— Wie wir Wormser Blattern entnehmen, wurde die für den Bausand des dortigen nationalen Festhauses Deranftaltete Lotterie s. Zt. auch für Preuß. Provinzen genehmigt und beweist dies schon das große Interesse, das selbst in allerhöchsten Kreisen diesem Unternehmen entgegengebracht wird — (auswärtige Lotterien werden fast gar nicht zugelassen) — und mehr noch aber die Thatsache, daß Se. Majestät Kaiser Wilhelm II. selbst den ersten Auftrag auf Loose der Wormser Lotterie allergnädigst zu ertheilen geruhte.
Soden. Im Bade Soden-Stolzenberg wird in den nächsten Tagen mit dem Bau eines großen Kurhauses begonnen werden. Der Bauplatz befindet sich zwischen der Villa Vitriarius und der Eckert'schen Wirthschaft, so daß das Gebäude mit der Hauptfront an die Badestraße grenzen wird. Die Arbeiten sollen, wie wir hören, derart gefördert werden, daß noch in dieser Saison wenigstens der Einsaat' und die anstoßenden unteren Räume zur Benutzung gelangen können.
Fulda, 11. März In Burkardroth starb der pen- sionirte Gendarmeriewachtmeister Schlereth, welcher als Sonderling lebte. Da man wußte, daß derselbe ein bedeutendes Vermögen besitze, sich aber vorläufig nichts Dorfciib als 1000 Mk. in Gold, so suchte man in dem scheinbar werthlosen Kram, den der Verlebte hinterlassen hatte, und entdeckte in Staatspapieren in einen Gurt eingenäht einen Betrag von 19,700 Mark. Die Erbschaft geht an einige Geschwister über, die in Nordamerika leben. Der Verlebte erwarb sich hauptsächlich dies Vermögen durch Prämiengelder, welche auf das Ergreifen gefährlicher Verbrecher festgesetzt waren.
Aus dem Fuldathale, 9. März. In mehreren Dörfern unseres sonst stillen Thales ist es an Fastnacht zu blutigen Exzessen gekommen. Am Montag entstand zwischen einigen Leuten, welche von Femelsruhe nach Mittelrode nach Hause gingen, eine heftige Schlägerei, bei welcher der Bürgerm ei st er von Mittel! ode derart mitgenommen wurde, daß unverzüglich ein Arzt aus Fulda zu Hilfe geholt werden mußte; außerdem erlitten mehrere andere Betheiligte nicht unerhebliche Verletzungen. Am Dienstag und Aschermittwoch entstanden in den Wirthshäusern zu Giesel zwei Raufereien, deren Ausgang ebenfalls blutig war. Ferner mußte am Dienstag Abend ein Mann aus Jstergiesel auf der Nieder- röder Höhe einen derben Spaß mit dem Leben bezahlen. Einige Bekannte warfen demselben eine Schlinge um den Hals, die sie dermaßen zuzogen, daß dem Mann das Blut aus Nase, Mund und Ohren drang und sein Leben nun in Gefahr schwebt.
Aus der Rhön, 9. März. Am 1. März starb zu Holenbrun die Ehefrau des I. Knüttel, angeblich in Folge eines Schlaganfalls. Der Gensdarm Sch. in Gersfeld brächte in Erfahrung, daß die Frau von ihrem Sohne arg mißhandelt worden sei. Auf Veranlassung des Amtsgerichts in Weyers wurde am vergangenen Freitag auf dem Friedhofe zu Gersfeld der Sarg wieder ausgegraben und in Gegenwart des Staatsauwaltes aus Hanau die Obduction der Leiche vorgenommen. Dem Vernehmen nach ergab dieselbe, daß die Ehefrau Knüttel nur in Folge der Mißhandelungen verstorben war. Der Sohn ist verhaftet und in das Gerichtsgefängniß in Weyers transportirt worden.
Vom Niederrhein, 10. März. Durch die anhaltende Arbeitslosigkeit ist die Not in manchen Weberfamilien groß geworden. Viele Sammetweber sind in die Fabrik- städte des Ruhr- und Wupperthals gewandert und haben sich dort in den Kohlengruben oder als Handarbeiter Verdienst gesucht. In einigen Orten des niederrheinischen Weberbezirks hat die Einwohnerzahl bedeutend abgenommen. Neuerdings wird vielfach der Versuch gemacht, die Weber mit Gemüsebau zu beschäftigen.
Auf Schloß Heinrichswaldau.
Von Martha Eitner.
Vers. von ,3m Mai deS Lebens«
N., den 27. Januar 188
Der furchtbarste Tag meines Lebens ist vorüber, der schwerste Gang gethan! Ich habe keinen Vater mehr — ich bin allein, ganz allein! Das Liebste, was ich in der Welt mein Eigen nannte, hat mir Gott genommen! — Mein prächtiger, mein herrlicher Papa!
Seit zehn Jahren, seit Mamas Tode haben wir uns nicht von einander getrennt, haben wir eins ohne das andere nicht existieren können. Und nun stehe ich einsam da! Und dennoch muß ich weiter wandern. Vor mir liegt vielleicht noch eine zweite Strecke, ehe ich an das Ziel gelange, das mir Vereinigung bringt.
Mir wird bange bei dem Gedanken und mein sonst wüthiges Herz beginnt zu zagen. Der Todte empfindet nichts davon. Ihm ist wohl. Er lebt ja auch weiter; aber ein neues, ein ewiges Leben, da oben, wo es kein Sehnen, kein Verlangen mehr giebt. Er ist eingegangen zu seines Herrn Freude.
Sonst, — selbst wenn er auch nur auf einen Tag verreiste, nahm er mich mit. Er wollte mich auch auf Stunden nicht missen. Und jetzt — nun er seine aller- weiteste, allerlängftc Reise angetreten, läßt er mich zurück — einsam allein.
Und doch nicht allein! Der Herr ist bei mir! Wozu
halte ich fast dreißig Jahre an meines Vaters Seite gelebt, wenn mich nicht sein Beispiel zu den Füßen Gottes geführt, mich still im schwersten Kreuz, gläubig in dunkelster Nacht gemacht hätte?
Wie ruhig und voll Frieden sein Antlitz selbst im Tode war. Er war ja auch nur eingeschlafen. Ohne Schmerz, ohne Kampf hatte ihn der Herr zu sich gerufen.
„Gott mit Dir, meine Lene!" war sein letzter Gruß, als ich von plötzlicher Unruhe getrieben in der Nacht an sein Lager eilte. Dann war alles vorbei.
Nun ist das geliebte Auge geschlossen für immer, die teuren Hände erkaltet, das treue Herz still, stumm der Pfund, der nur Worte der Liebe für mich hatte.
Ich konnte nicht weinen, als der Sarg geschlossen wurde, hatte keine Thräne, als man ihn in die Erde hinabsenkte; aber ich hätte mich gern auch zur Ruhe legen lassen. Es war entsetzlich, sortzugehen, allein zurückzukehreu, ohne ihn, für den ich jahrelang gelebt, gesorgt hatte, dem all meine Liebe gehörte.
Noch ist es unser altes Zimmer — aber dort hat er gesessen, — da hat er gearbeitet, — das sind seine Bücher, aus denen er mir vorlas, — seine Blumen, seine Vögel, die er pflegte, — hier ist mein Fenster, an dem ich stets saß, wo er so oft neben mir stand. — Alles ist dasselbe, — nur er ist nicht mehr da, — die Seele des Ganzen fehlt. Was wird aus mir, was wird mit mir?
Meine Brüder sind beide verheirathet, sind gut und freundlich zu mir. Wir haben uns herzlich lieb, aber innerlich sind wir uns doch fremd geworden. Jeder von ihnen bat mich noch heute beim Abschied: „Komm zu uns, Helene!" Ich glaube und weiß es, sie würden mich gerne bei sich aufnehmen, aber dennoch gehe ich zu keinem, wenigstens nicht für immer.
Meinen eigenen Weg will ich wandern, so weit mich meine Kräfte tragen; mein eigenes Brot essen, bis sie brechen. Es ist nicht leicht, sich unter Fremden auf- zuhalten. Es ist nicht leicht, das Rechte zu treffen, den Ansprüchen anderer gerecht zu werden, ohne sich zu tief zu demüthigen.
Aber es ist noch schwerer, von Familiengliedern abhängig zu sein. Solches Verhältniß wird schließlich zu einer Fessel, die tief in das Fleisch einschneidet, die Kräfte lähmt, den freien Willen hindert, jegliche geistige und körperliche Elasticität ertödtet. Und ich weiß, der teure Todte würde mir recht geben. Ich kenne ja doch auch seine Anschauungen vom Leben, alle seine Ansichten über die verschiedensten Verhältnisse. Was ich denke und empfinde, ist nur das Echo seiner Gedanken und Gefühle.
Oft haben die teuren Lippen mich lächelnd gefragt: „Nun, Lene, was meinst Du dazu?" Jetzt sind sie verstummt, sie reden nicht mehr, sie fragen nicht mehr.
Wird meine Kraft auch ausreichen, werde ich nicht zusammenbrechen unter der schweren Last? Doch Gott legt ja keinem Menschen mehr auf, als er tragen kann. Warum er das that, das weiß ich jetzt nicht, werde es wohl aber nachher erfahren.
Den 10. Februar.
Täglich, stündlich empfange ich Beweise für die unendliche Liebe, hohe Achtung, welche die ganze Gemeinde ihrem Seelsorger, meinem teuren Todten zollte. Auch auf mich selbst erstreckt sich dieses freundliche Gefühl. Sie wissen ja Alle, welch inniges Verhältniß zwischen uns bestand. Es erregte stets Verwunderung, rief besorgte Fragen hervor, wenn mein Vater ohne mich oder ich ohne ihn zu sehen war. Sie ahnen wenigstens, wenn sie auch nicht erfassen können, die furchtbare Leere, die ich empfinden muß. Gott nahm mir ja mein einzigstes Liebstes, das ich auf dieser Welt besaß.
Briefe über Briefe kommen aus der Ferne von teuren Freunden. Sie möchten mich alle mit Liebe umgeben, mir eine Heimath anbieten. Wie danke ich Gott für diesen Schatz der Theilnahme.
Sie ist der mildernde Balsam, den der barmherzige Gott auf die tief schmerzende Wunde legt. Solche Worte und Beweise der Liebe von feiten der Menschen haben auch einen köstlichen Trost in sich, wenn auch einen vergänglichen.
Aber ich habe noch einen besseren Trost, der hält für Zeit und Ewigkeit, wenn Menschenwort verstummt. Ich habe eine Stütze, die mich nicht fallen lassen wird, wenn Menschenliebe schwindet. Täglich gehe ich an das teure Grab. Es treibt mich, dem geliebten Schläfer alles zu erzählen, wie ich es stets so gerne that. Ich empfange keine Antwort, aber reden muß ich doch. Oftmals finde ich frische, grüne Kränze von unbekannter Hand. Das sind Gaben der Liebe, die mir wohllhuende Thränen aus den müden Augen pressen.
Oft auch stehen da Bekannte und Unbekannte, Reiche nnd Arme, ein stilles Vaterunser betend, sich entfernend, wenn ich komme mit leisem Druck der Hand. Er lebte, arbeitete und betete ja für alle, ein echter Vater seiner Gemeinde.
Heute traf ich ein altes, freundliches Mütterchen. Mit Thränen in den Augen und gefalteten Händen sagte sie: „Gott hab Ihren lieben Herrn Vater selig, aber daß Sie doch sogar allein sind, Fräulein! Ich war auch Waise in jungen Jahren, aber da war ja der Heinrich, der mochte mich gern und hat mich auch dann
geheirathet. Wenn Sie doch wenigstens einen Schatz hätten, Fräulein, dann würden Sie nicht so jammern!"
Ich mußte lächeln trotz meines Schmerzes. Ich dachte zurück an eine Zeit vor wenig Jahren, in der ein junger Mann sich um meine Hand bewarb. Ich sehe noch die stille Angst in meines geliebten Vaters Augen, die er bei dem Gedanken empfand, daß ich mich von ihm trennen könne. Er wollte mir nicht abreden, und konnte mir doch auch nicht zureden. Da habe ich gemerkt, mit welcher Liebe er an seinem Kinde hing. Er durfte nicht sorgen, ich dachte ja gar nicht daran, ihn zu verlassen. Mein Herz schwieg still bei den mir zu theil werdenden Auszeichnungen. Ich war wohl auch etwas anspruchsvoll geworden durch das innige Zusammenleben mit Papa, der geistig so hoch stand, dessen klarer, scharfer Verstand den anderen stets so imponirte.
Der junge Mann merkte gar bald aus meinem Wesen, daß seine Wünsche keine Erfüllung finden würden. Er ließ ab von seinem Werben, im Augenblick vielleicht verstimmt, aber nicht auf lange unglücklich. Ein halbes Jahr später verlobte er sich anderweitig. Wie glänzten meines Vaters Augen, als der Ruhestörer fern blieb. Er nahm meinen Kopf zwischen seine Hände und sagte so recht vergnügt: „Gott sei Dank, Lene, daß wir den to« sind!“
Und ich war ja auch fröhlich. Ich verlangte nichts anderes, brauchte nichts anderes, als meines Vaters Nähe. Mein Glück hing einzig und allein von seiner Zufriedenheit ab. — Und nun schläft er so still im kühlen Schoß der Erde, — weiche, weiße Decke liegt über seinem Grab. Oft horche ich in meiner stillen Stube, ob denn niemand mehr ruft: „Lene, Lene komm!" Aber alles ist stumm. Ich kann es immer noch nicht glauben, daß ich ihn verlor und doch ist es wahr.
Oftmals auch springe ich auf, — ich habe ihm so viel zu sagen, ihn zu fragen. — Todestraurig setze ich mich wieder hin. — Den ich fragen will, der ist nicht mehr da, giebt mir keine Antwort mehr. O Gott, wie einsam, wie öde!
Und nun muß ich auch an meine Zukunft denken. Mein guter Papa hat zwar gesorgt, daß ich ruhig und still leben könnte, ohne selbst eine Hand für mich zu rühren. Aber das ist nichts für mich! Ich muß einen Wirkungskreis haben, sonst verkomme ich. Geistig und körperlich muß ich Anregung haben, muß ich meine Kräfte verwerten können.
Und doch ist es schwierig, eine Stellung zu finden, die ich genügend ausfüllen könnte.
Erzieherin, Lehrerin kann ich nicht werden. Ich habe kein Examen gemacht. Und ohne solche, wenigstens scheinbare Garantie übergiebt jetzt niemand seine Kinder einem jungen oder auch alten Mädchen, selbst wenn Kenntnisse vorhanden sind, und Lust und Liebe zu solchem Amt nicht fehlt. Aber mein teurer Vater war so sehr dagegen, als es noch Zeit für mich gewesen wäre, als Mama noch lebte. Er behauptete immer, die Gouvernanten würden alle unbrauchbare, nervenschwache, überreizte Mädchen. Er hatte so manche kennen gelernt, die sich immer nur „angegriffen" fühlte, stets so matt, so müde erschien. Und das war ihm zuwider. Das Wort „angegriffen" war für ihn förmlich abschreckend. Wie oft haben wir so herzlich darüber gelacht! Er hatte wohl nicht daran gedacht, daß seine Lene einmal allein in der Welt sein würde, sich eine Stellung erwerben müsse.
Ich wäre also nur geeignet zur Gesellschafterin und Stütze der Hausfrau. Daß mein ganzes Leben fortan ein anderes sein wird, das weiß ich, mit diesem Gedanken muß ich mich vertraut machen. Bis jetzt habe ich in allen Kreisen als gleichberechtigt gegolten, ja man hat mich vielfach verwöhnt. Das wird nun anders. Und das ist nicht leicht für mich. Ich muß mich daran gewöhnen, eine untergeordnete Stellung in der Gesellschaft einzunchmen, in der ich an meines Vaters Seite eine ganz andere Rolle spielte.
Aber es muß sein. Und Gott wird mir helfen, den rechten Weg zu finden, mir die rechte Demut geben. Oft genug wird mein Stolz verletzt werden, wird das Blut heftiger wallen, wird der alte Mensch sich sträuben. Aber ich will streben nach dem Rechten mit ollen Kräften und so wird es mit Gottes Hilfe doch gehen.
(Fortsetzung folgt.)
Marttberichte.
Frankfurt, 11 März. (^robuftenborfe.) Weizen, htes und Wetterauer 19,40 — 45 M. kurhess. 1=4,50—75, Mk., norddeutsch. -,---, Mk., südruss. 21,50 22,25, Mk., ungarisch. 21,50 -22,50 Roggen, Hits. 15,50 16 Mk. Pfälzer 16,25, Mk. ungar.----,-Mk., Gerste, hies. 16,- 16,75Mk., fränk. 16,-,-17,25 Mk., Pfälzer 17 -,-17,75 Mk. ungarisch. 19,50 - 21- Mk., Hafer, dies. 14--,11,50-Mk. bayerischer 13,75 — 15,50 Mk.— Alles per 100 Kilo netto effektiv loco hier.
— 11. März. Der heutige Viehmarkt war mit 358 Ochsen, 16 Bullen, 466 Kühen, Rindern u. Stieren, 270Kälbern, 97 Hämmeln, 293 Schweinen befahren. Die Preise stellten sich: Ochsen 1. Qual. 62 Mt., 2. Qual. 56 M , Bullen 1. Qual. 41 Mk., 2. Qual. 39 Mk, Kühe, Rinder u. Stiere 1. Qual. 52 M. 2. Qual. 48 M. Alles per 100 Pfd. Schlachtgewicht. Kälber I.Ouai. 60 Pf., 2 Qual. 50 Pf,, Hämmel 1 Qual. 62 Ps.» 2. Qual. 52 Pf., Schweine 1. Qual. 58 Pf., 2 Qual. 56 Ps. Alles per 1 Pfund Schlachtgewicht.
Lasset, 13. März. Walzen 18,50-18,80 Mk., Roggen 16,25-16,67 Mk., Gerste,-,--, - Mk., Haser U-,-U,40 Mk. Alles per 100 Kilogramm.