lothringen in den Ruhestand versetzt. Man geht dabei von dem gewiß berechtigten Grundsätze aus, ) ein Lehrer, der in 18 Jahren nicht Deutsch gelernt ;at, entweder geistig unfähig oder aber böswillig gesinnt st und daher im Interesse des Dienstes beseitigt zu werden verdient. Die dadurch frei werdenden Stellen werden durch einheimische Lehrer aus dem deutschen Sprachgebiet besetzt, welche beider Sprachen mächtig sind. Deren Stellen hingegen werden durch Seminar»