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^4.
Samstag, den 12. Januar.
1889.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Januar. Wieder sind zwei Deutsche aus Frankreich ausgewiesen worden: der Bierbrauer Fas- bender, welcher in Origny (bei Soissons) eine Brauerei gegründet, nnd der Viehändler Josef Lahne, der in Valenciennes wohnte und die Einfuhr deutscher Hammel in größtem Maßstab betrieb. Besondere Gründe sind, der „Köln. Volksztg." zufolge, nicht angegeben; aber es ist Thatsache, daß beide Ausgewiesenen, wie so viele andere Deutsche, in den Hetzblättern ihrer Gegend mehrfach als Spione bezeichnet und mit allen möglichen Anklagen verfolgt worden sind. In Paris spinnen besonders die boulangistischen Blätter, obenan die „France", diese Anklagen und Gehässigkeiten weiter. Geht man dergleichen auf den Grund, so findet sich gewöhnlich, daß geschäftliche Nebenbuhler dahinter stecken; deshalb sind auch schon mehrfach Schweizer, Belgier, Oesterreicher u. s. w. auf diese Weise verfolgt worden.
Hamburg. Der Raubmörder Dauth ist, wie sich jetzt hcrausgestellt hat, bereits verheirathet und Vater von 2 Kindern. Seine Frau ist Aufwärterin, Stewardeß, wie die Engländer sagen, auf einem Bremer Dampfer und ist in diesen Tagen in Hamburg gewesen, um ihre Scheidung zu betreiben. Sie ist eine geborene Hamburgerin und hat ausgesagt, daß Dauth früher ein guter Gatte und liebevoller Vater gegen seine Kinder gewesen sei. Erst vor zwei Jahren etwa sei er auf Abwege gerathen und habe das verdiente Geld verpraßt, statt es für seine Familie zu verwenden. Die Bekanntschaft mit jenem Mädchen aus Stuttgart, die er auf der Reise von Westindien nach Hamburg gemacht hatte, scheint ihm die Sinne völlig verwirrt zu haben.
Eppstcin. Zum Kapitel der „Zigeunerplage" wird aus Eppstcin geschrieben: Die Zigeuner sind von hier über Glashütten nach Limburg abgezogen. Die Karawane zählte 260 Köpfe und verfügte über 41 Pferde und etwa 30 Wagen. Hier hatte sie fast den ganzen Weg nach Bockenhausen belagert und war schon nach Niedern- Hausen aufgcdrochen, als auf einmal die Nachricht verbreitet wurde: „Die Zigeuner sind wieder da." In Niedernhausen hatte ein Theil der Gesellschaft in eine verschlossene Mühle einzubrechen versucht, was jedoch durch die muthige Gegenwehr der Müllersleute verhindert wurde. Nachdem die Gendarmerie aus der ganzen Nachbarschaft telegraphisch herbeigerufen war, wurden sämmtliche Wagen nach einem vermißten Kind durchsucht, wobei es an komischen Scenen nicht gefehlt h it. „Was? ein Kind sollen wir gestohlen haben? Wir stehlen keine Kinder," schrie eine braune Matrone. »Wer ist der Herr der Bande?" fragte ein Gendarm. „Herr der Bande ? Welche ^rage! Wir sind alle Herren !" fiel ein schwarzlockiger Bursche ein, dem die Fünfmarkstücke an der Uhrkette nur so klingelten, „wir haben Geld, viel Geld, mehr als Sie alle" und damit ließ er mehrere Tausendmarkscheine sehen. Trotz eifrigsten Suchens wurde das vermißte Kind nicht gefunden. Wohl befand sich ein prächtiges blondlockiges Knäbchen, Namens Heinrich, in der Gesellschaft, dem aber die „besonderen Kennzeichen" des gesuchten Kindes fehlten und das jedenfalls die Bande in den Verdacht des Kindesraubes gebracht haben mag. Die beiden Gendarmen aus der Heimath des gesuchten Knaben mußten also unverrichteter Sache wieder abziehen. Und die Bande? Nun, die bewegte sich, nachdem ihr unser Bürgermeister den weiteren Aufenthalt hier verboten hatte, in gewohntem Tempo nach Bockenhausen zu, um auch die auf dem Weg nach Limburg liegenden Orte in Angst zu versetzen. Und Angst muß man schon bekommen, wenn ein solches Volk ankommt, das trotz der vielen Tausendmarkscheine mitgehen heißt, was es an- trifft. Der männliche Theil der Gesellschaft ist bewaffnet; die Dolche tragen die „Herren" in den Stiefeln. Wenn eine Gesellschaft in der Stärke einer Ortsbevölkerung vagabundirend im Lande herumzieht zum Schrecken ruhiger Bürger, da fragt man sich wohl mit Recht: „Giebt es denn gar kein Mittel, um solches zu verhindern?" Wohl haben die „Herren" (Familicuhäupter) Gewerbescheine^ als Kesselflicker, Pferdehändler, Musikanten rc., worauf sie bei ihren Verhören gewaltig pochen, doch dürften diese Scheine kein Hinderniß sein zur Unschädlichmachung dieser Landplage.
Tages-Ereignisse.
Schlüchtcrn, 11. Januar. Die Brandsteuer beträgt für das Jahr 1889 von WO Mark Umlagekapital 18 Pf.
— Zur Lage der Industrie in Hessen-Kassel theilt man uns mit, daß auch dort die Großindustriellen, sowie die größeren Geschäfte sich in gleichbleibend günstiger Lage befinden, während die Lage der kleineren Gewerbetreibenden zumal in den Landstädten eine weniger befriedigende ist. Auf allen größeren industriellen Be- triebsstätten herrscht rege Thätigkeit, in vielen Fabriken hat die Produktion und der Absatz eine weitere Steigerung erfahren. Insbesondere hat sich ein Aufschwung bei der Verfertigung von Woll- und Baumwollen- und Gummiwaaren, von feineren silbernen und goldenen Geräthen, bei der Diamantschleiferei, der Papier- und Thonwaaren- fabrikation bemerkbar gemacht. In Hanau bildet sich die Diamantschleiferei immer mehr zu einem Haupterwerbszweig heraus; in den letzten Jahren sind daselbst mehrere derartige Betriebe neu entstanden. In Folge der fortschreitenden Besserung der allgemeinen wirth- schaftlichen Lage hat sich auch in der Montanindustrie ein Aufschwung bemerkbar gemacht, welcher dieBergbau- betreibenden berechtigt, wieder mit größerem Vertrauen der Zukunft entgegenzusehen.
— Die für Abänderung der Einrichtung der Einährig. Freiwilligen eingesetzte Commission hat folgendes leschloffen: In Zukunft soll die Reife für Prima geordert werden, ob sich der betreffende Freiwillige zum Reserveoffizier eignet oder nicht. Qualifizirt er sich, so oll er eine Schule, ähnlich der Kriegsschule behufs veiterer Ausbildung besuchen; qualifizirt er sich nicht,
Leipzig. (Zum Spaß gefoltert.) Das „Leipz. Tageblatt" erzählt von einer Wette, in Folge deren kürzlich in Leipzig eine Person unter Anwendung wirklicher Folterwerkzeuge zu einem Geständniß gezwungen wurde. Der Betreffende hatte in Freundeskreisen die Aeußerung gethan, daß der Schmerz durch moralische Willenskraft unterdrückt werden könne. Er wurde hierauf beim Wort genommen, und ihm die Frage gestellt, „ob er sich getraue, mit seiner eigenen Willenskraft für diese Behauptung aufzukommen", was er bejahte. Mit seiner Einwilligung sollten dem Willensriesen die Daumenschrauben angelegt und zugeschraubt werden, so lange, bis er das Geständniß ablegte, „daß er das Pulver nicht erfunden hätte". Ein anwesendes Mitglied des „Vereins für die Geschichte Leipzigs" stellte eine Daumenschraube aus den Sammlungen des Vereins zur Verfügung. Am nächsten Abend wurde unter den Augen zahlreicher Zuschauer der Betreffende gefoltert. Seine beiden Daumen wurden in die Daumenstöcke eingelegt und diese zusammengeschraubt. Bei der ersten Umdrehung der Schraube biß der Gefolterte die Lippen zusammen und beim zweiten Drehen schnitt er ein verzweifeltes Gesicht. Als aber die Schraube zum dritten Mal um- gedreht wurde, schrie der Gefolterte Zcter und Mordio und versprach. Alles zu gestehen, was man wolle. Die Schraube wurde hierauf ein wenig gelockert und erst nach seinem Geständniß, „das Pulver nicht erfunden zu haben", wurde er von der Marter befreit. Dies war seit 1739 wieder der erste und wohl auch für alle Zeiten der letzte Fall, daß in Leipzig auf dem Weg des Folterns ein Geständniß erpreßt worden ist.
Rnhla. In der früher K.'schen Restauration ist durch den Besitzer ein Handwerksbursche dieser Tage dabei ertappt worden, als er einen großen Wecken Butter stahl und in seiner geräumigen Rocktasche verschwinden ließ. Der Wirth packte den frechen Dieb, beförderte die beschmutzte Butter wieder zu Tage und balsamierte, kurz entschlossen, mit beiden Händen Kopf und Gesicht des Burschen im Nu derartig ein, daß Haare, Augen, Nase, Ohren und Bart alsbald in Butter erglänzten. Darauf beförderte er ihn zur Hausthür hinaus. Das höchst merkwürdige Aussehen des Burschen versammelte sofort eine Menge von jungen und alten Personen um den Burschen, und seine Bemühungen, sein edles Haupt von den fetten Flocken zu befreien, riefen die stürmischste Heiterkeit hervor, und zwar um so mehr, als er nicht einmal im Besitz eines Taschentuchs war, sondern nur Rockzipfel und Hände zur Reinigung verwenden konnte.
so soll er die Berechtigung zum Einjährigen verlieren und zwei Jahre dienen. Weiter soll ein zweijährigfreiwilliger Dienst eingerichtet werden für die jungen Leute, welche die Vorbildung der 6klassigen höheren Bürgerschule besitzen.
—t. Uerzell. Unter den Kindern hiesigen Ortes und der angrenzenden Gehöfte ist eine ansteckende Krankheit (Scharlach) ausgebrochen und verschiedene Erwachsene liegen an Typhus darnieder. Ein 19jähriger Jüngling ist der Krankheit bereits erlegen. Dem Vernehmen nach ist die Schließung der Schule angeordnet. Zu verwundern ist, daß Kinder, deren Geschwister schwer krank darnieder liegen und deshalb auf Grund der bestehenden Bestimmungen vom Schulbesuch zurückgewiesen werden, ohne Bedenken den Communionunterricht in Ulmbach besuchen können. Sollte wirklich der Herr Ortsgeistliche in Ulmbach von der Krankheit in Uerzell keine Kenntniß haben oder hat er nicht nöthig, die Anordnungen der Königlichen Regierung zu respectiren?
D. Ulmbach. Der hiesige Kriegerverein wird an Kaisers Geburtstag (27. d. M.) Fahnenweihe-Fest abhalten. Zahlreiche auswärtige Vereine sind bereits eingeladen und die Vorbereitungen zur Verherrlichung des Festes sind in vollem Gange. Die zu weihende Fahne wird von der rühmlichst bekannten Bonner Fahnenfabrik geliefert.
Bom Bogelsberg. Dieser Tage wollte ein Reisender in seiner Kutsche von Ulmbach nach Freiensteinau fahren. Wahrscheinlich waren die Hemmvorrichtungen dem gefährlichen Wannberg bei Uerzell nicht gewachsen — kurz; Wagen, Pferd und Herr lagen bald im Straßengraben. Ein Unglück ist glücklicher Weise nicht vorgekommen. Der Reisende zog es aber vor, den Krebsgang zu machen und auf einem Umweg von 2 Stunden seinem Ziel entgegen zu kutschen. — Wie verlautet, werden einige Herren demnächst Schritte thun, um die Kreisbehörde für Verlegung der Straße am Wannberg geneigt zu machen. Möchten die Bemühungen der betreffenden Commission williges Entgegenkommen der Behörde finden!
Freiensteinau. Nachstehend geben wir den Brief eines jungen Mannes, der im letzten Frühjahr ausgewandert ist. Derselbe stammt von hier und war seither in Frankfurt als Schreiner beschäftigt. Wie die meisten Arbeiter, sv gehörte auch er zu der Partei, welche die Weltverbesserung auf ihre Fahne geschrieben hat, und wußte mit schlagenden Beweisgründen die nichtsnutzigen Einrichtungen des deutschen Reiches dar- zuthun. Wie er heute denkt, mag der Inhalt des Schreibens erzählen. Mit seltener Offenheit werden die Verhältnisse geschildert, gleichheitlich lehrreich für die Unzufriedenen des sogen. Arbeiterstandes, wie für die Europamüden. Noch sei bemerkt, daß nur einige persönliche Mittheilungen ausgelassen, im Uebrigen der Inhalt wörtlich gegeben ist. Geändert ist nur die Interpunktion.
. . . Der kleine Hans spricht auch von Großpapa und Großmama; ich glaube aber nicht, daß er die Erinnerung in sich behält, jemals dort gewesen zu sein. Wir aber werden beide bemüht sein, die Liebe zu ihrem alten Vaterlande und ihren fernen Angehörigen, zu denen sie einstens wiederkehren sollen, in ihre Brust einzupflanzen. Recht angenehm hat uns berührt, daß ihr alle so schön beisammen wäret. Wann aber werden wir wieder einmal beisammen sein? Ich habe ja Hoffnung; doch die trügt auch gar oft! Wenn die Kinder einmal richtig Englisch können, werden wir wieder hinüber kommen; denn trotzdem ich mein Auskommen habe, gefällt es mir ganz und gar nicht. Im Grunde genommen muß hier der Arbeiter sein Leben vertrauern. Man steckt die ganze Woche in der dumpfen Fabrik; geht man des Sonntags aus, so ist Alles geschlossen. Will man auswärts, so muß man überall hin fahren, und das kostet mit Familie heidenmäßig viel Geld: deshalb ist man zum Zuhausebleiben verurtheilt. Wie ganz anders war es doch in Frankfurt!
Der Geschäftsgang ist hier ein sehr schlechter. Ich ;abe zwar Arbeit, aber wir arbeiten meist auf Lager; nan hofft, es solle im Herbst besser werden. Der Geschäftsgang ist so flau, daß viele Fabriken wachen-, ;a monatelang geschlossen hielten. Hätte mir Jemand über die hiesigen Verhältnisse reinen Wein eingeschenkt,