Cassel, 10. Cassel. Gestern Nachmittag hat sich in der Nähe der Villa Rothstein der frühere Oberpost- secrctär Heldberg erschossen. — Der vom Schwurgericht wegen Fälschung einer Postanweisung zu 15 Monaten Zuchthaus verurtheilte Landbriefträger He erbt aus Grebenstein hat sich im Gefängniß erhängt.
Marburg, 6. März. Ist der Name „Böckel" ein Schimpfwort oder nicht? Diese Frage fand in einer heute vor der Strafkammer verhandelten Beleidigungsklage ihre Antwort in bejahendem Sinne. Der Klage lag folgender Sachverhalt zu Grunde. Am 27. August v. Js. kam der Handelsmann Simon Gerson aus Gla- denbach mit einem Rind auf den Johann Schmidt'schen Hof in Weitershausen und antwortete auf die von letzterem an ihn gerichtete Frage, was er mit dem Rind wolle: „Das will ich Dir Böckel verkaufen". Nach dem Verlassen des Hofes äußerte Gerson dann noch zu einem anderen Manne,, der ihn vor dem als Antisemitenführer in Weitershausen bekannten Müller's Hann (der Ortsname des Schmidt) warnte: „Den habe ich vorhin selbst Böckel genannt, dem fehlen nur .noch ein Paar Hörner am Kopfe." Schmidt strengte infolge dieser Aeußerungen einen Beleidigungsprozeß gegen Gerson an und hatte die Genugthuung, daß letzterer von dem Amtsgerichte Gladenbach zu einer 3tägigen Haftstrafe verurtheilt wurde. In der Begründung dieses Urtheils wurde ausgeführt, daß der von dem Angeklagten dem Privatkläger gegegenüber gebrauchte Ausdruck Böckel eine Beleidigung enthielt, weil Privatkläger dadurch dem Träger dieses Namens, Dr. Otto Böckel in Marburg, gleichgestellt werde, der es sich wie allgemein bekannt
Frankfurt a. M., den 23. Februar 1889.
Mit Gültigkeit vom 1. März d. I. tritt für Kalirohsalze zum Düngen, als: Askanit, Kainit, Karnallit, Kicserit, Krupit, Schönit und Sylvinit, im Verkehr von den Stationen Aschersleben, Egeln, Schönebeck, Staßfurt und Vienenburg nach allen mehr als 311 km von denselben entfernt gelegenen Stationen des diesseitigen Eisenbahn-Directionsbezirks ein Ausnahmetarif in Kraft.
Die Frachtsätze desselben betragen:
Frachtsätze für 100 Kilogramm in Mark
Auf eine Entfernung von Kilometern
4» <3
a
Ä
Auf eine Entfernung von Kilometern
4»
^ a
»
Auf eine Entfernung von Kilometern
c
G »
Auf eine Entfernung von Kilometern
»
Auf eine Entfernung von Kilometern
49» G
»
312—354
0,80
384—388
0,87
438—442
0,94
473—477
1,01
535—539
1,08
355—359
0,61
389—392
0,88
443—447
0,95
478—482
1,02
540—544
1,09
360—364
0,82
393-397
0,89
448—452
0,96
483—487
1,03
545 — 549
1,10
365—369
0,83
398—422
0,90
453-457
0,97
488—492
1,04
550—555
1,11
370—373
0,84
423-427
0,91
458—462
0,98
493—497
1,05
555 — 560
1,12
374—378
0,85
428—432
0,92
463—467
0,99
498—528
1,06
379—383
0,86
433—437
0,93
468—472
1,00
529—534
1,07
Rhön und Spessart, die kleine Vendee.
(Aus der B uchonia.)
1796.
(Schluß.)
Unter anhaltenden Gefechten zogen sich die Franzosen, zu denen jetzt auch die Division Marceau von Mainz aus gestoßen war, nach dem Rhein zurück. Bei Altenkirchen wurde am 19. September General Marceau tödtlich verwundet.
„Da nichts rührender", heißt in Posselt's Europäischen Annalen, „als der Tod eines Heldenkühnen Jünglings und dem Menschenfreund nichts erfreulicher ist, als Züge von Edelmuth mitten in der Wuth des Krieges, so verdient Marceau's Tod hier etwas näher beschrieben zu werden. ... Ein Trupp französischer berittener Jäger plänkelte mit einigen österreichischen Husaren. Marceau ritt hin, um das Terrain zu rekognosziren; ein Tyroler Scharfschütze, hinter einem Baum verborgen, erkennt ihn an den Auszeichnungen feines Grades, zielt, und jagt ihm eine Kugel durch den Leib; man trägt ihn nach Altenkirchen. Da am folgenden Tage der österreichische Vortrab diesen Ort besetzte, so begab sich Feldmarschallieutenant Kray sogleich selbst zu Marceau; die Augen des grauen Kriegers feuchteten sich: Er war's, der seit zwei Jahren fast immer Marceau gegenüber gefochten hatte. Noch war einige Hoffung für dessen Erhaltung übrig; Erzherzog Karl ließ ihn durch seinen eigenen Wundarzt besorgen, aber in der Nacht auf den 21. September wurden die Symptome drohender und um 6 Uhr starb er. Die französischen Offiziere, die bei ihm geblieben waren, erbaten sich vom Erzherzog, daß sein Leichnam auf das jenseitige Rheinufer geführt werden dürfte. Er bewilligte es, indem er sich nach der Zeit seiner Leichenfeier erkundigte; und in dem verschanzten Lager bei Koblenz ward Marceau unter dem Geschützdonner der beiderseitigen Armeen beigesetzt. Kaum 27 Jahre alt, hatte er sich durch die zwei fürchterlichen Schlachten, die er in der Vendöe (bei Mans und Savenay) gewann, und durch zwei Feldzüge am Rhein, während deren er den rechten Flügel der Sambre- und Maasarmee kommandirte, einen hohen Rang unter den Feldherren der französischen Republik und bleibendes Andenken in der Geschichte erworben. Er war unstreitig der meuschlichedelste unter den Generalen der Sambre- und Maasarmee. Sein Betragen in Deutschland
sei zur Aufgabe gemacht habe, Haß und Verachtung gegen die Juden zu erregen und deshalb von den Juden — Angeklagter sei Jsralit — aus das tiefste gehaßt werde. Auch in der zweiten Aeußerung des Angeklagten habe das Gericht eine Beleidigung erblickt, weil die Aeußerung den Sinn hatte, daß Privatkläger ein dummer beschränkter Mann sei. Mit Rücksicht auf die schwere Ehrenkränkung, sei Angeklagter mit Haft zu bestrasen." Auf die von letzterem eingelegte Berufung erging heute das zweitinstanzliche Urtheil der Strafkammer dahin, daß das erste Urtheil der Erregung, in welcher sich die Juden infolge der heutigen antisemitischen Agitation befinden, nicht Rechnung getragen habe und werde deshalb die 3tägige Haststrase in eine Geldstrafe von 9 M. umgewandelt.
Rinteln, 6. März. In Minden brannte am 12. August v. I. das verschlossene Wohngebäude eines Gast- wirths nieder. Der Eigenthümer war mit den Seinen zum Schützenfeste gegangen, hatte aber die Versicherungspolice und andere Werthpapiere dorthin mitgenommen. Obgleich das zu manchen Verdächtigungen Anlaß bot, hat die Provinzial-Feuersocietät doch einen Theil des versicherten Capitals ausgezahlt und der Mann sich ein neues Haus gebaut, das beinahe fertig ist. Jetzt hat indeß eine Dienstmagd gegen den Wirth, ihren ehemaligen Herrn, Zeugniß abgelegt, und in Folge dessen ist heute jener nebst seiner Ehefrau verhaftet worden. Besonders traurig ist das für die acht der Schule noch nicht entwachsenen Kinder der gefänglich Eingezogenen. Sie werden die Eltern schwer vermissen.
war ohne Anmaßung, leutselig und grundverschieden von der Brutalität seiner Kameraden. Er war edel- müthig gegen wehrlose Feinde und durch die reinste und ritterlichste Sitte ausgezeichnet. Das Fort bei Koblenz in welchem seine Leiche beigesetzt wurde, trug 18 Jahre seinen Namen. —
„Welche Veränderungen hatte die Sambre- und Maasarmee im Laufe eines Mondes erfahren! . . . . Von der Grenze Böhmens, von jener stolzen Stellung hinweg, worin sie die Hauptstadt Oesterreichs bedrohte, war sie nun bis über die Sieg zurückgeworfen: durch so viele Treffen, und einen Rückzug, der mißlicher als alle Treffen war, geschwächt, ihre Lorbeern verwelkt; sie selbst kaum mehr dieselbe. General Jourdan, durch diese Kette von Unfällen gebeugt, legte den Oberbefehl über die Armee nieder, der nun dem Gen eral Beurnonville, bisherigen Oberfeldherrn der Nordarmee, ertheilt ward; General Ernouf, Chef des Generalstabs, ward zur Verantwortung nach Paris abgerufen; General Colland außer Dienst gesetzt; General Bollemont war bei Würzburg in österreichische Gefangenschaft gerathen; General Marceau bei Altenkirchen geblieben. Zu spät forderte jetzt (14. September) das französische Vollziehungsdirektorium in einer Botschaft den Rath der Fünfhundert auf, „daß doch plötzlich Maßregeln beschlossen werden möchten, wodurch man die Kriegszucht bei den Armeen der Republik herstellen, und allen Unordnungen derselben, mit schleuniger Anwendung der strengsten Gesetze, steuern könnte, damit nicht ihre Ehre durch das Betragen einzelner Mitglieder im Auslande geschändet; selbst ihre Siege ihnen, im Fall eines Rückzuges, zum Verderben, und ihre dort angenommene Gewohnheit einst, bei ihrer Rückkehr, selbst dem Herzen des Vaterlandes tödtlich werden möchten."
„Ueberhaupt war Jourdan's Rückzug Stoff vieler Gährung, und die Mißvergnügten frohlockten darüber. Stärker als je sprach man jetzt gegen den ewigen Krieg im Auslande. „Macht Frieden!" so erhob sich um diese Zeit ein Journalist, der hierin als Organ der öffentlichen Meinung betrachtet werden kann — „macht Frieden! wir sagten euch das mitten im Taumel eurer Siege. Macht Frieden! so rufen wir euch jetzt nach einer Reihe von Unfällen zu; und wenn der Sieg wieder zu unsern Fahnen zurückkehrt, wird ewig unsere Mahnung an euch bleiben: macht Frieden! Was soll diese starre Unempfindlichkeil, womit man Ströme fränkischen Blutes vergießt? . . . Wie? der mörderischste unter unsern Feldzügen; so viel hundert Treffen
seit sieben Monden; so reißend schnelle Eroberungen, so plötzliche Rückzüge; dies ganze staunenswürdige Gemisch von Glück und Geduld und Heroismus, das die Triumphe unserer Armeen schuf, und sie selbst noch in ihren Niederlagen sichert, soll verloren sein für sie, für's Vaterland, für die Ruhe von Europa! . . . Der Feind — sagt ihr — weigert sich, uns um Frieden zu bitten; in Wien wollen wir ihn dazu zwingen. Welch' seltsame Sprache! Reizt ihr nicht, je mehr ihr einen Feind in den Mittelpunkt seiner Macht verfolgt, desto wilder seinen Grimm, seinen Stolz auf? Ihr verzehnfacht seine Kräfte. Auf allen Punkten, die ihr bedroht, werden plötzlich Tausende von Bewaffneten aufstehen. . . . Und was bietet ihr ihnen, um sie für euch zu gewinnen, diesen Völkern, die Sprache, Sitten Interesse, Alles von euch trennt? — ihr kommt zu ihnen mit unerschwinglicher Kriegssteuer, mit der endlosen Quälerei einer Requisition; mit allen Ausschweifungen einer Undisziplin, der ihr nicht steuern könnt. . . Ihr wollt bis nach Wien vorrücken! Macht Frieden!"
Am 7. April 1797 wurde der Präliminarfrieden von Leoben, am 17. Oktober 1797 der Frieden von Campo Formio geschlossen. Alle diese Verträge trugen aber den Keim zu neuer Zwietracht, zu neuen Kämpfen in sich, und spät, nach Jahrzehnten erst, sollte sich der Tempel des Janus schließen, denn damals in dem Jahre 1796, im italienischen Feldzuge, ließ Napoleon zuerst sein Feldherrngeme leuchten und bald sollte ganz Europa zu einer Kriegsflamme werden. Merkwürdig, während jene weltbewegenden Aktionen in der Mitte der 90er Jahre vorgingen, bekümmerte sich das gebildete Publikum Deutschlands weit weniger um den Krieg und die Noth des Vaterlandes, als nm die geistreichen und witzigen Genien, die gerade damals Goethe und Schiller drucken ließen, als um die ersten Romane Jean Paul's und um die neue Philosophie des jungen Schelling. Die literarische Welt nahm keine Notiz von der wirklichen.
Wir sind zu Ende. Von dem merkwürdigen Beispiele, welches das Volk in Franken, an der Rhön, im Spessart geliefert hatte, war den Regierungen ein überaus deutlicher Wink, ein ganz unverkennbarer Fingerzeig gegeben, wo die Rettung des Reiches zu suchen sei. Nichts war einfacher, nichts sogar nothwendiger, als daß alle deutsche Fürsten das Volk überall in Masse zu den Waffen rufen mußten zur gemeinsamen Abwehr des Feindes und zur Behauptung der Integrität des Reiches Aber die Fürsten waren verblendet, das Beispiel, die Lehre, die ihnen das Landvolk der Rhön, des Spessarts gegeben, sie waren vergeblich. Mehr als eine verlorene Schlacht betrugen die Verluste, die allein die Rhön- bauern den Franzosen beigebracht hatten und noch lange lange Jahre war für die letzteren die trübste Erinnerung der Gedanke an ihren Rückzug von 1796 durch die Rhön und den Spessart, die kleine V en d 6e. —
— Ende. —
Vermischtes.
—. Eine interessante „Ordre" vomJahre 1624 giebt den zu einer erzherzoglichen Tafel geladenen Junkern, jüngsten Offizieren und Fähnrichen folgende Verhaltungsmaßregeln: „Sintemal Jhro K. K. Hoheiten geruheten, mehrere Offiziers an Höchstdero Tisch zu in- vitiren, item ich alldieweilen in Okkassion bin gewesen, mit männiglicher Kenntniß und Persuasion, wie sie allemalen in der meisten Offiziers als Kavaliers ritterlich und manierlich untereinander und männiglich traktiren thun und kontentiren, alsdann muß doch vorweg den Junkern, so nicht ordentlich gehobelt sind, aufmerksam machen auf die mensure regulaire, als: 1) Item mit blankem Zeuge, saubern Rock und Stiefeln, nicht angetrunken, Ihre K. K. Hoheit nicht zu inkomplimentiren. 2) Item bei der Tafel den Stuhl nicht wackeln und die Füße nicht lang ausspreizen. 3) Item nicht nach jedem Bissen trinken, alsdann man zu frühe voll wird, den Humpen aber nach jeder Speis einmal halbert auslehren; vornhin aber den Schnauzbart und das Maul sauber abwischen. 4) Item mit der Hand nicht in die Vorlegeschüssel langen oder die abgekiefcrten Beine zurück oder hinter den Tisch werfen. 5) Item nicht an den Fingern mit der Zunge schlecken oder in das Tischtuch schneutzen. 6. Item zu Letzteren nicht zu viehisch hum- piren, daß man vom Stuhl fällt oder item nicht mehren gradweg gehen kann."
— Unser Wildfang. Ueber nichts ist eine Mutter unglücklicher, als wenn man ihr Töchterchen einen Wildfang nennt. „Sitz hübsch ruhig, Kind," heißt es gar oft, „lauf und springe doch nicht so! — sei doch nicht so wild! — benimm dich hübsch manierlich, wie eS einer kleinen jungen Dame zukommt." Mts ob ein gesundes Kind lange stille sitzen könnte! Als ob es sich Zeit nehmen könnte, vorsichtig und behutsam über irgend ein kleines Hinderniß, das ihm zufällig im Wege liegt, hinwegzusteigen! Als ob es die Hände ruhig gefaltet im Schoß haben könnte, wenn das kleine Herz vonmuth- willigen Streichen übersprudelt! Das wäre unnatürlich und deshalb ein unbilliges Verlangen. Kinderbrauchen Bewegung — die Mädchen ebenso wie die Knaben. Sie müssen ihre Brust ausdehnen, ihre Künste üben, ihre Muskeln stärken —kurz, sich überhaupt entwickeln. Und die ihrer Gesundheit durchaus nöthige Bewegung muß