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Aeitage zu Mr. 99 der Schüchterner Zeitung.

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Michael Kohlhaas.

Eine Erzählung v»n Heinrich von Kleist.

rechtigkeit für sich aufzufordern, und hatte die Freude, zu sehen, daß sie ihn in diesem Vorsatz aus voller Seele bestärkte. Denn sie sagte, daß noch mancher andre Reisende, vielleicht minder duldsam als er, über jene Burg ziehen würde; daß es ein Werk Gottes wäre, Unordnungen, gleich diesen, Einhalt zu thun; und daß sie die Kosten, die ihm die Führung des Prozesses ver­ursachen würde, schon beitreiben wolle. Kohlhaas nannte sie sein wackeres Weib, erfreute sich diesen und den folgenden Tag in ihrer und seiner Kinder Mitte, und brach, sobald es feine Geschäfte irgend zuließen, nach Dresden auf, um seine Klage vor Gericht zu bringen.

Hier verfaßte er mit Hilfe eines Rechtsgelehrten, den er kannte, eine Beschwerde, in welcher' er nach einer umständlichen Schilderung des Frevels, den der Junker Wenzel von Tronka an ihm sowohl als an seinem Knecht Herse verübt hatte, auf gesetzmäßige Bestrafung desselben, Wiederherstellung der Pferde in den vorigen Stand, und auf Ersatz des Schadens antrug, den er sowohl als sein Knecht dadurch erlitten hatten. Die Rechtssache war in der That klar. Der Umstand, daß die Pferde gesetzwidrigerweise festgchalten worden waren, warf ein entscheidendes Licht auf alles übrige; und selbst wenn man hätte annchmen wollen, daß die Pferde durch einen bloßen Zufall erkrankt wären, so würde die Forderung des Roßkamms, sie ihm gesund wieder zuzu- stellen, noch gerecht gewesen sein. Es fehlte Kohlhaas auch, während er sich in der Residenz umsah, keineswegs an Freunden, die seine Sache lebhaft zu unterstützen versprachen; der auSgebreitete Handel, den er mit Pferden trieb, hatte ihm die Bekanntschaft, und die Redlichkeit, mit welcher er dabei zu Werke ging, ihm das Wohlwollen der bedeutendsten Männer des Landes verschafft. Er speiste bei seinem Advokaten, der selbst ein ansehnlicher Mann war, mehrere Male heiter zu Tisch, legte eine Summe Geldes zur Bestreitung der Prozeßkosten bei ihm nieder, und kehrte nach Verlauf einiger Wochen, völlig von demselben über den Aus­gang seiner Rechtssache beruhigt, zu Lisbeth, seinem Weibe, nach Kohlhaasenbrück zurück. Gleichwohl ver­gingen Monate, und das Jahr war daran abzuschließen, bevor er von Sachsen aus auch nur eine Erklärung über die Klage, die er daselbst anhängig gemacht hatte, geschweige denn die Resolution selbst erhielt. Er fragte, nachdem er mehrere Male von neuem bei dem Tribunal eingekommen war, seinen Rechtsgehilfen in einem ver­trauten Briefe, ^was eine so übergroße Verzögerung verursache; und erfuhr, daß die Klage auf eine höhere Insinuation bei dem Dresdener Gerichtshöfe gänzlich niedergeschlagen worden sei. Auf die befremdete Nück- schrift des Roßkamms, worin dies seinen Grund habe, meldete ihm jener: daß der Junker Wenzel von Tronka mit zwei Jungherren, Hinz und Kunz von Tronka, ver­wandt sei, deren einer bei der Person des Herrn Mund­schenk, der andre gar Kämmerer sei. Er rieth ihm noch, er möchte ohne weitere Bemühungen bei der Rechts­instanz seiner auf der Tronkenburg befindlichen Pferde wieder habhaft zu werden suchen; gab ihm zu verstehen, daß der Junker, der*sich jetzt in der Hauptstadt auf- halte, seine Leute angewiesen zu haben scheine, sie ihm auszuliefern; und schloß mit dem Gesuch, ihn wenig­stens, falls er sich hiermit nicht beruhigen wolle, mit fernern Aufträgen in dieser Sache zu verschonen.

Kohlhaas befand sich um diese Zeit gerade in Branden­burg, wo der Stadthauptmann Heinrich von Geusau, unter dessen Regierungsbezirk Kohlhaasenbrück gehörte, eben beschäftigt war, aus einem beträchtlichen Fonds, der der Stadt zugefallen war, mehrere wohlthätige An­stalten für Kranke und Arme einzurichten. Besonders war er bemüht, einen mineralischen Quell, der auf einem Dorf in der Gegend sprang, und von dessen Heilkräften man sich mehr, als die Zukunft nachher be­währte, versprach, für den Gebrauch der Bresthaften einzurichten; und da Kohlhaas ihm wegen manchen Verkehrs, in dem er zur Zeit seines Aufenthalts am Hofe mit demselben gestanden hatte, bekannt war, so erlaubte er Hersen, dem Großknecht, dem ein Schmerz beim Atheinholen über der Brust seit jenem schlimmen Tage auf der Tronkenburg zurückgeblieben war, die Wirkung der kleinen mit Dach und Einfassung versehenen Heilquelle zu versuchen. Es traf sich, daß der Stadt- Hauptmann eben am Rande des Kessels, in welchem Kohlhaas den Herse gelegt hatte, gegenwärtig war, um einige Anordnungen zu treffen, als jener durch einen Boten, den ihm seine Frau nachschickte, den nieder- schlagenden Brief seines Rechtsgehilfen aus Dresden empfing. Der Stadthauptmann, der, während er mit dem Arzt sprach, bemerkte, daß Kohlhaas eine Thräne auf den Brief, den er bekommen und eröffnet hatte, fallen ließ, näherte sich ihm auf eine freundliche und herzliche Weise, und fragte ihn, was für ein Unfall ihn betroffen: und da der Roßhändler ihm, ohne ihm zu antworten, den Brief überreichte: so klopfte dieser würdige Mann, dem die abscheuliche Ungerechtigkeit, die man auf der Tronkenburg an ihm verübt hatte, und an deren Folgen Herse eben, vielleicht auf die Lebenszeit, krank

(Fortsetzung.)

Am Ende wars nicht so schlimm, Herse, imSchweine- foben, sagte Kohlhaas,als es dir, da du zuerst die Nase hineinstecktest, vorkam."

'S ist wahr", erwiderte jener.Da ich den Ort ein bisset aussegte, gings an. Ich gab der Magd einen Groschen, daß sie die Schweine wo anders einstecke. Und den Tag über bewerkstelligte ich auch, daß die Pferde aufrecht stehen konnten, indem ich die Bretter oben, wenn der Morgen dämmerte, von den Latten ab- nahm und Abends wieder auflegte. Sie guckten nun wie Gänse auS dem Dach vor, und sahen sich nach Kohlhaasenbrück oder sonst, wo es besser ist, um."

Nun denn", fragte Kohlhaas,warum also in aller Welt jagte man dich fort?"

Herr, ich sags Euch," versetzte der Knecht,weil man meiner los sein wollte. Weil sie die Pferde, so­lange ich dabei war, nicht zu Grunde richten konnten. Ueberall schnitten sie mir im Hofe und in der Gesinde- stube widerwärtige Gesichter; und weil ich dachte, zieht ihr die Mäuler, daß sie verrenken, so brachen sie die Gelegenheit vom Zaune, und warfen mich vom Hose herunter."

Aber die Veranlassung!" rief Kohlhaas.Sie werden doch irgend eine Veranlassung gehabt haben!"

O allerdings", antwortete Herse,und die allerge- rechtcste. Ich nahm am Abend des zweiten Tages, den ich im Schweinekoben zugebracht, die Pferde, die sich darin doch zugesudelt hatten, und wollte sie zur Schwemme reiten. Und da ich eben unter dem Schloßthore bin und mich wenden will, hör ich den Bogt und den Ver­walter mit Knechten, Hunden und Prügeln aus der Gesindestube hinter mir herstürzen »nd: Halt den Spitz­buben ! rufen, halt den Galgenstrick! als ob sie besessen wären. Der Thorwächter tritt mir in den Weg; und da ich ihn und den rasenden Haufen, der auf mich an- läuft, frage: Was auch gibts? antwortete der Schloß­vogt; und greift meinen beiden Rappen in den Zügel. Wo will Er hin mit den Pferden? fragt' er und packt mich an die Brust. Ich sage: Wo ich hin will? Himmeldonner! zur Schwemme will ich reiten. Denkt Er, daß ich Zur Schwemme? ruft der Schloßvogt. Ich will dich, Gauner, auf der Heerstraße nach Kohl­haasenbrück schwimmen lehren! und schmeißt mich mit einem hämischen Mordzug, er und der Verwalter, der mir das Bein gefaßt hat, vom Pferd herunter, daß ich mich, lang wie ich bin, in den Koth messe. Mord! Hagel! ruf' ich, Sielzcug und Decken liegen, und ein Bündel Wäsche von mir im Stall; doch er und die Knechte, indessen der Verwalter die Pferde wegführt, mit Füßen und Peitsch'» und Prügeln über mich her, daß ich halbtodt hinter dem Schloßthor niedersinke. Und da ich sage: Die Raubhunde! wo führen sie mir die Pferde hin? und mich erhebe: Heraus aus dem Schloßhof! schreit der Vogt, und: Hetz, Kaiser! hetz, Jäger! erschallt es, und; Hetz, Spitz! und eine Koppel von mehr denn zwölf Hunden füllt über mich her. Darauf breit) ich, war es eine Latte, ich weiß nicht was, vom Zaune, und drei Hunde todt streck' ich neben mir nieder; doch da ich, von jämmerlichen Zerfleischungen gequält, weichen muß: Flüt! gellt eine Pfeife; die Hunde in den Hof, die Thorflügel zusammen, der Riegel vor: und auf der Straße ohnmächtig sink' ich nieder."

Kohlhaas sagte, bleich im Gesicht, mit erzwungener Schelmerei:Haft du auch nicht entweichen wollen, Herse?" und da dieser mit dunkler Nöthe vor sich niedersah: gesteh mirs", sagte er;es gefiel kdir im Schweine­koben nicht; du dachtest, im Stall zu Kohlhaasenbrück ists doch besser."

Himmelschlag! rief Herse:Sielzeug und Decken ließ ich ja, und ein Bündel Wäsche, im Schwernckoben zurück, Würd' ich drei Reichsgülden nicht zu mir gesteckt haben, die ich im rothseidenen Halstuch hinter der Krippe versteckt hatte? Blitz, Höll' und Teufel, wenn Ihr so sprecht, so möcht' ich nur gleich den Schwefelfaden, den ich wegwarf, wieder anzünden!"

Nun, nun !" sagte der Roßhändler;_es war eben nicht böse gemeint! Was du gesagt hast, schau, Wort für Wort, ich glaub' es dir; und das Abendmahl, wenn es zur Sprache kommt, will ich selbst nun darauf nehmen. Es thut mir leid, daß es dir in meinen Diensten nicht besser ergangen ist; geh, Herse, geh zu Bett, laß dir eine Flasche Wein geben und tröste dich; dir soll Ge- lechtigkeit widerfahren!" Und damit stand er auf, fer­tigte ein Verzeichniß der Sachen an, die der Großknecht im Schweinekoben zuiückgelassen; spezifizirtx den Werth derselben, fragte ihn auch, wie hoch er die Kurkosten anschlage; und ließ ihn, nachdem er ihm noch einmal die Hand gereicht, abtreten.

Hierauf erzählte er Lisbelh, seiner Frau, den ganzen Verlauf und innern Zusammmenhang der Geschichte, er­klärte ihr, wie er entschlossen sei, die öffentliche Ge»

daniederlag, bekannt war, auf die Schulder und sagt6 ihm, er solle nicht muthlos sein, er werde ihm zu seiner Genugthuung verhelfen. Am Abend, da sich der Roßkamm seinem Befehl gemäß zu ihm aufs Schloß begeben hatte, sagte er ihm, daß er nur eine Supplik mit einer kurzen Darstellung des Vorfalls an den Kur­fürsten von Brandenburg aufsetzen, den Brief des Ad­vokaten beilegen, und wegen der Gewaltthätigkeit, die man sich auf sächsischem Gebiet gegen ihn erlaubt, den landesherrlichen Schutz aufrufen möchte. Er versprach ihm, die Bittschrift unter einem andern Packet, das schon bereit liege, in die Hände des Kürfürsten zu bringen, der seinethalb unfehlbar, wenn es die Ver­hältnisse zuließen, bei dem Kurfürsten von Sachsen ein­kommen würde; und mehr als einend solchen Schrittes bedürfe es nicht, um ihm bei dem Tribunal in Dresden, den Künsten des Junkers und seines Anhanges zum Trotz, Gerechtigkeit zu verschaffen. Kohlhaas, lebhaft erfreut, dankte dem Stadthauptmann für diesen neuen Beweis seiner Gewogenheit aufs herzlichste, sagte, es thue ihm nur leid, daß er nicht, ohne irgend Schritte in Dresden zu thun, seine Sache gleich in Berlin an­hängig gemacht habe; und nachdem er in der Schreiberei des Stadtgerichts die Beschwerde ganz den Forderungen gemäß verfaßt und dem Stadthauptmann übergeben hatte, kehrte er beruhigter über den Ausgang seiner Geschichte als je nach Kohlhaasenbrück zurück. Er hatte aber schon in wenig Wochen den Kummer, durch einen Gerichtsherrn, der in Geschäften des Stadthauptmanns nach Potsdam ging, zu erfahren, daß der Kurfürst die Supplik seinem Kanzler, ibern Grafen Kallheim, über­geben habe, und daß dieser nicht unmittelbar, wie es zweckmäßig schien, bei dem Hofe zu Dresden um Unter­suchung und Bestrafung der Gewaltthat, sondern um vorläufige nähere Information bei dem Junker von Tronka eingekommen sei. Der Gerichtsherr, <ber, vor Kohlhaasens Wohnung im Wagen haltend, den Auftrag zu haben schien, dem Roßhändler diese Eröffnung zu machen, konnte ihm auf die betroffene Frage: warum man also verfahren ? keine befriedigende Auskunft geben. Er fügte nur noch hinzu: der Stadthauptmann ließe ihm sagen, er möchte sich in Geduld fassen; schien be­drängt, seine Reise fortzusctzen; und erst am Schluß der kurzen Unterredung errieth Kohlhaas aus einigen hingeworfenen Worten, daß der Graf Kallheim mit dem Hause derer vonTranka verschwägert sei. Kohlhaas, der keine Freude mehr weder an seiner Pferdezucht, noch au Haus und Hof, kaum an Weib und Kind hatte, durchharrte in trüber Ahnung der Zukunft den nächsten Mond; und ganz seiner Erwartung gemäß kam nach Verlauf dieser Zeit Herie, dem das Bad einige Linder­ung verschafft hatte, von.Brandenburg zurück, mit einem ein größeres Reskript begleitenden Schreiben des Stadt­hauptmanns, des Inhalts: es thue ihm leid, daß er nichts in seiner Sache thun könne; er schicke ihm eine an ihn ergangene Resolution der Staatskanzlei, und rathe ihm, die Pferde, die er in der Tronkenburg zurück­gelassen, wieder abführen und die Sache übrigens ruhen zu lassen. Die Resolution lautete: er sei nach dem Bericht des Tribunals in Dresden ein unnützer Queru­lant; der Junker, bei dem er die Pferde zurückgelassen, halte ihm dieselben auf keine Weise zurück; er möchte nach der Burg schicken und sie holen, oder dem Junker wenigstens wissen lassen, wohin er sie ihm senden solle; die Staatskanzlei aber auf jeden Fall mit solchen Plackereien und Stänkereien verschonen.

Kohlhaas, dem es nicht um die Pferde zu thun war er hätte gleichen Schmerz empfunden, wenn es ein Paar Hunde gegolten hätte Kohlhaas schäumte vor Wuth, als er diesen Brief empfing. Er sah, so oft sich ein Geräusch im Hofe hören ließ, mit der widerwärtigsten Erwartung, die seine Brust jemals bewegt hatte, nach dem Thorwege, ob die Leute des Jungherrn erscheinen, und ihm vielleicht gar mit einer Entschuldigung die Pferde abgehungeit und abgehärmt wieder zustellen würden; der einzige Fall, in welchem seine von der Welt wohlerzogene Seele aus nichts, das ihrem Gefühl völlig entsprach, gefaßt war. Er hörte aber in kurzer Zeit schon durch einen Bekannten, der die Straße gereist war, daß die Gäule auf der Tronkenburg nach wie vor den übrigen Pferden des Landjunkers gleich auf dem Felde gebraucht würden; und mitten durch den Schmerz, die Welt in einer so ungeheuern Unordnung zu erblicken, zuckte die innerliche Zufriedenheit empor, seine eigne Brust nunmehr in Ordnung zu sehen. Er lud einen Amtmann, seinen Nachbar, zu sich, der längst mit dem Plan umgegangen war, seine Besitzungen durch den Ankauf der ihre Grenze berührenden Grundstücke zu vergrößern, und fragte ihn, nachdem sich derselbe bei ihm niedergelassen, was er für seine Besitzungen im Brandenburgischen und im Sächsischen, Haus und Hof, in Bausch und Bogen, es sei nagelfest oder nicht, geben wolle? Lisbelh, sein Weib, erblaßte bei diesen Worten.

(Fortsetzung folgt.)