im Haft holen. Zu ihrem Entsetzen gewahrte sie aber auf dem Wasser desselben das Kleidchen ihres Kindes, welches, obwohl der Brunnen zugemacht gewesen, hinab- gcstürzt sein mußte, indem das Kind wahrscheinlich die Thür geöffnet und hinabgeschaut hatte. Mit einem Haken wurde der kleine, leider schon entseelte Körper aus dem Brunnen heraufgezogen.
Cassel, 16. Januar. Ein Schreinermeister von hier, welcher in einem Hause am Weinberg mit Ausführung von Arbeiten beschäftigt war, machte daselbst gestern Bormittag einen Selbstmordversuch, indem er sich mit einem großen Taschenmesser den Hals zu durchschneiden versuchte und sich eine tiefe, jedoch nicht tödtliche Wunde zufügte. Ein alsbald herbeigerufener Arzt legte dem blutend zu Boden Gesunkenen einen Nothverband an und ließ ihn nach dem Rothen Kreuz schaffen. Es wird erzählt, daß Nahrungssorgen den Mann zu der verzweifelten That getrieben hätten.
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Michael Kohlhaas.
Eine Erzählung von Heinrich von Kleist.
(Fortsetzung.)
Sobald Herr Wenzel in Gegenwart des Kämmerers, seines Vetters, durch ein unbestimmtes-Gerücht vernommen hatte, daß ein Mann mit zwei schwarzen, aus dem Brande der Tronkenburg entkommenen Pferden in der Stadt angelangt sei, begaben sich beide in Begleitung einiger aus dem Hause zusammengerafften Knechte auf den Schloßplatz, wo er stand, um sie demselben, falls es die dem Kohlhaas zugehörigen wären, gegen Erstattung der Kosten abzunehmen und nach Hause zu führen. Aber wie betreten waren die Ritter, als sie bereits einen von Augenblick zu Augenblick sich vergrößernden Haufen von Menschen, den das Schauspiel herbeigezogen, um den zweiräderigen Karren, an dem die Thiere befestigt waren, erblickten; unter unendlichem Gelächter einander zurufend, daß die Pferde schon, um derenthalben der Staat wanke, an den Schinder gekommen wären! Der Junker, der um den Karren herumgegangen war und die jämmerlichen Thiere, die alle Augenblicke sterben zn wollen schienen, betrachtet hatte, sagte verlegen: das wären die Pferde nicht, die er dem Kohlhaas abgenommen; doch Herr Kunz, der Kämmerer, einen Blick sprachlosen Grimms voll auf ihn werfend, der, wenn er von Eisen gewesen wäre, ihn zerschmettert hätte, trat, indem er seinen Mantel, Orden und Kette entblößend, zurückschlug, zu dem Abdecker heran und fragte ihn, ob das die Rappen wären, die der Schäfer von Wilsdruf an sich gebracht und der Junker Wenzel von Tronka, dem sie gehörten, bei den Gerichten daselbst requirirt hätte? Der Abdecker, der, einen Eimer Wasser in der Hand, beschäftigt war, einen dicken, wohlbeleibten Gaul, der seinen Karren zog, zu tränken, sagte: die schwarzen?
Er streifte dem Gaul, nachdem er den Eimer niedergesetzt, das Gebiß aus dem Maul und sagte: die Rappen, die an die Runge gebunden wären, hätte ihm der Schweinehirte von Hainichen verkauft; wo der sie her hätte und ob sie von dem Wilsdrufer Schäfer kämen, das wisse er nicht. Ihm hätte, sprach er, während er den Eimer wieder aufnahm und zwischen Deichsel und Knie anstemmte: ihm hätte der Gerichtsbote aus Wilsdruf gesagt, daß er sie nach Dresden in das Haus derer von Tronka bringen solle; aber der Junker, an den er gewiesen sei, heiße Kunz. Bei diesen Worten wandte er sich mit dem Reste des Wassers, den der Gaul im Eimer übriggelassen hatte, und schüttete ihn auf das Pflaster der Straße aus. Der Kämmerer, der, von den Blicken der hohnlachenden Menge umstellt, den Kerl, der mit empfindungslosem Eifer seine Geschäfte betrieb, nicht bewegen konnte, daß er ihn ansah, sagte, daß er der Kämmerer Kunz von Tronka wäre, die Rappen aber, die er an sich bringen solle, müßten dem Junker, seinem Vetter, gehören, von einem Knechte, der bei Gelegenheit des Brandes aus der Tronkenburg entwichen, an den Schäfer zu Wilsdruf gekommen, und ursprünglich zwei dem Roßhändler Kohlhaas zugehörige Pferde sein. Er fragte den Kerl, der mit gespreizten Beinen dastand und sich die Hosen in die Höhe zog, ob er davon nichts wisse? und ob sie der Schweinehirte von Hainichen nicht vielleicht, auf welchen Umstand alles ankomme, von dem Wilsdrufer Schäfer oder von einem Dritten, der sie seinerseits von demselben gekauft, erstanden hätte?
Der Abdecker, der sich an den Wagen gestellt und sein Wasser abgeschlagen hatte, sagte, er wäre mit den Rappen nach Dresden bestellt, um in dem Hanse derer von Tronka sein Geld dafür zu empfangen. Was er da verbrächte, verstände er nicht, und ob sie vor dem Schweinehirten aus Hainichen Peter oder Paul besessen hätte, oder der Schäfer aus Wilsdruf, gelte ihm, da sie nicht gestohlen wären, gleich. Und damit ging er, die Peitsche quer über seinem breiten Rücken, nach einer Kneipe, die auf dem Platze lag, in der Absicht, hungrig wie er war, ein Frühstück einzunehmen. Der Kämmerer, der auf der Welt Gottes nicht wußte, was er mit Pferden, die der Schweinehirte von Hainichen an den Schinder in Döbbeln verkauft, machen solle, falls es nicht diejenigen wären, auf welchen der Teufel durch
Sachsen ritt, forderte den Junker auf, ein Wort zu sprechen; doch da dieser mit bleichen, bebenden Lippen erwiderte: das Rathsamste wäre, daß man die Rappen kaufe, sie möchten dem Kohlhaas gehören oder nicht, so trat der Kümmerer, Vater und Mutter, die ihn geboren, verfluchend, indem er sich den Mantel zurückschlug, gänzlich unwissend, was er zu thun oder zu lassen habe, aus dem Haufen des Volks zurück. Er rief den Frei- Herrn von Wenk, einen Bekannten, der über die Straße ritt, zu sich heran, und trotzig, den Platz nicht zu verlassen, e>en weil das Gesindel höhnisch auf ihn ein- blickte, und mit vor dem Mund zusammengedrückten Schnupftüchern nur auf seine Entfernung zu warten schien, um loszuplatzen, bat er ihn, bei dem Großkanzler Grafen Wrede abzusteigen, und durch dessen Vermittelung den Kohlhaas zur Besichtigung der Rappen herbei- zuschaffen.
Es traf sich, daß Kohlhaas eben, durch einen Gerichtsboten herbeigerufen, in dem Gemach des Großkanzlers, gewisser die Deposition in Lützen betreffenden Erläuterungen wegen, die man von ihm bedurfte, gegenwärtig war, als der Freiherr in der eben erwähnten Absicht zu ihm ins Zimmer trat, und während der Großkanzler sich mit einem verdrießlichen Gesicht vom Sessel erhob, und den Roßhändler, dessen Person jenem unbekannt war, mit den Papieren, die er in der Hand hielt, zur Seite stehen ließ, stellte der Freiherr ihm die Verlegenheit, in welcher sich die Herren von Tronka befanden, vor. Der Abdecker von Döbbeln sei auf mangelhafte Requisition der Wilsdrufer Gerichte mit Pferden erschienen, deren Zustand so heillos beschaffen wäre, daß der Junker Wenzel anstehen müsse, sie für die dem Kohlhaas gehörigen anzuerkennen; dergestalt, daß, falls man sie gleichwohl dem Abdecker abnehmen solle, um in den Ställen der Ritter zu ihrer Wiederherstellung einen Versuch zu machen, vorher eine Okularinfpcktion des Kohlhaas, um den besagten Umstand außer Zweifel zu setzen, nothwendig sei. „Habt demnach die Güte," schloß er, „den Roßhändler durch eine Wache aus seinem Hause abholen und auf den Markt, wo die Pferde stehen, hinführen zu lassen."
Der Großkanzler, indem er sich seine Brille von der Nase nahm, sagte, „daß er in einem doppelten Irrthum stünde; einmal, wenn er glaube, daß der in Rede stehende Umstand anders nicht als durch eine Okularinfpcktion des Kohlhaas auszumitteln sei; und dann, wenn er sich einbilde, er, der Kanzler, sei befugt, den Kohlhaas durch eine Wache, wohin es dem Junker beliebe, absühren zu lassen." Dabei stellte er ihm den Roßhändler, der hinter ihm stand, vor, und bat ihn, indem er sich niederließ und seine Brille wieder aufsetzte, ich in dieser Sache an ihn selbst zu wenden.
Kohlhaas, der mit keiner Miene, was in seiner Seele vorging, zu erkennen gab, sagte, daß er bereit wäre, ihm zur Besichtigung der Rappen, die der Abdecker in die Stadt gebracht, auf den Markt zu folgen. Er trat, während der Freiherr sich betroffen zu ihm um- lehrte, wieder an den Tisch des Großkanzlers heran, und nachdem er demselben noch aus den Papieren seiner Brieftasche mehrere die Deposition in Lützen betreffende Nachrichten gegeben hatte, beurlaubte er sich von ihm; der Freiherr, der über das ganze Gesicht roth aus Fenster getreten war, empfahl sich ihm gleichfalls, und beide gingen, begleitet von den drei durch den Prinzen von Meißen eingesetzten Landsknechten, unter dem Troß einer Menge von Menschen nach dem Schloßplatz hin. Der Kämmerer, Herr Kunz, der inzwischen den Vorstellungen mehrerer Freunde, die sich um ihn eingefunden hatten, zum Trotz seinen Platz dem Abdecker von Döbbeln gegenüber unter dem Volke behauptet hatte, trat, sobald der Freiherr mit dem Roßhändler erschien, an letztern heran und fragte ihn, indem er sein Schwert mit Stolz und Ansehen unter dem Arm hielt, ob die Pferde, die hinter dem Wagen stünden, die seinigen wären?
Der Roßhändler, nachdem er mit einer bescheidenen Wendung gegen den die Frage an ihn richtenden Herrn, den er nicht kannte, den Hut gezuckt hatte, trat, ohne ihm zu antworten, im Gefolge sämmtlicher Ritter an den Schinderkarren heran, und die Thiere, die auf wankenden Beinen, die Häupter zur Erde gebeugt, da- standen, und von dem Heu, das ihnen der Abdecker vorgelegt hatte, nicht fraßen, flüchtig aus einer Ferne von zwölf Schritt, in welcher er stehen blieb, betrachtend : „Gnädigster Herr!" wandte er sich wieder zu dem Kämmerer zurück, ^der Abdecker hat ganz recht; die Pferde, die an seinen Karren gebunden sind, gehören mir!" Uno damit, indem er sich in dem ganzen Kreise der Herren umsah, rückte er den Hut noch einmal und begab sich von seiner Wache begleitet, wieder von dem Platz hinweg.
Bei diesen Worten trat der Kämmerer mit einem raschen, seinen Helmbusch erschütternden Schritt zu dem Abdecker heran, und warf ihm einen Beutel mit Geld zu; und während dieser sich, den Beutel in der Hand, mit einem bleiernen Kamm die Haare über die Stirn zurückkämmte und das Geld betrachtete, befahl er einem Knechte, die Pferde abzulösen und nach Hause zu führen.
Der Knecht, der auf den Ruf des Herrn einen Kreis von Freunden und Verwandten, die er unter dem Volke besaß, verlassen hatte, trat auch in der That, ein wenig
roth im Gesicht, über eine große Mistpfütze, die sich zu ihren Füßen gebildet hatte, zu den Pferden heran; doch kaum hatte er ihre Halfter erfaßt, um sie loszubinden, als ihn Meister Himboldt, sein Vetter, schon beim Arm ergriff und mit den Worten: „Du rührst die Schindmähren nicht an!" von dem Karren hinweg- schleuderte. Er setzte, indem er sich mit ungewissen Schritten über die Mistpfütze wieder zu dem Kämmerer, der über diesen Vorfall sprachlos dastand, zurückwandte, hinzu: daß er sich einen Schinderknecht anschaffen müsse, um ihm einen solchen Dienst zu leisten. Der Kämmerer, der vor Wuth schäumend den Meister auf einen Augenblick betrachtet hatte, kehrte sich um, und rief über die Häupter der Ritter, die ihn umringten, hinweg, nach der Wache; und sobald auf die.Bestellung des Freiherrn von Wenk ein Offizier mit einigen kurfürstlichen Trabanten aus dem Schloß erschienen war, forderte er denselben unter einer kurzen Darstellung der schändlichen Aufhetzerei, die sich die Bürger der Stadt erlaubten, auf, den Rädelsführer, Meister Himboldt, in Verhaft zu nehmen. Er verklagte den Meister, indem er ihn bei der Brust faßte: daß er seinen die Rappen auf seinen Befehl losbindenden Knecht von dem Karren hinweggeschleudert und mißhandelt hätte. Der Meister, indem er den Kämmerer mit einer geschickten Wendung, die ihn befreite, zurückwies, sagte: „Gnädigster Herr! einem Burschen von zwanzig Jahren bedeuten, was er zu thun hat, heißt nicht ihn verhetzen! Befragt ihn, ob er sich gegen Herkommen und Schicklichkeit mit den Pferden, die an die Karre gebunden sind, befassen will; ; will er es nach dem, was ich gesagt, thun: sei's! Meinethalb mag er sie jetzt abludern und häuten.
Bei diesen Worten wandte sich der Kämmerer zu dem Knecht herum und fragte ihn: ob er irgend Anstand nähme, seinen Befehl zu erfüllen, und die Pferde, die dem Kohlhaas gehörten, loszubinden und nach Hause zu führen? Und da dieser schüchtern, indem* er sich unter die Bürger mischte, erwiderte: die Pferde müßten erst ehrlich gemacht werden, bevor man ihm das zu- muthe, so folgte ihm der Kämmerer von hinten, riß ihm den Hut ab, der mit seinen Hauszeichen geschmückt war, zog, nachdem er den Hut mit Füßen getreten, von Leder und jagte den Knecht mit wüthenden Hieben der Klinge augenblicklich vom Platz weg und aus seinen Diensten. Meister Himboldt rief: „Schmeißt den Mordwüthrich doch gleich zuBo^en!" und während die ' Bürger, von diesem Auftritt empört, zu'ammentraten und die Wache hinwegdrängten, warf er den Kämmerer von hinten nieder, riß ihm Mantel, Kragen Und Helm ab, wand ihm das Schwert aus der Hand und schleuderte es in einem grimmigen Wurf weit über den Platz hinweg. Vergebens rief der Junker Wenzel, indem ( er sich aus dem Tumult rettete, den Rittern zu, seinem Vetter beizuspringen; ehe sie noch einen Schritt dazu gethan hatten, waren sie schon von dem Andrang des Volks zerstreut, dergestalt, daß der Kämmerer, der sich den Kopf beim Fallen verletzt hatte, der ganzen Wuth der Menge preisgegeben war. Nichts als die Erscheinung eines Trupps berittener Landsknechte, die zufällig über den Platz zogen und die der Offizier der kurfürstlichen Trabanten zu seiner Unterstützung herbei- rief, konnte den Kämmerer retten. Der Offizier, nachdem er den Haufen verjagt, ergriff den wüthenden Meister, und während derselbe durch einige Reiter nach dem Gefängniß gebracht ward, hoben zwei Freunde den unglücklichen, mit Blut bedeckten Kämmerer vom Boden auf und führten ihn nach Hause Einen so heillosen Ausgang nahm der wohlgemeinte und redliche Versuch, dem Roßhändler wegen des Unrechts, das man ihm zugefügt, Genugthuung zu verschaffen. Der Abdecker von Döbbeln, dessen Geschäft abgemacht war, und der sich nicht länger anfhalten wollte, band, da sich das Volk zu zerstreuen anfing, die Pferde an einen Laternen- pfähl, wo sie den ganzen Tag über, ohne daß sich jemand um sie bekümmerte, ein Spott der Straßenjungen und Tagediebe stehen bleiben; dergestalt, daß in Ermangelung aller Pflege und Wartung die Polizei sich ihrer annehmen mußte und gegen Einbruch der Nacht den Abdecker von Dresden herbeirief, um sie bis auf weitere Verfügung auf der Schinderei vor der Stadt zu besorgen.
____________ (Fortsetzung folgt.)__________________
Weise-Srinnerungen vom Jahre 1832.
Mein Heimathland.
Die Berge drüben und die Blumen In dem schönen Werra-Thal, Wo Vögel singen, Käfer summen, Frösche quaken, Rinder brummen Aus voller Lust zumal.
Und bei meinen treuen, lieben Freunden, o, wie ruht sich's da! Wie wir uns die Zeit vertrieben Mit Märbel, Ballen, Kegelschieben, Frohsinn allenthalben nah!
Doch, es zog mich fort ins Weite, Wcils draußen ist doch auch sehr schön; Und in der Thäler Läng und Breite Hört man der Glocken hübsch Geläute, Bei Sonnen Auf- und Niedergehn.