SchlüchternerMun
Erscheint Mittwoch- und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
^ 6. Samstag, den 19. Januar. 1889.
„Wie Berlin arbeitet."
In der alten naiven Zeit Berlins veröffentlichte „Eckensteher Nante" (Glasbrenner) witzige und viel ge- suchte Heftchen unter dem Titel: „Berlin, wie eS ist und trinkt." In neuerer Zeit könnten Hefte erscheinen: „Wie Berlin arbeitet" und wie Fürst Bismarck und seine Leute mit gutem Beispiel vorangehen. Hier etwas darüber, was noch dazu ein politischer Gegner, die „Voßische Zeitung", veröffentlicht.
Zum Empfang des Reichskanzlers, welcher Mitte dieses Monats in Berlin eintreffen soll, sind im Palais an der Wilhemstraße bereits die nöthigen Anordnungen getroffen worden. Schweigsam und düster, von der Straße durch ein mächtiges Eisengitter getrennt, liegt das „Hotel Bismarck" da und dieser Eindruck wird nach der Rückkehr der fürstlichen Familie, die so selten in jenem Gebäude weilt, bleiben, denn viel Leben bringen der Besitzer und die Seinigen nicht mit. Der Kanzler und seine Gemahlin lieben Ruhe und demzufolge ist auch der gesellschaftliche Verkehr während ihres Aufenthalte- in Berlin nur ein sehr beschränkter. In dem großen Vorhof sieht man selten einen Wagen und an den Fenstern des Palais selten ein Gesicht, denn die am meisten bewohnten Räume liegen nach dem großen . Garten hinaus. Der große Saal, in welchem der Berliner Congreß getagt hat, bleibt gewöhnlich leer und wird nur bei besonderen Gelegenheiten benutzt. Das Innere des Palais ist bis auf die Zimmer der Fürstin »«gemein einfach ausgestattet und man merkt, daß die Anordnung und die architektonische Einrichtung der Räume das Ergebniß eines Umbaues sind. Schon das Vestibül und das links von demselben gelegene Treppenhaus mit - der einläufigen, nicht allzu breiten Treppe sind äußerst bescheiden angelegt. DaS Palais stammt aus einer Zeit, in der selbst reiche aristokratische Familien, wie die Radziwills, an Comfort und äußeren Luxus im Gegensatz zu heute nur die mäßigsten Ansprüche stellten. Man überließ den übertriebenen Luxus mit Vorliebe den Parvenus, welche den Maigll einer „Familie" durch äußeren Glanz zu ersetzen suchen, und hüllte sich in vornehme Ruhe und Einfachheit. Von dieser stillen Vornehmheit athmet auch das Palais des Reichskanzlers etwas und man würde es mit der ganzen Physiognomie des Geoäudes für unvereinbar halten, wenn sich in demselben ein rauschendes, festliches Leben und moderne Pracht entfalten würde. Diese ernste Ruhe kommt auch in bem anstoßenden Gebäude des Auswärtigen Amtes zum Ausdruck. Lang gestreckt liegt das altfränkische, einstöckige Haus an der Wilhelmstraße da. Sein ein- | jaches Portal wird flankirt von altmodischen Laternen, wie sie sonst in Berlin nicht mehr zu finden sind. Nicht den mindesten Schmuck weist die Fahnde auf, ernst, geradezu düster und kalt ist das Gepräge. Und wie im Acußern, so im Innern. Kein Ministerium ist so einfach ausgestattet, wie gerade dieses Gebäude, in welchem die politische Abtheilung untergebracht ist, in welchem Graf Herbert Bismarck arbeitet, in welchem fast täglich irgend welche Spitzen der Diplomatie erscheinen und in welchem die Fäden der europäischen Politik zusammen« laufen. In dem Vorzimmer steht ein Sopha, welches 5 a“ des Dichters Worte erinnert: „Schier dreißig Jahre bist Du alt, hast manchen Sturm erlebt.“ Und mit I dem übrigen Mobiliar steht es ebenso. Man hat keine £ Zeit, sich um solche Kleinigkeiten zu bekümmern. So s mancher auswärtige Diplomat, der dort seine Aufwartung gemacht hat, mag erstaunt gewesen sein, wenn er statt der Kunstteppiche und schwellenden DivauS den blanken Fußboden und einen gewöhnlichen Rohrstuhl fand. In diesen einfachen Räumen wird gearbeitet und mit einer geradezu bewundernSwerthen Unermüdlichkeit. Schon Morgens um neun Uhr treten die Herren an, um, mit : l^zer Pause für das Mittagsmahl, sich bis zur Mitter- nacht den Geschäften zu widmen. Selbst der Sonntag bringt keine Ruhe. Wer in später Nachlstunde am Auswärtigen Amt vorübergeht, sieht hinter den meisten Kennern noch Licht brennen, während die übrigen benachbarten Ministerien schon längst in Dunkel gehüllt sind. Eifrig arbeiten besonders die Chiffreure und Dechiffreure, deren Thätigkeit zu der anstrengendsten gehört, welche man sich denken kann. Der Kanzler hat la selbst in öffentlicher Reichstagssitzung die Leiden und geringen Freuden der mit jenen Arbeiten beschäftigten Beamten in lebhaften Farben geschildert. Wie die Sub
Deutsches Reich.
Berlin. Am Geburtstag S. M. des Kaisers, am 27. Januar, werden sich die Mitglieder des Reichstags, sofern sie überhaupt Anhänger der Monarchie sind, zu einem gemeinsamen Festmahl vereinigen, wie dies in früheren Jahren am 22. März geschehen ist. Die genaueren Bestimmungen darüber hat der Vorstand des Reichstags in einer Besprechung bereits festgestellt.
Tages-Ereignisse.
Schlächtern. Von der Verlagsfirma G. Freytag & Berndt Wien, VIL, Schottenfeldgasse 64, ging uns ein Probebild, Seine Majestät den jetzigen Kaiser als lebensgroßes Brustbild darstellend, zur Beurtheilung zu. Es ist ein photographieähnliches Bild, das wir zu Anschaffungen für den bevorstehenden kaiserlichen Geburtstag angelegentlich empfehlen können. Es ist durch jede Buchhandlung oder von obiger Firma direct für den Preis von 5 Mk zu beziehen. Ebendaher sind zu demselben Preise auch die Bilder der Majestäten Wilhelm I., Friedrich III und Ihrer Majestät der Kaiserin Auguste - Victoria, sowie die Bildnisse des Fürsten Bismarck und des Grafen Moltke zu beziehen.
— Der diesjährige Maskenball des Turnvereins findet am 3. März auch diesmal, wie alljährlich, in der Turnhalle statt.
Romsthal, 13. Januar. Am 13. Januar er. waren es fünfundzwanzig Jahre, daß Herr Lehrer D a n z in der hiesigen Gemeinde als Lehrer gewirkt hat. Anläßlich dieser Thatsache hatte sich der früher hier bestehende Gesangverein, deffen Dirigent der genannte Herr lange Jahre war, am Samstag Abend zusammengcthan, um den Jubilar beim Scheine der Fackeln mit einem Ständchen zu überraschen und seine Glückwünsche dar- zubringen. Ein Vereinsmitglied gratulirte dem sichtlich erregten Herrn in schöner Ansprache NamenS der Sänger und dankte ihm für seine segensreiche Wirksamkeit, die er während seines fünfundzwanzigjährigen Hierseins in Schule, Gemeinde und auch in dem Verein entfaltet hat und knüpfte daran die Hoffnung, daß er noch lange Jahre zum Segen der Menschheit wirken möge. In das darauf ausgebrachte Hoch stimmten alle Anwesenden begeistert ein. Alsdann überreichte einer der Sänger ein Geschenk dos Vereins. Der Herr Jubilar dankte für die ihn überraschende Ovation und gelobte, so lange es ihm nur gegönnt sei, stets eingedenk seiner Pflicht, dem Wohle der Schule, der Gemeinde und des Staates seine Kräfte zu weihen. Die darauf folgende gemüthliche Unterhaltung verlief in schönster Weise; Gesang, Toaste, komische Vorträge erhöhten die Freudenstimmung. — Gewiß, Herr Lehrer Danz hat während der fünfundzwanzig Jahre, das kann man sagen, zum Segen
alternen, so müssen auch die Höheren ihre ganze Kraft einsetzen, um den Ansprüchen des obersten Chefs gerecht zu werden. Jetzt, da dieser zurückkehrt, werden die Lampen in den schlichten Räumen des altfränkischen Hauses noch länger brennen und die Federn noch schneller über das Papier fliegen. Kann eS doch Vorkommen, daß der Kanzler noch Nachts um zwölf oder ein Uhr Acten zur Durchsicht und Unterschrift einfordert. Da gilt es, bereit zu sein, damit keine Zögerung entsteht. Der Chef arbeit bekanntlich bis nach Mitternacht, mag er nun in Friedrichsruh oder in Berlin weilen. Selbst in Kissingen während der Badekur macht er von dieser Gewohnheit keine Ausnahme. Eine Tasse mit Grün- kornsuppr dient während der nächtlichen Arbeit als Er- quickung. Selbstverständlich erledigt der Kanzler seine Geschäfte in seinem Palais, welches mit dem Gebäude des Auswärtigen Amtes in directer Verbindung steht. In unmittelbarer Nähe des Chefs befindet sich auch Geheimrath Dr. Rottenburg, der gleichsam der Schatten des Fürsten ist, denn wo dieser weilt, weilt auch jener. Wenn sich so irgend eine lebhafte Debatte in dem Sitzungssaal des Gebäudes an der Leipziger Straße entspinnt, welche eine bedrohliche Wendung nimmt, pflegt ja Durchlaucht wie der zürnende Jupiter plötzlich da zu sein und mit tönenden Worten in die Verhandlungen einzugreifen, und diese Perspectioe rechtfertigt es wohl, wenn man zur Zeit nach dem Palais an der Wilhelmstraße etwas neugieriger Hinschaul, um zu ergründen, ob der Kanzler wirklich kommt oder daheim in Friedrichsruh bleibt.
der Gemeinde Romsthal gewirkt. Um so auffälliger erschien es, daß dem zum Danke seitens der Gemeinde zur Feier dieses FreudentageS gar nichts gethan wurde. Das Beispiel, das man sich wahrscheinlich an einer Nachbargemeinde, wo vor kurzer Zeit derselbe Fall vor- kam, genommen hat, war ebenso wenig real als ideal. — Möge sich aber unser verehrter Herr Jubilar trotzdem in seinem Wirken nicht verdrießen lassen; möge er uns noch lange erhalten bleiben zum Segen seiner Mitmenschen! Vivat sequens!
Soden. Der hiesige Kriegerverein feiert am Sonntag, den 20. d. Mts., sein 12jähriges Stiftungsfest. Der Verlauf des Festes wird etwa folgender sein: 1. Morgens 8'/gUhr: Abholung der Fahne mit Musik: 2. 9 Uhr: Kirchengang; 3. Nach beendetem Gottesdienst Zug in das BereinSlokal (Gasthaus „Zum goldenen Hirsch"); 4. Abends 7 Uhr: Tanzmusik. — Die Herren Kameraden der auswärtigen Vereine, sowie sonstige Freunde des Vereins sind eingeladen.
Hanau, 14. Januar. Eine große Garnison- Waschanstalt für den Bezirk des XL Armeekorps soll dem Vernehmen nach hier errichtet werden. Im ganzen Bezirk des Armeekorps bestehen jetzt nur 2 derartige Waschanstalten und zwar in Kassel und Mainz.
Frankfurt a. M., 15. Januar. Die Schwester des Hamburger Raubmörders Dauth ist durch das schwere Verbrechen ihres Bruders derart erschüttert worden, daß ihre Aufnahme in eine Irrenanstalt erfolgen mußte. Die Unglückliche ist daselbst bereits ihren Leiden erlegen. — Es ist dies nun das dritte Opfer des Mörders, denn seine Braut ist bekanntlich ebenfalls wahnsinnig geworden.
Hünfeld, 13. Januar. Der große Brand dahier am 29. Octobei v. J. hat, wie nunmehr amtlich festgestellt ist, im Ganzen 117 Wohnhäuser mit etwa noch einmal so vielen Nebengebäuden in Asche gelegt. 210 Familien mit 684 Köpfen wurden ihres Obdaches beraubt. Um- gekommen ist ein Feuerwehrmann aus Fulda. Die niedergebrannten Häuser waren mit einer Summe von 796,500 Mk. versichert, nur wenige arme Leute hatten nicht versichert. Im Ganzen ist ein Unterstützungsfonds von 160,000 Mk. durch von allen Seiten des deutschen Reiches und sogar aus Amerika fließende Spenden zusammengekommen. Ein besonderer Fonds wurde gebildet, um Handwerkern und andern Gewerbetreibenden Beihilfen zu schleuniger Wiedereinrichtung ihrer Geschäfte und Anschaffung von Handwerkszeug zu geben. Bei den reichlich geflossenen Mitteln ist die Hoffnung berechtigt, daß nicht nur die Armen gut durch den Winter gebracht werden, sondern auch den Unbemittelten beim Neubau ihrer Häuser wirksame Hilfe geleistet und der Wiederaufbau der abgebrannten Stadttheile in diesem Jahre durchgeführt werden kann. Die wegen der Terrainverhältnisse nicht leichte Aufstellung eines Bebauungsplanes ist energisch in Angriff genommen. Jedenfalls wird die neue Stadt an Schönheit, besonders aber an Feuersicherheit, die zerstörten Straßen weit übertreffen.
Hersfeld, 14. Janr. Am vergangenen Sonnabend trug sich hier ein recht beklagenSwerther Unglücksfall zu. Bei dem gefechtsmäßigen Schießen der 11. Compagnie des FüsilierbalaillouS nach Scheibenbildern wurde, wie das „F. Krbl." berichtet, ein bei der Scheibe beschäftiger Soldat, welcher sich gerade außer Deckung befand, von einer in dem Augenblick abgefeuerten Kugel so unglücklich in den Kopf getroffen, daß er bald darauf verschied.
Ziegenhain, 14. Janr. Zwei am Sonnabend aus der hiesigen Strafanstalt entlassene Sträflinge statteten in der nächsten Nacht der Strafanstalt selbst einen Besuch ab, um einen von ihnen darin versteckten Einhundert- markschein zu holen, den sie bereits vor längerer Zeit einem Werkmeister im Arbeitssaal entwendet hatten. Es gelang den Spitzbuben, den Schein sich zu verschaffen. Ihre Anwesenheit in der Strafanstalt wurde aber bemerkt und die Einbrecher mußten sich so schnell wie möglich aus dem Staube machen. Sie kamen indessen nur per Bahn bis Gießen, wo ihre Verhaftung erfolgte.
Ehringen, 12. Januar. Heute Nachmittag wurde das Henkelmann'sche junge Ehepaar durch einen bedanerns- werthen Unglücksfall in große Trauer versetzt. Kurz nach dem Mittagessen, an welchem das 2Hz jährige Söhnchen noch theilnahm, wollte die Mutter, wie die „$ofg. Ztg." berichtet, Wasser aus dem Ziehbrunnen