immer ernsteren Character annehmen zu wollen. Kaum hat sich das Grab über einem von dieser Krankheit jäh dahingerafften Jüngling geschlossen, so stehen wir schon wieder am Sarge eines im besten Mannesalter Hingeschiedenen Mitbürgers. Unser Dörfchen ist seit einiger Zeit wirklich sehr heimgesucht. Möchte eine Wendung zum Besseren bald eintreten!
Salmünster, 28. Januar. Wie überall, so wurde auch hier der Geburtstag Sr. Majestät festlich begangen. Am Vorabende des Festes erschallten Dem Rathhause herab die Klänge der städtischen Kapelle, während die Stadt im reichsten Fahnenschmuck prangte und aufs schönste illuminirt war. Freilich, Ausnahmen, daß Häuser sehr spärlich oder gar nicht illuminirt waren, fanden sich wie überall, so auch hier. Am Geburtstage selbst vereinigten sich Beamte und ein Theil der Bürger- schaft Abends im Gasthof zum Engel zu einem Festessen, bei welchem Herr Bürgermeister Schneider einen Toast auf Kaiser uüd Reich ausbrachte. Die Feier verlief in der gemüthlichsten Weise und soll dem Vernehmen nach nicht allzufrüh geendet haben.
Heubach, 27. Jan. Der heutige Nachmittag brächte unserer Gemeinde einen rechten Genuß. Um 1 Uhr riefen die Glocken die Gemeinde, welche Vormittags dazu besonders eingeladcn war, zur Kirche, denn Kaisers Geburtstag sollte gefeiert werden. Die Festlichkeit verlief programmmäßig. Das Programm umfaßte 18 Nummern. Die Festpredigt hielt Herr Pfarrer Fontaine über Maleachi 2, 5.6. Der Mittelpunkt derselben war Se. Majestät der König, der als ein Held im Glauben und Bekenntniß dargestcllt wurde, und sich in der kurzen Zeit seiner Regierung gerade durch seine Frömmigkeit und den darin begründeten Wandel als Regent und Familienvater die Herzen aller seiner vaterlandsliebenden Unterthanen nicht minder schnell erobert habe, als sein hochseliger Großvater durch seine Leutseligkeit und gewaltigen Siege, und sein erlauchter Vater durch sein ergebenes Leiden und Sterben. Es wurde ausgeführt, wie unser König sich durch nichts beirren lasse im Bekennen seines Glaubens und dabei eine feste Stütze habe an seiner hohen Gemahlin. Die Predigt griff tief in die Herzen. Möchte ihr Widerhall recht lange anhalten. Die Festfeier wurde erhöht durch die Vorträge und Chöre der Schulkinder, besonders aber durch die herrlich gelungenen Chöre des Gesangvereins unter Leitung des Herrn Lehrers Altvater. Der Gesangverein erntete allseitigen Beifall und gereicht es ihm zum Lobe, daß unaufgefordert von ihm das Arrangement der Feier ausging. Ihm dem Herrn Pfarrer, sowie dem Herrn Lehrer dankt die ganze Gemeinde für den würdigen Festgenuß und verbindet damit den Wunsch, daß der Gesangverein sich öfter wieder bereit finden lasse, bei gegebener Veranlassung zur Erhöhung des Gottesdienstes mitzuwirken. — Abends um 5 Uhr fand eine recht würdige Nachfeier in der Schröder'schen Gastwirthschaft statt, welche mehr das Gepräge eines Familienfestes trug. Besucht wurde sie sehr zahlreich und verlief, wie vorauszusehen war, in guter Ordnung. Der Eindruck der vorhergegangenen kirchlichen Feier gab auch hier den Ton an und trotzdem war die Zusammenkunft sehr gemüthlich und durchaus ungezwungen, daher auch würdig der Veranlassung, die sie hervorgerufen. — Möge noch recht lange es uns vergönnt sein, König Wilhelms II. Geburtstag feiern zu können. Gott schütze Ihn, Sein Haus und das Vaterland.
P Von der Kinzig. In der Sitzung des Landw. Vereins Romsthal am 13. d. M. fam auf Anregung einiger Mitglieder unsere Kreisviehversicherung zur Sprache. In Folge der eingehenden Belehrung und Aufklärung über manche Zweifel, die hie und da zum Ausdruck kamen, sind viele Landwirthe zur Einsicht gekommen und haben bereits ihre Versicherungsanträge gemacht. Soll aber das segensreiche Unternehmen existenzfähig werden, so ist erforderlich, daß die Betheiligung immer mehr an Ausdehnung gewinnt. Unsere Kreisvertretung hat so viel gethan, und ist in ihrer Bereitwilligkeit für die Verwaltung der Sache so weit gegangen, daß es in der That zu verwundern ist, wenn es noch Landwirthe gibt, die dem Unternehmen fern stehen. Wenn aber Mancher sogar in dem Wahn besangen ist, die Orlsvereine, wie sie hie nnd da noch bestehen, seien vortheilhafter und praktischer, der lerne rechnen und ziehe Vergleiche — er wird zu dem Schlüsse kommen, daß Viele weit mehr vermögen als Wenige. Also auf ihr Landwirthe des Kreises! Versichert euer Vieh in der Kreis-Viehkasse! Keiner bleibe zurück! Der geringe Beitrag, den ihr leistet, trägt reichlich seine Zinsen, wenn das Unglück einkehrt in eurem Stalle. Bleibst du aber von Unfällen stets verschont, lieber Bauer, so danke Gott und sei zufrieden; du hast mit deinem Groschen anderen geholfen — und das ist gewiß ein schönes Bewußtsein!
Aus dem Kreise. Unsere Imker klagen sehr über das massenhafte Eingehen der Bienenvölker. Mancher Bienenzüchter zählt die Häupter seiner Lieben, und siehe, eS fehlt fast jedes Haupt. Selbst aus Gegenden, in denen die lieben Imker stets reichlich Nahrung finden, hört man Klagen über unzureichende Vorräthe in den Stöcken und über Hinsterben der kleinen Völker. Es wäre sehr zu wünschen, daß einmal einer unserer Bieuen- väter die bewährteste Fütterungsweise für bedürftige
Stöcke in dieser Zeitung veröffentlichte. Gewiß dürfte er des Dankens vieler Bienenfreunde versichert sein, die aus Mangel an Kenntniß der Sache durch unrichtiges Verfahren beim Füttern die Bienenvölker oft selbst ruiniren.
Wächtcrsbach, 25. Januar. Heute Nacht 2 Uhr brannte das große Fürstlich Jsenburgische Sägewerk bei Birstein bis auf den Grund nieder. Das Feuer verschonte auch das nebcnanliegenbc Wohnhaus des Aufsehers nicht, der nur mit großer Mühe seine Mobilien retten konnte, während ringsum eine Masse geschnittenen Holzes dem rasenden Elemente zum Opfer siel. DaS Feu-er scheint vom Kesselhanse, in dessen Nähe auch der Trockenapparat gelegen war, aus seinen Anfang genommen zu haben.
Philippsthal, 21. Januar. Nachdem im vergangenen Herbste die Juwelen der Frau Landgräfin von Hessen- Philippsthal verkauft wurden, wird nunmehr auch mit Beginn des Frühjahres zum Verkauf der Raritäten- sammlung geschritten werden; die Sammlung soll eine äußerst werthvolle und reichhaltige sein.
Philippsthal, 22. Januar. Ein Bubenstreich, wie er leider schon so oft ausgeführt wurde, ist auch in unserer Gemarkung verübt worden, indem fünf junge Obstbäumchen an der Hersfeld-Vachaer Straße dicht unter der Krone abgebrochen sind; es glaubt vielleicht mancher Bösewicht, welcher derartigen Frevel verübt, die betreffenden Beamten zn chikaniren; ärgerlich ist so etwas freilich, den Schaden hat jedoch die betreffende Gemeinde, in deren Gemarkung der Frevel begangen wird, nach einer noch zu Recht bestehenden kurhessischen Verordnung vom Jahr 1827 zu ersetzen.
Eschwege, 21. Januar. Der Kreistag des Kreises Eschwege bewilligte 3000 Mark zur Errichtung einer Volksküche.
Ausland.
Paris, 17. Januar. Bei der heutigen Wahl ist General Boulanger mit 244070 von 435860 abgegebenen Stimmen gewählt. Jaques erhielt 162520 Stimmen.
Michael Kohlhaas.
Eine Erzählung von Heinrich von Kleist.
(Fortsetzung.)
Er hieß dem Sternbald, der zufällig in die Thür trat, dem Mann, der im Zimmer war, etliche Krebse abkaufen, und nachdem dies Geschäft abgemacht war, und beide sich, ohne einander zu kennen, entfernt hatten, setzte er sich nieder und schrieb einen Brief folgenden Inhalts an den Nagelschmidt: „Zuvörderst, daß er seinen Vorschlag, die Oberanführung seines Haufens im Altenburgischen betreffend, annähme; daß er demgemäß, zur Befreiung aus der vorläufigen Haft, in welcher er mit seinen fünf Kindern gehalten werde, ihm einen Wagen mit zwei Pferden nach der Neustadt bei Dresden schicken solle; daß er auch raschern Fortkommens wegen noch eines Gespannes von zwei Pferden auf der Straße nach Wittenberg bedürfe, auf welchem Umweg er allein aus Gründen, die anzugeben zu weitläufig wären, zu ihm kommen könne; daß er die Landsknechte, die ihn bewachten, zwar durch Bestechung gewinnen zu können glaube, für den Fall aber, daß Gewalt nöthig sei, ein paar beherzte, gescheite und wohlbewaffnete Knechte in der Neustadt bei Dresden gegenwärtig wissen wolle; daß er ihm zur Bestreitung der mit allen diesen Anstalten verbundenen Kosten eine Rolle von zwanzig Goldkronen durch den Knecht zuschicke, über deren Verwendung er sich nach abgemachter Sache mit ihm berechnen wolle; daß er sich übrigens, weil sie unnöthig sei, seine eigne Anwesenheit bei seiner Befreiung in DreSden verbitte, ja ihm vielmehr den bestimmten Befehl ertheile, zur einstweiligen Anführung der Bande, die nicht ohne Oberhaupt sein könne, im Altenburgischen zurückzubleiben."
Diesen Brief, als der Knecht gegen Abend kam, überlieferte er ihm; beschenkte ihn selbst reichlich und schärfte ihm ein denselben wohl in acht zu nehmen.
Seine Absicht war, mit seinen fünf Kindern nach Hamburg zu gehen und sich von dort nach der Levante oder nach Ostindien, oder soweit der Himmel über andre Menschen, als die er kannte, blau war, einzu- schisfen; denn die Dickfütterung der Rappen hatte seine von Gram sehr gebeugte Seele, auch unabhängig von dem Widerwillen, mit dem Nagelschmidt deshalb gemeinschaftliche Sache zu machen, aufgegeben.
Kaum hatte der Kerl diese Antwort dem Schloßhauptmann überbracht, als der Großkanzler abgesetzt, der Präsident Graf Kallheim an dessen Stelle zum Chef des Tribunals ernannt, und Kohlhaas durch einen Kabinettsbefehl des Kurfürsten arretirt, und schwer mit Ketten beladen in die Stadtthürme gebracht ward. Man machte ihm auf den Grund dieses Briefes, der an alle Ecken der Stadt angeschlagen ward, den Prozeß, und da er vor den Schranken des Tribunals auf die Frage, ob er die Handschrift anerkeune, dem Rathe, der sie ihm vorhielt, antwortete: „Ja"; zur Antwort aber auf die Frage, ob er zu seiner Vertheidigung etwas vorzubringen wisse, indem er den Blick zur Erde schlug, erwiderte: „Nein!" so ward er verurtheilt, mit glühenden Zangen von Schindetknechlen gekniffen, geviertheilt, und
sein Körper zwischen Rad und Galgen verbrannt zu werden.
So standen die Sachen für den armen Kohlhaas in Dresden, als der Kurfürst von Brandenburg zu seiner Rettung aus den Händen der Uebermacht und Willkür auftrat, und ihn in einer bei der kurfürstlichen Staatskanzlei daselbst eingereichten Note als brandenburgischen Unterthan reklamirte. Denn der wackere Stadthauptmann Herr Heinrich von Gensau hatte ihn aus einem Spazier- gange an den Ufern der Spree von der Geschichte dieses sonderbaren und nicht verwerflichen Mannes unterrichtet, bei welcher Gelegenheit er, von den Fragen des erstaunten Herrn gedrängt, nicht umhin konnte, der Schuld zu erwähnen, die durch die Unziemlichkeiten seines Erzkanzlers, des Grafen Siegfried von Kallheim, seine eigne Person drückte: worüber der Kurfürst schwer entrüstet den Erzkanzler, nachdem er ihn zur Rede gestellt und befunden, daß die Verwandtschaft desselben mit dem Hause derer von Tronka an allem schuld sei, ohne weiteres mit mehreren Zeichen seiner Ungnade entsetzte, und den Herrn Heinrich von Gensau zum Erzkanzler ernannte.
Es traf sich aber, daß die Krone Polen gerade damals, indem sie mit dem Hause Sachsen, um welchen Gegenstandes willen wissen wir nicht, im Streit lag, den Kurfürsten von Brandenburg in wiederholten und dringenden Vorstellungen anging, sich mit ihr in gemeinschaftlicher Sache gegen das Haus Sachsen zu verbinden; dergestalt, daß der Erzkanzler, Herr Gensau, der in solchen Dingen nicht ungeschickt war, wohl hoffen durfte, den Wunsch seines Herrn, dem Kohlhaas, es koste was eS wolle, Gerechtigkeit zu verschaffen, zu erfüllen, ohne die Ruhe des Ganzen auf eine mißlichere Art, als die Rücksicht auf einen Einzelnen erlaubt, aufs Spiel zu setzen. Demnach forderte der Erzkanzler nicht nur wegen gänzlich willkürlichen, Gott und Menschen mißgefälligen Verfahrens die unbedingte und ungesäumte Auslieferung des Kohlhaas, um denselben, falls ihn eine Schuld drücke, nach brandenburgischen Gesetzen auf Klageartikel, die der Dresdner Hof deshalb durch einen Anwalt in Berlin anhängig machen könne, zu richten; sondern er begehrte sogar selbst Pässe für einen Anwalt, den der Kurfürst nach DreSden zu schicken willens sei, um dem Kohlhaas wegen der ihm auf sächsischem Grnnd und Boden abgenommenen Rappen und andrer himmelschreienden Mißhandlungen und Gewaltthaten halber gegen den Junker Wenzel von Tronka Recht zu verschaffen. Der Kämmerer, Herr Kunz, der bei der Veränderung des StaalSämter in Sachsen zum Präsidenten der Staats- kanzlei ernannt worden war, und der aus mancherlei Gründen den Berliner Hof in der Bedrängniß, in der er sich befand, nicht verletzen wollte, antwortete im Namen seines über die eingegangene Note sehr niedergeschlagenen Herrn: daß man sich über die Unfreund- schaftlichkeit und Unbilligkeit wundere, mit welcher man dem Hofe zu Dresden das Recht abspräche, den Kohlhaas wegen Berbrechen, die er im Lande begangen, den Gesetzen gemäß zu richten, da doch weltbekannt sei, daß derselbe ein beträchtliches Grundstück in der Hauptstadt besitze, und sich selbst in der Qualität als sächsischer Bürger gar nicht verleugne. Doch da die Krone Polen bereits zur Ausfechtung ihrer Ansprüche einen Heerhaufen von fünftausend Mann an der Grenze von Sachsen zusammenzog, und der Erzkanzler, Herr Heinrich von Gensau, erklärte, daß Kohlhaasenbrück, der Ort, nach welchem der Roßhändler heiße, im Brandenburgischen liege, und daß man die Vollstreckung des über ihn ausgesprochenen Todesurtheils für eine Verletzung des Völkerrechts halten würde: so rief der Kurfürst auf den Rath des Kämmerers, Herrn Kunz, selbst, der sich aus diesem Handel zurückzuziehen wünschte, den Prinzen Christiern von Meißen von seinen Gütern herbei, und entschloß sich, auf wenige Worte dieses verständigen Herrn, den Kohlhaas der Forderung gemäß an den Berliner Hof auSzuliefern.
Der Prinz, der, obschon mit den Unziemlichkeiten, die vorgefallen waren, wenig zufrieden, die Leitung der Kohlhaasischen Sache auf den Wunsch seines bedrängten Herrn übernehmen mußte, fragte ihn, auf welchen Grund er nunmehr den Roßhändler bei dem Kammergericht zu Berlin verklagt wissen wolle; und da man sich auf den leidigen Brief desselben an den Nagelschmidt wegen der zweideutigen und unklaren Umstände, unter welchen er geschrieben war, nicht berufen konnte, der frühern Plünderungen und Einäscherungen aber wegen des Plakats, worin sie ihm vergeben worden waren, nicht erwähnen durfte: so beschloß der Kurfürst, der Majestät des Kaisers zu Wien einen Bericht über den bewaffneten Einfall des KohlhaaS in Sachsen vorzulegen, sich über den Bruch deS von ihm eingesetzten öffentlichen Landfriedens zu beschweren, und sie, die allerdings durch keine Amnestie gebunden war, anzuliegen, den Kohlhaas bei dem Hofgericht zu Berlin deshalb durch einen ReichS- ankläger zur Rechenschaft zu ziehen. Acht Tage darauf ward der Roßkamm durch den Ritter Friedrich von Malzahn, den der Kurfürst von Brandenburg mit sechS Reitern nach Dresden geschickt hatte, geschlossen wie er war, auf einen Wagen geladen und mit seinen fünf Kindern, die man auf seine Bitte aus Findel- und Waisenhäusern wieder zusammengesucht hatte, nach Berlin transportirt. ES traf sich, daß^der Kurfürst von Sachsen