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Samstag, den 9. Februar.
1889.
Unser Kaiserpaar
hat am Dienstag Bormittag einem Trauergottesdienst beigewohnt, welcher auf Veranlassung der österreichisch- ungarischen Botschaft in der katholischen St. Hedwigs- kirche für den Kronprinzen Rudolf von Oeste r- r e i ch stattfand. Nachdem Kaiser Franz Josef den Wunsch ausgesprochen, daß eine Betheiligung der Höfe bei der Beisetzungsfeier in Wien unterbleiben möge, hat unser Kaiser noch einmal nach Wien telegraphirt, daß es ihm Bedürfniß sei, seinem Freund persönlich die letzten Ehren zu erweisen; er wolle Morgens ankommen, Abends wieder abreisen und auf jedes Ceremouiell verzichten. Kaiser Franz Josef hat tiefgerührt gedankt mit dem Hinzufügen, daß es ihm unmöglich sei, gegenwärtig Gaste zu empfangen. Die Commandeure das Kaiser Franz Garde-Grenadier-Regiments und das 2. Brandenburgischen Ulanen-Regiments Nr. 11, welchen preußischen Truppentheilen Kronprinz Rudolf angehörte, sind zur Bestattungsfeier nach Wien abgereift; Commandeur des ersteren ist der Erbprinz von Sachsen-Meiningen (Schwager unseres Kaisers), in der Uniform unserer Ulanen erschien Kronprinz Rudolf in Wien am Sonntag Abend zum letzten Male beim Prinzen Reuß, wo auch sein Kaiserlicher Vater ihn zum letzten Male sah. Neben dem Sarge ist seitens des Botschafters ein prachtvoller Kranz unseres Kaisers niedergelegt worden. Aus Anlaß der in Wien stattfindenden Beisetzungsfeier blieben am Dienstag die beiden Königlichen Theater in Berlin geschlossen.
Durch den in Wien amtlich veröffentlichten Sections- befund ist der Selbstmord mittelst Revolverschuß fest- gestellt, ebenso auch das Vorhandensein von krankhaften Gehirn- und Schädelbildungen, welche erfahrungsmäßig mit abnormen Geisteszuständen einhergehen, so daß die Annahme berechtigt ist, die That sei in einem Zustande der Geistesverwirrung geschehen. Der Selbstmord ist zudem außer Zweifel gestellt durch folgendes Schreiben des Kronprinzen an den Sectionschef Szoeghenyi im Ministerium des Auswärtigen.
„Lieber Szoeghenyi! Hiei sende ich Ihnen ein Codicill; verfügen Sie im Sinne desselben und meines vor zwei Jahren mit Einwilligung meiner Gemahlin verfaßten Testamentes. In meinem Arbcitskabinet in der Hofburg steht neben dem Sopha ein kleiner Tisch; mit dem hier beigeschlossenen goldenen Schlüssel öffnen Sie dessen Lade, darin finden Sie meine Schriften, mit deren Sichtung ich Sie betraue; es Ihrer Einsicht überlassend, welche sie für die Oeffentlichkert auswählen. Ich muß aus dem Leben scheiden. Grüßen Sie in meinem Namen alle meine guten Freunde unb Bekannten. Leben Sie glücklich! Gott segne unser geliebtes Vaterland! Ihr Rudolf."
Nach Mittheilung des dem Kronprinzen befreundeten Grafen Stephan Karoly hätte derselbe auch noch Briefe an den Kaiser, die Kaiserin, die Kronprinzessin seine Gemahlin, den Erzherzog Otto uud den Prinzen von Braganza hinterlassen.
Die Leiche wurde am Dienstag Nachmittag von der Burgkapelle in die Gruft bei den Kapuzinern überführt, wo bereits 113 Angehörige des Habsburgischen Hauses den ewigen Schlaf schlafen. Kaiser Franz Josef, obwohl seelisch aufs tiefste gebeugt, ist dennoch körperlich uner- schüttert und hat die Minister, die Abordnungen des Ungarischen Parlaments u. A. empfangen. Die Theilnahme der Bevölkerung in ganz Oesterreich und Ungarn ist eine allgemeine.
Wer kann bei der Fluth von Wiener Gerüchten mit Sicherheit das Wahre von dem Falschen scheiden, nachdem die Schleusen geöffnet sind? So wird jetzt erzählt, das kronprinzliche Paar habe durchaus nicht so glücklich gelebt, wie seither angenommen wurde, die Kronprinzessin habe schon im October v. I. ihre königlichen Eltern in Brüssel flehentlich gebeten, ihr die Rückkehr ins Elternhaus zu gestatten, ein offener Bruch sei nur durch das energische Eingreifen der Kaiserin Elisabeth vermieden worden. Bestätigen soll sich, daß Kaiser Franz Josef im ersten Augenblick die Veröffentlichung der Todesart des Kronprinzen nicht gewünscht, später aber sie ungeordnet habe mit dem Wort: Mein Volk hat ein Recht, die Wahrheit zu erfahren. Er ist der Unglücklichste, er hat den einzigen Sohn, den populären Erben seines Reiches verloren und mit ihm eine gewisse Bürgschaft für die Zukunft; er mag mit Gallenstein sagen: Hier steh' ich ein entlaubter Baum! So versteht man immer besser sein ernstes und bedeutungsvolles Wort: „Ich werde
aber meine Pflicht thun bis ans Ende." Ein Räthsel ist, daß die Kugel, mit welcher sich der Kronprinz das Leben genommen hat, noch immer nicht gefunden worden ist, obwohl das ärztliche Gutachten festgestellt hat, daß sie zum Kopf hinausgegangen ist.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Postillon Gerlach, der dem Kaiser am frühen Morgen des Geburtstages auf seinem Horn das erste Ständchen brächte: „Schier 30 Jahre bist du alt" wurde zum Kaiser geholt. „Sie haben doch über Ihre Musik nichts im Dienst versäumt?" fragte ihn der Kaiser. „Hab' ich allens wieder injeholt, Majestät" antwortete der Postillon. Der Kaiser lachte und drückte ihm einen 100 Markschein in die Hand : „zur Ausbildung Ihrer musikalischen Talente." Aber wegen Abgabe von außerdienstlichen Signalen mußte Gerlach im Postbureau 3 Mark Strafe zahlen. Er zählte sie seelenvergnügt auf den Tisch und sagte: „Dienst ist Dienst, Ordnung muß sind."
München, 4. Februar. Prof. Holtzendorff in München ist gestorben.
Tages-Ereignisse.
Schlüchtern, 8. Februar. Bei dem eingetretenen starken Schneefall und der Kälte möge man der armen Vögel nicht vergessen; der geringste Küchen-Abfall, Brodkrumen rc. sind den Vögeln willkommene Speise.
— An den Seminarien sind folgende Termine festgesetzt: Die diesjährige Aufnahme-Prüfung in dem Schullehrer-Seminar in Dillenburg ist auf den 4. Sept. d. I., die Aufnahme-Prüfung in dem hiesigen Schullehrer- Seminar auf den 27. September d. I. und zur Abhaltung der zweiten (praktischen) Lehrer-Prüfung im Schullehrer-Seminar in Fulda ist Termin auf den 11. Oktober d. I., an welchem Tage die schriftliche Prüfung beginnt, und die folgenden Tage gesetzt. Die EntlassungsPrüfung in dem hiesigen Schullehrer-Seminar findet am 24. September d. I. und die folgenden Tage statt.
Romsthal, 6. Februar. Heute wurde unter großer Betheiligung der hiesigen Bevölkerung und Umgegend der Freiherr!. von Hutten'sche Renteidiener Franz Gottfried in seinem 81. Lebensjahre zur letzten Ruhestätte begleitet. In ihm verliert seine Herrschaft einen gewissenhaften, treuen braven Diener, der 62 Jahre lang für das herrschaftliche Interesse lebte und wirkte. Von seiner Gutsherrschaft wurde dieses aber auch hoch anerkannt und derselbe hierfür öfters ausgezeichnet. Vor 3 Jahren wurde er auch von Sr. Majestät dem deutschen Kaiser mit dem Allgemeinen Ehrenzeichen dekorirt. Gottfried war ein Muster von einem Diener. Wer ihn gekannt, wird ihm ein gutes Andenken bewahren.
Hanau, 2. Februar (Einsturz eines Gewölbes.) Auf dem großen Ockonomiegute Sandhof bei Hanau stürzte gestern Nachmittag ein Gebäude ein, in dessen untern Räumen sich ein Viehstall befand und begrub unter seinen Trümmern zwei im Stalle befindliche Personen, einen Knecht und eine Magd, sowie 8—10 Stück Rindvieh. Der Knecht konnte nur als Leiche unter dem Schutt hervorgehoben werden, die Magd wurde tödtlich verletzt, indem ihr das Rückgrat durchschlagen wurde. Ferner 8 Kühe todt bez. mußten dieselben in Folge erhaltener Verletzungen erstochen werden. Auf welche äußere Ursachen dieser Unglücksfall zurück zu führen ist, konnte bis jetzt noch nicht festgestellt werden.
Hünfeld, 1. Februar. Dieser Tage wurde von dem hiesigen Polizei-Sergeant Drescher ein Dieb, welcher in hiesiger Stadt Kupfer gestohlen hatte, dem Amtsgerichts- Gefängniß überliefert. Derselbe fand heute Gelegenheit aus dem Gefängniß zu entspringen. Da gerade der berittene Gensdarm Otto, welcher gegenwärtig in Folge des großen Brandes seine Wohnung in Großenbach nehmen mußte, hier anwesend war, erhielt er von dem Vorgefallenen Mittheilung, ritt dem Entsprungenen durch Felder und Wiesen, wo er mit seinem Pferde beinahe stecken geblieben wäre, nach und gelang es ihm, denselben zu ergreifen und ihn wieder geschlossen in das Amtsgericht-Gefängniß zurück zu bringen.
Marburg, 5. Februar. (Aus dem Castell entsprungen.) Einen höchst verwegenen Fluchtversuch machte in der gestrigen Nacht der Gefreite Schwörer von der 4. Kompagnie des hier garnisonirenden Jägerbataillons Nr. 11. Derselbe war unter dem Verdachte des Diebstahls
in der Zelle für Untersuchungsgefangene in der Jäger" kaserne untergebracht und gelang es demselben, begünstigt von dem herrschenden Schneegestöber, aus der Kaserne während der Nacht unbemerkt zu entspringen. Zu diesem Zwecke hatte der Gefreite zunächst zwei Eisenstäbe des starken Fenster-Gitters durchfeilt, darauf beseitigte er den vor dem Fenster befindlichen starken Holzkasten, indem er die in der Mauer angebrachten Eisenschrauben losmachte und gelangte dann mit kaum glaublicher Geschicklichkeit und großer Kraftanstrengung durch die entstandene Oeffnung in's Freie, ohne daß der an der anderen Seite der Kaserne Wache haltende Doppelposten von dem ganzen Vorfälle etwas wahrgenommen hat.
Eschwege, 4. Febr. Der Gauner, der im Jahre 1884 den Einbruch in den Laden des Herrn Urmacher Bräutigam hier verübt hatte, ist, wie das „Krsbl." berichtet, nun endeckt worden. Derselbe heißt Alois Trautmann, stammt aus Ziegenhals in Schlesien und verbüßt gegenwärtig in der Strafanstalt Wehlheiden eine längere Haftstrafe. Dort war es auch, wo er mit einem Schicksalsgenossen, der gleich ihm —selbstverständlich nach eigener Ansicht „unschuldig" — saß, Freundschaft schloß und diesem in einer vertraulichen Stunde die Mittheilung machte, daß er es war, der seinerzeit den Einbruch in Eschwege begangen habe. Während der Nacht habe er eine Glasscheibe an dem Bräutigam'schem Laden herausgeschnitten, ca. 40 Stück goldene und silberne Uhren sich angeeignet und seinen Raub dann auf der Fahrt nach Frankfurt im Eisenbahnwaggon an Mitreisende verkauft. Von Bebra bis Frankfurt habe er die Uhren theilweise zu 4 Mark (!) das Stück umgesetzt. Der andere Gefangene hielt nicht reinen Mund und so kam das Verbrechen an den Tag.
Der Auerhahn.
(Humoreske von Rudolf vom Haine.) (Schluß.)
Kaum hatte die Schwarzwälderuhr drei geschlagen, so klopfte es schon an des Forstmeisters Schlafgemach, der wie weiland Ritter Georg seinen Drachenkampf, so seinen Auerhahnskampf in dem „Traum der stillen Nacht" einigemale durchgekämpft hatte. Schnell fuhr der Erwachende aus dem Bette und in die Kleider, hastig wurde ein kurzes Frühstück eingenommen, die Büchse übergehängt und dann gings hinaus in den thaufrischen, aber noch dunklen Morgen. Es war noch nicht hell genug um die einzelnen Gegenstände genau unterscheiden zu können, aber ein dämmernder Streifen im Osten kündigte an, daß der Sonnenaufgang nicht mehr allzulange auf sich warten lassen werde und der Förster, der von der Helligkeit eine mögliche Entdeckung fürchtete, trieb zur Eile. Bald war der Wald erreicht und schon hatten die zwei ein gut Stück Weges zurückgelegt als plötzlich der Förster aufhorchte. Wahrhaftig, da vorne balzte es schon. Dem Forstmeister war die Bewegung seines Begleiters nicht entgangen, auch er hielt inne und lauschte. Wirklich, es war keine Täuschung, unverkennbar klang der Lockruf eines Auerhahns durch den dämmernden Wald. Dem Forstmeister, der im Stillen immer noch gefürchtet, das seltene Wild könne ihm entgehen, schlug das Herz höher vor Waidmannslust.
„Haben Sie's gehört?" wandte er sich zu seinem Nachbar.
„Ja, ja, das ist er," — hieß es zurück — „horch, schon wieder, jetzt gilts zu eilen."
„Der Johann ist doch ein Teufelskerl", dachte der Förster — „balzt der Bengel wahrhaftig trotz einem Hahn, er könnte unsereinen bald hinters Licht führen."
Aber halt, was ist das, klang der Ruf des Hahn's nicht eben viermal? Der Förster horchte erschrocken, ein — zwei — dreimal, dann wars wieder still. Aber jetzt, wahrhaftig es ist keine Täuschung, eins — zwei — drei, endlich auch ein viertesmal schrie der Hahn. Hatte der wackere Johann zur Stärkung für das Abenteuer schon frühmorgens zu tief in die Flasche gesehen, oder gefiel er sich in seiner Auerhahnsrolle so gut, daß er sich vor Freuden keine Zügel anlegen mochte, genug, es ließ sich nicht leugnen, ganz gegen alle Jagd-Regel, der Hahn balzte 4mal. Der Förster schalt und fluchte innerlich auf den Esel und mußte sich fast Gewalt anthun, daß er seinen Gedanken keine Worte verlieh. Noch hoffte er im Stillen, daß sein Vorgesetzter nichts