Einzelbild herunterladen
 

Bayreuth. Ueber einen Beweis von Nächstenliebe wird von hier geschrieben: Anfangs December kam der 11jährige Sohn des Oekonomen Meier in Korkendorf dem Göpel zu nahe, wurde von dem Getriebe erfaßt und erhielt an einem Beine furchtbare Verletzungen. Da bei den starken Zerreißungen und Quetschungen die Heilung nur sehr langsam vor sich ging, wurde von dem behandelnden Arzt dem Arme des Vaters des Knabens Haut entnommen und auf die kranken Stellen des verwundeten Beines verpflanzt. Der Erfolg war so ermuthigend, daß an eine weitere Uebertragung gedacht werden konnte. Es hatten sich freiwillig 20 Personen erboten, sich Haut abnehmen zu lassen. Wenn man nun weiß, daß es gerade kein Spaß ist, sich ein Stück Haut aus dem Arme schneiden zu lassen die Haut wird nämlich mit der Pinzette emporgehoben und dann mit einer Scheere herausgeschnitten so wundert man sich umsomehr, wenn man, hört, daß unter den 20 Personen nur drei eigentlich erwachsene waren, sämmtliche andere gehörten dem Kindesalter, bis herab zum sechsjährigen Knaben, an. Allerdings mochte das gute Beispiel des . Lehrers Groß von Gesees, der sich zuerst der Ope­ration unterzog, anfeuernd auf die Kleinen wirken; immerhin aber ist die Opferwilligkeit und Standhaftig- keit derselben zu bewundern. Ohne eine Miene zu ver­ziehen, ließen die kleinen Burschen ihre Haut dem Arzte, nur um dem Kameraden,zu helfen. Nicht ein Schmerzens- laut wurde vernehmbar, die Kleinen waren so uner­schrocken und tapfer, wie die Großen, ja man sah, wie einzelne den Schmerz verbissen, um die Nachfolgenden zu ermutigen.

Tages-Ereigniffe.

Schlüchtern. Vom 1. Februar l. I. dürfen bei Ver­sendungen von Gütern ins Ausland nur die neuen Ausfuhrscheine benutzt werden, welche zu 1 Pf. pro Stück bei der Güterspedition der Staatsbahn-Verwaltung zu beziehen sind. Auf der Rückseite der neuen Ausfuhr­scheine wird gesagt, in welcher Weise solche ausgefüllt sein müssen. Betreffs der Unterschriften wäre zu be­merken, daß solche nicht mehr mit Stempel rc. bewirkt werden dürfen, sondern nur durch den Schreiber des Frachtbriefes selbst.

Für unsere auswärtigen Abonnenten liegt ein Prüspect über k ü n st l. Düngemittel des Herrn Kaufmann Ferd. Fenner bei, worauf wir hiermit aufmerksam machen.

Der Heringsfang ist in diesem Jahre sehr ergiebig. Welche Massen von Fischen gefangen werden müssen, erhellt aus dem Umstände, daß, wie aus Eckernförde gemeldet wird, der Preis für ein Wall geräucherter Heringe nur 65 Pfg. beträgt; ein so niedriger Preis, wie er seit vielen Jahren nicht dagewesen ist.

Die Direktion der städtischen Schulen in Coburg ließ gestern in sämmtlichen Klassen die Anregung zur Anlage von Futterstellen für die in Folge des außer­ordentlich starken Schneefalls darbenden Vögel geben. Es ist das eine Maßnahme, die Nachahmung verdient. Fulda, 11. Februar. Am 9. d. Mts., Vormittags gegen halb 10 Uhr, ist der Bahnarbeiter Philipp Kreß aus Schweben, welcher an der Bahnstrecke von Flieden nach Neuhos mit Schneeschaufeln beschäftigt war, von dem von Fulda kommenden Zuge so unglücklich über­fahren worden, daß der Kopf und beide Beine vom Körper getrennt wurden, in Folge dessen der Unglückliche alsbald seinen Geist aufgab.

Zwischen hiesiger Station und Bronzell blieb eine leere Maschine im Schnee stecken. Eine andere zur Hülfe gesandte Locomotive rannte mit voller Wucht auf dieselbe ein und wurden beide stark beschädigt.

Hanau, 7. Februar. Der Verein für Geflügel- und Singvögelzucht hier hat bereits die Erledigung der noth­wendigen Vorarbeiten zu seiner demnächst (vom 2. bis 5. März) in den heizbaren Räumen des Altstädter Schlosses dahier stattsindenden VI. großen Geflügel­ausstellung mit aller Energie in Angriff genommen und entfalten die Mitglieder der einzelnen Abtheilungen in jeder Beziehung eine sehr lobenswerthe Rührigkeit. Wie wir hören, soll die diesmalige Ausstellung die seitherigen bedeutend übertreffen: so bedarf die für die Ausstellung der Vögel schon früher errichtete Estrade eine wesentliche Vergrößerung, weiter ist zur Beschaffung der nothwen­digen Räumlichkeiten eine kleine bauliche Veränderung nothwendig geworden. Den Züchtern und Liebhabern, welche ihre Thiere hierhersenden, wird aber auch diesmal viel geboten. Außer den reich bemessenen ersten und zweiten Geldpreisen, Diplomen und Staatsmedaillen ist die nachfolgende sehr stattliche Zahl von Ehrenpreisen gestiftet: 30 Mark für eine Collection von 6 Stämmen Hühner, wovon jedoch mindestens 3 Stämme mit dem 1. Preis prämiirt sein müssen; 25 Mk. für einen ver­käuflichen Stamm weiße Phönix (zweijährig); 10 Mark für einen von auswärts ausgestellten Stamm verläufliche zweijährige braune Leghorn; 10 Mark für einen desgl. große schwarzbrüstige Kämpfer; 10 Mark für einen desgl. schwarze Italiener; 10 Mark für einen desgl. silberhalsige Kampfbantam; 10 Mark für einen desgl. weiße Bantum; 7 Mk. 50 Pfg. für einen desgl. blaue Italiener; 5 Mk. für einen desgl. blaue Andalusier; 5 Mk. für einen desgl. Hamburger Goldlack; 10 Mk. für gelbe Köchin, 10 Mk. für Brahma-Putra, 10 Mk.

für silberhalsige Dorking (verkäuflich und zweijährig); 20 Mk. für eine Collection von 6 Paaren mit 1. Preis prämiirten verkäuflichen Tauben; 10 Mk. für ein Paar verkäufliche isabellfarbige franz. Kröpfer; 6 Mk. für ein Paar verkäufliche gelbgemönchte Perrücken; 15 Mk. für eine Collection insectenfressender Vögel; 15 Mark für eine Collection Zier- oder Samenvögel; 10 Mark für die schönste Collection Exoten; 10 Mk. für die schönste Collection Schmeißvögel. Bewährte Männer und Kenner auf dem Gebiete der Geflügel- und Singvögel­zucht sind bereits dafür gewonnen, die preiswerthen Thiere auszuwählen. Es sind dies für Hühner die Herren Hartmann-Würzburg, Garbrecht-Heidelberg und Eberdt-Hanau; für T a u b eu die Herren Beyer-Eßlingen, Maid-Mainz, Schneider-Gustavsburg bei Mainz und Konrad Ohler-Hanau; für Zier- und Singvögel die Herren Romeiser-Frankfurt und Heinr. Henckel- Hanau. Ueber Prümiirung von Gerüchen, Futter, Litteratur rc. entscheidet das gesammte Preisrichter- Collegium.

Michael Kohlhaas.

Eine Erzählung von Heinrich von Kleist.

(Fortsetzung.)

Der Kaiser in einer durch die Staatskanzlei aus- gefertigten Note antwortete ihm: daß der Wechsel, der plötzlich in seiner Brust vorgegangen zu sein scheine, ihn aufs äußerste befremde; daß der süchsischerseits an ihn erlassene Bericht die Sache des Kohlhaas zu einer Angelegenheit gesammten heiligen römischen Reichs gemacht hätte; daß demgemäß er, der Kaiser, als Oberhaupt desselben, sich verpflichtet gesehen hätte, als Ankläger in dieser Sache bei dem Hause Brandenburg aufzutreten ; dergestalt, daß, da bereits der Hof-Assessor Franz Müller in der Eigenschaft als Anwalt nach Berlin gegangen wäre, um den Kohlhaas daselbst wegen Verletzung des öffentlichen Landfriedens zur Rechenschaft zu ziehen, die Beschwerde nunmehr auf keine Weise zurückgenommen werden könne, und die Sache den Gesetzen gemäß ihren weitern Fortgang nehmen müsse.

Dieser Brief schlug den Kurfürsten völlig nieder; und da zu feiner äußersten Betrübniß in einiger Zeit Privat- schreiben aus Berlin einliefen, in welchen die Einleitung des Prozesses bei dem Kammergericht gemeldet und bemerkt ward, daß der Kohlhaas wahrscheinlich, aller Bemühungen des ihm zugeordneten Advokaten ungeachtet, auf dem Schaffot enden werde: so beschloß dieser un­glückliche Herr noch einen Versuch zu machen, und bat den Kurfürsten von Brandenburg in einer eigenhändigen Zuschrift um des Roßhändlers Leben. Er schützte vor, daß die Amnestie, die man diesem Manne angelobt, die Vollstreckung eines Todesurtheils an demselben füglicher- weise nicht zulaffe; versicherte ihn, daß es trotz der scheinbaren Strenge, mit welcher man gegen ihn ver­fahren, nie seine Absicht gewesen wäre, ihn sterben zu lassen; und beschrieb ihm, wie trostlos er sein würde, wenn der Schutz, den man vorgegeben hätte ihm von Berlin aus angedeihen lassen zu wollen, zuletzt in einer unerwarteten Wendung zu seinem größern Nachtheile ausschlüge, als wenn er in Dresden geblieben, und seine Sache nach sächsischen Gesetzen entschieden worden wäre.

Der Kurfürst von Brandenburg, dem in dieser Angabe mancherlei zweideutig und unklar schien, antwortete ihm: daß der Nachdruck, mit welchem der Anwalt kaiserlicher Majestät verführe, platterdings nicht erlaube, dem Wunsch, den er ihm geäußert, gemäß von der strengen Vorschrift der Gesetze abzuweichen. Er bemerkte, daß die ihm vorgelegte Besorgniß in der That zu weit ginge, indem die Beschwerde wegen der dem Kohlhaas in der Amnestie verziehenen Verbrechen ja nicht von ihm, der demselben die Amnestie ertheilt, sondern von dem Reichsoberhaupt, das daran auf keine Weise gebunden sei, bei dem Kammer­gericht zu Berlin anhängig gemacht worden wäre. Dabei stellte er ihm vor, wie nothwendig bei den fortdauernden Gewaltthätigkeiten des Nagelschmidt, die sich sogar schon mit unerhörter Dreistigkeit bis aufs brandenburgische Gebiet erstreckten, die Statuirung eines abschreckenden Beispiels wäre, und bat ihn, falls er dies alles nicht berücksichtigen wolle, sich an des Kaisers Majestät selbst zu wenden, indem, wenn dem Kohlhaas zu Gunsten ein Machtspruch fallen sollte, dies allein auf eine Erklärung von dieser Seite her geschehen könne.

Der Kurfürst, aus Gram und Aerger über alle diese mißglückten Versuche, verfiel in eine neue Krankheit; und da der Kämmerer ihn an einem Morgen besuchte, zeigte er ihm die Briefe, die er, um dem Kohlhaas das Leben zu fristen, und somit wenigstens Zeit zu gewinnen, des Zettels, den er besäße, habhaft zu werden, an den Wiener und Berliner Hof erlassen. Der Kämmerer warf sich auf Knieen vor ihm nieder, und bat ihn, um alles, was ihm heilig und theuer sei, ihm zu sagen, was dieser Zettel enthalte? Der Kurfürst sprach, er möchte das Zimmer verriegeln, und sich auf das Bett niedersetzen, und nachdem er seine Hand ergriffen und mit einem Seufzer an sein Herz gedrückt hatte, begann er folgendergestalt:Deine Frau hat dir, wie ich höre, schon erzählt, daß der Kurfürst von Brandenburg und ich am dritten Tage der Zusammenkunft, die wir in Jütrrbock hielten, aus eine Zigeunerin trafen; und da

der Kurfürst, aufgeweckt wie er von Natur ist, beschloß, den Ruf dieser abcuteuerlichen Frau, von deren Kunst eben bei der Tafel auf ungebührliche Weise die Rede ge­wesen war, durch einen Scherz im Angesicht alles Volks zu nichte zu machen, so trat er mit verschränkten Armen vor ihren Tisch, und forderte der Weissagung wegen, die sie ihm machen sollte, ein Zeichen von ihr, das sich noch heute erproben ließe, vorschützend, daß er sonst nicht, und wäre sie auch die römische Sibylle selbst, an ihre Worte glauben könne. Die Frau, indem sie uns flüchtig von Kopf zu Fuß maß, sagte, das Zeichen würde sein, daß unsIder große gehörnte Rehbock, den der Sohn des Gärtners im Park erzog, auf dem Markt, worauf wir uns befanden, bevor wir ihn nicht »erlassen, ent- gegenkommen würde. Nun mußt du wissen, daß dieser für die Dresdener Küche bestimmte Rehbock in einem mit Latten hoch verzäunten Vorschläge, den die Eichen des Parks beschatteten, hinter Schloß und Riegel auf­bewahrt ward, dergestalt, daß, da überdies andern kleinern Wildes und Geflügels wegen der Park überhaupt und obencin der Garten, der zu ihm führte, in sorgfältigem Beschluß gehalten ward, schlechterdings nicht abzusehen war, wie uns das Thier, diesem sonderbaren Vorgeben gemäß, bis auf dem Platz, wo wir standen, entgegen« kommen würde; gleichwohl schickte der Kurfürst aus Besorgniß vor einer dahintersteckenden Schelmerei, nach einer kurzen Abrede mit mir, entschlossen, auf unab­änderliche Weise alles, was sie noch vorbringen würde, des Spaßes wegen zu schänden zu machen, ins Schloß, und befahl, daß der Rehbock augenblicklich getödtet und für die Tafel an einem der nächsten Tage zubereitet werden solle. Hierauf wandte er sich zu der Frau, vor welcher diese Sache laut verhandelt worden war, zurück, und sagte: Nun, wohlan! was hast du mir für die Zukunft zu entdecken? Die Frau, indem sie in seine Hand sah, sprach: Heil meinem Kurfürsten und Herrn! Deine Gnaden wird lange regieren, das Haus, aus dem du stammst, lange bestehen, und deine Nachkommen groß und herrlich werden, und zu Macht gelangen vor allen Fürsten und Herren der Welt! Der Kurfürst, nach einer Pause, in welcher er die Frau gedankenvoll ansah, sagte halblaut mit einem Schritte, den er zu mir that, daß es ihm jetzo fast leid thäte, einen Boten abgeschickt zu haben, um die Weissagung zu nichte zu machen; und während das Geld aus den Händen der Ritter, die ihm folgten, der Frau haufenweise unter vielem Jubel in den Schooß regnete, fragte er sie, indem er selbst in die Tasche griff und ein Goldstück dazulegte: ob der Gruß, den sie mir zu eröffnen hätte, auch von so silbernem Klänge wäre, als der seinige? Die Frau, nachdem sie einen Kasten, der ihr zur Seite stand, auf­gemacht, und das Geld nach Sorte und Menge weit­läufig und umständlich darin geordnet und den Kasten wieder verschlossen hatte, schützte ihre Hand vor der Sonne, gleichsam als ob sie ihr lästig wäre, und sah mich an; und da ich die Frage an sie wiederholte und auf scherzhafte Weise, während sie meine Hand prüfte, zum Kurfürsten sagte: Mir, scheint es, hat sie nichts, das eben angenehm wäre, zu verkündigen, so ergriff sie ihre Krücken, hob sich langsam daran vom Schemel empor, und indem sie sich mit geheimnißvoll vorgehaltenen Händen dicht zu mir herandrängte, flüsterte sie mir ver­nehmlich ins Ohr: Nein' So! sagt' ich verwirrt, und trat einen Schritt vor der Gestalt zurück, die sich mit einem Blick kalt und leblos, wie aus marmornen Augen, auf den Schemel, der hinter ihr stand, zurück- setzte: von welcher Seite her droht meinem Hause Gefahr? Die Frau, indem sie eine Kohle und ein Papier zur Hand nahm und ihre Kniee kreuzte, fragte: ob sie es mir aufschreiben solle? und da ich, verlegen in der That, bloß weil mir unter den bestehenden Umständen nichts andres übrigblieb, antwortete: Ja! das thu! so versetzte sie: Wohlan! dreierlei schreib ich dir auf: den Namen des letzten Regenten deines Hauses, die Jahreszahl, da er sein Reich verlieren, und den Namen dessen, der es durch die Gewalt der Waffen an sich reißen wird. Dies vor den Augen alles Volks abgemacht, erhebt sie sich, verklebt den Zettel mit Lack, den sie in ihrem welken Munde befeuchtet, und drückt einen bleiernen, an ihrem Mittelfinger befindlichen Siegelring darauf. Und da ich den Zettel, neugierig, wie du leicht begreifst, mehr als Worte sagen können, erfassen will, spricht sie: Mit nichten, Hoheit! und wendet sich und hebt ihrer Krücken eine empor: von jenem Mann dort, der mit dem Feder­hut auf der Bank steht hinter allem Volk, am Kirchen- eingang, lösest du, wenn es dir beliebt, den Zettel ein! Und damit, ehe ich noch recht begriffen, was sie sagt, auf dem Platz, vor Erstaunen sprachlos, läßt sie mich stehen; und während sie den Kasten, der hinter ihr stand, zusammenschlug und über den Rücken warf, mischt sie sich, ohne daß ich weiter bemerken konnte, was sie thut, unter den Haufen des uns umringenden Volks.

Nun trat, zu meinem in der That herzlichen Trost, in ebenbiefem Augenblick der Ritter auf, den der Kur­fürst ins Schloß geschickt hatte, und meldete ihm mit lachendem Munde, daß der Rehbock getödtet, und durch zwei Jäger vor seinen Augen in die Küche geschleppt worden sei. Der Kurfürst, indem er seinen Arm munter in den meinigen legte, in der Absicht, mich von dem Platz hinwegzuführen, sagte: Nun wohlan! so war die Prophezeiung eine alltägliche Gaunerei, und Zeit und