Einzelbild herunterladen
 

Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

Friedensversicherungen

und Friedensvorlagen bilden erfreulicherweise den Grund- ton der Ansprachen beiallenoffiziellenNeujahrsempfängen, über welche der Telegraph berichtet. Frankreich, von dessen tiefgekräukter Eitelkeit am ehesten der Versuch einer Friedensstörung befürchtet werden muß, ist in das Jubel"jahr seiner 1889er Revolution eingetreten, der zu Ehren eine Weltausstellung in Pari« vorbereitet worden ist. Präsident Carnot hat auf diesesWerk der Arbeit nnd des Friedens" in seiner Neujahrsan­sprache hingewiesen und unfraglich haben die Franzosen ein starkes Interesse daran, die geplante Ausstellung nicht durch die Wirren eines Krieges gestört zu sehen.

Aus diesem mehr äußerlichen Grunde allein schon kann man für das neubegonnene Jahr eine friedliche Vorhersage wagen; denn keine andere Großmacht, selbst Rußland nicht, gibt irgend einen Grund zu der Annahme, daß seine Politik die Bahnen friedlicher Entwickelung verlassen werde. Rußland, welches nächst Frankreich Kriegsbesorgnisse wachrief, steht bei allen Berechnungen erst in zweiter Linie. Griffe Frankreich an, so würde . das Zarenreich ganz gewiß im Trüben zu fischen ver­suchen, aber einen Krieg auf eigene Faust wagt es be­stimmt nicht.

Ist die Lage also eine friedliche, so darf dies doch keineswegs dazu führen, die Aufmerksamkeit jener Mächte einzuschläfern, welche sich weit mehr zumSchutz" des Friedens, als zumTrutz" eng aneinander geschlossen haben. Deutschland, Oesterreich und Italien ließen seit Jahren nicht den geringsten Zweifel darüber, daß es sich für ihre auswärtige Politik in allererster Linie um die Erhaltung des Friedens handelt und daß sie, in sich stark und durch die Allianz unter einander noch stärker, in vielen Punkten nachgeben können, ohne sich der Gefahr auszusetzen, daß man sie der Schwäche zeiht.

Bis zum Jahre 1870 waren immer an dem Nen- jahrstage die Blicke der politischen Welt nach Paris gerichtet. Gespannt horchte man, wie sich der Kaiser Napoleon beim Neujahrs-Empfaug vernehmem lassen würde. Geringfügige Wendungen seiner Rede ließen an den europäischen Börsen die Kurse steigen oder fallen, Tausende von Federn setzten sich in Bewegung, um den oft dunklen Sinn der Rede des Imperators auszulegen.

Das ist alles anders geworden; Paris hat aufgehört, der politische Schwerpunkt Europas zu sein. Dieser Schwerpunkt ist dahin verlegt worden, wohin er geo­graphisch gehört: in die Mitte Europas. Das deutsche . Volk freut sich dessen und kann stolz darauf sein, aber ' es überlebt sich nicht. Kaiser Wilhelm II. hat auch einen großen Neujahrsempfang im Berliner Schlosse abgehalten, aber er hat von einer allgemeinen Ansprache abgesehen. Die deutsche Diplomatie spricht überhaupt nicht viel, sie handelt. Was hätte der junge Kaiser auch noch sagen können, was ihm nicht schon durch weltbekannte Thatsachen vorweggenommen war? Hatten sich die Feinde des Reichs immer damit getröstet, daß das Werk Kaiser Wilhelms mit dessen Tode in sich zusammenfallen werde, so ist aller Welt durch das Er­scheinen aller deutschen Fürsten zur ersten Reichstags- erösfnung unter Kaiser Wilhelm II. und durch den be­geisterten. Empfang, den der Kaiser' in Süddeutschland fand, klar gemacht, daß die Spekulationen auf denhi­storischen" Partikularismus der Einzelstaaten vollständig verfehlt sind. Und daß der Dreibund in ungeminderter Kraft fortbesteht, hat der Empfang des jungen Kaisers in Wien und in Italien gleichfalls deutlich gezeigt. Von Pietät gegen den Gründer des Reiches und dessen Vermächtniß getreu gab der junge Kaiser zuvor der Absicht, sich mit dem Zaren gut zu stellen, durch die Reise nach Peterhof Ausdruck und die ihm früher (be­sonders von französischer Seite) untergeschobenen krieger­ischen Neigungen hat der Monarch mehrmals entrüstet abgewiesen.

Dieser laute Zusammenhang überzeugender Thatsachen gibt den friedttchen Versicherungen in allen bekannt ge­wordenen offiziellen Neujahrsansprachen eine sichere Unterlage, was hoffentlich der Industrie und dem Verkehr zu gute kommt und das neue Jahr 1889 zum Beginn einer neuen Acra gesunden wirthschaftlichen Aufschwunges werden läßt.

Tages-Ereiguisfe.

Schlüchtern, 7. Januar. Sicherem Vernehmen nach wird in hiesiger Stadt Anfangs nächster Woche die Wahl zum großen Ausschusse stattsiuden und von hiesigen Einwohnern eine Vorschlagsliste den wahlberechtigten Ortsbürgern zugetheilt werden. Wir stehen nicht an, die vorgeschlagenen Herren im städtischen Interesse bestens zu empfehlen. Zur Orientirung für die Wähler sei noch bemerkt, daß von Mitgliedern des 'tändigen und außerordentlichen (unständigen) Ausschusses )ie Wahl des Stadtraths vorgenommen wird, dessen Mitglieder aus den stimmberechtigten Ortsbürgern sowohl, als auch aus den gewählten Ausschußmitgliedern gewählt werden können.

DentscheS Reich.

Berlin. Der Kaiser hat an den Reichskanzler ein Schreiben gerichtet, worin er seine Befriedigung über die Vortrefflichkeit der Post- und Telegraphenverwaltung und namentlich auch über den Aufschwung ausspricht, welchen der Schnellverkehr durch den Fernsprecher ge­nommen hat. Der Kaiser beauftragt den Reichskanzler, dem Staatssekretär des Reichspostamts und allen Be­amten, durch deren Mitwirkung diese günstigen Resul­tate erzielt worden sind, seinen Dank auszusprechen.

Der schon telegraphisch kurz mitgetheilte Erlaß des Kaisers an den Reichskanzler vom 31. December lautet:

Lieber Fürst!

Das Jahr, welches uns so schwere Heimsuchungen und unersetzliche Verluste gebracht hat, geht zu Ende. Mit Freude und Trost zugleich erfüllt Mich der Ge­danke, daß Sie Mir treu zur Seite stehen und mit frischer Kraft in das neue Jahr eintreten. Von ganzem Herzen erflehe Ich für Sie Glück, Segen und vor Allem andauernde Gesundheit, und hoffe zu Gott, daß es Mir noch recht lange vergönnt sein möge, mit Ihnen zusammen für die Wohlfahrt und Größe unseres Vater­landes zu wirken."

Harburg, 5. Januar. Eine großartige Zollhinter­ziehung erregt hier beträchtliches Aufsehen. Ein hiesiger Grossist empfing mehrfach große Posten von Roggen- inehl, die als Reisgrand, der steuerfrei ist, auf Schuten eingeführt wurden. Der letzte Posten, welcher beschlag- nahint wurde, betrug nicht weniger als 1000 Centner. Gutem Vernehmen nach beträgt der hintergezogene Zollbetrag mit Strafe u. s. w. nicht weniger als 128,000 Mark.

Bremen, 6. Januar. Der Dampfer des Norddeutschen LloydMqin" ist im Patapsco-Kanal (Maryland) mit dem englischen DampferMontana" in Kollision ge­wesen. Der hintere Theil desMontana" ist gesunken, derMain" ist anscheinend unbeschädigt.

Suhl, 3. Januar. Vor einigen Tagen war folgendes Heirathsgesuch im hiesigen Jutelligenzblatt zu lesen: Ein junger, im besten Mannesalter stehender, ausge­wachsener junger Mann, 31 Jahre alt, geimpft, mit Orden und anderen Krankheiten nicht behaftet, sucht, da es ihm an Damenbekanntschaften mangelt, auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege ein als Hausfrau sich qualifizierendes junges Mädchen. Auf Schönheit und Vermögen wird besonders gesehen. Der Bewerber ist militärfrei, hat die Masern gehabt und war lange Zeit in der Berliner Volksküche abonniert. Offerten rc." Mehrere Damen, welche auf das Gesuch reflektierten, haben erstbescheiden" angefragt, ob denn der suchende lange Heinrich" auch schon Typhus und Scharlach gehabt habe?

Mainz, 4. Januar. Ein großer Hund sprang vor­gestern von einem Fenster des ersten Stockes einer Kaserne hinaus und gerade einem unten stehenden Offizier in den Rücken. Da der Hund einem Feldwebel gehörte, den das Thier auf dem Kasernenhofe erblickt hatte, kann man sich wohl ungefähr das Donnerwetter denken, das sofort losbrach. Eine weitere Folge war der Befehl, daß keine Hunde mehr in der Kaserne gehalten werden dürfen.

Würzbnrg, 6. Januar. Große Aufregung herrscht in der Studentenschaft in Würzburg. Der Studiosus Bannenberg, der kürzlich aus dem Bahnhofsrestaurant hinausgeworfen und schwer verletzt worden war, wurde gestern mit einer großen Kopfwunde und Stichwunden todt im Bette aufgefunden. Der Mörder ist unbekannt.

Fulda, 2. Januar. In der Sylvesternacht, Morgens zwischen 3 und '/s5 Uhr, wurden dem Prorektor des hiesigen Gymnasiums, Herrn Dr. Körber, sämmtliche Fenster seines in der Lindenstraße belegenen Hauses mittelst großer Steine eingeworfen. Dasselbe wurde in der verwichenen Nacht an den inzwischen neu ein­gesetzten Fenstern des prorektorischen Hauses und an denen des Realschul- und des Konviktsgebäudes wieder­holt. Es handelt sich wahrscheinlich um einen Racheakt von relegirten Schülern, denen die Polizei auf der Spur ist.

Fast gleichzeitig in dem Wohnhause und in der Scheune des Bürgermeisters Faulstich in Elters brach gestern Morgen Feuer aus, welches in kurzer Zeit das ganze große Gehöft des Faulstich nnd die angrenzenden Gebäulichkeiten der Wittwe Trapp in Asche legte. Von den erschienenen Feuerspritzen konnte fast gar kein Gebrauch gemacht werden, da bei der strengen Kälte das Wasser in den Schläuchen gleich gefror. Böswillige Brandstiftung bezw. ein Racheakt wird als Ursache ver­muthet.

Herr Oberbürgermeister Rang erhielt heute von unserem Landsmann, Herrn Bierbrauereibesitzer Joseph Rabe zu Stapelton, State-Jsland, N. I., zur Ver­wendung für die Hünfelder Abgebrannten den namhaften Betrag von 400 Mark mittelst Wechsels. Dieser erfreulichen Mittheilung können wir noch die weitere angenehme Nachricht anfügen, daß auch unsere hessischen Landsleute in Newyork als Reinertrag eines dortselbst veranstalteten Wohlthätigkeits-ConcerteS den Hünfelder Aogrbrannten den ansehnlichen Betrag von 4000 Mark übermittelt haben. Ehre und Dank solchen braven Landsleuten! F. Z.

Hanau, 5. Januar. Strafkammersitzung vom 3. Januar 1889. Das Schöffengericht Schwarzenfels hatte einen Holzarbeiter von der Oberzeller Ziegelhütte auf Grund des § 162 des Strafgesetzbuchs wegen Jagd­vergehen zu 35 Mk. Geldstrafe verurtheilt und die Einziehung des bei der Jagd gebrauchten Gewehres verfügt. Sowohl der Angeklagte als auch die Amts- anwaltschaft hatten Berufung gegen das Urtheil eingelegt. Der Verwerfungsbeschluß lautete dahin, daß der An­geklagte am 17. Juni mit seinem Vater, der Pächter der dortigen Gemeindejagd ist, auf die sogenannte Steigerwiese ging, dort ein angeschossenes Reh antraf und dasselbe in den fiskalischen Wald, einem Orte wo er zu jagen nicht berechtigt ist, verfolgt hat. Nach Vernehmung einer großen Anzahl von Zeugen erklärte das Berufungsgericht die Feststellungen des ersten Richters für richtig, verwarf die Berufung des Ange­klagten und gab der Berufung der Amtsanwaltschaft insofern statt, als die Strafe von 35 auf 50 M. subs. 10 Tage Gefängniß erhöht wurde. Sämmtliche Kosten fallen dem Angeklagten zur Last.

Hauau, 2. Januar. Zu Ehren des demnächst von hier scheidenden Herrn Landraths Graf Wilhelm Bis- mark wird am 19. Januar ein Festessen stattfinden, zu welchem ein Gpmitö Einladung ergehen läßt. Die Modellskizzen der concurrirenden Künstler für das Denkmal der Brüder Grimm sind nunmehr sämmtlich hier eingetroffen. Die öffentliche Ausstellung derselben im Saale der Zeichenacademie wird am nächsten Dienstag den 8. d. M. beginnen.

Marburg, 5. Januar. Vor einiger Zeit desertirte ein Unter-Lazarethgehilfe Namens Wahl vom hiesigen Jägerbataillon Nr. 11. Derselbe wurde gestern Nach­mittag von einem Oberjäger am hiesigen Bahnhof in Civilkleidung angetroffen. Von diesem wieder erkannt, versuchte sich Wahl seiner Verhaftung dadurch zu ent­ziehen, daß er nach den Abortanlagen flüchtete und sich hier erhängte. Derselbe konnte jedoch noch recht­zeitig losgeschnitten werden, worauf seine Ueberführung nach der Caserne erfolgte. (O. Z.)

Mengsberg, 1. Januar. Im Nachbardorfe Iosbach betrieb die Wittwe T. eine ziemlich große Specerei- Handlung und hatte sich einen 18jährigen Commis, der im Waisenhaus zu Cassel erzogen war, enzagirt. Derselbe war sehr gut ungeschrieben bei der Geschäfts­inhaberin; allein am dritten Feiertag ist besagtes Bürschlein mit 90 M. Cassenbestand entlaufen. Dem Vernehmen nach ist derselbe am 29 v. M. in der Nähe von Hom- berg verhaftet, nachdem er einen nicht unbedeutenden Betrag der gestohlenen Summe schon vergeudet hatte.