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Aeitage zu Wr. 79 der Schlüchterner Zeitung.

Hella.

Erzählung von H. Schoene.

(Fortsetzung.)

Reinhold richtete sich in seiner ganzen Größe auf.

„Wagt es, Ihr Creaturen," rief er aus, „jene Dame zu berühren; Ihr werdet in mir Euren Meister finden. Der Erste, der einen Schritt näher tritt, ist ein Kind des Todes."

Er stand mit dem Rücken an dem Jagdwagen und schaute, so gedeckt, einen Knittel, den er vom Boden aufgehoben, zum Schlage bereit haltend, mit funkelnden Augen auf seine Gegner, die Miene machten, mit ver­einten Kräften auf ihn einzudringen.

„Um Gotteswillen, kommen Sie, steigen Sie ein!" rief Hella in höchster Angst. Sie opfern Muth und Kraft vergebens und nutzlos. Sie müssen jaderUeber- macht unterliegen und so sind wir Beide verloren. Lassen Sie uns fliehen, o retten Sie mich!"

Einen Moment stutzte Reinhold. Der Entschluß, unter ihren Augen für sie zu sümpfen und, wenn es sein mußte, zu sterben, war in ihm zu fest geworden, als daß er im Stande gewesen wäre, ihn flugs wieder aufzugeben. Allein die flehentlichen Bitten Hella's führten ihn doch zu der Ueberzeugung, daß es Wahnsinn sei, trotzig zwei Menschenleben dem sicheren Verderben preiszugeben und Unrecht, einen solch zweifellosen Aus­gang thatenlos abzuwarten, da man noch die Macht hatte dem Geschicke zu entfliehen. Dies bedenken, die ihm zunächst Stehenden mit einem kräftigen Stoße zurückschleudern, dann auf den Bock springen, die Peitsche ergreifen und die Pferde antreiben, war für ihn das Werk eines Augenblicks. Der leichte Wagen flog dahin, enteilend der unheilbringenden Nähe Barbaren ähnlicher Menschen.

Da plötzlich schwirrte ein harter Gegenstand pfeifend an Reinholds Ohre vorüber.

„Nehmen Sie die Zügel, ich bitte!" rief er der neben ihm sitzenden Dame zu. Hella gehorchte ohne nach dem Grunde zu fragen, Reinhold aber ergriff schnell seinen schweren Reisemantel, stellte sich rückwärts in dem Wagen auf und hielt den Mantel ausgebreitet an den beiden Endzipfeln in der Richtung des Wirths­hauses vor sich hin, Hella's Körper und zugleich den Seinigen deckend. Kaum hatte er dieses Manöver voll­führt, als mehrere Kiesel durch die Luft schwirrten, sich in dem schlaff niederhängenden Mantel verwickelten und nachdem ihre Flugkraft gebrochen, auf den Boden des Wagens niederfielen. Zweifellos würden sie ohne Rein- holds Geistesgegenwart die Dame und ihn auf das Schwerste verletzt haben.

Nach wenigen Secunden bogen sie im Fluge um die Ecke der Landstraße. Der Gefahr waren sie nun glücklich entronnen und nur von fern noch hörten sie die Flüche und Schimpfreden der Elenden.

Hella athmete, dem gepreßten, geängstigten Herzen Luft machend, auf. Selbst die Gefahr, nun sie vorüber, erschien ihr reizend und im Tiefinnersten wünschte sie, diese nächtliche Fahrt möge ohn' Ende sein; warum? das wagte sie selbst sich nicht zu gestehen.

Plötzlich fuhr sie auf; ein paar warme Blutstropfen waren auf ihre Hand gefallen. Aengstlich blickte sie empor; Reinhold stand über ihr, im Begriffe, den Mantel niederzulegen und die Zügel wieder zu ergreifen, während er das Blut stillte, welches aus einer klaffenden Stirn­wunde fließend, ihn belästigte.

„Beim Himmel!,, rief die Dame, ängstlich alles Andere vergessend, „Sie sind verwundet, Reinhold, Sie bluten. Ein Stein jener Bösen hat Sie getroffen. O, es ist schrecklich! Fühlen Sie große Schmerzen ? Sagen Sie, was ich thun soll, wie ich Ihnen dienen, wie ich Ihnen helfen kann. Ich werde mit Freuden Alles für Sie thun und gälte es selbst mein Leben."

„Es ist nur eine ganz unbedeutende Wunde," ent- gegnete der Hauslehrer ruhig, „ein kleiner Aderlaß von wenigen Blutstropfen, die mein Körper wohl entbehren kann. Das ganze ist nicht der Rede werth."

„Sie wollen mir die Größe Ihres Schmerzes mcht gestehen, aber ich selbst sehe, wie groß und klaffend ute Wunde ist, und wie das Blut unaufhaltsam niederrmnt. Und ich allein trage die Schuld, ich bin die Ursache Ihrer Verwundung! O, gewähren Sie mir wenigstens die Erlaubniß, das Blut stillen und trocknen zu dürfen, ich bitte flehentlich darum."

Und ehe er sie daran hindern konnte, hatte pe ihr weißes Spitzentuch hervorgezogen und mit ihm daS fließende Blut aufgefangen und aufgehalten. Anfangs glaubte er, es nicht ruhig geschehen lassen zn dürfen, aber endlich, er wußte selbst kaum wie, fand er, wie aus süßem seligen Traume erwachend, sich knieend zu ihren Füßen, das Haupt in ihrem Schooße ruhend. Sie aber band ein Tuch um die verwundete totnn, lauft, zärtlich, liebevoll. , ...

„O, wie danke ich Ihnen viel tauiendmal für liefen Samariterdienst", rief Reinhold entzückt au».

„Wie werde ich Ihnen ewig dankbar sein!" Sie hatte kosend die kleine Hand auf seinen Mund gelegt.

„Still doch, still!" entgegnete sie lächelnd. „Nicht Sie schulden mir, nein, ich schulde Ihnen großen Dank, denn diese Blutstropfen sind für mich geflossen."

Reinhold beugte, noch immer knieend, das Haupt und küßte feurig ihre Hand. „Für Sie will ich mein Herzblut gern verspritzen, ja für Sie gehe ich mit Freuden in den Tod!" rief er enthusiastisch aus. „O geben Sie mir Gelegenheit, Ihnen zu beweisen, wie sehr ich Sie verehre und hochschätzc, wie ich gern Alles für Sie thun und leiden möchte!"

Hella hatte sich halb abgewendet und das Antlitz mit beiden Händen bedeckt. Er gewahrte es und sein Herz überstimmte vor Freudenübermaß.

„Hella, Sie weinen, Sie weinen, theure Hella. „Sie sind gerührt, Sie fühlen, wie jedes gute Menschen­herz. O, Sie sind nicht hartherzig und hochmüthig. Sie sind edel und gut. Wie konnte ich Sie bisher verkennen, wie konnte ich Sie für ein Wesen halten ohne Herz und Gefühl. Verzeihung, o Verzeihung, ge­währen Sie mir die!"

An Hella's Wimper glänzte eine Thräne der Rührung, es hob und senkte sich der schwellende Busen und in ihr wogte es von dem Kampfe sich streitender Gefühle. Schon hatte sie sich halb zu dem Flehenden hingewandt, schon lächelte sie, schon reichte sie ihm die Hand und öffnete den kleinen lieben Mund zu einer liebevollen Entgegnung, die plötzlich den neidischen Schleier würde zerrissen haben, der ihr Innerstes ver­deckte und barg. Ein Wort noch und die Welt hätte an diesem Abende zwei Wesen getragen, deren Glück ein unbeschreibliches gewesen wäre. Da in diesem Der* hängnißvollen Augenblicke schallte aus der Ferne ein lauter Tusch herüber, dem eine lustige Fanfare folgte. Hella zuckte zusammen und zog ihre Hand zurück. Kalt und marmorbleich wurden wieder ihre Züge und das stolze Herz erstarrte.

Fern am mondbeleuchteten Himmel erschienen die dunklen Umrisse des Schlosses H^tzseld und die hell­strahlenden hohen Bogenfenster leuchteten der Spähenden entgegen.

Hella hatte sich erhoben. Da stand sie wieder be­rückend schön, aber kalt, ruhig, unnahbar.

„Mein Herr!" sagte sie mit beinahe eisiger Stimme, in die Ferne deutend, „sehen Sie dort liegt das Schloß. In wenigen Augenblicken werden wir angelangt sein, Wollen Sie nicht einmal noch die Geißel schwingen? — Damit ich es nicht vergesse, ich werde, sofern Ihnen das genehm ist und ich Ihnen dadurch einen Gefallen erzeigen kann, sogleich der Mama Ihr Entlassungsgesuch vortragen. Bis wann gedenken Sie abzureisen?"

Reinhold rang schwer athmend nach Fassung. Diesen plötzlichen Sturz aus dem Himmel höchster Glückseligkeit in die nackte jämmerliche Wirklichkeit seines verachteten Daseins konnte der Geist nur schwer fassen. Und doch fühlte Reinhold nur zu wohl, daß er gerade in diesem Momente sich keine Blöße geben dürfte, daß er gerade jetzt männlich und ruhig erscheinen mußte.

„Möglichst bald!" entgegnete er endlich gefaßt, wenngleich mit tonloser Stimme. „Jedoch werde ich der Frau Gräfin über diese Sache in Person Vortrag halten, also für diesmal nicht in der Lage sein, Ihr gütiges Anerbieten anzunehmen.

„Ganz wie Sie wollen; sprechen wir also nicht weiter darüber. — Ah, da wären wir ja an Ort und Stelle. Ich danke Ihnen, mein Herr, für Ihre Opfer­willigkeit. Sie haben das Herz eines wahren Ritters; schade, daß in Ihren Adern das blaue Blut nicht fließt, Sie würden sonst Vielen unwiderstehlich sein. — Fahren Sie nun wieder zurück, ich bitte. Was heut' Abend vorgefallen, bleibt ja wohl unser Geheimniß. Ich wenigstens werde den Neugierigen da droben, wenn sie mich mit tausend Fragen bestürmen, mit Ausnahme des wahren Sachverhalts Mordgeschichten genug auf- tischen. — Nun also, der Mohr, mein Herr, hat seinen Dienst gethan, der Mohr kann gehen! — Gute Nacht Mohr!"

Und indem sie ihm spottend noch einen Handkuß zuwarf, schwebte sie leichten elastischen Schrittes die Stufen der Freitreppe hinauf, die in den von tausend Lichtern strahlenden Palast führte.

Einen Moment starrte Reinhold wie geistesabwesend ihr nach und preßte die Hand aufs Herz, das ihm zu zerspringen drohte im Uebermaße plötzlichen Schmerzes. Aber im nächsten Augenblicke schon hatte er sich wieder beherrscht, und trotzig das Haupt zurückwerfend, lachte er grell auf. Es war ein bitterer, gekünstelter Ausdruck ber Munterkeit, dieses Lachen, und Wahrheit war nicht in ihm; ein herzzerreißender Laut, gleichwie der Ton in eine zerschossene Trompete gräßlich klingt. Hastig, als könne er nicht schnell genug der Nähe des Schlosses enteilen, ergriff er die Zügel und lenkte den Wagen um. Dann schwang er die Peitsche trieb die Rosse an und hinaus gings wieder in die düstere Nacht.

„Aber ich bitte Dich, Hella", fragte am folgenden Tage die Gräfin am Schlüsse des Diners, „erkläre mir doch den Grund Deines gestrigen räthselhaften Be­nehmens auf dem Balle. Du tanztest nicht, lachtest und scherzest nicht wie sonst, mit einem Worte, umgewandelt starrtest Du fortwährend vor Dich hin und antwortetest zerstreut auf die Reden der Dich zahlreich umschwärmenden Herren. Man war allgemein der Ansicht, Du seiest nicht wohl nnd sprach diese Befürchtung auch mir gegen­über aus. Ich aber konnte nichts daraus antworten, da mir selbst der Schlüssel zu dem Räthsel fehlte und ich meine sonst so lebensfrohe Hella kaum wieder er­kannte."

Die junge Dame erröthete tief. Dann plötzlich sprang sie auf, küßte die Mutter stürmisch auf Stirn und Wangen und flüchtete, das schamrothe Antlitz mit beiden Händen bedeckend, eiligst aus dem Speisesaal.

Die Gräfin schaute ihr auf's Höchste verwundert nach und schüttelte besorgt ihr würdiges Haupt. Den Hauslehrer aber litt es nicht länger in den dumpfen, kalten Manern. Ein neuer Hoffnungsstrahl durchwärmte seinen aufjubelnden Geist und alles Weh der vergangenen Tage zerschmolz vor ihm, wie der schimmernde Schnee zerschmilzt vor den ersten Gluthen der Frühlingssonne. Er stürmte hinaus in den herrlichen Wald und nach langem Umherirren sich endlich aus weichem schwellenden Moose niederlassend, schlummerte er im Schatten einer tausendjährigen Eiche ein und träumte einen langen schönen Traum.

Auf dem Schloßhofe zu Hohenstein herrschte heute ein außergewöhnlich reges Leben und Treiben. Zahl­reiche festlich geputzte Diener in bunten Livreen eilten geschäftig hin und her, unaufhörlich rasselten schwere Carrossen in den Hof, und oben aus der höchsten Zinne des Thurmes flatterte lustig die weiße Fahne mit dem Wappen der Hohensteiner im Winde. Es war ja heute Hella's Namenstag und daß dieses Fest mit allem Pompe gefeiert wurde, dazu trugen Alle nach besten Kräften bei, vom stolzen Burggrafen bis hinab zum niedrigsten Stallknechte, welch Letztererden herrschaftlichen Weinen, deren Stärke er nicht kannte, zur Feier des Tages in einer Weise zusprach, daß er gegen Mittag bereits aus der Zahl der zurechnungsfähigen Dienerschaft gestrichen werden mußte.

Die Festtafel war aufgehoben, die Musik ver­stummt. Scherzend und lachend unterhielten sich die zahlreichen Anwesenden in bunten Gruppen miteinander. Hella selbst war unausgesetzt von einem Schwärm glänzender Uniformen umgeben und erst spät am Nach­mittage fand die Gräfin Gelegenheit, einige Worte un­bewacht mit ihrer Tochter wechseln zu können.

„Wäre erst dieser Tag vorüber!" seufzte Hella. „Der ewige Lärm erstickt mich, das geistlose Geschwätz der Herren langweilt mich, und die faden unsinnigen Schmeicheleien ekeln mich an. Hier erst fühle ich so recht, wie glücklich wir sind, beisammen, im engeren Familienkreise."

„Schade nur," entgegnete die Gräfin bedauernd, „daß Herr Reinhold von seinem Urlaub noch nicht zurückgekehrt ist. Der Flügel dort steht ohne ihn verwaist da und selbst das Geklimper unserer liebenswürdigen Damen vermag nicht, ihn zu beleben. Er allein ist Herr über ihn, er würde durch sein Spiel die Hörer entzücken und unseren Geist erfrischen."

„Der Hauslehrer, Mama, ist vor etwa einer Stunde zurückgekehrt," sagte Hella mit gleichgültiger Miene.

„Du irrst, mein Kind," wandte die Gräfin ein.

„Nicht doch, ich sah ihn zufällig vorhin in den Hof reiten."

„Ei, so wird ihn die bekannte Bescheidenheit wieder zurückgehalten haben, mir seine Rückkunft zu melden, weil er vielleicht fürchtet, mich und die Gesellschaft da­durch zu stören. Ich werde ihn jedoch bitten, sich zu uns zu bemühen."

Die Gräfin gab einem Diener den nöthigen Befehl, trennte sich dann von ihrer Tochter, und Beide wandten sich wieder verschiedenen Gruppen zu.

Der Junker Lutz von Donnersberg stand mit einem Garde-Officier in einer Fensternische. Beide hatten Hella von hier aus beobachtet.

„Reizendes Kind, point d'honneur:" rief der Officier entzückt aus. „Sieh' doch, diesen herrlichen Wuchs, diese famose Taille, diesen feenhaften Gang! Und wenn sie redet, fließen süß wie Honig die Worte von ihren Lippen, schmeichelnd und wie Sirenengesang Jeden bestrickend, der sie anhört. Auf Wort, ich bin lasterhaft verliebt in die Zauberin."

„Das hört man allein schon an Deinen poetischen Ergüssen," lachte der Junker. „Ich hätte aber auch ohne diese nicht einen Augenblick daran gezweifelt, bin ich doch selber vernarrt in sie."

„Wahrhaftig?" fragte der Offizier, indem er erstaunt einen Schritt zurücktrat. „Kolossal! Da wären wir ja Nebenbuhler, lieber Freund!"