ZchlüchternerMtung
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Mittwoch, den 16. Januar.
Deutsches Reich.
Berlin. Ueber die deutschen Plantagen auf Samoa hat der Vereinigte Staaten-Generalkonsul in Apia, Herr Harald M. Sewall, vor Kurzem dem Auswärtigen Amt in Washington einen Bericht unterbreitet, welcher in Anbetracht der gegenwärtigen Vorgänge auf Samoa von speziellem Interesse ist. Es heißt dort: Die deutschen Plantagen auf Samoa, im Ganzen sechs, zusammen ein Areal von 9250 Acres Land, umfassen oen größeren Theil des kultivirten Landes auf der nördlichen Seite der Insel Uvolu. Vier derselben befinden sich in der unmittelbaren Nachbarschaft von Apia, während die beiden andern in der Nähe von Sawaii liegen; die größte der letzteren, Mulifauna genannt, zieht sich längs der ganzen westlichen Küste der Insel hin und hat ein Areal von 3260 Acres. Die Plantagen, welche sämmtlich der „Deutschen-Handels- und Plantagen-Gesellschaft" gehören, befinden sich in ausgezeichnetem Kultur-Zustand und können alles hervor- bringen, was in den Tropen wächst. Hauptsächlich werden Kokosnüsse gezogen, aus welchen die sogenannte Kopra, der trockene Kern, gewonnen wird, die man zur Herstellung von Oel, Seife rc. verwendet. Die jährliche Kopra-Produktion beziffert sich auf 500 bis 600 ; Tons. Ferner wird aus den Plantagen Baumwolle, Kakao und Kaffee gebaut und wird der letztere von Jahr zu Jahr mehr kultivirt, da sich ein Anbau sehr gut bezahlt macht. Auf der Plantage Utumapu sind gegenwärtig 300 Acres mit Kasse-Sträuchern bepflanzt und sollen weitere 150 Acres damit angebaut werden. Im letzten Jahr wurden auf dieser Plantage 90,000 Pfund Kaffee g.erntet. Derselbe war von ausgezeichneter i Qualität und kam dem Mokka gleich, so daß er in ; Hamburg, wohin er expsrtirt wurde, gute Preise brächte. | Da der Graswuchs auf den Plantagen sehr reich ist (Dürre ist auf Samoa unbekannt), wird auch Viebzucht in großem Maßstab betrieben. Auf den beiden größten derselben sind 1600 Rindvieh von der feinsten Race, größtentheils aus Neuseeland und den australischen H Kolonien importi rt, sowie gute Zuchtpferde. Auf den , Plantagen werden ausschließlich importirte Arbeiter beschäftigt, da die Samoaner zu faul zum Arbeiten sind, und rekrutiren sich die ersteren hauptsächlich aus den westlich von Samoa gelegenen Inseln, den Neu-Hebriden, den Salomon-, den New-Britain- und den Ncw-Jrland- Juseln. Diese Arbeiter, von welchen durchschnittlich auf sämmtlichen Plantagen 1300beschäftigt sind, werden kontraktlich auf drei Jahre engagirt und in der „Deutschen Handels- und Plantagen-Gesellschaft" gehörenden Schiffen von ihrer Heimath nach Samoa und zurück befördert. Dieselben erhalten außer freier Station und Beköstigung einen Lohn von 3 Doll. monatlich.
Aus Nordschleswig, 12. Januar. Eine gefährliche Wettfahrt zwischen einem Zweispänner - Fuhrwerk und dem Eisenbahnzuge beobachtete man dieser Tage auf der Strecke Flensburg Kappeln. Ein Glücksburger Fuhrmann lenkte sein Gespann auf der Chaussee neben dem Bahnkörper daher, als der nach Flensburg gehende Zug sich näherte. Sofort faßte der Wagenlenker den unsinnigen, tollkühnen Entschluß, mit dem Zuge um die Wette zu fahren; er lenkte sein Geführt sogleich auf das Geleise, wo er in fast wahnsinniger Lust auf die Pferde einhieb, so daß der Wagen in fliegender Eile vor dem heranbrausenden Zuge dahinraste. Selbstverständlich wurde trotz Anspannung aller Kräfte die Entfernung zwischen dem Zuge und dem Wagen stets geringer, und der Uebermuth des Tollkühnen verwandelte sich bald in Verzagtheit. Die Folgen seiner unsinnigen That erkennend, beabsichtigte er, durch Ausdiegen der drohenden Gefahr zu entgehen; allein die steile Böschung bot Schwierigkeiten. In Todesangst Hieb der Fuhrmann aus die Pferde ein; der Wagen schlug um und ging in stummer, während der Verwegene in weitem Bogen herauSgeschleudert wurde. Seine Verletzungen sollen nicht gefahrdrohend sein, doch dürfte dem tollen Streich ein gerichtliches Nachspiel folgen.
Nürnberg, 7. Januar. Ein Zechpreller, der seinem „Berufe" doch noch mit ein bischen Humor nachgeht, wurde dieser Tage dingfest gemacht. Heller Jubel Herr schte am Neujahrstage in einer bekannten hiesigen Wirthschaft. Dort war ein Gast eingekchrt, der sich für einen Tapezierer aus Berchtesgaden ausgab und im Besitze eines Vermögens von 30,000 Mark sein wollte. Die Köchin des Wirths gefiel nun diesem Gaste
so gut, daß er dem Wirthe 100 Mark versprach, wenn er bei derselben seinen Brautwerber mache. Der Wirth brächte auch wirklich in kürzester Zeit die Verlobung zu Stande! Ein Fäßchen Bier wurde aufgelegt und Freude und Jubel herrschte bei Bräutigam, Braut, Wirth und Gästen. Als das Bier zur Neige ging, war plötzlich der Bräutigam verschwunden. Das Bezahlen hatte er — vergessen. Man merkte nun, daß man es mit einem Gauner zu thun gehabt hatte. Die Polizei wurde benachrichtigt und schließlich fand man den Herrn Bräutigam in einer anderen Wirthschaft, wo er wacker weiter zechte. Der Mann wurde in Haft genommen; von seinen 30,000 Mk. Vermögen fand man bei ihm nur — 27 Pfennige.
St. Johann, 14. Januar. Bekanntlich wird unserm Kaiser die Absicht eines in diesem Jahre auszuführenden Besuches im Reichslande zugeschrieben, und es ist wohl glaublich, daß derselbe bei dieser Gelegenheit auch unsere Städte mit ihren historischen Erinnerungsstätten besuchen wird. Für diesen Besuch giebt das hier umlaufende Gerücht bereits einen näheren Zeitpunkt an: im April soll er erfolgen und Kaiser Wilhelm, einer Einladung des F r e i h e r r n v. Stumm entsprechend , auf Schloß Halberg Absteige-Quartier nehmen.
Tages-Ereignisse.
Schlächtern. Vom 1. Oktober v. Js. ab wird den vollbeschäftigten definitiv angestellten Lehrern und Lehrerinnen an den Volksschulen, welche eine Dienstzeit von bezw. 12, 22 und 32 Jahren vollendet haben, eine Dienstalterszulage in Höhe von bezw. 100, 200 und 300 Mark jährlich für Lehrer und von bzw. 70, 140 und 210 Mark jährlich für Lehrerinnen aus der Staatskasse gewährt werden. Seither erhielten nur die Lehrer nach einer zurückgelegten Dienstzeit von 12 bezw. 22 Jahren eine solche Vergütung in Höhe von 90 bezw. 180 Mark. Es haben die betreffenden Lehrer somit eine recht erfreuliche Verbesserung ihres Einkommens erfahren.
— Der heutigen Nummer dieser Zeitung liegt ein Prospect der Zeitung „Dies Blatt gehört der Hausfrau!" bei, worauf wir unsere Hausfrauen hiermit aufmerksam machen.
— Für den 17. Januar steht eine Mondfinsterniß bevor, welche bei günstigem Wetter in unserer Gegend in ihrem ganzen Verlauf zu beobachten sein wird; der Beginn ist um 5 Uhr 7 Min. früh und das Ende 8 Uhr 9 Min. mittl. Berliner Zeit. Die Finsterniß ist eine partiale, die größte Verfinsterung beträgt 7 Zehntel des Monddurchmessers.
— Die Zahl 9 wird vom 1. Januar d. I. an für die jetzige Generation nicht mehr aus der Jahreszahl verschwinden. Wenn auch Einer die Absicht hat, noch so lange zn leben, wird es ihm, er müßte denn das gesegnete Alter von 111 Jahren erreichen, doch nicht gelingen, der 9 in der Jahreszahl zu entgehen.
— Die weltbekannte, schon im Jahre 1855 begründete Annoncen-Expedition vonHaasensteinLVogler ist am 1. Januar 1889 in eine Actien-Gesellschaft um- gewandelt worden. Diese Firma hat in der langen Zeit ihres Bestehens wesentlich dazu beigetragen, das Jnsertionswesen zu seiner jetzigen Blüthe zu entfalten und wird auch in der Folge vermöge ihrer ausgezeichneten Organisation, weitgehendsten und besten Verbindungen, sowie reichsten Erfahrungen dem inscrirenden Publikum die höchsten Vortheile zu bieten vermögen.
Fulda. Am vorigen Sonnabend Nachmittag fiel der 18 Jahre alte Gerbergehülfe Georg Frech von hier in einer hiesigen Gerberei zwei Treppen hoch durch eine Oefsnung, durch welche das Leder gereicht wurde, so unglücklich in die Tenne, daß er eine Verletzung der Hirnschale und zweifachen Armbruch davon trug, in Folge dessen derselbe im hiesigen Landkrankenhause Aufnahme fand.
Hauau. Am Samstag in der Mittagsstunde wurde durch daS Fuhrwerk eines Mineralwasserhändlers in der Altstadt eine Bauersfrau aus Bruchköbel überfahren. Dieselbe trug derartige Verletzungen davon, daß sie nach der in der Nähe befindlichen Apotheke und von da nach ihrem Heimathsorte verbracht werden mußte.
Hanau. Wie bereits in den Tagesblättern kurz erwähnt, hält der hiesige Verein für Geflügel- und Singvögelzucht nach dreijähriger Pause demnächst wieder eine Geflügel- rc. Ausstellung ab und hat zu der
selben die Tage vom 3. bis einschließlich 5. März d. I. festgestellt. Bekanntlich wurden bis jetzt die Ausstellungen des Hanauer Vereins gerne beschickt und auch gut besucht, die diesmalige dürfte ihre Vorgänger aber noch in mancher Beziehung überragen. Seitens des Vorstandes sind die vorbereitenden Schritte bereits geschehen und ist es deshalb jetzt schon möglich, ein ungefähres Bild zu entwerfen: Die Reitbahn des Altstädter Schlosses, eine Räumlichkeit, wie sie zur Abhaltung einer Geflügel- Ausstellung nicht praktischer und schöner gewünscht werden kann, ist bereits zur Verfügung gestellt, eine Verloosung behördlich genehmigt, sehr anerkennenswerthe und reichliche Preise für hervorragend schöne Thiere (Hühner, Gänse, Enten, Tauben, Fasanen, Pfauen, Exoten rc.) seitens des Vereins verwilligt, auch verschiedene Ehrenpreise seitens einzelner Vereinsmitglieder gestiftet, die Einzeln-Comitees ebenfalls bereits gewählt; kurz und gut, es sind, wie bereits vorn bemerkt, die vorbereitenden Arbeiten erledigt. Die Anmeldungs- Formulare und Programme werden demnächst zur Versendung gelangen. Schließlich sei bemerkt, daß zum ersten Male mit der Geflügel-Ausstellung auf mehrseitig von auswärts wie von Mitgliedern des Vereins erfolgte Anregung eine Ausstellung von Concurrenzsängern (Kanarien, Finken rc.) verbunden ist, auch für diese Abtheilung sind schöne Preise vorgemerkt. Aus Vorstehendem erhellt zur Genüge, daß sowohl der Geflügel- und Vogelhändler, sowie der Züchter in dem Beschicken der Ausstellung, ebenso aber auch der Geflügelfreund in dem Besuche derselben volle Befriedigung finden wird. — Es sei schließlich noch Folgendes bemerkt: Zur Prämiirung der Hühner sind bestimmt: 38 erste Preise a 10 Mk., 13 erste Preise a 6 Mk. und 3 a 8 Mk.; ferner 38 zweite Preise a 5 Mk., 3 zweite Preise a 4 Mk. und 14 a 3 Mk.; insgesammt 738 Mk. — Für Gänse, Enten, Truthühner und Fasanen: 11 erste Preise a 10 Mk. und 11 zweite Preise a 5 Mk.; zusammen 165 Mk. — Für Tauben: 29 Preise a 6 Mk., 55 a 5 Mk., 25 a 4 Mk., 8 » 3 Mk.; zusammen 573 Mk. — Ferner: erste Preise für Sing- und Ziervögel: a 5 Mk. — Für Concurrenz- Säng er: 3 erste Preise a 10 Mk., 5 zweite a 6 Mk. ; schließlich ca. 100 Mk. Ehrenpreise, sodaß ca. 1700 Mk. für die Prämiirung festgesetzt sind.
Aus dem Kreise Hanau, 7. Januar. Ein Bäuerlein hielt neulich nächtlicherweise vor einem Wirthshause in einer Ortschaft, um sich etwas zu restauriren. Er hatte vergessen, die nöthige Laterne an den Wagen zu hängen. Da kam der Wächter der Nacht, der die zehnte Stunde abrief, des Weges daher, bemerkte die Unterlassungssünde und stellte den Mann zur Rede. Der war aber keineswegs um eine Antwort verlegen und platzte im gutmüthigsten Tone heraus: „Macht nix, der Gaul ist jo blind!" Der Wächter lachte zwar, aber er notirte den Mann und die Strafe wird nicht ausbleiben.
Offenbach, 12. Januar. Am letzten Mittwoch verstarb dahier ein 20jähriger junger Mann, der an den Weihnachtsfeiertagen auf eine Wette hin nicht weniger als 1 Kilo rohes Pferdefleisch genossen haben soll. Gleich am andern Tage verspürte der junge Mann Unbehagen und Schmerzen, so daß er ärztliche Hilfe in Anspruch nahm. Der nun eingetretene Tod kann sehr wohl mit dem übermäßigen Genuß von rohem Pferdefleisch in Verbindung zu bringen sein.
Caffel. (Abänderung des Ste mpelgesetzes.) Nach dem Tarife zu dem Stempelgesetze vom 7. März 1822 beträgt der Stempel für Pacht- und Miethsverträge Vs °/o von dem ganzen Betrage der durch dieselben bestimmten Pacht oder Miethe. Verträge über Afterpacht und Aftermiethe werden wie Pacht- und Miethsverträge versteuert. Dabei ist nach § 6 des Stempelgesetzes vom nämlichen Tage bei Abschluß des Vertrages auf einmal der ganze Stempel für die volle Pacht- oder Miethszeit im Voraus zu entrichten. Diese Bestimmnng ist nach verschiedenen Richtungen als eine Belästigung des Jmmobilienverkehrs empfunden worden. Es wurde darauf hingewiesen, daß nicht nur die Höhe des Stempels selbst in Betracht komme, sondern die Vorausbezahlung des Stempels für die ganze Pachtzeit noch dazu in einem Moment, wo der Antritt der Pacht ohnehin erheblichen Kapitalaufwand erheischt, als eine erschwerende, die Verkehrsentwickelung hemmende Bestimmung erscheine. Erreiche in Folge derselben doch z. B. der Stempel für 19jährige Pacht 6°/o des JahreSbetrageS des Pacht-