SchlüchtemerMmg
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Mittwoch, den 23 Januar.
1889.
Das Lehrer Wittwen- und Waisen-Pensions- Wesen.
Berlin, 14. Jan.
Unter dieser Spitzmarke wird von unterrichteter Seite dem hiesigen „Tagebl." also geschrieben:
In der nächsten Landtagssession werden allerdings — wie wir das auch schon kurz mitgetheilt haben — Gesetzentwürfe des Kultusministers zur Vorlage kommen, welche gewiß eine dankenswerthe Verbesserung in den pekuniären Verhältnissen unserer Volksschullehrer bedeuten. Gleichwohl müssen wir unser lebhaftes Bedauern darüber aussprechen, daß nach Allem, was wir hierüber von gut unterrichteter Seite hören, an einem für die Lehrerschaft außerordentlich wichtigen Punkte die so dringend nöthige Abhilfe demnächst in der That noch nicht zu erwarten steht.. Es ist dies der Punkt betreffend die Neuordnung des Lehrer-Wittwen- und Waisen-Pensionswesens. Wir geben nunmehr unserer Befriedigung darüber Ausdruck, daß nunmehr den Lehrern doch auch das gleiche Recht mit anderen Beamten zu Theil werden soll durch den in Aussicht genommenen Wegfall der Eintrittsgelder, der laufenden Beiträge für die Wittwenkassen und der ganz besonders drückenden, übrigens sonst keiner anderen Beamtenkategorie zugemutheten Stellenverbesserungs- gelder. Wir nehmen es mit Genugthuung aus, daß fortan in Bezug auf die Alterszulagen eine wesentliche Verbesserung in den Einkommeusoerhältnissen eintreten soll, insofern dieselben statt nach 12 und 22 Dienstjahren je 90 resp. 180Mark nun eineAlterszulage erhalten werden bereits nach 10 Dienstjahren 100, nach 20 aber 200 und 30 Dienstjahren endlich 300 Mark. Es ist das immerhin eine Gehaltsaufbesserung, die bei den zur Zeit noch bestehenden, vergleichsweise geringen Ein- kommcnsverhällnisseu unserer Volksschullehrer gewiß von erheblichem Belang ist. Aber so gern wir auch anerkennen, was damit für die Lehrer geschieht, so entschieden müssen wir hervorheben, daß Regierung und Landes- Vertretung damit doch auch nur einen Akt der Billigkeit und der Gerechtigkeit, und keinensalls einen solchen der Gnade ausüben. Was den Lehrern hier gewährt werden soll, ist ihnen ohnehin schon länger als anderen Beamten vorenthaiten worden, während sie darauf eben so gute und begründete Ansprüche haben wie jene, so daß es keineswegs gerechtfertigt erscheint, wenn man von gewisser Seite jetzt so thut, als ob mit Alledem den Lehrern nun eine ganz besondere Gnade erwiesen würde, wo es sich doch nur um ihr gutes Recht handelt, das ihnen in der einen und anderen Beziehung nun werden soll. Und von diesem Gesichtspunkte aus müssen wir es denn auch lebhaft bedauern, daß gerade das Wittwen- und Waisenpensionswesen der Lehrer — eine für dieselben doch so überaus wichtige Angelegenheit — vorerst eine anderweitige gesetzliche Regelung nicht erfahren soll, obwohl bei der gegenwärtigen günstigen Finanzlage dazu doch eben jetzt ein außerordentlicher passender Zeitpunkt wäre. Wir verstehen es um so weniger, weshalb die Regierung die so dringend nothwendige Neuordnung dieser Angelegenheit noch zurückstellen will, da die etwa erforderlichen Mittel dazu doch vorhanden sein dürften. Denn wenn in dem neuen Etat erhebliche Posten bereit gestellt werden können für mancherlei gewiß sehr wün- schenswertde, aber keineswegs so dringend nothwendige Dinge, wie die Regelung des Pensionswesens für die Hinterbliebenen der Lehrer; wenn Gelder vorhanden sind, um die Gehälter der Unter staalssekretäre von lc>,000 auf 20,000 Mark, also um ein volles Drittel zu erhöhen; wenn große Summen vorhanden sind zur weiteren Aufbesserung der äußeren Lage der Geistlichen, so sollte doch auch eine weitere Fürsorge für die Hinterbliebenen der Lehrer nicht länger zurückgestellt werden. Und das um so weniger, als die Lehrcrwitlwcn bei uns bisher bekanntlich überaus stiefmütterlich bedacht sind bezüglich ihrer Pension, sowohl im Vergleich zu den Lehrel wittwen in anderen Ländern als auch im Vergleich mit allen anderen ihnen etwa gleichstehenden Beamten- kategorien, indem sie durchweg nämlich nicht mehr und nicht weniger als 250 Mk. jährlich erhalten! Ganz zu geschweige« davon, daß sie Erziehung-gelder für die Kinder, wie andere Wittwen, bisher überhaupt nicht bekommen. Wenn aber von Seiten der Regierung — wte es leider scheint — für jetzt nach dieser Richtung bin wirklich keine Vorlage beabsichtigt sein sollte, so wird es Sache der Abgeordneten sein, auf eine solche
mit aller Entschiedenheit zu dringen, event, selber das Erforderliche in Vorschlag resp, zur gesetzgeberischen Verhandlung zu bringen. Denn was für alle Anderen recht ist, das muß doch auch für die Lehrer billig sein.
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Januar. Der kommandirende Admiral, Vizeadmiral Graf Msnts, ist heute Abend 8 Uhr 15 Minuten gestorben.
Hamburg. Der Proceß gegen den Raubmörder Dauth ist vertagt worden. Der Vertheidiger ist der Ansicht, daß der Angeklagte an erblichem Wahnsinn leide.
Coburg, 15. Januar. Es ist durchaus nicht gleichgültig, von welcher Beschaffenheit das Pech ist, welches in den Bierbrauereien zum Auspichen der Fässer verwendet wird. Das hat auch eine hiesige, in der Hauptsache für den Export arbeitende Brauerei erfahren sollen, deren Product viel zu wünschen übrig gelassen hat, seit für ihre Fässer eine gewisse neue Sorte Pech zur Verwendung gekommen ist. Lange wußte man nicht, was die Verschlechterung des sonst so guten Bieres verursacht hatte, aber endlich kam man doch dahinter, stellte das neue Pech bei Seite und nun ist das Bier wieder gut wie zuvor. DoppUtes„ Pech" hat man, wenn man solches Pech hat.
In Stuttgart kommt ein schmutziger Proceß zur Verhandlung, in welchen 50 Frauen und Mädchen verwickelt sind. Ein Arzt, 2 Hebammen und ein Dutzend Angeklagte sind in Untersuchungshaft. Die Anklage stützt sich auf §§ 218 und 219 des Strafgesetzbuches.
Tages-Ereignisse.
Schlächtern. Bei der am 14. d. Mts. stattgehabten Gemeinde-Ausschußwahl wurden folgende Herren gewählt: In den ständischen Ausschuß: Jean Hadermann, Caspar Denhard, Heinr. Boländer senr., Valentin Freund, Phil. Schäfer jun., Hermann Köhler, Friedr. Orth, Johs. Lotz und Adam Schäfer; in den außerordentlichen Ausschuß: Friedr. Denhard, Ad. Denhard, G. A. Weinberges, W. Thaler, C. A. Leipold, Ad. Fehl, Lconh. Klöber, Ludwig Hafner und Jean Gutermuth jun.
— Die Landeskreditkasse in Cassel setzt — laut der im Regierungs-Amtsblatt Nr. 51 v. J. veröffentlichten Bekanntmachung vom 13. November v. I. — vom 1. Juli 1889 ab die Zinsen sämmtlicher Darlehen — mit alleiniger Ausnahme der zu Ablösungszwecken gewährten, welche ohnehin in den nächsten Jahren tilgungs- planmäßig abgetragen werden — von 4^2 °/o auf 4°/o herunter.
— Nach dem Detailprojecte der Bahnlinie Brückenau- Jossa, behufs deren Herstellung zwischen Preußen nnd Bayern am 19. v. M. ein StaatSvertrag abgeschlossen wurde, wird diese Linie 17 Kilometer lang werden. Von derselben liegen 4,6 Klm. auf preußischem, 12,4 Klm. auf bayerischem Gebiete. Die größte Steigung nach beiden Richtungen ist 20"/o, der kleinste Bogenhalbmesser 200 Met. Die Erdarbeiteri sind mittlerer Größe, die Massenbewegung beträgt etwa 4,4 Kubikmeter auf dem laufenden Meter. An größeren Kunstbauten sind aufzuführen eine Brücke über die Sinn mit einer Oeff- nung zu 12 und zwei zu 6 Met. Weite, nebst einer 9 Met. weiten Fluthbrücke und einer gleichfalls 9 Met. weiten Brücke über den Mühlkanal, sämmtlich bei Alten- gronau, ferner 5 Brücken und Durchfahrten von 4 bis
5 Met. Weite. Haltestellen sind vorgesehen für Alten- gronau, Zeitslofs, Rupboden, Bad und Stadt Brückenau, von welchen jedoch Altengronau und Bad Brückenau nur ein Sackgeleise erhalten sollen. Personenhalteplätze sind in den Orten Trübenbrunn, Eckarts und Wernarz zugedacht. Die Endstation Jossa wird als Sitz der Betriebsleitung und Ausgangspunkt des Maschinendienstes mit Wohnung für den Betriebsleiter, Lokomotivschuppen mit Werkstätte u. s. w., dann Wassereinnahmsvorrichtung ausgerüstet. Auf den Kilometer treffen 46,826 Mark Baukosten.
— Zur Lage der Landwirthschaft wird aus unserem Regierungsbezirk berichtet, daß sich die Fruchtpreise in den letzten Monaten gehoben haben, wodurch die Nachfrage, sowie Umsatz des Getreide-, wegen nicht günstiger Ernte, reger geworden sind. Landwirthen ist die Thatsache angenehm, da die Händler, gegen früheren Jahren, j gern bereit sind, die Fruchte abzunehmen. Die Bieh-
preise sind noch unverändert, doch befürchtet man, daß sie später in Folge der geringen Futterpreise mehr zurückgehen werden. Es ist wohl vorauSzusehen, daß die Lage der Landwirthschaft dadurch gedrückt bleibt, und ist ferner zu befürchten, daß die Erhöhung der Preise wieder schwinden wird. Die ungünstige Lage des Bauernstandes ist auS den Zwangsverkäufen ländlicher Grundstücke deutlich zu ersehen, und ist die Ursache derselben in der Ausbeutung deS Landvolkes durch Wucherer zu suchen, welche besonders in den ärmsten Theilen des Bezirks zu finden sind. Der Wucher erhielt jetzt darin mehr Einschränkung, oaß sich auf einem im November zu Bebra abgehaltenen Berbandstage hessischer Darlehns- kassen ein Verein für den Regierungsbezirk gebildet hat, welcher diesem Unwesen nach jeder Richtung hin entgegen- steuern wird. Bei der Landbevölkerung ist gleichfalls der Wunsch rege geworden, daß die 3. und 4. Steuerstufe unerhoben bleibt, da gerade in diesen Stufen eine große Mehrzahl der sich in bedrängter Lage befindlichen Landleute veranlagt sind. Die Lage der Arbeiter ist gegen den Landwirthschaft Betreibenden eine günstigere, da es an lohnender Arbeit selten gemangelt hat. Ein Rückgang in der Lage der Arbeiter ist kaum zu befürchten, da in den meisten gewerblichen Anlagen große Bestellungen vorliegen, weshalb in den meisten Fabriken die Zahl der Arbeiter vermehrt ist. An landwirth- schaftlichen Kräften ist jedoch meist Mangel, denn die Fabrikarbeit wird in den Städten der Landarbeit vor- gezogen. Zu der Landwirthschaft hat es gerade im Vorjahr an Arbeitern gefehlt, der Landwirth ist nicht im Stande, hohe Löhne wie gewerblich: Betriebe zahlen zu können und ist bei Aufschwung der letzteren eine Erhöhung der ProductionSkosten für die Landwirthschaft zu befürchten. Weitere Klagen werden laut, weil durch Anstellung vieler Arbeiter von der Eisenbahnverwaltung aus, sowie Zahlung hoher Löhne derselben eine Theuerung der ländlichen Arbeit zu erwarten ist.
— (Preisausschreiben.) Die Verlagshandlung des „Universum" (Ä. Hauschild) in Dresden eröffnet eine Preisconcurrenz zur Erlangung geeigneter Kunstblätter für ihre illustrirte deutsche Famitienzeitschrift „Universum" und setzt folgende Preise aus:
I. 700 Mark für zwei Bilder in farbiger Ausführung, 22 cm breit, 30 cm hoch.
II. je 200 Mark für 2 Bilder einfarbig (grau in grau), 22 cm breit, 30 cm hoch.
Außerdem sollen eine große Anzahl von nichtprämiirten Blättern käuflich erworben werden. Die Arbeiten müssen bis spätestens 30. März er. an den Verlag des „Universum" in Dresden-A., Johannesplatz 7, eingesandt werden. Als Preisrichter fungiren die Herren: Hofrath Professor Pauwels, Professor I. Schütz, Architect A. Hauschild, sämmtlich in Dresden. — Die näheren Bestimmungen sind im 13. Hefte des „Universum" bekannt gegeben, sowie in unserer Redaction einzusehen. Jedenfalls haben sich die Leser deS „Universum" eines ganz besonders schönen Bilderschmuckes der Hefte zu gewärtigen, was im Verein mit neuen, zugkräftigen Romanen, wie „Das Paradies des Teufels" von Moritz von Reichenbach und „Schwarzes Blut" von Fred Jrnhof 2C. nicht verfehlen wird, dieser vortrefflichen Zeitschrift immer mehr Abonnenten zuzuführen.
Fulda, 16. Janr. Bei dem eine halbe Stunde von hier entfernten Dorfe Künzell wurde am 14. d. Mls. Nachts der Dienstknecht Noth schwerverletzt ausgefunden und in das hiesige Landkrankenhaus verbracht. Derselbe ist heule verstorben. Ueber die Entstehung der Verletzungen ist noch nichts bekannt. Untersuchung ist ein- geleitet.
Hanau. (Strafkammersitzung vom 17. Januar.) Ein Werßbinder von Weiperz war vom Schöffengericht in Schlüchtern zu 1 Woche Gefängniß verurtheilt worden, weil er am 16. Juni vorigen Jahres auf der Dorfstraße in Weiperz den dortigen Ortsdiener durch die unflätigsten Ausdrücke beleidigt hatte. Die Berufung deS Angeklagten gegen dieses Urtheil wurde verworfen und fallen dem Angeklagten auch die heutigen Kosten zur Last.
— Gestern Nachmittag erschoß sich ein Soldat der hiesigen Garnison aus der Pulverhauswache im Lamboy- wald mittelst seines Dienstgewehres.
— 16. Janr. Herr Landrath Graf Bismarck wird
unsere Stadt bereits am 25. d. verlassen. Das gestern