Rabinowitz hat Talmuddrucke aufgefunden, die bis dahin allen Bibliographen unbekannt waren; aus Egypten, aus Persien und anderen entlegeren Ländern wußte er die seltensten Bücher herbeizuschaffen. Die Mittel dazu gewährte ihm der Bankier und Numismatiker Merzbacher in München, auf dessen Kosten Rabinowitz eine hebräische Bibliothek von mehr als 4000 Bänden und 156 Handschriften gesammelt hat, welche gegenwärtig der Sohn des genannten Mäcen besitzt und auf die liberalste Weise verwendet. Mit diesem wissenschaftlichen Apparat ausgerüstet, machte sich Rabinowitz an die Bearbeitung der Talmudhandschrift. Dieselbe ist bis zum sechzehnten Bande gediehen und gewährt eine Uebersicht über das gesummte einschlägige gedruckte, wie handschriftliche Material, das mit der größten textkritischen Sorgfalt und mit strengwissenschaftlichem Urtheil benützt ist. Die erheblichen Druckkosten hat Rabinowitz selbst in fast allen größeren israelitischen Gemeinden des Continents gesammelt. Obwohl er das Deutsche mit russisch-jüdischem Accent sprach, so war ihm doch die deutsche Literatur, so weit sie in sein wissenschaftliches Gebiet einschlug, und auch darüber hinaus wohl vertraut.
Die von Klugheit blitzenden Augen des kleinen Mannes, der sich wie ein polnischer Jude trug, gewannen ihm die Sympathie eines Jeden, der sich mit ihm unterhielt und der, wenn er an seinen Dialect sich gewöhnt hatte, seine außergewöhnlichen bibliographischen, typographischen und Literaturkenntnisse bewundern mußte. Daraus erklärt sich, daß dieser kleine, hagere polnische Jude selbst der Unterstützung und im gewissen Sinne der Protection des Fürsten Bismarck und zweier Kardinäle, Hohenlohe und Hergenrölher, sich erfreuen durste. Er erhielt durch Bermittlung der Letzteren Zutritt in die vatikanische Bibliothek und der Papst gestattete ihm, was vor ihm Niemandem jemals erlaubt worden war, selbst an katholischen Feiertagen in der Vaticana zu arbeiten. Wenn der Papst durch den Bibliotheksaal getragen wurde und alle Anwesenden, wie üblich, niederknieten, dann blieb der kleine polnische Jude, dem sein Glaube diese Art der Verehrung verwehrte, allein unter Allen aufrecht stehen und der Papst würdigte ihn gleichwohl eines freundlichen Blickes. Während des Druckes seines sechzehnten Bandes hat der Tod den schaffenslustigen, erst 54 jährigen Mann auf einer Reise in Rußland, in Kiew, ereilt. Er war in seiner Art ein Phänomen und hat gezeigt, was angeborene Begabung, gepaart mit Willenskraft, aus sich selbst heraus, ohne Schule und Anleitung, für die Wissenschaft zu leisten vermag.
Deutsches Reich.
Spandau, 8. Decbr. EiuMordversuch auf eineFtauens- person ist am Mittwoch Abend hierselbst im Hause Brückenstraße 4 verübt worden. Als das Dienstmädchen eines dort wohnenden Postbeamten gegen 9 Uhr sich mit dem Wassereimer nach dem auf dem Hofe befindlichen Brunnen begehen wollte und eben den gänzlich unbeleuchteten Hausflur betreten hatte, wurde sie, wie der „A. f. d. H." berichtet, von einem Manne angesprochen, welcher sie ersuchte, ihm 10 Pfg. zu Schlafgeld zu schenken. Das Mädchen erwiderte darauf, sie hätte kein Geld bei sich, und drehte dem Mann den Rücken zu, um ihren Weg nach dem Hofe fortzusetzen. Da warf ihr der Fremde plötzlich hinterrücks einen Strick um den Hals und suchte sie zu erwürgen. Das Mädchen stieß noch einige Hülferufe aus und fiel dann ohnmächtig zur Erde. Der entstandene Lärm hatte aber nach wenigen Augenblicken andere Personen herbeigelockt, bei deren Annäherung der Mordbube das Weite suchte. Das Mädchen wurde besinnungslos aufgefunden; der Strick war ihr fest um den Hals geschlungen. Man brächte die Bewußtlose in ihr Zimmer, wo sie sich nach einiger Zeit wieder erholte. Sie gab an, daß der Verbrecher ein Mensch von großer Figur sei, einen dunklen Schnurrbart trage und mit Ueberzieher und Mütze bekleidet gewesen sei.
Steglitz. Von einem Justizmord, einem überaus tragischen Fall, machte jüngst im Fortbildungsverein zu Steglitz der Prediger WieSner, ein Anstaltsgeistlicher, folgende ergreifende Mittheilung: Vor etwa 48 Jahren lebte bei Berlinchen in der zur Oberförsterei Hunmel- städt gehörigen Försterei Neuhaus ein junger Mann Namens Rostin, geboren am 22. Juli 1814. Rostin liebte eine Louise Otto, die Tochter des Försters von Neuhaus, ein junges Mädchen von 18 Jahren, war bereits mit ihr verlobt, doch ging durch ein widriges Geschick diese Verlobung wieder zurück. An einem Herbsttage des Jahres 1842 war Louise nach Berlinchen gegangen, um Einkäufe zu besorgen, kam aber nicht in ihr Vaterhaus zurück. Sofort angestellte Nachforschungen hatten erst um Mitternacht, aber einen entsetzlichen Erfolg. Man fand das Mädchen zwischen Berlinchen und Neuhaus in einer Schonung mit durchschnittenem Halse und allen Anzeichen der Vergewaltigung ermordet wieder. Am Nachsuchen hatte sich auch der Forstgehilfe Rostin betheiligt und war als einer der Ersten an die Unglücksstätte gekommen. Ueberall erregte der Mord das größte Aufsehen, in der Bevölkerung machte sich allgemein die Meinung geltend, der Mörder könne kein Anderer als Rostin sein. Man kam zu dem Schluß, daß die Ermordete, ein starkes Mädchen, nicht nach der Schonung geschleppt, sondern dorthin gelockt worden sei,
sie würde keinem Anderen als Rostin gefolgt sein, und da außerdem die Wimpfel der Tannen kunstgerecht abgeschnitten waren, um dem Mörder einen Ueberblick über den Weg zu ermöglichen, so folgerte man, nur ein Forstmann, und nur Rostin könne dies bewerkstelligt haben. Daraufhin wurde zur Verhaftung Rostins geschritten, der sich dabei sehr kühl und wortkarg benahm. Im Verhör stellte Rostin jede Thäterschaft mit größter Entschiedenheit in Abrede, gestand jedoch freiwillig, daß er eine andere schwere That, die Ermordung eines Wilddiebs, die vor längerer Zeit geschehen war, und über der ein tiefes Dunkel schwebte, begangen habe. Nun glaubte man, daß er auch des Mordes der Louise Otto erst recht schuldig sei. Plötzlich offenbarte ein junger Knecht im Rausche auf dem Tanzboden, daß er der Mörder sei, doch stellte sich bei der Untersuchung sofort heraus, daß er unmöglich die That ausgeführt haben könne. Da dem Rostin in Sachen der Otto nichts erwiesen wurde, so erfolgte seine Freisprechung, wegen Tödtung des Wilddiebes aber wurde er zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Rostin verbüßte seine Strafzeit in Sonnenburg, wo er auf den Anstaltsgeistlichen, den Vortragenden, einen so guten Eindruck machte, daß er es nicht für möglich hielt, Rostin könne den Mord an der Otto begangen haben. Nach diesen acht schweren Jahren wurde Rostin wieder als Hülfsjäger in der Oberförstern Himmelstädt angestellt, sollte sich aber nicht lange seiner Freiheit erfreuen. Die Verwandten des jungen Mädchens ruhten nicht eher, als bis der Proceß gegen Rostin von Neuem ausgenommen wurde. Der Gerichtshof in Küstrin fand darauf Rostin für schuldig und verurteilte ihn zu lebenslänglichem Gefängniß und zwar wegen Todtschlags. Das Urtheil stützte sich auf ein eigenthümliches, sachverständiges Gutachten, nach welchem keine Wunde tödtlich gewesen wäre, wenn ein geschickter Chirurg rechtzeitig zu Hilfe gekommen wäre. Rostin, ein gebildeter, liebenswürdiger Mensch, kam wieder ins Zuchthaus und war vollständig gebrochen, doch er that als Schreiber seine Pflicht und Schuldigkeit. Einmal nur wurde er mit zehn Peitschenhieben gezüchtigt, weil er beim Cigarrenrauchen betroffen wurde, und zwar einer Cigarre, die in der Cigarren- fabrik der Anstalt gefertigt war. Prediger Wiesner hat ihm oft, namentlich vor Genuß des heiligen Abendmahls, ins Gewissen geredet, immer aber hat er eine Schuld an dem Tode des Mädchens von sich gewiesen. Um der Liebe zu dem ermordeten Mädchen willen, mit der er durchsLeben zu gehen hoffte, wollte er scincSchuld an dem Wilddiebe verschwiegen haben. Eines Abends, in einem feierlichen Moment, fragte Wiesner Rostin noch einmal nach seiner Schuld. Aber auch hier versicherte Rostin hoch und theuer seine Unschuld, hinzufügend, daß in solchen Augenblicken ja ein menschliches Herz von Stein sein müsse, wenn es nicht offen wäre. Wiesner bedauerte ihn darauf. „Ich habe mich schon getröstet!" antwortete Rostin und führte darauf an, welches schreckliche Ende seine Belastungszeugen genommen hätten. Der eine habe sich erschossen, der andere sich aufgehängt, der dritte sei am Säuferwahnsinn gestorben und der vierte sitze wegen Hehlerei im Zuchthause. „Da geht es mir doch noch besser!" beschloß er diesen Bericht. Wiesner sprach darauf mit diesem letzten Belastungszeugen, einem gewissen Gründling, der in demselben Zuchthause saß, doch machte dieser in Bezug auf die Sache allerlei Ausflüchte. Plötzlich trat im Zuchthause zu Naugard ein Gefangener auf, der eingehende Mittheilungen über den Mord machte. Das gebrauchte Messer sollte an einer bestimmten Stelle im Walde verborgen sein rc., nachher sagte der Gefangene aber, er habe sich aus Langeweile nur einen Spaß gemacht. Eine Bauersfrau erzählte ebenfalls eine merkwürdige Geschichte, wonach ein fremder Mensch, den sie bewirthet hatte, ihr bekannte, daß er, Rebentisch, die Louise Otto ermordet habe. Als die Bäuerin Hilfe suchte, war er verschwunden, doch fand man ihn am Abend im Ziehbrunnen ertränkt. Die Nachforschungen ergaben, daß zur Zeit des Mordes ein Jnspector Rebentisch auf einem Gute in der Nähe wirklich gelebt habe. Rostin starb am 3. October 1872 an Rückenmarkslähmung und Gehirnerweichung. Seitdem ruhte diese Angelegenheit. Da schrieb jetzt plötzlich vor etwa vier Monaten ein Geistlicher in der Uckermark, der Prediger Ziegel zu Fürstensee, an das Gericht in Küstrin, ein gewisser Gründling, derselbe, der mit Rostin im Zuchthause gesessen, habe ihm auf dem Sterbebette gestanden, daß er : im Jahre 1842 die Louise Otto ermordet habe. Aus ; unlauteren Motiven habe er dem schönen Mädchen aufgelauert, es bei dem geleisteten Widerstände getödtet : und eine Lust daran gefunden, die Leiche in der schreck- i litften Weise zu verstümmeln. Gründling, der Mühlen- i Pächter in Fürstensee war, hatte schon einige Tage vorher : seinem ältesten Sohne gegenüber dieselbe Aussage ge- i macht und dann versucht, sich mittelst eines Revolvers : zu erschießen; später hat er das Gestandniß vor einer : gerichtlichen Commission aus Berlinchen wiederholt. ' Namens der beiden Schwestern Rostins ist von dem I Rechtsanwalt Müller bei dem Landgericht zu Lands- i berg a. W. der Antrag auf Wiederaufnahme des Ver- . fahrens gegen den seiner Zeit unschuldig Verurtheilten : gestellt worden, und die Entscheidung steht wohl bald , bevor. Ohne Zweifel wird Rostin jetzt freigesprochen
werden. Doch Ruhe hat er schon gefunden. Wo er aber ruht, weiß Niemand. Das Grab Rostins ist nicht mehr aufzufinden; auf jenem Kirchhofe, wo er einst begraben wurde, zieht der Landmann jetzt seine Furchen, im vergangenen Sommer duftete dort üppiger Klee!
Tilsit, 7. Decbr. Das Dienstmädchen K. diente in diesem Jahre bis October in der Försterei K. und wurde in der Erntezeit von einem Dachshund in den Finger gebissen. Die Wunde heilte sehr schnell zu und das Mädchen hat sich weiter darum nicht gekümmert. Von October hat sie sich hier in der Stadt bei Herrn M. vermiethet. Am 30. v. Mts. bemerkte Herr M., daß sie vor Wasser Abscheu hatte und sehr unruhig wurde. Als sich die Unruhe steigerte, wurde das Mädchen in einer Heilanstalt nntergebracht. Mittwoch Nachmittag wurden die Wuthausbrüche so stark, daß die Kranke von sechs Personen kaum gehalten werden konnte. Abends wurde sie von ihrer Qual durch den Tod erlöst.
Hamburg. 12. December. (Liebesdrama.) Im Uhlenhorster Fährhaus trafen vorgestern Abend ein Herr und eine Dame ein und verlangten ein Zimmer. Nachdem sie soupirt hatten, schlössen sich beide ein, indem sie die Weisung hinterließen, daß man sie Morgens acht Uhr wecke. Am anderen Morgen wurde der Mann durch einen Revolver getödtet, die Frau schwer verwundet vorgefunden. Der Selbstmörder ist nach Aussage der Verwundeten der Uhrenhändler Ernst Siebers aus Frankfurt a. M., dort verheirathet; seine Begleiterin und Geliebte heißt Louise Anna Oehlberg, eine Lokalsängerin in Frankfurt a. M. Die Letztere ist im Krankenhause nntergebracht.
Da.mstadt, 9. December. Das Befinden des Prinzen Alexander von Hessen, des Vaters des Prinzen von Battenberg, gibt Anlaß zu den schlimmsten Befürchtungen; der Zustand des hohen Patienten ist hoffnungslos, die Katastrophe wird in den nächsten Tagen erwartet.
Mainz, 3. Decbr. Ein frecher Ueberfall erregte hier peinliches Aufsehen. Das Töchterchen des RechtSanwalts Dr. Ferd. Mcyer, welches sich eines prächtigen Haarwuchses erfreut, wurde am gestrigen Abend in einer belebten Straße von zwei Frauenzimmern Überfällen; die Frauenzimmer versuchten dem Kinde den prächtigen Zopf nbinschneiden. Das kräftige Kind wehrte sich aus Leibeskräften und schrie um Hilfe; doch gelang es den beiden Uebeltäterinnen, den Zopf zur Hälfte abzuschneiden
Konstanz, 8. Dezember. Ein erschüttender Todesfall erregt hier allgemein die tiefste Theilnahme. Als gestern früh der Bursche des Lieutenants von Gl. das Schlafzimmer seines iperrn betrat, um denselben zu wecken, fand er ihn entseelt, in Paradeuniform auf dem Sopha sitzend. Der Unglückliche hatte um Mitternacht durch einen Schuß ins Herz seinem Leben ein Ende gemacht. Das Gerücht bezeichnet verschmähte Liebe als die Ursache des Selbstmordes; Lieutenant von Gl., der jüngste kaum zwanzigjährige Offizier des hier stehenden Regiments „Kaiser Friedrich" Nr. 114, Sohn eines höheren inaktiven Offiziers und Neffe eines Generals, der sich 1870/71 als Führer der badischen Division einen Namen machte, soll Mittags zuvor von einer Dame, die er verehrte, kränkend behandelt worden sein und sich dies so sehr zu Herzen genommen haben, daß er in der folgenden Nacht den schrecklichen Entschluß faßte und ausführte. (B. T.)
Tages-Ereignisse.
— Ernannt: der Postassistent G r e b e in Elm als Postverwalter; der bisherige Pfarrgehülfe zu Brci- tenau, past. extr. Scherp, zum Verweser der Pfarrei Schemmern.
— Unserer heutigen Nummer liegt eine Beilage der Zeitung „Das Volk" bei, auf welche wir unsere Leser aufmerksam machen.
^ Kerbersdorf, 8. Decbr. Eine von hier an einen Handelsmann verkaufte Kuh, die vor 4 Wochen von letzterem an die Frau Wittwe Gicsel in Fulda abgesetzt worden war, fiel dieser Tage und es wurde bei Untersuchung derselben „Lungenfäule" als Todesursache erkannt. Das Kgl. Landrathsamt Fulda macht nun im amtlichen Organ des Kreises Fulda bekannt, daß unter dem Rindvieh der Frau Giesel die Lungenfäule auS- gebrochen und die nöthigen Vorsichtsmaßregeln angeordnet seien. Hier hat man glücklicherweise bis jetzt kein Zeichen von Erkrankung der Thiere an jener gefährlichen Seuche wahrgenommen. Es ist daher anzu- nehmen, daß die Uebertragung der Krankheit auf dem Transport oder in Fulda selbst stattgefunden hat.
D. Ulmbach, 10. Decbr. Ein hier schon seit 4 Jahren bestehender Streit wegen Benutzung der Kirchenglocken (ob nach hergebrachter oder nach einer vom Geistlichen neu ausgestellten Ordnung), der auch in weiteren Kreisen bekannt, ist nun von geistlicher Oberbehörde zu Gunsten der Anträge der Gemeinde entschieden worden.
Aus dem Kreise. Die Landwirthe klagen in diesem Jahre ganz besonders über die Verheerungen der Wiesen durch den Maulwurf. In der That sind die Zerstörungen, die dieser thierische Bergmann anrichtet, in manchen, namentlich trocken gelegenen Wiesen und Triften, geradezu eine Landplage geworden. Es läßt sich nicht verkennen, daß der Maulwurf durch Vertilgung der Engerlinge bedeutenden Nutzen bringt, allein die Land-