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ich hätte niemals amerikanischen Boden betreten. In New-Aork, das doch so reich, groß und prächtig ist, herrscht namenloses Elend. Die Ausbeutung durch die Böse (Arbeitgeber) ist ungeheuer. Die starke Einwan­derung und die schlechte Geschäftslage benutzend zahlen sie einfach, was ihnen beliebt. Ein gewöhnlicher Arbeiter, der kein Geschäft kann, bekommt 57 Dollars per Woche, der Handwerker etwas mehr. Ich erhalte 9 Dollars wöchentlich. Das ist unter diesen Umständen ein guter Lohn, doch komme ich damit nicht so weit, als wenn ich in Frankfurt 18 Mark verdiene. Und für all diesen Verdienst muß hier der Arbeiter doppelt soviel leisten, als in Deutschland. Die Zustände von Castle-Garden habe ich Euch von New-Aork aus mit­getheilt. Als meine Frau ankam, ließ sie dreimal au mich telegraphiren, sie bezahlte dreimal die Taxe und doch wprde nicht telegraphirt. Es geht dort in jedem Ressort so, das ist öffentliches Geheimniß; aber es geht da eben zu, wie überall in Amerika. Eigen­nützige Partheiregierung! Eine jede Parthei, welche am Ruder, jede Person, welche daran thätig ist, bereichert sich, soviel sie kann und so lange es geht, gedenkend: Wer weiß, ob Du das nächstemal wieder daran kommst. Besäße das Land nicht unerschöpflichen Naturreichthum, so wäre es von den 2 großen Partheien, welche abwech­selnd am Ruder sind, längst an den Rand des Bankerotts gebracht. Daß die Presse in Deutschland die Auswan­derer warnt, ist sehr schön; aber leider wird dem keine Beachtung geschenkt, erstens, weil viele nichts lesen und dann, weil sie es nicht glauben. Daß dem aber so ist, ist Thatsache. Diese armen Menschen fallen, nachdem sie in Castle-Garden ordentlich gerupft find, den Emi- granten-Hotels in die Hände. Dort müssen sie gewöhn­lich so lange Logis nehmen, bis die Moneten alle sind, und das geht dort schnell, ja vielmals wird das Gepäck zurückbehalten, weil das Geld nicht reicht. Nun ist das Elend da; es kommt die Reue, das Vaterland verlassen zu haben! So geht es Tausenden und aber­mals Tausenden und wird immer so weiter gehen. Ich werde Niemand dazu rathen, hierherzugehen, mit Aus­nahme von Dienstmädchen, die finden reißenden Abgang. Die amerikanische Weiblichkeit will nicht dienen; sie sucht in der Hausindustrie Beschäftigung, wo sie freier ist, als in einer Dienststelle. Die Untersuchung, welche gegenwärtig in Sachen Castle-Garden zu New-Aork im Gang ist, fördert haarsträubende Dinge zu Tage: Die Nachlässigkeit der Beamten, das grenzenlose Elend in New-Aork, die Plünderung der armen Eingewanderten, die Ausbeutung derselben durch die Fabrikanten, die mißliche Lage derselben ausnutzend, und vor allem das schändliche Treiben mancher europäischer Schiffsagenten, welche unter Vorspiegelung falscher Thatsachen den Leuten goldene Berge verheißend, einerlei, ob das Prole­tariat hier um Tausende vermehrt wird oder nicht, nur auf schnöden Gewinn für sich und ihre Gesellschaften bedacht sind. Deshalb rufe ich jedem deutschen Arbeiter zu: Laßt euch nicht bethören durch schöne Verheißungen und glatte Reden dieser Vampyre, denn Alles ist Lug und Trug.

Lieber Vater! Nehmt Abschrift von den wichtigsten Stellen dieses Briefes das Original hebt auf, und schickt es an die gelesenen Zeitungen der Umgegend. Soviel ich die Sache kenne, werden derartige Mitlhei- lungen mit Dank ausgenommen. Sollte einer oder der andere Leser seine Heimath vielleicht verlassen wollen, weil es ihm nicht recht gefällt, möglich, daß er sich noch einmal besinnt.

Grüßt mir Freunde, Verwandte und Bekannte, das ganze Dorf, wenn nicht anders ausführbar, so durch die Schelle u. s. w. u. s. w.

Hanau, 9. Januar. Als Nachfolger des Landrathes Grafen von Bismarck wird nach demF. I." Freiherr von Oertzen, seither Landrath im Regierungsbezirk Düsseldorf, ein Jugendfreund von Bismarck, genannt.

Frankfurt, 8. Januar. Gestern Vormittag um 10 Uhr wurde der Infanterist Matt aus Schreck bei Marburg bei der Schießübung mit Ziel-Munition in hiesigem Kasernenhofe erschossen. Der Verunglückte war Anzeiger an der Scheibe, auf welche Rekruten der 6. Kompagnie in einer Distance von 25 Metern schössen und glaubte einen Schuß seiner Kompagnie markiren zu müssen, während derselbe von Soldaten einer anderen Kompagnie abgegeben wurde. Während des Markirens drang ihm die Munition in der Größe einer Erbse in den Hinter- kopf und über dem linken Äuge wieder heraus, so daß der Tod sofort eintrat. Der Soldat diente im dritten Jahre.

Bockenheim, 8. Januar. Nachdem schon einmal am Abend des 16. December v. I. in der Neugasse dahier ein Gefreiter des hiesigen Husaren-Regunents von mehreren Civilisten überfallen und mit Stöcken am Kopf verwundet worden war, ohne daß es damals ge­lungen ist, die Thäter zu ermitteln, wurde am letzten Sonntag Abend gegen 9 Uhr wieder ein Husar in der Neugasse von drei Civilisten angefallen und von einem derselben durch einen Messerstich in die Lunge so schwer verletzt, daß er in Lebensgefahr schwebt. Der Messer­held, ein böser Bube von 16 Jahren, heißt Scheid und ist Sohn des vor mehreren Jahren nach Amerika ent­wichenen Schneiders Scheid. Die beiden anderen heißen Dix und Krug, sind von auswärts und ebenfalls im

Alter von 16 und 18 Jahren stehend. Alle drei sind verhaftet. Es ist im hohen Grade beklagenswerth, daß durch das ruchlose Treiben solcher kaum der Schule entwachsener junger Leute ein Menschenleben gefährdet ist. Nachträglich erfahren wir noch über diesen Vor­gang, daß der Soldat mit den drei jetzt Verhafteten sich in einem mehr neckischen Wortwechsel eingelassen, schließlich aber in der Richtung nach der Schloßstraße zu entfernt hatte. Die drei folgten ihm nach und Scheid nahm sein Taschenmesser und stach dem Soldaten in den Rücken. Der Soldat, der keinen Säbel um- geschnallt hatte, entnahm darauf von einem anderen Husaren noch einen Säbel und verwundete damit einen der drei Verhafteten am Arme. Auch einen Messerstich hat ein anderer der Verhafteten, wahrscheinlich von Scheid, erhalten.

Der am Sonntag Abend in Bockenheim von einem Civilisten in den Rücken gestochene Husar ist, wie ein Berichterstatter meldet, heute Nachmittag im Lazareth gestorben.

Cafsel, 10. Januar. Die amtlichen Mittheilungen über den gegenwärtigen Stand der Saaten in der preußischen Monarchie besagen über den Reg.-Bez. Cassel: Die ungewöhnliche Wärme der zweiten Hälfte des November und auch des December war der Ent­wickelung der Saaten sehr vortheilhaft, so daß dieselben überall einen guten Stand zeigen.

Burggemünden, 6. Januar. Dem Bürgermeister hierselbst wurden am 5. ds. Mts. von dem Abendzug Fulda-Gießen in der Nähe von Burggemünden beide Beine abgefahren und starb derselbe in Folge dieser Verletzung in der darauffolgenden Nacht. Der Genannte stand iu Untersuchung wegen Amtsvergehen, sollte ver­haftet und ins Gefängniß nach Homberg gebracht werden. Es gelang ihm aber, sich der ihm drohenden Verhaftung zu entziehen und wird angenommen, daß derselbe den Tod gesucht hat.

Michael Kohlhaas.

Eine Erzählung von Heinrich von Kleist.

(Fortsetzung.)

Luther rief:Ersatz des Schadens! Summen zu Tausenden, bei Juden und Christen, auf Wechsel und Pfänder, hast du zur Bestreitung deiner wilden Selbst­rache ausgenommen. Wirst du den Werth auch auf der Rechnung, wenn es zur Nachfrage kommt, ansetzen?" Gott behüte!". erwiderte Kohlhaas.Haus und Hof und den Wohlstand, den ich besessen, fordere ich nicht zurück, sowenig als die Kosten des Begräbnisses meiner Frau! Hersens alte Mutter wird eine Berechnung der Heilkosten und eine Spezifikation dessen, was ihr Sohn in der Tronkenburg eingebüßt, beibringen, und den Schaden, den ich wegen Nichtverkaufs der Rappen erlitten, mag die Regierung durch einen Sachverständigen abschätzen lassen." Luther sagte:Rasender, unbe­greiflicher und entsetzlicher Mensch!" und sah ihn an. Nachdem dein Schwert sich an dem Junker Rache, die grimmigste, genommen, die sich erdenken läßt: was treibt dich, auf ein Erkenntniß gegen ihn zu bestehen, dessen Schärfe, wenn es zuletzt fällt, ihn mit einem Gewicht von so geringer Erheblichkeit nur trifft?* Kohlhaas erwiderte, indem ihm eine Thräne über die Wangen rollte:Hochwürdiger Herr! es hat mich meine Frau gekostet; Kohlhaas will der Welt zeigen, daß sie in keinem ungerechten Handel umgekommenen ist. Fügt Euch in diesen Stücken meinem Willen, und laßt den Gerichtshof sprechen; in allem andern, was sonst noch streitig sein mag, füge ich mich Euch."Luther sagte: Schau her; was du forderst, wenn anders die Um­stände so sind, wie die öffentliche Stimme hören läßt, ist gerecht; und hättest du den Streit, bevor du eigen­mächtig zur Selbstrache geschritten, zu des Landesherrn Entscheidung zu bringen gewußt, so wäre dir deine Forderung, zweifle ich nicht, Punkt vor Punkt bewilligt worden. Doch hättest du nicht, alles wohl erwogen, besser gethan, du hättest um deines Erlösers willen dem Junker vergeben, die Rappen, dürr und abgehärmt wie sie waren, bei der Hand genommen, dich aufgesetzt, und zur Dickfütterung in deinen Stall nach Kohlhaasenbrück heimgeritten?" Kohlhaas antwortete:Kann fein!" indem er aus Fenster trat:kann sein, auch nicht! Hätte ich gewußt, daß ich sie mit Blut aus dem Herzen meiner lieben Frau würde auf die Beine bringen müssen: kann sein, ich hätte gethan, wie Ihr gesagt, hochwürdiger Herr, und einen Scheffel Hafer nicht gescheut! Doch weil sie mir einmal so teuer zu stehen gekommen sind, so habe es denn, meine ich, seinen Lauf: laßt das Er­kenntniß, wie es mir zukommt, sprechen, und den Junker mir die Rappen auffütterten."

Luther sagte, indem er unter mancherlei Gedanken wieder zu seinen Papieren griff: er wolle mit dem Kurfürsten seinethalben in Unterhandlung treten. In­zwischen möchte er sich auf dem Schlosse zu Lützen still­halten; wenn der Herr ihm freies Geleit bewillige, so werde man es ihm auf dem Wege öffentlicher Anplackung bekannt machen.

Zwar" fuhr er fort, da Kohlhaas sich herabbog, um seine Hand zu küssen,ob der Kurfürst Gnade für Recht ergeben lassen wird, weiß ich nicht; denn einen

Heerhaufen, vernchm' ich, zog er zusammen, und steht im Begriff, dich im Schlosse zu Lützen aufzuheben; in­zwischen, wie ich dir schon gesagt habe, an meinen Be­mühen soll es nicht liegen." Und damit stand er auf und machte Anstalt, ihn zu eutlassen. Kohlhaas meinte, daß seine Fürsprache ihn über diesen Punkt völlig be­ruhige; worauf Luther ihn mit der Hand grüßte, jener aber plötzlich ein Knie vor ihm senkte und sprach: er habe noch eine Bitte auf seinem Herzen. Zu Pfingsten nämlich, wo er an den Tisch des Herrn zu gehen pflege, habe er die Kirche dieser seiner kriegerischen Unternehmung wegen versäumt; ob er die Gewogenheit haben wolle, ohne weitere Vorbereitung seine Beichte zu empfangen und ihm zur Auswechselung dagegen die Wohlthat des heiligen Sakraments zu ertheilen?

Luther, nach einer kurzen Besinnung, inbem er ihn scharf ansah, sagte:Ja, Kohlhaas, das will ich thun! Der Herr aber, dessen Leib du begehrst, vergab seinem Feind.

Willst du", setzte er, da jener ihn betreten ansah, hinzu,dem Junker, der dich beleidigt hat, gleichfalls vergeben, nach der Tronkenburg gehen, dich auf deine Rappen setzen, und sie zur Dickfütterung nach Kohlhaasen- brück heimreiten?"

Hochwürdiger Herr", sagte Kohlhaas erröthend, indem er seine Hand ergriff,nun? der Herr auch vergab allen seinen Feinden nicht. Laßt mich dem Kurfürsten, meinen beiden Herren, dein Schloßvogt und Verwalter, den Herren Hinz und Kunz, und wer mich sonst in dieser Sache gekränkt haben mag, vergeben : den Junker aber, wenn es sein kann, nöthigen, daß er mir die Rappen wieder dick füttere."

Bei diesen Worten kehrte ihm Luther mit einem miß­vergnügten Blick den Rücken zu und zog die Klingel.

Kohlhaas, während dadurch herbeigerufen ein Famulus sich mit Licht in dem Vorsaal meldete, stand betreten, indem er sich die Augen trocknete, vom Boden auf; nnd da der Famulus vergebens, weil der Riegel vor geschoben war, an der Thür wirkte, Luther aber sich wieder zu seinen Papieren niedergesetzt hatte: so machte Kohlhaas dem Mann die Thür auf. Luther, mit einem kurzen, auf den fremden Mann gerichteten Seitenblick, sagte dem Famulus:Leuchte!" worauf dieser, über den Besuch, den er erblickte, ein wenig befremdet, deu Hausschlüssel von der Wand nahm, und sich, auf die Entfernung desselben wartend, unter die halb offene Thür des Zimmers zurückbegab.

Kohlhaas sprach, indem er seinen Hut bewegt zwischen beide Hände nahm:Und so kann ich, hochwürdigster Herr, der Wohllhat, versöhnt zu werden, die ich mir von Euch erbat, nicht theilhaftig werden?"

Luther antwortete kurz:Deinem Heiland, nein! dem Landesherrn, das bleibt einem Versuch, wie ich dir versprach, vorbehalten!" und damit winkte er dem Famu­lus, das Geschäft, das er ihm aufgetragen, ohne weiteren Aufschub abzumachen.

Kohlhaas legte mit dem Ausdruck schmerzlicher Em­pfindung seine beiden Hände auf die Brust; folgte dem Mann, der ihm die Treppe hinunterleuchtete, und ver­schwand.

Am andern Morgen erließ Luther ein Sendschreiben an den Kurfürsten von Sachsen, worin er nach einem bittern Seitenblick auf die seine Person umgebenden Herren Hinz und Kunz, Kümmerer und Mundschenk von Tronka, welche die Klage, wie allgemein bekannt war, unterschlagen hatten, dem Herrn mit der Freimüthigkeit, die ihm eigen war, eröffnete, daß bei so ärgerlichen Umständen nichts anders zu thun übrig sei, als den Vorschlag des Roßhändlers anzunehmen, und ihm des Vorgefallenen wegen, zur Erneuerung seines Prozesses, Amnestie zu ertheilen. Die öffentliche Meinung, bemerkte er, sei auf eine höchst gefährliche Weise auf dieses Mannes Seite, dergestalt, daß selbst in dem dreimal von ihm eingeäscherten Wittenberg eine Stimme zu seinem Vortheil spreche; und da er sein Anerbieten, falls er damit abgewiesen werden sollte, unfehlbar unter gehässigen Bemerkungen zur Wissenschaft des Volks bringen würde, so könne dasselbe leicht in dem Grade verführt werden, daß mit der Staatsgewalt gar nichts mehr gegen ihn auszurichtcn sei. Er schloß, daß man in diesem außerordentlichen Fall über die Bedenklichkeit, mit einem Staatsbürger, der die Waffen ergriffen, in Unterhandlung zu treten, hinweggehen müsse; daß der­selbe in der That durch das Verfahren, das man gegen ihn beobachtet, auf gewisse Weise außer der Slaals- verbindung gesetzt worden sei; und kurz, daß man ihn, um aus dem Haudel zu kommen, mehr als eine fremde, in das Land gefallene Macht, wozu er sich auch, da er ein Ausländer sei, gewissermaßen qualifiziere, denn als einen Rebellen, der sich gegen den Thron auflehne, be­trachten müsse.

Der Kurfürst erhielt diesen Brief eben, als der Prinz Christieru von Meißen, Generalissimus des Reichs, Oheim des bei Mühlberg geschlagenen und an seinen Wunden noch dauiederlregenüeu Prinzen Friedrich von Meißen, der Großkanzler des Tribunals, Graf Wrede, Graf Kallheim, Präsident der Staatskanzlei, nnd die beiden Herren Hinz und Kunz von Trouka dieser Kämmerer, jener Mundschenk, die Jugendfreunde und Vertrauten des Herrn, in dem Schlosse gegenwärtig waren. Der Kämmerer, Herr Kunz, der in der Qualität