Einzelbild herunterladen
 

WWmmMlmg

Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

^ 16, Samstag, den 23. Februar. 1889.

Die Trunksucht im Krankenhause und in der Strafanstalt.

Bortrag des Pastor Kayser in Bremen am 15. Novbr.

I. Im Krankenhause.

Was Einer empfindet und denkt, der drei Jahrzehnte lang täglich im Krankenhause und im Gefängniß aus- und eingehk, bemüht, dem dort angehäuften menschlichen Elend entgegenzutreten, wenn er das WortMißbrauch geistiger Getränke" hört oder liest, und was er über das Bemühen von Leuten denkt, welche sich zum Verein zusammenschließen, um diesem Mißbrauch entgegen zu treten und ihn wo möglich auSzurotten, das wünschen Sie von mir zu hören.

Wohlan, so lassen Sie uns gleich mitten in die Sache selbst hineingehen. Folgen Sie mir; ich will als Krankenhauspastor Ihr Führer sein. Wir kommen vor eine verschlossene Thüre, die wir das Recht haben zu öffnen. ES ist ein quadratförmiges hohes Zimmer, das unS aufnimmt. So wenig als möglich Möbel sind darin, und diese von der einfachsten kräftigsten Art. Ein Tisch, ein Stuhl, eine Fußbank; das Fenster ist inwendig vergittert, so daß man nicht bis zu der Glas­scheibe gelangen kann. Wir haben nicht Zeit, uns weiter umzusehen, denn es bietet sich uns ein eigenthümlicher Anblick: auf dem einfachen hölzernen Tisch steht der einzige Stuhl, welcher im Zimmer ist, und auf dem Stuhle steht die Fußbank, auf der Fußbank steht ein Mann. Er ist kräftig gebaut, hat eine breite Brust, starke Schultern, gehört offenbar dem Arbeiterstande an. In seinen ganzen Stellung, in seinen Gesichtszügen, in all seinen Geberden drückt sich höchste Angst aus. Er ist wie ein Verbrecher, der die Todesstrafe erwartet. Wir fragen zu ihm hinauf:Was machen Sie denn da?' Mit kläglicher Stimme antwortet er:Ja, sehen Sie es denn nicht?"Was denn?"Nun, die schwarzen Männer, die neben mir stehen?"Nein, mein Lieber, die sehe ich nicht. Es stehen keine schwarzen Männer neben Ihnen."Doch! doch! Sie sind gekommen mich hinzurichten. Nun haben sie mir gesagt: ich könnte noch ein Vaterunser beten, dann würde ich den Todes- streich empfangen. Darum habe ich ihnen die Hände gehalten." Alle unsere Bemühungen, den Mann eines besseren zu belehren, sind umsonst. Er sieht Männer, die nicht da sind, und hört Stimmen, wo nichts ge­sprochen wird, denn seine Sinne sind zerrüttet. Es ist, als ob des Gewissens Stimme, die sonst nur im Innern laut wird, Gestalt angenommen hätte, um ihn jetzt vor Gericht zu ziehen und ihm zu sagen, was er durch sein unmäßiges Trinken verdient habe und wohin es ihn noch führen werde. Wir nennen seine Krankheit den Säuferwahnsinn.

Lassen wir ihn und schauen ein anderes Bild. Es ist Abends 11 Va Uhr; alles ist zur Ruhe. Der Kranken­haus-Pastor studirt einsam auf seinem Zimmer, denn es ist Sonnabend, er muß morgen predigen. Da hört man einen Wagen von ferne kommen. Er hält vor dem Thore. Es klingelt. Stimmen werden laut. Man hört Schritte auf den Corridoren. Die Nachtwache weckt den Hausarzt. Der ordnet an, daß auch der andere Arzt geweckt werde, und bezeichnet die Wärterinnen, welche aus dem Schlaf gerufen werden sollen. Es ist nämlich eine Kranke gekommen. Sie wird nach Anord­nung deS Arztes nicht auf das Krankenzimmer gebracht, sondern direct in den Operationssaal. Dort sehen wir sie bewußtlos liegen auf dem Operationstisch. Sie blutet aus vielen Wunden. Es ist ein schrecklicher An­blick. Ihr Mann hat sie so zugerichtet. Er kam be­trunken nach Hause. Ob sie ihn durch ihre Worte gereizt hat, wer weiß es? Es ist wahrscheinlich, ist ihr aber zu verzeihen. Da nahm er die Flasche, schlug sie auf ihrem Kopfe entzwei und bearbeitete dann in besti­alischer Wuth ihr Gesicht, ihre Hände, ihre Brust und Arme mit dem Rest der Fasche, den er in der Hand behalten hatte und der selbstverständlich scharfe und spitzige Kanten hatte.

Ueberlassen wir die Unglückliche den geschickten Händen der Aerzte und Pflegerinnen, und nehmen wir noch ein drittes Bild in Augenschein. Da liegt in einem großen Krankensaal ein Kind von etwa drei Jahren. Ein Jammerbild! Abgemagert bis zum Entsetzen, sieht es uns auS seinen tiefliegenden hohlen Augen an. Was ihm eigentlich fehlt, wer kann eS sagen? Früh vernach­

lässigt von den Eltern, die beide dem Trunke ergeben sind, ist es in Schmutz und Unreinlichkeit verkommen. Nun sitzt es voll von Geschwüren. Es war die höchste Zeit, daß es seinen gewissenlosen Eltern entrissen und einer treuen Pflege übergeben wurde. Wenn nicht die von den trunksüchtigen Eltern auf das Kind vererbten krankhaften Keime gar zu verderblich wirken, ist Aussicht, daß es gerettet werde.

Hochverehrte Versammlung! Gern hätte ich Sie mit den schrecklichen Bildern verschont. Aber ich sagte mir: wer in den Kampf gegen das Elend dieser Sucht, insbesondere gegen den Bolksverderber Alkohol eintreten will, der muß starke Nerven haben. Ich habe aber noch nicht die schlimmsten Fälle ausgewählt, und habe versucht, das schrecklichste und häßlichste in meiner Dar­stellung zu mildern.

Es war dabei meine Absicht, dreierlei zu zeigen. Erstens wie der Mensch in Folge unmäßigen Genusses der alkoholhaltigen Getränke sich selbst ruinirt. Das Gift zerrüttet Leib und Geist. Der Mann mit dem Säuferwahnsinn war kerngesund, kräftig, schön, ein Mannsbild, an welchem man seine Freude haben konnte. Er war verständig und klug. Es fehlte ihm nicht an Fleiß und Geschicklichkeit. Dabei hatte er ein weiches, warmes Gemüth und ein fröhliches Herz. Wohin er kam, gewann er die Herzen. Sie mochten ihn alle gern. Dazu hatte er eine gute Frau und liebe gesunde Kinder. Und doch ging er zu Grunde durch den Brannt­wein! Als ,er von jenem Anfall, den ich schilderte, ge­nesen war,'nahm ich mich seiner besonders an. Ich machte mit ihm aus, er solle mir auf acht Tage ver­sprechen, keinen Branntwein zu trinken. Nach acht Tagen kam ich zu ihm es war ein Sonntag, weil ich ihn am Werktag nicht zu Hause getroffen hätte und er hatte sein Versprechen gehalten. Ich nahm ihm dasselbe Versprechen ab. Wie ich am nächsten Sonntag kam, stand Alles gut. Der Mann gab es von Neuem, hielt sein Versprechen immer auf acht Tage und war dabei so glücklich. Und erst seine Frau und Kinder! Nach einiger Zeit, als ich schon sicherer geworden war, fand ich ihn Sonntags nicht zu Hause. Seine Frau sagte auf meine Frage, er sei zur Arbeit; der Vor­arbeiter habe ihm besonderes Wohlwollen geschenkt, und um ihm einen Gefallen zu thun und Verdienst zuzu- wenden, ihm eine Sonntagsarbeit im Geschäft zugewendet. Ich warnte und bat den Mann. Aber er fühlte sich sicher:Branntwein kommt nie wieder über meine Lippen; den Trunk bin ich los." Jedoch, was ich ihm als böse Frucht seiner Sonntagsarbeit geweissagt hatte, trat doch, wenn auch nicht so schnell ein, als ich gedacht hatte. Er hielt sich wirklich einige Zeit sehr gut. Dann aber veranlaßte ihn gerade die Sonntagsarbeit es war eine Arbeit am Wasser das Trinken wieder an- zufangen. Der böse Geist kam wieder und brächte sieben andere noch schlimmere mit sich. Als wieder der Säuferwahnsinn kam, ging der Unglückliche zu Grunde.

Ich brauche Ihnen, hochgeehrte Versammlung, nicht erst zu sagen, daß das, was ich geschildert habe, nicht die einzige Art ist, wie der Mensch sich durch über­mäßigen Genuß der alkoholhaltigen Getränke selbst ruinirt. Ein auf diesem Gebiet erfahrener und thätiger Sanitätsrath schreibt:

Der Alkohol, in mißbräuchlicher Weise genossen, verändert alle Organe und Gewebe des Körpers; er vermindert die Widerstandsfähigkeit gegen die Einwirkung aller krank machenden Einflüsse, so daß Trinker allen Krankheiten epidemischer Art mehr auSgesetzt sind, und ihnen thatsächlich auch mehr erliegen, als nüchterne und mäßige Menschen. Die Trunksucht verschlechtert die gesammte Constitution des Menschen, sie setzt ihn in seiner angeborenen und angeerbten Leistungsfähigkeit herab, sie vermindert seine Lebens-Energie, unb ver­schlechtert seine geistige wie seine körperliche Individua­lität. Ueberall, wo das Volk dem unmäßigen Genuß berauschender Getränke ergeben ist, zeigt sich eine Ab­nahme seiner physischen Kraft und eine Verschlechterung seiner Art."

Kein Wunder! Denn das hat unser zweites Bild uns gezeigt. DaS Familienleben wird dadurch gestört. Die Familie ist die Stätte, wo der frische Quell der Volks­wohlfahrt sprudelt. Wo aber vom Teufel des Brannt­weins besessen, die Männer ihre Frauen so schlecht

behandeln, da ist die Quelle vergiftet, und statt Volks­wohl fließt des Volkes Wehe heraus. Jener Mann war, wenn er nüchtern war, ein getreuer Ehemann und Familienvater. Das erste Wort, welches die arme Frau sprach, als sie wieder zum Bewußtsein kam, war gar rührend und ergreifend. Sie sagte:Ach bitte, zeigen Sie doch meinen Mann nicht an, damit er keine Strafe kriegt. Er ist sonst gut!"

Derselbe Sanitätsrath schreibt weiter:Nicht nur, daß der Trinker selbst an Leib und Seele sich schädigt und vernichtet. Er verleiht auch seiner Nachkommen­schaft den Charakter großer Hinfälligkeit, den der all­gemeinen Entartung. Nicht bloß das gegenwärtige, sondern auch das zukünftige Geschlecht wird verdorben."

Das zu zeigen, habe ich Ihnen das dritte Bild vor­geführt. Es sollte Ihnen die Mahnung ans Herz legen: Kämpft gegen den Branntwein, kämpft gegen den übermäßigen Gebrauch alkoholhaltiger Getränke, wo ihr ihn findet' Wollt ihr nicht um der Männer willen in diesen Kampf eintreten, so thut es um der Frauen willen, und wollt ihr es nicht um der Frauen willen, so thut es wenigstens um der armen zarten Kinder willen, in denen die Zukunft des Volkes liegt!

(Schluß folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin. Offiziös wird die Einführung eines neuen Gewehres bei der deutschen Armee in Aussicht gestellt und zwar des Gewehres, welches gegenwärtig bei der österreichischen Armee eingeführt wird. Die spätere Einheitlichkeit in der Infanterie - Bewaffnung beider Reiche wird als neues Band derselben, welchem zweifel­los hervorragende politische Folgen beiwohnen werden, bezeichnet. Es sind kaum zwei Jahre verstrichen, daß man das Nepetirgewehr eingeführt und riesige Summen für dessen Herstellung aufgewendet hat. Schon jetzt zeigt es sich allem Anscheine nach, daß diese vielen Millionen zwecklos verausgabt sind, daß unser Repetir- gewehr durch ein anderes ersetzt werden soll. Diesmal soll die Überlegenheit des Lebel-Gewehrs uns zu einem neuen so kostspieligen Experimente zwingen. In ein paar Jahren kann es ein neues russisches oder ameri­kanisches Gewehr sein, welches eine abermalige Um­wälzung in der Waffentechnik zur Folge hat. Wo soll das schließlich hinaus? Eine Nation überbietet fort­während die andere in der Vervollkommnung der Waffen. Muß nicht schließlich ein allgemeiner wirthschaftlicher Zusammenbruch die Folge dieses ewigen Wettrennens sein? Diese Ueberzeugung bricht sich in immer weiteren Kreisen des In- und Auslandes Bahn.

Hamburg, 18. Febr. Das Begnadigungsgesuch des Raubmörders Dauth ist vom Senat abschlägig entschieden worden, ein Beschluß, der um der Scheußlichkeit des Verbrechens willen in unserer Stadt allgemeine Befrie­digung erregt. Die Hinrichtung soll nun in Kurzem stattfinden. Es handelt sich nur noch darum, den nöthigen Scharfrichter zu gewinnen, eine Aufgabe, die keineswegs so leicht ist. Der hiesige ist im vorigen Jahre gestorben und noch nicht wieder ersetzt. Der Berliner Scharf­richter Krauts aber, an den man zunächst gedacht, wartet seines Amtes mit dem Schwert und kann nicht die Guillotine verwenden, die hier im Gebrauch ist.

Aus Westfalen, 18. Februar. In Paderborn hat gestern Abend der Maler undLakirermeisterM., welcher schon längerer Zeit mit seiner Ehefrau nicht im besten Einvernehmen lebte, nach vorausgegangenem Streite seine Jagdflinte von der Wand gerissen und einen Schuß auf seine Frau abgegeben, die auch tödtlich getroffen nieder­sank, darauf tödte er sich selbst mit einem zweiten Schusse. Die Frau lebte bis heule Mittag noch.

Tages-Greignisse.

Schlächtern. Die Wahlprüfungseom- mission des Abgeordnetenhauses hat die Wahl des Freiherr« v. Riedesel im Wahlkreise Schlüchtern-Gelnhausen für ungültig erklärt.

(Franks. Zeitung.)

Schlächtern, 22. Februar. Heute sind es 25 Jahre, daß der Kutscher Nicolaus Hommel bei dem Bäcker Joh. Weitzel in Diensten ist. Derselbe wurde aus Anlaß seines Dienst-Jubiläums zum Leibkutscher ernannt.