Erscheint Mittwochs und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
Frühlingslieder schallen
Heut' in Wald und Feld. Osterglocken hallen
Durch die Christenwelt.
Lust nur herrscht und Freude
Rings auf weiter Flur, Und im Feierkleide Pranget die Natur.
Komm! o Christ, begleite
Mich aus Grabesnacht
In den Tempel heute,
Den kein Mensch gemacht!
Sieh' in Andacht weilen
Dort der Geister Chor, Wo des Domes Säulen
Streben rings empor.
Wie die Lerche droben, Die in Lüften schwebt, Lass den Herrn uns loben!
„Dein Erlöser lebt!"
Wie aus Wintersbanden
Die Natur befreit, Ist er auferstanden.
Jub'le, Christenheit!
Der zum Trost der Sünder
Heut' entstieg dem Grab, Todes üb erwinder!
Sieh' auf uns herab!
Heile alle Schmerzen,
Mach' vom Gram uns frei, Daß in Aller Herzen
Heute Ostern sei!
Fritz Becker in Thalhof.
AuS Apia, 26. Februar liegt ein Brief vor. den ein Matrose des deutschen Geschwaders an seine Familien- angehörigen gerichtet hat. Es ist der Letzte, der vor der fürchterlichen Nacht vom 16. zum 17. März geschrieben ist, die 2 deutsche Kriegsschiffe vernichtete. Der Schreiber des Briefes gehörte zum Kreuzer „Adler" und befindet sich unter den Geretteten. Sein Brief lautet:
„Briefe und Zeitungen erhalten; danke bestens dafür und bitte um weitere Zusendungen, da wir alle an Bord jedesmal, wenn die Seepost ankommt, sehnsüchtig auf Nachrichten aus der Heimath warten und die Zeitungen von Hand zu Hand gehend nahezu verschlungen werden. Wir befinden uns jetzt inmitten der Aequinok- tialstürme. Die ganze letzte Woche hindurch hatten wir einen Orkan mit starkem Seegang, sodaß wir vor 2 schweren Ankern lagen und, damit die Ankerketlen nicht rissen, gegen Wind Und hohe See andampfen mußten. Zu diesem häßlichen Unwetter und Ungemach aller Art gesellen sich noch unsere Feinde am Land, die mit jedem Tag frecher werden und fortwährend die hiesige Faktorei bedrohen, so daß wir jede Nacht uns gegen einen Ucberfall vorsehen müssen, der um so schwerer abzuschlagen ist, als wir in der herrschenden Finsterniß die dunkelbraunen Kerls nicht sehen können. Wir sind jedoch unverzagt mit Gott für Kaiser und Vaterland 1 Sollte es mir beschieden sein, hier zn fallen, was ich zwar nicht wünsche, so geschieht es für Deutschlands Ehre und seine Flagge, die wir Alle Hochhalten, zumal jetzt, da die Dinge wieder sehr kritisch stehen. Doch nun ist endlich unseren Feinden der Krieg erklärt und damit für jeden Weißen die größte Vorsicht geboten. Demzufolge herrscht jetzt strenge Blockade; jedes Schiff, das in den Hafen kommt, wird untersucht nach Gewehren und Munition, auch demselben bekannt gegeben, daß wir uns im Kriegszustande mit dem feindlichen Mataafa befinden und daß deshalb aller Verkehr mit demselben nach dem KriegSrecht bestraft wird. So sehr sich auch die Amerikaner, wie die Engländer hier darob ärgern, so hilft es ihnen nichts. Sie allein tragen die Schuld an den hiesigen Zuständen. Nächstens erwarten wir mit dem Lloyddampfer „Nürnberg" eine Verstärkung von 1000 Mann Marinetruppen, ohne welche die hier liegenden Schiffe, die übrigens zur Beschützung hinreichend sind, nicht viel ausrichten können, weil der Streit mit unseren Feinden zu Lande ausgefochten werden muß. Sowohl in ihren Zeitungen haben sich die Amerikaner, wie auch die da drüben in Australien, über uns lustig gemacht, allein wir lassen uns weder einschüchtern noch vertreiben, auch in dem Falle nicht, daß die noch weiter angekündigten 4 amerikanischen Kriegsschiffe hier ein- treffen sollten. Hoffentlich treffen Ende März unsere Verstärkungen ein, dann geht der Tanz aufs Neue los;
bis dahin scheint es vorläufig ruhig zu bleiben in diesem Loche der Südsee, wie unlängst einer unserer Offiziere den Aufenthalt in Apia bezeichnete. Kaisers Geburtstag feierten wir in aller Stille an Bord nur bei einem leichten Grog. Unser erster Offizier bedauerte zwar, daß es diesesmal so still hergehen müßte; allein man wolle keinerlei Aufsehen erregen, noch viel weniger dem stets lauernden Feinde Veranlassung geben, in einem Festjubel über uns herzufallen. Trotzdem ließen wir den Kaiser hoch leben und auch unsere sämmtlichen Offiziere. Mataafas Leute haben durch fortgesetzte Diebstähle und Verwüstungen aller Art auf den Grundstücken der deutschen Faktoreien ungeheuren Schaden angerichtet, der sich auf mehrere hunderttausend Mark belaufen dürfte, worüber der vor einigen Wochen mit dem Postdampfer nach Europa abgereifte Hauptmann Brandeis (Tamaseses rechte Hand) ausführlich berichten wird. Auch sind alle auf den deutschen Faktoreien beschäftigt gewesenen Schwarzen zu Mataafa in dessen Lager geflüchtet, das auch von der Insel Sawei starken Zuzug erhielt. Ebenso liefern die biederen Amerikaner diesen fortwährend Waffen und Munition in Menge gegen uns. Auf Schiff „Olga" liegen gegen 50 Mann rühr- und fieberkrank darnieder. Gestern wurden an uns wieder 40 scharfe Patronen vertheit, da die Rebellen Miene machten, die deutsche Faktorei anzugreifen, die Vorposten wechselten einige Schüsse, doch kam es zu keinem weiteren Gefecht. Nun aber Schluß, es wird finster und ich muß mich beeilen, um noch Lichter in meine Signallaternen zu bringen. Lebet wohl, ich bin Gottlob gesund und munter trotz des nassen Wetters und der darauf folgenden Fieberhitze."
Deutsches Reich.
Berlin. Das Rittergut Groß-Glinicke, welches der Kaiser kaufen will, hat eine interessante Vergangenheit. Diese knüpft an den Namen Haberlandt an, welcher über den WirthschaftSgebäuden prangt. Der Haberlandt war im Anfang unseres Jahrhundets Schneidergeselle in Berlin. Im Jahre 1806 hatte man in Preußen nach langem Widerstände des KönigS zum ersten Male Papiergeld ausgegeben. Da kam der unselige Tag von Jena, und der Papierthaler hatte fast gar keinen Werth, man soll ihn für einen Groschen bekommen haben. Da legte H. seine paar Ersparnisse in solchen Scheinen an. Im Jahre 1812 waren sie wieder vollwerthig. Dagegen waren die Güter in Folge der langen Invasion im Werth gewaltig gesunken, und H. kaufte billig Groß- Glinicke. Er brächte das Gut in den folgenden ruhigen Zeiten in die Höhe. Da er kinderlos war, so setzte er den Sohn seines Schwagers, eines Arbeitsmannes Berger in dem nahen Schulzendorf bei Tegel, zu seinem Erben ein. Während der Minderjährigkeit seines Sohnes,
welcher die königliche Realschule in Berlin besuchte, verwaltete der alte Berger das Gut so vortreflich, daß er für seinen zweiten Sohn noch 200,000 Thaler Ersparnisse herauswirthschaftete. Seine Arbeiter hatten es dabei gut; seine Arbeiterhäuser waren die schönsten weit und breit. Der Mann lebte sehr einfach; nur ein Mal im Jahre ging es hoch her. Am Jahrestage der Uebernahme des Gutes ging es mit Freunden und Verwandten in langer Wagenreihe nach Schulzendorf, wo der ehemalige Arbeitsmann ein glänzendes Fest gab.
Gießen, 15. April. Eine ziemlich gruselig klingende Friedhofsgeschichte ist weiterer Mittheilung werth, weil sie beweist, wie leicht die unsinnigsten Gerüchte entstehen. Die Sache ist kurz die: vor ein paar Monaten will eine hiesige Wittwe die Leiche ihres im Jahre 1886 beerdigten Mannes ausgraben lassen, um sie in einer inzwischen hergestellten Familiengruft beizusetzen. Das Grab wird eröffnet, aber der Sarg ist nicht zu finden! Natürlich geräth die arme Frau in peinlichste Aufregung, und bald hatte das Gerücht herausgebracht, daß unter den Särgen die unverantwortlichste Unordnung herrsche, ja besonders ängstliche Gemüther wärmten Geschichten von Leichenverkäufen an die Kliniken auf u. s. w. Nun giebt ja mancher junge. Mediziner für einen schönen Schädel ein hübsches Stück Geld aus, Leichenverkäufe aus dem Grabe weg gehören aber doch, zumal die Kliniken reichlich anderweitig versorgt werden, bei uns in Deutschland ins Reich der Fabel, und die unheimliche Geschichte ist denn auch seit gestern vollständig und zur Zufriedenheit anfgeklärt. Tieferes Nachgraben hat nämlich den Sarg, der in Folge der wasserhaltigen Erde des Friedhofes ins Rutschen gekommen und durch die dünne Scheidewand des Nebengrabes in dieses eingedrungen war, aus Tageslicht befördert; beim Oeffnen des Sarges zeigte sich wieder der überraschende Einfluß des Wassers: während der Kopf, der hoch (trocken) gelegen hatte vollständig verfault war, zeigte der übrige Körper, den daö Wasser umgeben, vollständig weißes Fleisch.
Kreuznach, 16. April. Der Kaiser sandte als Beitrag für das Hutten-Sickingen-Denkmal 1000 Mark.
Nürnberg, 12. April. Von einem schrecklichen Geschick wurde die 40jährige Gastwirthsfrau Weiß ereilt. Ihre zwei Kinder an der Hand, ging sie am äußern Lauferplatz entlang, als plötzlich von der andern höher gelegenen Seite des Platzes quer über denselben ein Rollwagen herangestürmt kam, dessen Deichsel der Frau buchstäblich den Unterleib durchspiele, indem die Frau an das nebenstehende Haus gepreßt wurde. Der Tod trat fast sofort ein; die beiden Kinder waren unverletzt geblieben. Der Wagen war unbespannt auf der erhöhten Seite des Platzes ausgestellt gewesen; spielende Kinder