aufs Zeughaus und in die Montiruugskammer. Hier wurden alte Uniformen gefaßt und die Quartierbillete ausgegebeu. Da ich das Quartier nicht geeignet fand, Liebe für König und Vaterland mit aufzunehmen, so miethete ich mir in demselben Haus eine Studenten- Bude; auch nahm ich mir einen Mann an, der das Putzen der Armaturstücke besorgen sollte, da ich als ehemaliger Einjähriger von dergleichen Dingen keine Wissenschaft besaß. Am anderen Morgen 6 Uhr sollten sich die Compagnien zum Exerciren versammeln. Seit Tagesanbruch regnete es; darum erschien der größte Theil der Mannschaft nicht in den weißen Hosen, sondern hatte beliebig bunte angehost, was zu einer preußischen Uniform schlecht paßt; aber einige unter den Leuten hatten es auch für gut befunden, in ihren gelb- und braunledernen kurzen Hosen und langen Krumpstiefeln zu paradiren. Das Ganze machte sich romantisch und hatte durch den Halle'schen Straßenkoth noch einen Halle'schen Anstrich bekommen. Der Himmel aber weinte bitterlich über diesen An- und Aufzug. Wir mußten uns bald auf höherem Befehl „zum Teufel scheeren", d. h. in die Quartire zurückgehen. Als linker Flügelmann im zweiten Glied habe ich treu gedient. Wenn die Kompagnien nach oder von dem Exercirplatz marschierten, da hörte man keine freudigen Kriegslieder oder harmonischen Schnurren, nein, ein Jauchzen erscholl, ein altbekanntes Straßenlied wurde abgedroschen und verkündete den Muth der Kämpfer. Vom 5. Juni an exercirten die Kompagnien im Bataillon. Nun war auch die Behandlung der Leute eine bessere, anständigere geworden. Der Major kommandirte. Das Exerciren ging im Ganzen sehr gut und wir brauchten nicht einmal mit Gepäck zu exerciren. Der Major äußerte wiederholt: „Es ist ein Vergnügen, das Bataillon zu exerciren." Am Tag vor der Parade entließ er uns mit den Worten: „Ich verlasse mich auf Euch und Ihr werdet mich auch nicht verlassen." Und wir verließen ihn auch nicht; er legte mit dem Bataillon bei der Parade am 6. Juni Ehre ein, der Parademarsch und die Evolutionen wurden zur Zufriedenheit des Generals aus- geführt. Der Kronprinz hatte die Parade selbst abnehmen wollen, wurde aber durch die Krankheit des Königs zurückgehalten. Mit klingendem Spiel verließen wir den campus martius. Noch an demselben Nachmittag, dem heiligen Abend vor Pfingsten, gaben wir die Montirungs- und Armatur-Stücke ab, welches unter allgemeinem Jubel geschah; der ersehnte Augenblick war endlich da:
Meine Hallesche Liebe.
Ja Freunde, mit meiner Halleschen Braut Wurde ich mehr als ich glaubte vertraut; Ich trieb mit ihr mein lustiges Spiel, Was der Brünette sehr wohl gefiel.
Sie war mir nah bei Tag und bei Nacht, Sie hat mir auf Ehr' viel zu schaffen gemacht. Sie war, so nahm ichs, in mich ganz entzückt, Denn stellenweis hat sie mich blau gedrückt.*) Sie hatte schon viele Begleiter gehabt, Doch nur kurze Zeit, dann gingen sie ab. Genau waren ihr die Männer bekannt, Insbesondere die vom Landwehrstand; Geliebt aber hatte sie keiner recht, Und sie meinte zu mir: dies wäre schlecht. Sie stellte mir vor, ihr Wuchs sei doch schlank Und nicht allein ihr Aeußeres blank, Auch ihre Seele**) sei doch so rein!
's war wahr, denn ich schaute selber hinein.
Nun dacht' ich bei mir, das Ding ist ja schlau, Die glaubt wohl gar, du nimmst sie zur Frau; Auf vierzehn Tage war ich bereit, Ihr Treue zu schwören in Ewigkeit.
Ich war ihr auch wahrlich vom Herzen gut!
(O, ich altes ehrlich Soldatenblur) Und ich blieb ruhig, mein Herz pochte nicht, Doch zeigt ich ihr immer ein freundlich Gesicht. Oft sprach ich von Liebe (Ihr horcht sehr gespannt!) Ich sprach von der Liebe zum Vaterland. Ihr glaubt am Ende, ich küßte die Gccte; Ach nein! wer küßt denn eine Muskete!
*) Bei Gewehr auf mußte das Gewehr stark und fest an die Schulter geschlagen werden, daß es schallte.
**) Der innere Raum des Laufs.
Deutsches Reich.
Mainz, 27. Octbr. Elektrische Terrainbeleuchtung. Vor einigen Tagen fand wieder eine jener interessanten Beleuchtungsübungen seitens des Militärs statt, die bei einem zukünftigem Kriege (der Himmel schütze uns zuvor!) noch eine große Rolle zu spielen berufen sind. Die Uebung fand nach Eintritt der Dunkelheit um 6 Uhr Abends zwischen Zalbach und Bretzenheim statt und gewährte den Passanten durch die wiederholten Augenblickserhellungen der Umgegend ein prächtiges Schauspiel.
Krefeld, 28. Oktbr- (Zum Selbst- und Doppelmord im Kreutzerschen Hause.) Ueber den erschütternden Vorgang, der sich heute hier abspielte, ist bereits kurz telegraphisch berichtet worden. In einem eleganten Hause eines der vornehmsten Theile unserer Stadt, des Ostwalls, erschoß bekanntlich heute Morgen der Landschaftsmaler F. O. Kreutzer sich selbst und seine zwei reizen- drn Knaben von 8 und 11 Jahren. Nur langsam ver
breitete sich bis Mittag die Kunde sowie die Kenntniß der Einzelheiten dieser traurigen That. Herr Kreutzer war der Neffe des berühmten Komponisten des „Nachtlager von Granada" und vieler anderer Musikwerke, u. A. des Liedes „Das ist der Tag des Herrn", ein stattlich-schöner Mann von 43 Jahren, der sich seit etwa drei Jahren in unserer Stadt aufhielt. Gegen 6'/. Uhr wurden die Bewohner des N.schen Hauses am Ostwall durch sechs Revolverschüsse aus ihrer Ruhe aufgeschreckt. Nachdem man sofort zum Polizeibureau geschickt, wurde die Thür zur Wohnung des dort zur Miethe wohnenden Malers Kreutzer gesprengt, und ein entsetzlicher Anblick bot sich den Eintretenden dar. Im Bette lagen entkleidet die zwei reizenden Knaben todt mit je einem Schuß in's Herz und die Schläfe, und auf dem Sopha in sorgfältiger Straßentoilette der Vater. Kreutzer, inDüsseldorf geboren, war ein sehr begabter Mensch, er war ein ebenso tüchtiger Musiker, wie ein geschickter Maler und er gehörte vordem durch acht Jahre dem städtischen Orchester in Aachen an. Er soll in letzter Zeit — jedenfalls durch Nahrungssorgen — häufig schwermüthig gewesen sein und scheint die That auch in einem Zustande der Geistesverwirrung begangen zu haben. Er war Wittwer. Seine beiden Söhne, die erst in einem Pensionat in Belgien, zuletzt bei einem Lehrer in Anrath in Pension waren, muß er sich gestern erst geholt haben, denn die Wirthsleute hörten ihn Abends gegen zehn Uhr heimkommen und hatten einen Moment ihn auf seinem Zimmer mit Jemandem reden hören, glaubten aber, da es sofort aufhörte, sie hätten sich getäuscht. Kreutzer mochte hier als Musiker niemals auftreten, sondern gerirte sich nur als Maler; annoncirte seine Gemälde mehrere Male als „spottbillig" zum Verkauf, fand aber wenig Nachfrage. Er that nichts mehr, verdiente nichts und nachdem seine Vorräthe (aus dem Verkauf seiner Möbel) aufgezehrt, ging er in den Tod. Eine Schwester soll in schlechten Verhältnissen inDüsseldorf leben.
Tages-Ereignisse.
Hiinseld, 30. Octbr. Nahezu Dr eiviertel der Stadt liegt in Schutt und Asche. Die meisten öffentlichen Gebäude, Rathhaus, Reichspost, Ca- tasteramt, Steueramt, Apotheke, fämmtliche Gasthäuser, bis auf drei sind eingeäschert, Kirchen und Schulen, die abseits liegende Actien-Zuckerfabrik, sowie das Amtsgericht sind unversehrt geblieben und bilden jetzt dieZu- fluchtstätten. Wohl an 2000 obdachlose Personen suchen hierin Unterkunft oder bringen trotz des strömenden Regen in Gärten und auf dem Felde zu. Das Elend und der Jammer der Unglücklichen ist unbeschreiblich. Da nur die besser Situirten ihr Hab und Gut versichert haben, so sind Hunderte von Familien an den Bettelstab gebracht worden, denn zum Retten blieb keine Zeit, so rapid griff das entfesselte Element um sich, man war froh, das nackte Leben zu retten. Viel Vieh ist in den Flammen umgekommen, in den öffentlichen Gebäuden sollen Documente und Akten verbrannt sein. Die einzige am Platze befindliche Druckerei und Zeitungs-Expedition ist ebenfalls eingeäschert. Auch sämmtliche Bäckereien sind abgebrannt, so daß kein Brod zu haben war und mußte solches von Außerhalb herbeigeschafft werden, ebenso Kartoffeln und andere Lebensmittel; es fehlt an dem Nothwendigsten. Wie bereits mitgetheilt, sind Verluste an Menschenleben zum Glück nicht zu beklagen, nur ein Feuerwehrmann wurde verletzt. — Die Entstehungsursache des Feuers ist zuverlässig noch nicht ermittelt, das Feuer ist um 7 Uhr Morgens ausgebrochen, angeblich im „Gasthaus zur Krone", und verbreitete sich, vom Winde begünstigt, mit furchtbarer Schnelligkeit. Gleich wurden mehrere von Getreide vollgepropfte Scheunen in Brand gesetzt, die Feuergarben loderten hoch zum Himmel empor und durch Flugfeuer wurden gleich mehrere Straßen in Brand gesetzt. Die von Nah und Fern herbeigeeilten Feuerwehren standen machtlos der Wuth des Elementes gegenüber trotz übermenschlicher Anstrengung. Dazu kam der traurige Umstand, daß es an Wasser zum Löschen fehlte. Dreißig Feuerwehren waren anwesend, auch traf eine Compagnie des Hersfelder Füsilier-Bataillons zur Wache ein. Erst heute gelang es, den Brand zu bewältigen und sind nach amtlicher Feststellung auf 117 einzelnen Brandstätten nahezu 300 Gebäude eingeäschert. Der Versicherungswerth der Häuser allein ist 990,000 Mark, der Mobilarschaden ebenso viel.
— Der Herr Regierungs-Präsident Rothe und Herr Ober-Regierungsrath Schönt an trafen heute Vormittag in Hünfeld ein, besichtigten die Brandstätte, welche heute Nacht durch heftigen Sturm wieder einen bedenklichen Charakter anzunehmen drohte, und überreichten in Anerkennung der großen Noth zu deren Linderung als erste Gabe Seitens der Regierung die Summe von 1500 Mark, welche der Herr Landrath von Wegnern in Hünfeld als Vorsitzender des dortigen Hilfskomitees in Empfang nahm.
Fritzlar, 30. Oktober. Heute Mittag erschoß sich der Hauptmann Hoffbauer der 5. Batterie in seiner Wohnung in der Behausung des Kaufmauns Joseph Löwenstein. Der Verstorbene war nach Königsberg versetzt und der Eintritt sollte am 1. November erfolgen. Heute Abend sollte zu Ehren des Hauptmanns ein
Abschiedsessen in dem Offiziers-Casino stattfinden. Die Motive der That sind unbekannt.
Frankfurt, 29. Oktbr. Der Postdefraudant Haag, der nach Unterschlagung von 16 000 Mark aus Hombug verschwand, wurde heute vom Schwurgericht zu vier Jahren Zuchthaus und sechs Jahren Ehrenverlust verurtheilt.
Meimbressen, 27. Oktober. Anfang dieses Monats erkrankten ganz unerwaret die Kinder an den Masern, dieselben haben sich jedoch in letzter Zeit so stark verbreitet, daß bereits annähernd 80 Kinder erkrankt sind und daß in Folge dessen die Volksschule den Unterricht eingestellt hat. ________________________
Hella.
. .Erzählung von H. Sch oene.
(Fortsetzung.)
„O wie glücklich bin ich," rief er aus, „Dich frei von Schuld zu wissen; so ist die Rache mir erspart. Nein, Du bist nicht böse, Du bist ein braver, guter Mensch!"
Und unter Thränen lächelnd hing der Knabe sich an seinen Hals und küßte liebkosend seine Stirn, erfreut, daß eine That ihm war erspart geblieben, die so unendlich schwer ihm würde geworden sein.
In diesem Augenblicke erschütterte ein gewaltiger Stoß das Schiff und laute Angstrufe folgten von allen Cajüten her der plötzlichen Erschütterung. Reinhold schnellte empor und horchte auf, dann aber, die plötzlich hereingebrochene Gefahr ahnend, umschlang er den Knaben, der immer noch an seinem Halse hing, und lief mit ihm zum Verdeck. Da oben herrschte heillose Verwirrung, und schon rannten die Matrosen auf die Rettungsboote zu, um sie schleunigst flott zu machen und mit ihnen das Schiff zu verlassen, welches sich um sich selbst kreisend drehte. Nahe demselben lag ein großes Dampfschiff, welches bis jetzt Niemand wahrgenommen hatte. Nun aber sah man, wie dasselbe sich mit voller Dampfkraft entfernte. Reinhold hatte das Rechte geahnt, hier hatte ein Zusammenstoß beider Schiffe stattgefunden und das Dampfschiff, welches die Schuld hieran trug, war im Begriffe, schleunigst das Weite zu suchen, um der gerechten Vergeltung zu entgehen, ohne der Menschen zu gedenken, die mit dem stark beschädigten Schiffe auf weitem Meere hülflos zu Grunde gehen mußten. Diese waren inzwischen schreckensbleich alle auf das Verdeck gestiegen, und die Hände flehentlich ausstreckend, riefen sie dem enteilenden Dampfer nach und schrieen in ihrer Todesangst vergebens nach Hülfe. Dann, als sie sahen, daß man ihren Rettungsruf nicht beachtete, stürzten sie in fieberhafter Hast auf die Rettungsboote zu und sprangen hinein.
Reinhold stand mit seinem Schützling da, der sich ängstlich an ihn schmiegte und hoffend zu ihm empor- schaute. Des Knaben Gewand hatte sich am Halse zufällig gelöst und Reinhold, der ermuthigend zu ihm hinabschaute, gewahrte aufs Höchste erstaunt den schönen Hals und einen jungfräulichen Busen. Kaum bemerkte dies sein Schützling, da übergoß Purpurgluth Antlitz und Nacken und mit einer hastigen Bewegung zog er das Gewand zum Halse wieder hinauf.
„Verzeihung, o Verzeihung, auch für diese Täuschung!" rief er die gefalteten Hände flehendlich zu Reinhold erhebend und mit seinen lieben blauen Augen beschämt zu ihm emporblickend, aus. „Du hast mich erkannt, ja ich bin ein Mädchen. Allein in der Welt mit meiner armen Mutter, ohne Verwandte, ohne Beschützer dastehend, nur mit einem altersschwachen Diener zusammenlebend, legte ich Knabenkleider an, um so in allen Lagen vor der Welt mich zu schützen und unbekannt und unbehelligt in ihr leben zu können. So nur war ich frei und nicht ganz hülflos."
„O, daß ich das nicht früher geahnt!" erwiderte Reinhold in gerechtem Selbstvorwurfe. „Vergicb Du mir, wenn ich je Dich nicht sollte geachtet und geehrt haben, wie in unserer beider Stellung man ein Mädchen ehren soll!"
„O Reinhold, rede nicht so, Du warst stets gut und liebevoll gegen mich und tratest stets mit größter Zärtlichkeit mir gegenüber. Ich wollre Dich verachten, Dich glühend hassen, doch ich vermochte es nicht. Ich wollte Dich ermorden, aber als ich so vor Deinem Bette stand, den Dolch zum Todesstoße erhoben, da fiel mir all' das Gute ein, das Du an mir gethan, ich gedachte der zärtlichen Fürsorge, mit der Du wie ein Bruder mich geschützt. Und diese unbeschreibliche Güte, all' diese liebende Sorgfalt sollte ich mich solchem Undanke belohnen? Nimmermehr. Gott, vor dessen Richterstuhle wir Beide in wenigen Augenblicken werden erscheinen müssen, er sei mein Zeuge, daß ich einen schweren Kampf gekämpft habe mit jenen so sehr sich widersprechenden Gefühlen, dem größten Hasse und der grenzenlosesten Liebe und Verehrung. Die letztere hat den Sieg davongetragen, ja Reinhold, ich liebe und verehre Dich, wie nie ein Mensch auf Erden Dich verehren wird, und der Tod erscheint mir weniger gräßlich, ja ich bin unaussprechlich glücklich, mit Dir vereint sterben, Arm iu Arm mit Dir hinabsinken zu können in das unendliche Meer!"
Und im Angesichte des gewissen Todes preßte sie ihn stürmisch an ihr Verströmendes Herz und ihn mit ihren