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SchlüchternerAitung

Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

Jf 2. Samstag, den 5. Januar. 1889.

Ueber die Nachtheile eines offenen Mundes.

Von Dr. Vlersch, Mannheim.

In vielen Reisebeschreibungen ist es zu lesen und von allen Erforschern fremder Distrikte blieb es nicht unbeachtet, daß die meisten Naturvölker ihren Kindern mit eben so weisen wie instinktivem Vorbedacht ange- wöhnen, den nicht beschäftigten Mund stets geschlossen zu halten. So wichtig und vortheilhaft ein geschlossener Mund nun zweifellos ist, so wenig bleibt es aufmerk­samen Beobachtern verborgen, daß mit dem civilisatori- schen Fortschreiten einer Nation die Würdigung des Werthes derartiger überlieferter Aeußerlichkeiten zum unbedingten Nachtheil der Generation mehr und mehr abnimmt. Es ist in der That bedauerlich, daß selbst ungemein viele junge und ältere Angehörige der ge­bildeten Stände die Wichtigkeit des geschlossenen Mundes im Momente der Ruhe sowohl in psychischer wie ethischer Hinsicht so wenig zu schätzen wissen. Oft sicherlich nur aus purer Gleichgültigkeit lassen sie die Unterlippe hängen, sitzen mit offenem Munde da und wissen nicht, welcher Grad von Stumpfsinn dadurch der Physiognomie aufgeprägt wird. Ganz abgesehen jedoch davon, hängt die geistige und körperliche Entwickelung eines Indivi­duums so sehr von dem geschlossenen und offenen Munde ab, daß es im allgemeinen Interesse wohl der Mühe lohnt, dieses Thema einer näheren Betrachtung zu unter­ziehen, denn es steht unleugbar fest, daß der offene Mund viele Nachtheile zur Folge hat. Allem voran wird bei der Inspiration des offenmündigen Individuums die Luft, wie sie ist, direkt in die Lungen geleitet. Aeußerst schädliche Folgen entspringen schon hieraus für die Athmungsorgane, da die kalte und staubige Luft einen unbedingt nachtheiligen Einfluß auf den Rachen und die Schleimhäute desAlhmungsweges ausübt. Bei ge­schlossenem Munde hingegen muß die Inspiration durch die Nase erfolgen; zu diesem Zwecke, und gewiß nicht lediglich als Zierde, hat die Natur dem Menschen die Nase ins Gesicht gepflanzt. Bei der Athmung durch die Nase hat die Luft zunächst einen größeren Weg zurückzulegen, so daß sie beinahe bis auf die Blut- temperatur erwärmt, gewissermaßen vorbereilet, in die Lungen gelangt!' Außerdem wird die unreine Luft beim Passiren der Nasengänge so zu sagen filtrirt, indem der Staub und der Schmutz derselben in der Nase stecken bleiben. Vollkommen ungenügend ist die Inspiration bei offenem Munde aber auch deshalb, weil die Lungen dabei nicht gehörig gefüllt werden. Dadurch bleiben diese sowohl wie die Brust beträchtlich in ihrer Ent­wickelung zurück. Weil ferner das Blut in diesem Falle nicht genügend oxidirt, d. h. mit Sauerstoff ge­mengt. wird, erhalten die Kinder mit offenem Mund meist ein blasses, kränkliches Ansehen. Die hockige Haltung vieler Kinder ist gewöhnlich ebenfalls nur aus einen offenen Mund zurückzuführen; denn würden diese Kinder den Mund schließen und durch die Nase athmen, so wären sie nothgcdrungen zu einer aufrechten Haltung gezwungen. Bei Nasenrespiration drückt sich die Brust weil die Lungen sich vollständig füllen nach vorn und die Schultern müssen nach hinten. Das Schnarchen ist oft wohl auch nur die Folge eines offenen Mundes. Würde der betreffende im wachen Zustande den Mund stets geschlossen halten, so wäre der Mund naturgemäß auch beim Schlafen zu, und das Schnarchen, das schreck­lichste der Schrecken, würde vermieden werden. Leute, die während des Schlafes deu Mund auflassen und schnarchen, klagen gewöhnlich beim Erwachen über einen trockenen Mund. Das verhält sich auch so: die Luft trocknet die Mundschleimhäute gänzlich aus, ebenso auch die Stimmbänder, welche dadurch ihre Elastizität und Spannkraft verlieren. Werden nun diese durch gewalt- mäßiges Athmen (bei verstopfter Nase) in Schwingungen versetzt, so tönen sie natürlich in des Basses gewaltigster Tiefe; ein Klang, dem Sägen von Eichenholzknorren nicht so unähnlich. Soldaten nehmen auf großen Märschen an heißen Tagen Tabak (Zigarreustumpen), Blätter rc. in den Mund, dem angenehmen Gefühl eines trockenen Mundes zu entgehen. Solche Mittel nutzen jedoch momentan, verschlimmern aber nachher die Sache. Das Beste ist auch hier: den Mund fest geschlossen halten! Die beiden inneren Ohren sind durch die Eustachischen Tuben mit dem Munde verbunden. Wird der Mund offen Atlassen, so gehen Schallwellen verloren, anstatt die Schallwellen anschlagen und dem Hirn übermittelt

, werden, um dort ein schnelles und klares Bild zu erzeugen. Für einen Artilleristen indessen ist es rathsam, beim Abfeuern der Geschütze den Mund zu öffnen, da kann er Schallwellen entbehren, aber wenn man mit Andern spricht, oder sonst etwas hört (Musik, Vortrag rc), so darf keine Schallwelle verloren gehen, um genau zu hören und zu verstehen, damit das Gehörte so rasch als möglich im Gehirn registrirt wird. Man wird deshalb finden, daß Kinder mit offenem Munde gewöhn­lich nicht gut und fließend sprechen, weil sie nicht ge­nügend hören und es zu lange währt, bis sie begreifen. Ueberrascht man diese Kinder mit einer Frage, so werden sie gewöhnlich stutzig und finden selten die richtige, schneidige Antwort. Ein junger Mann klagte mir einst, daß er die Zither nicht stimmen könne, obschon er leiden­schaftlicher Zitherspieler wäre. Da er zu den Mund­aufstreckern gehörte, besam er den wohlgemeinten Rath, den Mund fest geschlossen zu halten und nach sechs Wochen konnte er die Zither stimmen, worüber er sehr erfreut war. Bei geschlossenem Munde konnte er die feinen Nüanzirungen unterscheiden und dem Gehirn einprägen. Wäre ich Pädagoge, so würde ich meinen Schülern in der ersten Stunde den Werth und die Wichtigkeit des geschlossenen Mundes beibringen. Würden sie die beherzigen, so wäre ich wohl sicher, daß ein jeder das durchzunehmeude Pensum sich gut aneignen würde. Ist es dann bei dem einem oder dem andern trotz geschlossenen Mundes nicht der Fall, so wären es wirkliche Dummköpfe, was ja immerhin, aber Gott sei Dank, selten vorkommt. Kinder mit offenem Mund werden aber oft als Dummköpfe angesehen, da der Gesichtsausdruck bei offenem Mund wie gesagt sehr leidet. Die meisten Muskeln, die dem Gesicht den Ausdruck verleihen, sind an der obern Lippe befestigt und können sich nur bewegen, wenn die obere Lippe auf der unteren aufliegt, das heißt, wenn der Mnnd geschlossen ist. Bei offenem Munde bleiben daher diese Gesichtsmuskeln unthätig und hängen einfach herunter, wodurch eiu nichtssagendes, kein Vertrauen erweckendes, energie- und charakterloses Gesicht hcrgcstellt wird. Das schönste Gesicht verliert bei offenem Munde (Lachen ausgeschlossen) an Reiz. Der Mund gehört deshalb zu. Er darf nur zu einem Zwecke, wie Essen, Sprechen, Singen rc. geöffnet werden, sonst bleibt er verschlossen. Ist man daran gewöhnt, so kann man es ja gar nicht anders, denn die Natur verlangt, daß man den Mund geschlossen halte und durch die Nase athme. Erwachsene Leute mit offenem Munde werden sich diese Unsitte durch etwas Energie und guten Willen bald ab gewöhnt haben. Bei Kindern wird es schon schwerer halten. Sie werden gewöhnlich entgegnen:ich habe den Schnupfen und kann nicht," anstatt etwas Willenskraft zu entfalten und zu probiren. Ist die Nase wirklich verstopft, so leistet das Hinaufziehen von Salzwasser (1 ^3 Kaffeelöffel voll Kochsalz auf ein Glas schwach lauwarmen Wassers) durch die Nase gute Dienste. Sollte das Kind bei aller Energie nicht durch die Nase zu athmen vermögen, so müßte ein praktischer Arzt oder Spezialist für Nasen- Hals- und Ohrenkrankheiten zu Rathe gezogen werden, durch dessen Hülfe dann etwaigen Hemmnissen leicht und bald abgeholfen sein dürfte,

Deutsches Reich.

Berlin, 29. Decbr. Gestern begrub man die reiche Bäckersfrau D., die wegen ihrer Gutherzigkeit in der ganzen Gegend bekannt war. Sie war glücklich; ihr Sohn hatte sich mit Conditors Töchterlein verlobt und sollte das glänzende Bäckergeschäft übernehmen. Vater und Mutter hatten sich eine Villa gebaut, auf der sie sich zum Frühjahr zur Ruhe zu setzen gedachten. Die Vollendung des Baues wurde am ersten Weihnachtstage fröhlich gefeiert. Man war munter und guter Dinge und Mutter eine der lustigsten; sie wagte sogar trotz ihrer Körperfülle noch ein Tänzchen. Da fiel sie plötz­lich, von einem Herzschlag getroffen, unter dem Weih­nachtsbaum um und war eine Leiche. Dieselbe Gesell­schaft, welche mit ihr fröhlich unter dem Christbaum versammelt war, geleitete sie gestern zur letzten Ruhe­stätte.

(E i n Original.) In vergangener Woche starb hierselbst eine reiche alte Dame von 86 Jahren, die Mutter eines sehr geachteten hiesigen Beamten, die mit vollem Recht zu den Originalen Berlins gezählt

werden durfte. Die unentwegte treue alte Anhängerin derguten alten Zeit" hatte sich weiland mit der Er­findung der Eisenbahnen nicht befreunden können und war in ihrer Verwerfung dieses neumodischen Beförde­rungsmittels so consequent geblieben, daß sie es der ganzen sich vollziehenden Weltveränderung zum Trotz ihr ganzes Leben hindurch vermieden, eine Eisenbahn zu benutzen. Eine Tochter der alten Dame lebt ver- heirathet in Aachen, und die Mama hatte seit langen Jahren die Gewohnheit, ihre Tochter im Sommer auf einige Wochen zu besuchen. Die Hin- und Rückreise nun wurde niemals per Eisenbahn, sondern regelmäßig per Kutsche gemacht. Jedes Jahr im Juni rollte der alte, stets sorgsam in Stand gehaltene Reisewagen des Hauses, hoch bepackt mit Kisten und Kasten, nur sichere und breite Landstraßen wählend, der fernen Stadt Aachen zu. Mit größter Regelmäßigkeit übernachtete die stets von demselben Diener und demselben Kutscher begleitete alte Dame unterwegs in denselben Gasthäusern. Das alte Mütterchen hat die beschwerliche Fahrt, Hin- und Rückreisen gerechnet, 51 Mal gemacht.

Tages-Ereigniffe.

Schlüchtern. Heute wurden wir durch einen Neujahrs­gruß aus Köln überrascht. Derselbe kam von der -be­kannten Stollwerkschen Chokoladenfabrik und bestand in einem hübsch ausgestatteten Notiz-Kalender für 1889 mit den Bildnissen aller regierenden deutschen Fürsten, sowie der Reichsminister. Dieser Neujahrsgruß zeigt so recht die patriotische Gesinnung der bekannten Firma und hoffentlich findet diese Gesinnung beim großen Publikum, welches sich noch immer nicht ganz von aus­ländischen Chokoladen und Cacao-Fabrikanten in dem Glauben trennen kann, daß solche besser seien, während sie in Wirklichkeit von der deutschen Chokoladen-Jndustrie in Bezug auf Güte und Preis weit übertroffen werden, die entsprechende Würdigung. Möge die deutsche Industrie bei dem Publikum die Unterstützung finden, die ihr thatsächlich zukommt.

Ernannt: der bisherige Pfarrgehülfe in Marjoß, past. extr. Carl Ehringhaus, zum Ver­weser der Pfarrei Mottgers.

Lehrer Klas sert von Silges ist vom 1. Januar 1889 nach Sannerz versetzt.

Frische Fische, gute Fische! Anf diese, uämlich Seefische, dürfen wir im nächsten Jahr rechnen, wenn der Plan großer Hamburger und anderer Geschäftsleute zu Stand kommt, zur energischen Ausbeutung der Hoch­seefischerei ein Kapital von 5 Millionen Mark aufzu- bringen und dafür große Eiswerke in Cuxhaven zu errichten. Wenn die Seefische, kühl verpackt und rasch versendet, in Massen ins Reich gebracht werden, dann ist eine schmackhafte, gesunde Volksnahrung gefunden, viel billiger als die Fische unserer Flüsse und Ströme, die deshalb als Nahrung den Massen unzugänglich bleiben.

Fulda, 30. December. Der Stadtbehörde Fuldas ist es nun nach fast drei Jahre lang gebrachten bedeu­tenden Opfern für Versuche und Proben vorgeschlagener Projekte gelungen, ein Ouellengebiet zum Ansatz ihrer Wasserversorgung zu entdecken. Sie mußte allerdings weit gehen, in die Gegend zwischen Schwalnau und Lütters an der Eisenbahn Fulda-Gersfeld, an den Fuß der großen Wasserkuppe. Die entsandte Wasser-Kommis­sion fand dort aber so mächtiges, reines und klares Bergwasserlager, daß der stärkste Arm davon wie die Messungen konstatiren täglich eine Wassermenge von ca. 4500 Kubikmetern liefen, das ist viermal so viel, als zur Zeit für Fulda erforderlich ist.

Langenselbold, 1. Janr. Der Kl. Presse wird be­richtet: Heute Nacht gerieten der auf der Obermühle wohnende Grün, sowie Uhrmacher Hartmann in der Gastwirthschaftzum Löwen" in Folge einer Wette in Streit, der mit einer Forderung auf P i stolen endete. Dieses Duell fand denn auch thatsächlich in Dem betreffenden Wirthsgärtchen kurz darauf statt. Die Anwesenden, welche die Forderung nicht für ernst hielten, wurden plötzlich durch Schüsse aufgeschreckt, liefen nach dem Gärtchen und fanden Hartmann am Boden liegend; derselbe hatte von seinem Gegner einen Schuß durch die Wange erhalten, der nicht ungefährlich sein soll.

Casscl, 2. Januar. Eine Kindesaussetzung hat sich am Montag Abend hier abgespielt. Gegen 7 Uhr