SchWernerMung
Erscheint Mittwochs und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
Jf 23. Mittwoch, den 20. März. 1889.
Bestellungen auf das 2. Quartal 1889 (April, Mai, Juni) der
Schlttchterner Zeitung"
bitten wir durch die Post (auch Landbriefträger) oder die Boten gest, aufgeben zu wollen, und zwar möglichst bald, da Nachlieferung bereits erschienener Nummern nicht immer möglich ist. Neu zutretende Abonnenten erhalten die Zeitung vom Tage der Bestellung bis Ende d. Mts. gratis.
Schlüchtern, im März 1889.
Der Herausgeber.
Festrede, gehalten am 25jährigen Stiftungstage des Vereins zur Pflege im Felde verwundeter und erkranktet Krieger, den 6. Februar 1889,
von
Dr. W. Brinkma « n.
Hochgeehrte Versammlung!
An dem heutigen Tage feiern wir das 25jährige Bestehen des Preußischen Vereins zur Pflege im Felde verwundeter und ertränkter Krieger.
Es ist mir die ehrenvolle Aufgabe zu Theil geworden, an diesem Gedenktage einen Rückblick zu werfen auf die Reihe von Jahren, in denen es uns vergönnt war, an einer großen Culturaufgabe zu arbeiten und zu wirken.
Es ist mir nicht leicht, der Stimmung Ausdruck zu geben, die uns heute beherrschen muß: Dank und Freude auf der einen Seite, Ernst und Wehmuth aus der andern.
Vor Allem heben wir unsere Augen auf zu dem Allmächtigen, der die Geschicke unseres Vaterlandes geleitet, dessen segnende Hand auf unserem Werke geruht hat.
Die Erinnerung an die Entwickelung und Größe unseres Vaterlandes, errungen auf Schlachtfeldern durch die überwältigende Tapferkeit der Armee, die mit Freuden in den Tod ging, um deutsches Land und deutsches Wesen zu schützen, läßt heute wieder unser Herz höher schlagen.
Auch wir waren berufen, die Leiden der Schlachten zu lindern und es treten uns heute vor Augen Tage freudigen Schaffens, aber auch Tage, an denen wir mit Ernst und Besorgniß die Frage an uns richten mußten, ob wir den Anforderungen, die der verwundete und kranke Krieger, die das Vaterland an uns stellen konnte, gewachsen waren.
Mit tiefer Trauer gedenken wir unseres Hochseligen Protectors weiland Kaisers Wilhelm, der uns ein gnädiger Schirmherr war, der von Jahr zu Jahr mehr an unserm Wirken Theil nahm, dem wir uns in schweren Zeiten mit unsern Bitten nahen durften; waren wir doch gewiß, daß Allerhöchst Er, wo es anging, uns Beistand und Hülfe lieh, der uns so oft mit einem Worte zum Aushalten und neuer Arbeit ermutigte. Sein Andenken wird, wie dem ganzen Vaterlande, so auch uns heilig sein.
Mit unseren Schwestervereinen, der Kaiser-Wilhelm- Stiftung für deutsche Invaliden und der Victoria-Natio- nal- Jnvalidenstiftung betrauern wir den Hochseligen Kaiser Friedrich den III., unter dessen Schutze diese beiden großen Vereine den Invaliden des Krieges Trost und Hülfe spenden konnten.
Ehrfurchtsvoll begrüßen wir Ihre Majestät, unsere Allergnädigste Protectorin. Möchte Ihre Majestät aus der Entwickelung unserer Institution, deren Grundzüge ich darzulegen habe, erkennen, welchen Einfluß und welche Bedeutung Allerhöchst Ihre Arbeit und mächtiges Eingreifen wie auf allen Gebieten der öffentlichen Wohlfahrt, so namentlich auf dem Werke, welches wir vertreten, gehabt hat. Allerhöchst Ihr Name ist auf jeder Seite unserer Geschichte verzeichnet: das offene Bekenntniß, daß ohne Allerhöchst Ihre Anregung und Hülfe Unsere Leistungsfähigkeit den Forderungen nicht entsprochen haben würde, die an die freiwillige Hülssthätig- kcit gestellt werden müssen, ist der Dank, den wir Eurer Majestät heute zu Füßen legen.
Mit Wehmuth gedenken wir der Männer, die mit uns gearbeitet und mit uns die Sorgen und Mühen einer verantwortlichen Stellung getragen haben, dre nun nicht mehr unter uns weilen. Von Vielen unter Ihnen kann man wohl sagen: auch sie sind für's Vaterland gestorben.
Und nun Dank Allen in unserem Vaterlande nicht allein, auch außerhalb der Grenzen desselben, Allen, die
unsere Sache gefördert und auf dem Herzen getragen haben, Allen, die mit uns arbeiteten, Männern und Frauen in allen Schichten des Volkes, hoch und niedrig. Das Bewußtsein, daß unser Liebeswerk mehr und mehr Wurzel geschlagen hat in immer weiteren Kreisen, daß die Nothwendigkeit, die Arbeit unter dem rothen Kreuz nicht nur im Kriege zu üben, sondern auch im Frieden vorzubereiten, immer mehr erkannt wird, dieses Bewußtsein giebt uns Muth und Ausdauer und Kraft, diese Gewißheit ist eine der schönsten Früchte unseres 25jäh- rigen Strebens.
H. V. Es ist nicht möglich, in der mir bestimmten Zeit alle die wichtigen Momente in Krieg und Frieden zu berühren, die uns heute vor die Seele treten: es kommt mir heute wesentlich darauf an, diejenigen Umstände hervorzuheben, welche den Bestand und die Entwickelung unseres Vereins möglich machten und förderten.
Es ist mir nicht gestattet, die Darstellung anzuknüpfen und aufzubauen auf dem allgemeinen Grunde der Geschichte unseres Vaterlandes in den letzten 25 Jahren, es ist auch nicht möglich, bei dem mir vorgesteckteu Ziele die äußere Geschichte unseres Vereins und die Entwickelung desselben auf dem Grunde internationaler Bestrebungen und Gesetze noch einmal im Zusammen- § hange zu erörtern: ich muß in dieser Beziehung auf die ausgezeichneten geschichtlichen Arbeiten verweisen, I bie wir namentlich dem bewunderungswürdigen Fleiße und der Forschung eines unserer ältesten Mitglieder, des Geheimen Medicinalrath Professor Dr. Gurlt verdanken.
Ich will auch nicht versuchen, Ihnen das Bild unserer Arbeiten im Kriege noch einmal vorzuführen: ist doch noch in Ihrer lebendigen Erinnerung diese Zeit des ernsten und doch freudigen und erregten Schaffens, des thätigen Handelns.
H. V. Unsere Arbeit im Kriege war verhältnißmäßig leicht: Begeisterung und Theilnahme des ganzen Volkes standen uns zur Seite; hier war ein bestimmtes Arbeitsfeld, waren bestimmte Ziele gegeben. Was im Kriege geschehen ist, liegt aller Welt vor Augen: zahlreiche Berichte, Bücher und Abhandlungen haben der hingebenden Aufopferung, mit der das ganze Volk arbeitete für das Volk in Waffen, ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Ich will Sie heute vornehmlich in unsere Thätigkeit des Friedens einführen, in die Arbeiten, die unsere Organisation zu befestigen und zu sichern geeignet waren, in die Arbeiten, die nothwendig waren, um unsere Leistungsfähigkeit auf die Höhe zu bringen, die erreicht werden mußte, um uns das Vertrauen der Armee, der Behörden, des ganzen Vaterlandes zu erwerben, Grundlagen, ohne die unser Wirken im Kriege unmöglich ist.
In dieser Beschränkung wollen Sie den weiteren Ausführungen folgen.
Als erste Frucht der Genfer internationalen Confe- renzen vom 26.—29. Octoper 1863 wurde am 6. Februar 1864 das Central-Comitee des Preußischen Vereins zur Pflege im Felde verwundeter und ertränkter Krieger ins Leben gerufen, auf Anregung der preußischen Vertreter auf der Genfer Conferenz, des Prinzen Heinrich XIII. Reuß, des ersten Vorsitzenden des Vereins, des Generalarztes Dr. Löffler und des Geh. Raths Dr. Housselle, unter dem Einflüsse des kurz vorher ausgebrochenen SchleSwigschen Krieges. Hiermit wurde der Beschluß der Genfer Conferenzen, „in jedem Lande ein Comitee zu gründen, welches in Kriegszeiten durch im Frieden schon vorbereitende Hülfe mit allen Mitteln in strengem Anschluß an die Militärbehörden für die verwundeten und kranken Krieger eintreten sollte", in Preußen zuerst aqsgeführt.
Die Beziehungen des Vereins zu den staatlichen Behörden wurden durch Ernennung von drei staatlichen Commissarien, dem General von Peucker, dem Oberstabs
arzt Dr. Wendt und dem Geh. Rath Dr. Housselle geordnet.
Sie wissen, daß die Thätigkeit des Vereins im SchleSwigschen Kriege keine hervorragende war: die Verhältnisse waren noch zu neu, den an bestimmte gesetzliche Normen gewöhnten Behörden sowohl wie dem Volke; der Gedanke der Genfer Conferenzen war noch zu überraschend und zu wenig entwickelt: erst als den Beschlüssen derselben die bestimmte gesetzliche Form und staatliche Anerkennung in der Genfer Convention vom 2. August 1864 zu Theil geworden war, konnte die sichere Grundlage für eine weitere Entwickelung des Vereins gefunden werden.
Hierzu kam als wichtiger Impuls, daß am 19. April 1865 „in Anerkennung des erhabenen und wichtigen Zweckes des Vereins* Ihre Majestäten der König und die Königin geruhten, das Protectorat über den Verein anzunehmen und damit den Vereinsbestrebungen eine Förderung zu Theil werden ließen, die von Jahr zu Jahr mächtiger hervortreten sollte.
So konnte man hoffen, daß in einem späteren Kriege der Preußische Verein der nationale Mittelpunkt der freiwilligen Hülfe werden konnte.
Ehe indessen die Vorbereitungen für den Krieg beendet waren, ehe das Vereinsnetz eine auch nur einigermaßen genügende Entwickelung gewonnen hatte (eS bestanden nur in den Provinzen Sachsen und Schlesien Provinzialvercine), brach der Krieg aus, nachdem dem Vereine noch kurz vorher — am 7. Mai 1866 — Corporationsrechte verliehen waren.
Ich kann hier nicht auf die gewaltigen freiwilligen Leistungen, die das ganze Volk in diesem Kriege rasch und freudig auf sich nahm, zurückkommen; war doch noch nie ein Krieg geführt worden, in dem Menschenliebe, Mildthätigkeit und thatkräftige Hülfe die Leiden und das Elend der Schlachtfelder und der Lazarethe in so hohem Grade erleichtert hatte, wie in diesem. Gegen 600 Vereine bestanden in unserem Vaterlande, nach Millionen berechneten sich die Mittel, Tausende waren in den Depüts, in den Lazarethen und beim Transporte der Verwundeten und der Kranken thätig.
Können wir auch für unsern Verein die Anerkennung in Anspruch nehmen, daß in dem stürmischen Verlaufe des Krieges Alles geschah, was unter den gegebenen Umständen erreicht werden konnte, um die Hülfsmittel zu concentriren und dieselben rasch und sicher den Be- darfsstellen zuzuführen, so müssen wir doch bekennen, daß die Vereinsorganisation zu jener Zeit eine so unvollkommene, das Verständniß für die vielfachen Beziehungen und Aufgaben der freiwilligen Hülfe im Kriege noch so wenig verbreitet war, daß eine Zersplitterung der Hülfsmittel und Kräfte unvermeidlich gewesen wäre, wenn nicht zur rechten Zeit die staatliche Humanität den rechten Weg gefunden und durch die Ernennung deS Grafen Eberhard zu Stolberg-Wernigerode zum königlichen Commissar und Militär-Inspecteur der freiwilligen Krankenpflege bei der Armee im Felde eine leitende Behörde für alle Elemente der freiwilligen Hülfe in Material und Personal geschaffen hätte (den 31. Mai 1866).
Durch diese staatliche Fürsorge wurde der unumgänglich nothwendige Anschluß an die Sanitätsbehörden erreicht und konnten die gewaltigen Hülfsmittel des gesammten Vaterlandes in zweckmäßiger Weise zur Verwendung kommen.
Wir sind der Gerechtigkeit schuldig zu erklären, daß ohne diese staatliche Fürsorge der Mangel einer festen, im Frieden bestehenden Vereins-Organisation und der Vorbereitung für den Krieg sich in verhängnißvoller Weise fühlbar gemacht haben würde. Hierzu kam, daß ür die personelle Seite der Hülfe von Seiten unseres Vereins so gut wie gar Nichts vorbereitet war: auch