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SchWernerMtung

Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

Jf 28. Samstag, den 6. April. 1889.

Festrede, gehalten am 25jährigen Stiftungstage des Vereins zur Pflege im Felde verwundeter und ertränkter Krieger, den 6. Februar 1889, im Königl. Schlosse zu Berlin von Dr. W. Brinkmann.

(Schluß.)

Hiermit dürfen wir uns aber noch nicht zufrieden geben. Die Kriege werden schwieriger; immer mehr nehmen sie den Charakter der Volkskriege an : aus diesem Grunde ist es nöthig, schon im Frieden Maßregeln zu treffen, damit die Hauptdestimmungen der Konvention nicht nur in das Bewußtsein der Armeen, sondern auch der Bevölkerungen dringen; denn viel weniger von den Kriegern, die unter dem Einflüsse der Disciplin stehen und eines kameradschaftlichen Sinnes, der auch dem Feinde gegenüber sich geltend macht, find Ausschreitungen des Völkerrechtes zu erwarten, wie von den feindlichen Landesbewohnern; nicht die Uebertretungen der völker­rechtlichen Bestimmungen, die in der Leidenschaft des Kampfes zu Tage treten, sind besonders zu fürchten, sondern vielmehr die Habgier, der Haß und die nied­rigen Begierden einer zügellosen Bevölkerung.

Die Möglichkeit, den Grundsätzen der Genfer Con­vention Anerkennung zu verschaffen, hängt, davon bin ich fest durchdrungen, völlig ab von dem Grade der Gesittung der Völker. Es sei nun ferne von mir, für die Sittlichkeit und Bildung eines Volkes die Kirche und Schule verantwortlich zu machen: es kommen hier eine ganze Reihe von menschlichen Verhältnissen und Beziehungen in Betracht, die die Kirche allein nicht lösen kann. Diese Beziehungen sind von jeher erkannt worden, niemals aber mehr wie in unserer Zeit. Armuth und Noth, Krankheit und Elend, aus welchen Gründen sie auch entstanden sein mögen, sind kein Boden für die Aufnahme ethischer Grundsätze; den Ursachen dieser Nothstände nachzuforschen, sie zu heben und dadurch der Sittlichkeit Eingang zu bahnen in die Gemüther, das ist in unserer Zeit bewußt oder unbewußt das Haupt- und Endziel aller humanen Leistungen, mögen ihre Wege noch so weit auseinandergehen; die ganze Armen- und Krankenpflege, sämmtliche Bestrebungen für das Wohl der arbeitenden Klassen, für Wohnung, Kleidung, Reinlichkeit, für die Erziehung der Kinder, die Sorge für Arbeit, die Erhöhung der Erwerbsfähigkeit, die Be­seitigung socialer Schäden; alle diese Bestrebungen gipfeln in der Hebung der Sittlichkeit und Bildung.

Nun frage ich, sollen wir, die wir als Grundlage für all unser Thun und Handeln das erhöhte sittliche Gefühl des Volkes in Anspruch nehmen müssen zu einer Zeit, wo Leidenschaft die Gemüther beherrscht, sollen wir, die berufenen Träger und Hüter einer großen humanen Idee, mit unserer großen Organisation diesem tiefgehenden gewaltigen humanitären Zuge unserer Zeit nicht folgen, sollen wir nicht bestrebt sein, nach unseren Kräften in bestimmten Grenzen auch mitzuarbeiten an dieser hohen Aufgabe?!

Sie haben aus den Grundzügen unserer Organisation, die ich Ihnen geschildert habe, gesehen, wie diese Frage, vor dem Kriege 1870 lebendig ausgenommen, nach dem­selben wieder fallen gelassen wurde, weil wir fürchten mußten, eine Konkurrenz der Wohlthätigkeitsbestrebungen Hervorzurusen. Sie schen, wie die innere Nothwendig­keit diese Fragen uns geradezu wieder aufdrängt, und erinnere ich Sie. hier an die herrlichen Worte, die Ihre Majestät, unsere Erhabene Prodvktorin, aus wahrhaft landesmütlerlichem Herzen am 25. September 1871 an uns richtete:Da auf dem nächsten Vereinstag der Deutschen Vereine zur Pflege im Felde verwundeter und ertränkter Krieger die Mittel zur Sicherung einer fortdauernden und gedeihlichen Friedensthütigkeit er­wogen werden sollen, so sehe Ich Mich, als Mitglied des Vereins und durchdrungen von der großen Wichtig­keit dieser Frage, bewogen, dem Central-Comitee einen dahin zielenden Vorschlag mit dem Anheimgeben vorzu- legen, bei jener Berathung darauf Rücksicht zu nehmen.

Es erscheint Mir nämlich nothwendig, daß die Pflcgevereine, nachdem die Sorge für das Jnvaliden- Wesen einem besonderen Vereine zugefallen ist, ihre Aufgabe für die Friedenslhätigkeit erweitern und außer der Vervollkommnung der Kranken- und Verwundeten-

pflege, etwa analog dem vaterländischen Frauenverein, auch die Hülfeleistung bei außerordentlichen Unglücks­fällen und Landescalamitäten ins Auge fassen, ja vielleicht auch sich der Lösung der immer wichtiger werdenden Arbeiterfrage insofern widmen sollten, als dies durch Organisirung von Kranken- und Unterstützungsvereinen, durch Errichtung von Hospitälern, Arbeiterwohnungen u. s. w. möglich ist.

Denn wenn es nicht gelingt, eine derartige oder ähnliche Wirksamkeit für die hoffentlich dauernde Friedens- thäligkeit zu gewinnen, so ist zu befürchten, daß die Vereine erlahmen und selbst ihre eigentliche Aufgabe nicht mehr in befriedigender Weise würden lösen können, während es andererseits um so mehr geboten erscheint, die einmal bestehende Vereinsorganisation auszunutzen und in ersprießlicher Weise zu verwenden, da der Verband der deutschen LaNdesvereine, in dieser Weise fortent­wickelt, der Würde einer nationalen Institution ent­sprechen und große Vortheile künftig darbieten kann."

Diese eindringlichen Ermahnungen bedürfen keiner Erläuterung, auch ist hier nicht Zeit, diesen Gedanken weiter zu verfolgen: das Nothwendige wird sich von selbst Bahn brechen ; die Zukunft wird lehren, wie weit wir auf dem allgemeinen Boden der Förderung des Menschenwohls auch im Frieden thätig sein können und müssen.

Wir stehen heute dieser Frage wiederum anders gegen­über wie vor 10 und 15 Jahren. Sie erinnern sich, wie das Central-Comitee in Folge der Bestimmungen des Organisation-planes vom 3. September 1887 von Neuem die Belebung unserer Bereinsbildung angeregt und dabei auch der Erwartung Ausdrirck gegeben hat, daß überall mit den Vereinen des vaterländischen Frauen- vereins eine Verständigung für den Kriegsfall herbei­geführt werde; der heutige Rechenschaftsbericht wird Ihnen zeigen, welch' erfreulichen Erfolg diese neue Anregung hatte. Ob nun diese festere Verbindung der Männer und Frauenvereine für den Kriegsfall nicht mit der Zeit auch gemeinsame Arbeiten für den Frieden herbeiführen kaun und muß? ob die aller Orten für den Krieg ausgebildeten Colonnen der Nothhelfer und Krankenträger, ob die Krankenpfleger, Hervorgegsngen aus Kreisen, in denen Jugend und ideale Ziele nur des Impulses bedürfen, ob diese Männer, frage ich, nicht mit der Zeit auch für die Wunden und Unglücks- fälle des Friedens sich bereit halten werden und damit den Anschauungen Rechnung getragen wird, die vor noch nicht einem Jahre von der Tribüne des Landtages herab geltend gemacht wurden, Anschauungen, die durch den hochherzigen Friedrich von Esmarch seit Jahren in bestimmter Form theilweise verwirklicht sind?"

Soviel ist gewiß, daß der Baum, den wir heute vor 25 Jahren gepflanzt haben in dürrem Erdreich, den wir 25 Jahre hindurch gepflegt und gehütet, daß dieser Baum sich noch viel mächtiger entwickeln würde, wenn er Wurzeln schlüge in dem fruchtbaren Boden allge­meiner Hülfebereitschaft: dann würden wir sicher sein, daß er niemals verdorre, daß er Blätter und Früchte trage für und für und unter seinem Schatten Ruhe und Erquickung finde der verwundete und kranke Krieger.

Verein gegen Wucher.

Bekanntlich hat sich vor einiger Zeit in Bedra unter Vorsitz des Landrath von Schleinitz zu Hersfeld für den Regierungsbezirk Gaffel ein Verein gegen den Wucher gebildet. Auch an den Kreis Schlüchtern ist Einladung ergangen, dem Verein beizutreten. Wahr­haftig, wir können ihn gebrauchen! Denn wenn auch der frühere Geld- und Zinswucher in Folge des wohl­thätigen Einflusses der öffentlichen Sparkassen des Kreises so gut wie verschwunden ist, so besteht doch der Wucher s e l b st in üppigster Blüthe fort, in der Form von Grundstückswucher, Mehl Wucher, Waaren- wucher und vor allen Dingen Vieh Wucher. Was in dieser Beziehung jetzt noch im Kreise Schlüchtern geleistet wird, gehl über alle Puppen. Leider ist > der kleine Landmann, welcher den Wucherern meistens als Ausbeutungs-Object dient, so eingeschüchtert, so unfähig, seine eigenen Verhältnisse zu verwalten, daß in den seltensten Fällen überhaupt eine Anzeige erstattet, eine Bestrafung aber fast niemals erreicht wird. Uns sind ungezählte Fälle bekannt geworden, wo Landleute I

. die unerhörtesten Schwindeleien sich gutwillig gefallen : ließen, aus bloßer Furcht mit ihrem Blutsauger vor : Gericht zu gehen.

i Hier ist ein unbeschränktes Thätigkeitsfeld für l einen Verein gegen Wucher. Seine Aufgabe wird vor , allen Dingen darin bestehen müssen:

i 1. den bekannten Wucherern auf allen ihren Schlichen zu folgen,

: 2. jede wucherische Handlungsweise öffentlich zu

> brandmarken,

: 3. jeden strafbaren Wucherfall unnachsichtlich zur

: gerichtlichen Verfolgung zu bringen,

, 4. Namen und Geschäftsweise aller entlarvten

, Wucherer im Kreisblatt bekannt zu machen und

i vor allen Geschäften mit ihnen öffentlich zu warnen,

) 5. die Landleute über die Hauptschliche, welche der

Wucher ersonnen hat, um die arglose Unwissenheit ° einzufangen, durch öffentliche Belehrung aufzu-

klären,

6. dem Landvolk in allen zweifelhaften Rechtsfällen

i unentgeltlichen Beirath zu gewähren und in

i Processen unentgeltlichen Rechtsbeistand zu ver-

t schaffen,

| 7. endlich die als reell und zuverlässig erwiesenen

Handelsleute dem Landvolke bekannt zu machen

und zu empfehlen.

Man sieht, wie unabsehbar das Feld für den Verein , ist. Hoffentlich wird derselbe recht bald seine Thätigkeit eröffnen und alle ehrlichen Leute zu seinen Mit­gliedern zählen, dann erst wird es gelingen, Zustände mit der Wurzel auszurotten, die eine Schmach für unser Jahrhundert, eine Schande für unser Volk sind, Zustände, die jeder kennt, jeder Amtsrichter bekämpft, die aber aller Polizei und allen Gerichten bisher ge­spottet haben. Erst wenn der letzte jener zahlreichen Handelsleute verduftet ist, die nur von Betrug, nur von der gewerbsmäßigen Ausbeutung der Noth ihrer Neb e n men sch e n leben, die jedes reelle Geschäft verachten, weil ihre Gier nur durch Wucherzins befriedigt wird, erst dann wird der Verein überflüssig sein.Giebt es wirklich heute noch solche Schandexistenzen?" hören wir leise fragen. Ja! leider ja! müssen wir antworten. Wir wollen hier keine Namen nennen. Wer sich dafür interessirt, wird vielleicht bei den Bürger­meistern der größeren Ortschaften des Kreises vertrau­liche Auskunft erhalten können. Wir wollen nur ein allgemeines Kennzeichen für die reellen Geschäfte ansühren. Die erste Bedingung für jedes reelle Handels­geschäft ist heutigen Tages die ordnungsmäßige Führung von Haudelsbüchern, ohne welche kein reeller Geschäftsmann bestehen kann. Wer keine Handelsbücher führt, ist daher präsumtiv als faul anzusehen, mindestens als verdächtig, daß er Geschäfte hinter sich hat, die er Austand nehmen muß, doppelt italienisch zu Buche zu bringen. Man versuche es mal vorerst nach diesem Maßstabe zu messen. Das klebrige muß später der Verein gegen den Wucher besorgen.

Deutsches Reich.

Sönnst bei Bacha. Am 24. März ist hier der ein« zige dem Südthüringer Kriegerbund noch angehörende Veteran aus den Befreiungskriegen, der Leinweber Johann Heinrich Mihr I, geboren den 11. Februar 1795, ge­storben. Im Alter von 18 Jahren wurde er in das kurhessische Infanterie-Regiment Landgraf Karl eingestellt und nahm an den Feldzügen in den Jahren 1814 und 1815 u. a. an der Belagerung der Festungen Luxem­burg, Sedan und Mezivres Theil. Bei Waterloo hat er nicht mitgekämpft, da die Schlacht schon entschieden war, als die Truppen, bei welchen er stand, auf dem Schlachtfeld ankamen. Bis in die letzten Tage seines Lebens war er gesund und unermüdlich thätig. Er er- reute sich der ungetheittesten Achtung und Verehrung aller, die ihn kannten, und das zeigte sich so recht bei einer Beerdigung am Mittwoch, den 27. März. Trotz >er ungünstigen Witterung waren die Nachbarvereine Vacha, Völkershausen und Pferdsdort in starker Anzahl mit ihren Fahnen erschienen, und auch ein Vertreter des Kriegervereins Philippsthal war anwesend. Kurz nach 2 Uhr erfolgte die Aufstellung der Vereine vor »ein Trauerhaus. Herr Oberförster Schmidt-Völkers- hausen als Führer der Gruppe Vacha und Mitglied