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Karl Schurz über das neue Deutschland.
Als junger, freiheitsglühender Mann gehörte er zu den Vielen, die in den Zeiten der größten Reaction in Deutschland, nachdem er den Dichter Kinkel aus dem Zuchthaus in Spandau befreit hatte, ihrer Heimath und ihrem Vaterland mißmuthig den Rücken kehrten und nach dem republikanischen Nordamerika auswanderten. Er zeichnete sich dort bald durch die Gabe der Rede, als Politiker und, Staatsmann aus und gewann hohes Ansehen, wie selten ein Ausländer. Im eben vergangenen Jahr hat er eine Reise nach Deutschland unternommen und fast ein Vierteljahr in demselben, mit kundigem Auge prüfend, mit Bismarck und den hervorragendsten Männern seines Vaterlandes und mit allen Schichten des Volkes verkehrend, gelebt und bei seiner Heimkehr in New-Iork eine große Rede über das gehalten, waS er gesehen und welche Eindrücke er erhalten hat. —
Er schilderte die Gefühle, mit denen er den deutschen Boden betreten, die landschaftlich-herrlichen Bilder wieder betrachtet habe, die einst die jugendliche Phantasie erregten, und sagte: „Das alte Deutschland ist doch ein wunderschönes Land." (Großer, lang anhaltender Beifall.) Auf die politischen Zustände Deutschlands wolle er nicht eingehen. Der Deutsche im Ausland nehme ja nur Antheil an den großen Zügen derselben, ihm persönlich sei dabei manches seltsam vorgekommen. Die Bewegung Der Staatsemrichtungen in freiheitlicher Richtung gehe nur zögernd voran, doch keineswegs entgegen dem Verlangen oder den Wünschen einer Mehrheit des Volkes. Die nationale Idee überschatte Alles. Der deutsche Michel habe mit einem plötzlichen Ruck die alte Zipfelmütze abgeworfen und stehe nun auf einmal als ein Mann da, welcher den Boden Europas zittern mache, wenn er mit dem Fuß aus die Erde stampft. (Tobender Beifall.) Wer das mit an- sehe, könne sich nicht verwundern, daß die Erhaltung und Befestigung des Gewonnenen dort über Alles gehe, daß der große deutsche Staatsmann, der „eiserne Kanzler", vom Volk fast „fanatisch" verehrt werde. In der That sei dieser der mächtigste Minister geworden, den die Welt seit Jahrhunderten gesehen habe, mächtig nicht nur in der Gunst seines Monarchen, sondern über baS Herz und den Geist von Millionen, eine Autorität ausübend nicht nur über den Willen, sondern auch üoer die Gedanken des Volkes, so durchschlagend, so absolut, wie sie selten ein Sterblicher besessen hat. Der Redner schilderte den mächtigen Eindruck, den die Eröffnung des Reichstags mit der Anwesenheit aller deutschen Fürsten auf ihn gemacht habe. Er verweilte dann mit besonderer Vorliebe bei der großartigen Huldigung, die dem jungen Kaiser in Hamburg bei Gelegenheit des Zollanschlusses zu Theil geworden sei, in Hamburg, wo doch unabhängiger Bürgerstolz herrsche! Da hätte er am deutlichsten gesehen, wie feste Wurzeln die Einheit und Größe der Nation im Herzen des Volkes geschlagen, als er den unbeschreiblichen Jubel betrachtet habe, mit dem Hamburgs Hunderttausende die jugendliche Verkörperung des Stolzes der Nation begrüßt hätten. Aber auch die Physiognomie des Landes in ökonomischer Beziehung sei durchaus verändert. Das Wachsthum der Städte an Bevölkerung, Ausdehnung und Pracht könne den Vergleich mit den amerikanischen sehr wohl aushalten. Berlin sei das finanzielle Zentrum des europäischen Festlandes geworden. Die Entfaltung der Industrie werde sich bei Fortdauer des Friedens den größten Theil deS Weltmarktes er- obern. Der Handel strecke seine Arme über alle Meere aus. Es gebeg freilich auch Armut genug, aber der allgemeine Wohlstand habe sich bedeutend gehoben. Das angebliche Verschwinden des Mittelstandes sei eine Fabel. Es herrsche in allen Kreisen ein Kraftgefühl, eine Schaffenslust, eine Energie, die Deutschland weitaus an die Spitze der kontinentalen Nationen Europas stellen werde. Jedermann, vom Kaiser bis zum ärmsten Bauer, wolle den Frieden. (Lauter Beifall.) Der Redner schloß mit dem Wunsch, daß der Friede Deutschland erhalten bleiben möge. „Möge sich in dem fest aufgebauten neuen HauS ein freies, dem Charakter und Kulturgrad des deutschen Volkes entsprechendes Staatsleben entwickeln, nicht nach theoretischer Schablone oder fremdem Muster, sondern herauswachsend aus der Denkweise, den Sitten, den geschäftlichen Voraussetzungen,'
den Bedürfnissen der deutschen Nation. (Brausender Beifall.) Denn nur so entstandene Staatsei n r i ch t u n g e n h a b e n f e st e D a u e r u n d s e g e n s- rei ch e W ir'kungen."
So lautete die Rede eines Mannes, der wie wenige andere zu einem unbefangenen Urtheil befähigt ist.
1889.
Ueujahrsgrutz an Soden!
Wie vielfach sind die unsere Herzen erfüllenden berechtigten Wünsche bei einem solch' neuen Zeitabschnitt; alle aber sind hervorgegangen aus dem uns angeborenen Streben nach Verbesserung unsererLage. Hierzu aber wiederum sind vor Allem nöthig: reiflich erwogene Thaten. Möchten nachfolgende Träume Anlaß zu solchen Thaten geben:
1. Den Ruf unseres Ortes gründen auf: „Landaufenthalt mit Bädern", „vorzügliche Soolquellen", da unter den obwaltenden Verhältnissen ein Wetteifer mit den vielen schon lange gehobenen Badeorten vorläufig aussichtslos erscheint.
2. Zur Herstellung eines lieblichen und anziehenden Landaufenthaltes haben wir bei gutem Willen und richtiger Einsicht die Mittel durch:
a. Anpflanzung von größeren geeigneten Bäumen an den in die nahen Waldungen führenden Wegen;
b. peinlichste Reinhaltung unserer Straßen und sauber gehaltene Außenseite der Häuser;
c. Herrichtung einfacher aber aufs Beste gehaltener Zimmer mit guten Betten.
3. Da unser Ort auch jetzt schon von zahlreichen Fremden aus größeren Entfernungen aufgesucht wird, so wäre den fortgesetzten unangenehmen Verwechselungen am einfachsten abzuhelfen durch die Bezeichnung; „Soden-Salmünster", auch wäre es nöthig, daß unser Ort leicht im großen Kursbuch aufzufinden wäre.
Möchten diese Träume zu Erörterungen führen und die Erörterungen zu Thaten; dies würde uns und dem ganzen schönen Kinzigthale wohl nur zum Vortheil gereichen können.
Mit diesem aufrichtigen Wunsche ein treuer Mitbürger.
Frdr. Aug. v. Reichenau.
Deutsches Reich.
Berlin. Ein verbummeltes Genie war es zweifellos, welches dieser Tage vor eine Abtheilung des Berliner Schöffengerichts geladen war, um sich wegen Bettelns zu vertheidigen. Der mit martialischem Schnurrbart ausgestattete Angeklagte begab sich mit komischer Würde auf die Anklagebank, indem er mit einer Stimme, welche die Fenster erzittern machte, den Schöffen zuricf: Pax intrantibus. (Friede den Eintreteuden.) — Präs.: Sie sind derSchlossergeselle Strelitzer? —Angekl.: Techniker bin ich von Beruf, die Schlosserei dient mir nur als milchende Kuh. — Präs.: Sie sind aber in den Akten immer nur als Schlossergeselle bezeichnet.— Angekl.: Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen! — Präs.: Um so schlimmer, wenn Sie als Techniker, als gebildeter Mann, so weit herabgekommen sind, um Betteln zu gehen. — Angekl.: Es giebt im Menschenleben Augenblicke, wo man dem Weltgeist näher ist als sonst. Präs.: Sie scheinen auf das Erlernen von Zitaten so viel Zeit zu verwenden, daß sie darüber gar nicht zum Arbeiten kommen. — Angekl.: Ich fühle mit Schmerz und mag nicht klagen, längst bin ich auch der Klage satt. — Präs.: Sie sind doch wirklich ein Mensch, der mit gesunden Gliedmaßen ausgerüstet ist und wahrhaftig in ehrlicher Arbeit sich sein Brot verdienen könnte. — Angekl.: Ja wohl, Herr Präsident! Ich weiß es, wie in thatenlosen Tagen im eig'nen Glüh'n die Seele sich verzehrt! — Präs.: Nun also, dann wundert es mich um so mehr, daß Sie schon sechsmal wegen Bettelns bestraft werden mußten und schon ein ganzes Jahr im Arbeitshaus zugebracht haben! — Angekl.: Hätte Gott mich anders gewollt, so hätte er mich anders gebaut. — Präs.: Sie scheinen doch den sittlichen Halt einigermaßen verloren zu haben. — Angekl.: Ich hab' mich nie begnügt an leerer Schaale, der Kern nur wars, auf den ich rastlos sann. — Präs.: Geben Sie denn
zu, gebettelt zu haben? — Angekl.: Was nutzt daS Streiten, nutzt das Klagen? Wahr ists — doch meiner Augen unheilvolle Schwäche ist einzig Schuld daran. — Präs.: Haben Sie denn jetzt den Weg des Müßigganges verlassen? — Angekl.: Herr Präsident! Arbeit ist des Bürgers Zierde, und so arbeite ich denn auch gar fleißig beim Maurermeister Feibike in Moadit. — Präs.: Ist das auch wahr? — Angekl.: Auf Ehre! Dies Werkzeug hier in meiner Hand ist mir doch wohl Geleits genug! — Präs.: Na, es scheint ja wirklich, als wenn Sie einen anderen Weg betreten hätten. — Angekl.: Ja, Männer brauchen sich nur in die Augen zu schauen, um sich sofort zu verstehen. — Präs.: Der erste Schritt zur Besserung wird aber wohl darin zu bestehen haben, daß Sie Ihren großen Mund ablegen. Im Uebrigen will der Gerichtshof diesmal, auf Ihre guten Vorsätze vertrauend, davon abgesehen, Sie ins Arbeitshaus zu schicken, und Sie nur zu drei Tagen Haft verurtheilen. — Angekl.: Sie konnten nur nach leichtem Werth mich messen, in diesen Busen konnten Sie nicht sehen! — Präs.: Wollen sie sich bei dem Erkenntniß beruhigen? — Angekl.: Gratiam meam! — Präs.: Wenn Sie durchaus lateinisch schwatzen wollen, dann sagen Sie wenigsten gratias meas! Sie sind also mit dem Urtheil zufrieden? — Angekl.: Meinen untertänigsten Dank! Mein Auge lernt nun wieder lächeln, die düstere Stirn ist aufgehellt. — Präs.: Nun gehen Sie nach Hause und befleißigen Sie sich eines anständigen Lebenswandels! — Angekl.: Dem späten Herbsttag gleicht mein Leben, dem Herbsttag ohne Sonnenschein l — Mit diesem Stoßseufzer verließ der Angeklagte den Gcrichtssaal — ebenso stolz, wie er gekommen war.
—Die Spinnstuben auf demLande waren in der letzten Sitzung (am 8. Dez.) der Synode des Konsistorialbe- zirks Wiesbaden der Gegenstand eines energischen Antrages, der nichts Geringeres bezweckt, als eine Aenderung des Art 29 der preußischen VerfassuugSurkunde. Dieser Antrag, gestellt von der Kreissynode Ufingen (Referent Dekan Deißmann in Grävenwiesbach), lautet: ,Jn Erwägung, daß nach Entscheidung deS Strafsenats des kgl. Kammergerichts der Artikel 29 der preußischen Verfassungsurkunde eine Einschränkung und Bekämpfung des für das Volksleben so verderblichen Spinnstuben- Unwesens unmöglich macht, wolle die Bezirkssynode beschließen, bei den zuständigen Behörden eine Aenderung des qu. Artikels zu bewirken in der Weise, daß zwischen die Worte «Alle Preußen" das Wort „volljährigen" eingeschoben werde." —Von Landgerichtsrath, Landtags- Abgeordneter Wißmann-Wiesbaden war dagegen folgender Antrag eingereicht worden: „In Erwägung: 1. daß die Spinnstuben an und für sich als bäuerliche Kasinos, welche zu geselligem Verkehre der Dorfbewohner, verbunden mit vereinigter Arbeit, an den Winterabenden dienen, nicht verwerflich sind und nur zur Verhütung von Ausschreitungen und Mißbräuchen eine Regelung und geeignete Ueverwachung erfordern, 2. daß solche Regelung und Ueberwachung durch statutarische Bestimmungen und Veranlassung des Erlasses geeigneter polizeilicher Verordnungen herbeizuführen die Kirchenvorstände in der Lage sind, ohne daß hierzu eine Aenderung des Art. 29 der Verfassungsurkunde nothwendig wäre, wolle die Bezirkssynode beschließen, über den Antrag der Kreissynode Ufingen zur Tagesordnung Überzugehen." Der Antrag Wißmann wurde angenommen.
Offenbach. Es wird den Hauseigenthümern kein größerer Aerger bereitet, als wenn von bösen Buben die frisch angestrichenen und hergerichteten Häuser beschmutzt, verunreinigt oder beschädigt werden. Trotzdem schon wiederholt in den Schulen desfallsige Verbote bekannt gemacht wurden, können es einzelne Buben doch nicht unterlassen, gegen das Verbot zu sündigen, was auch gestern wieder der Fall war. Ein noch schulpflichtiger Junge ließ sich nämlich beikommen, ein ganz neu her- gerichtetes Haus in der Herrnstraße mit einer Holzkohle zu beschmieren; glücklicherweise wurde er dabei ertappt und nach der Polizei gebracht. Da Strafantrag gestellt ist, so wird der Junge Seitens des Schöffengerichts wegen Sachbeschädigung Strafe zu erwarten haben, während die Eltern die Kosten der Wiederherstellung des Hauses bezahlen müssen.
Burgsinn, 26. Decbr. Die in weiteren Kreisen bekannte Viehandelsfirma Feist und Wolf Heidelberger und Juda