hatte suchen wollen. Das gefälschte Telegramm hatte sein Bruder aufgegeben.
— Ein Vorschlag zur Güte. Einem hiesigen jungen Herrn, der ein abgesagter Feind bezahlter Rechnungen ist, kam der Gerichtsvollzieher sowohl, als der Persönlich mahnende Gläubiger nicht aus dem Hause. Dieser ewigen Quälerei müde, richtete er an alle Diejenigen, welchen er etwas schuldete, ein Cirkular, in welchem er ihnen mittheilte, daß er mit ihnen über ein Arrangement berathen wolle. Sie kamen. Er zählte die Häupter seiner Lieben und siehe da, es fehlte auch nicht ein theures Haupt. „Bieten Sie uns 30°/«, wir nehmen an" — bemerkte einer der Eifrigsten. „Sie sollen Alles haben" — erwiderte der brave junge Mann und wurde dafür mit einem Hochrufe geehrt. Als dieser verklungen, erklärte er seinen geliebten Freunden, daß er sich die Lösung des gordischen Knotens sehr einfach denke, wenn sie ihn in die Lebensversicherung einkaufen wollten. Sie könnten sich alsdann bei seinem Tode in die Versicherungssumme theilen. Erst war man sprachlos, dann aber brüllten alle im Chor: „Raus! Raus! Gemeinheit! Unverschämtheit." Mit einer zierlichen Verbeugung empfahl sich der kecke Schuldner und an der Thür bemerkte er: „Sie werden Ihre Dummheit zu bereuen haben." Schnelle Flucht allein rettete ihn vor der Lynchjustiz, welche dreißig Fäuste so gern an ihm geübt hätten.
— Vor'm S chieds m ann finden gar manchmal recht amüsante Verhandlungen statt, über die, da diese Sitzungen mit Ausschluß der Oeffentlichkeit abgehalten werden, kaum jemals etwas in die Zeitung kommt. Unlängst erschien ein Arbeitsmann mit einem Collegen vor dem — Friedensstifter, weil er sich durch die Bemerkung: „Du! Du! Cognac Du!" tödtlich beleidigt fühlte. „Ich habe Ihnen schon vor einigen Tagen gesagt'" bemerkte der Bürger und Beamte, „daß die Benennung Cognac keine Beleidigung ist; lassen Sie doch die Klage fallen und versöhnen Sie sich wieder mit Ihrem Bekannten, der's gar nicht so schlimm gemeint hat." — „Da hawe Se recht," fiel derselbe ein, „ich wollt'» en Schubiack haaße un' hawn aus Versetz' Cognac geschimpft"- — „No", begann nun der Beleidigte wieder, „aus dem Schubiak hätt' ich mer nix gemacht, awer nen Cognac deß giht zu weit. Dhäte Sie sich en Cognac gefalle lasse, Herr Schiedsrichter?" — „Warum nicht, wenn er gut ist." Diese Bemerkung machte den treuherzigen Arbeitsmann ganz perplex. Er erbat sich, als er sich von seinem Erstaunen erholt hatte, eine Erklärung, und als er nun erfuhr, daß Cognac in seinen Kreisen gleichwerthig mit einem Schnäpschen sei, streckte er dem Verklagten die Rechte hin und verzieh ihm. Mit den Worten: „Wann ich gewußt hätt', daß er mich nor ä Schnäpsi hätt haaße wolle, hätt' ich Jhne die Arweit nett gemacht. Gu' Morge, Herr Schiedsrichter," verließ er und sein Widersacher die Amtsstube.
Frankfurt, 17, Sept. Der Kauf der Villa Reiß bei Cronberg im Taunus für die Kaiserin Friederich ist in der letzten Woche perfekt geworden. Das herrliche Be- sitzthum umfaßt einen großen Park, in welchem nach den Wünschen der Kaiserin während des Winters einige Veränderungen vorgenommen werden sollen. Der Kaufpreis soll eine halbe Million Mark betragen und Kaiser Wilhelm seiner Mutter mit dem Besitzthum ein Geschenk gemacht haben. Die Villa Reiß erhielt von der Kaiserin Friederich auch darum den Borzug, weil es ein Besitzthum innerhalb Preußens ist.
Hella.
Eine Erzählung von H. Schoene.
(Fortsetzung.)
„Ei, ei, werden Sie nur nicht böse, mein Herr, das ist nicht schön einer Dame gegenüber. — Parbleu, hier verrede ich unverantwortlicher Weise die Zeit, während man auf dem Balle längst schon mich wird vermißt haben. Ich ließ, wenn ich mich recht entsinne, vorhin Sie bitten, mich zum Schlosse Hatzfeld zurück- zugeleiten. Wir Frauen sind ja ohne Schutz nicht selten den verhängnißvvllsten Zufällen unterworfen, schwach und ohnmächtig."
„Sie zaudern? Dies würde allerdings Ihr zartes Ehrgefühl verletzen; aber mit Rücksicht darauf habe ich das Jagdgefährte anspannen lassen, welches ich selbst lenken werde. Hoffentlich werden dadurch ihre Scrupel gehoben sein."
„Es macht mich glücklich, Ihnen dienen zu können, nur möchte ich mir erlauben, in diesem Falle das Recht des Stärkeren, der Rosselenkung für mich zu beanspruchen; es würde sich für einen Mann schlecht ziemen, von einer — Dame gefahren zu werden."
„Aha, da pocht man wieder auf die gebietende Stellung des starken Geschlechts. Sei es drum, Herr Richard Löwenherz, werden Sie ganz ein Beschützer der Repräsentantin des schwachen Geschlechts und handeln Sie, als ströme in Ihren Adern ritterlich Blut! Kommen Sie!"
Und ihm vorauseilend, schritt sie hinab in den Schloßhof, wo schon der Kutscher beim angespannten @«hW iW N^<
Es war eine wunderschöne, laue, Helle Mondscheinnacht und eme Götterlust, durch den stillen Park, durch die in nächtlicher Ruhe daliegenden Weiler und Gefilde zu jagen. Reinhold fühlte sein Herz schwellen, als er sich so allein auf weitem Felde wußte mit Hella, der stolzen, geliebten, theuren Hella. Es überkam ihn das volle Bewußtsein seiner Kraft und Stärke ihr gegenüber; hier war sie nicht mehr die hochgeborene Edeldame, die es für Schande hielt, anderen Menschen gleich zu sein; hier stand sie da als das schwache ohnmächtige Weib, das ohne seinen Schutz hülflos und dessen ganzes Geschick jetzt allein in seiner Hand ruhte. Fast war er stolz darauf, daß sie ihre Schwäche erkennend, seinen Schutz gefordert hatte.
Stumm saß sie da und doch wie beredt war der Blick, den sie bisweilen zur Seite warf. Denn er drückte das Geständniß dessen aus, was Reinhold's Hochgefühl erregte. Endlich brach die Dame das Schweigen:
„Ich vergaß," sagte sie zu ihm aufblickend, „bei der Abfahrt Sie zu fragen, ob Sie auch mit Waffen versehen wären. Wir fahren sogleich an der Waldschenke vorüber, die bei unserer Herfahrt von trunkenen Fuhrleuten, Handwerksknechten und Fabrikarbeitern umlagert war. Weil ebendort eine Barriere ist, so sind wir gezwungen, anzuhalten und unsern Zoll zu zahlen. Vorhin aber entgingen wir den Insulten jener Menschen nur durch die Geistesgegenwart und Gewandtheit des Kutschers."
„Eine Waffe freilich habe ich nicht, doch denke ich, mein Arm ist stark genug, uns Beide zu schützen. Seien Sie darum ohne Sorge."
Rohes Gelächter, Geschrei und Gesang scholl aus der Ferne schon den Fahrenden entgegen. In malerischen Gruppen, bunt durcheinander, lagerten auf freiem Platze vor dem Zollhause Männer mit wilden Gesichtern, struppigen Bärten und schmutzigen Arbeitskitteln auf dem Rasen umher. Inmitten einer jeden Gruppe stand ein Grubenlicht neben einem Fasse, dem zur Seite einer der Männer lag und fortwährend damit beschäftigt war, die Gläser der Genossen aufs Neue zu füllen. Dabei brüllte jener Abschaum der Menschheit mit heiserer Kehle Lieder und Gassenhauer, die das Ohr eines Menschen von Anstand und Sitte aufs Tiefste beleidigen mußten.
„Wären wir erst an jener Klippe vorüber," seufzte Hella, sich fester in ihren Mantel hüllend. „Ich ahne nichts Gutes von Jenen da."
„Fürchten Sie Nichts," beruhigte Reinhold, sie ermuthigend, „ich nehme es mit einer Hand voll solcher Trunkenbolde schon auf."
Er hätte aufjauchzen mögen vor Freuden, sein Herz schwoll vor Lust und er fühlte eine ungewöhnliche Kraft in seinem Arme; einer Welt hätte er in diesem Augenblicke getrotzt, um Hella zu schützen.
Einsam unter ihrem Fenster
Stand ich oft in stiller Nacht;
Hab', so lang' ich konnte fühlen, Nur an sie allein gedacht.
Alles möcht ich für sie wagen, Durch Gefahr und Feuer geh'»!
Mich mit mächt'gen Feinden schlagen, Heeren kühn inS Auge seh'n.
Wenn von ihr geliebt ein And'rer
Herz und Hand dereinst erhält,
Dann geh' ich, den Tod zu suchen,
In die weite, weite Welt!
Ja, sie waren ihm aus der Seele gesprochen, diese Worte.
Leicht sprang er vom Bocke und ging festen Schrittes auf das Haus zu, den Zoll zu zahlen. Der Zollwächter, ein alter ergrauter Krieger mit weißem Schnurrbarte, lugte aus dem Schalterfenster und streckte schon von Weitem ihm die Hand entgegen.
„Herr!" flüsterte er, „machen Sie Kehrt, Marsch, geschwind! Die Kerle da sind aus Rand und Banden, ohne Disciplin, kanonenvoll, keinen Christenmenschen lassen sie ungeschoren und alle Vorübermarschirenden werden von ihnen in geschlossener Colonne angegriffen."
„Aber warum schenkt ihnen denn der Wirth noch Getränke?"
„Na, wenn er sich weigerte, dann würde es einen heißen Kampf geben. Bomben und Granaten, die Kerls sind dem Teufel und seiner Großmutter zu schlecht. Die würden alles in die Pfanne hauen, was ihnen in den Weg träte."
„Und Sie?"
„Ich? Na, wenn ich gebrechlicher Zahnstocher mein Käsemässer auch zöge, dadurch machte ich ja die Sache nur ärger, denn die Kerle handeln nicht nach den Regeln eines geordneten Gefechts. Was kann ich da thun? — ^a, das ist der Segen der Fabriken! Seitdem eine halbe Stunde von hier jener alte Rauchkasten steht, sind wir friedlichen Bewohner unserer Haut nicht mehr sicher. S'ist ein Scandal! Aber so wahr ich meinem Könige 50 Jahre treu gedient habe, morgen marschire ich zur Residenz und rapportire dem Allergnädigsten: „Königliche Hoheit, werde ich sagen, ein solcher . . . Herr, Herr, machen Sie Kehrt. Sehen Sie nicht, wie die Kerle auf das Fuhrwerk zustolpern? Ich stehe für Nichts mehr!"
j Es mr dir höchste Zeit, daß Reiuhold umlehrte.
Er hatte mit Absicht bisher gezaudert, denn fast wünschte er ein Rencontre. So sind die Menschen, daß sie unter gewissen Verhältnissen ein Unheil aufsuchen, welches sie in der Regel geflissentlich meiden. Reinhold stellte sich den Trunkenen in den Weg.
„Sieh' da," begann einer von ihnen bellend, „bist Du ein schmucker Fuhrknecht, Deine Herrschaft giebt Dir sichtlich gutes Futter! Wohin aber fährst Du?"
„Nach Kamtschatka!"
„Ah, das ist eine sehr schöne Gegend, dahin mußt Du uns mitnehmen." Dabei griffen sie in die Zügel der Pferde.
„Was wollt Ihr, Leute," herrschte Reinhold sie an, „mit welchem Rechte fasset Ihr meine Pferde an?"
„Haha!" lallte derselbe Trunkenbold, „wer will daran uns hindern? Das Recht, ja das Recht tragen wir in unsern Fäusten?"
„Das wird sich zeigen!" entgegnete Reinhold entschieden. „Augenblicklich laßt die Zügel fahren, oder ich werde euch dazu zwingen."
Jetzt sprangen, wie auf ein gegebenes Zeichen, die noch im Grase Lagernden von allen Seiten auf und schaarten sich um die Gruppe.
„Was will der Lump?" schrieen mehrere Stimmen zugleich. „Nieder mit ihm, schlagt den Hund todt, stecht ihn nieder! Das Täubchen dort soll dann unser Kampfpreis sein."
Fortsetzung folgt.
Vermischtes.
— Eine verwischte Grab schrift. Wie vorsichtig man in der Abfassung von Grabschriften sein muß, beweist eine Grabschrift in Vothausen, welche ursprünglich so hieß: „Hier liegt der wohledle Herr Heinrich von Plumpfeder, Seiner Hoheit Wohlbestellter Rath, Ritter mehrerer Orden, an der Seite seiner treuen Gattin Jda von Schonen-Walden-Palsp. Seinem hellen Kopfe verdankt das Land viele herrliche Institutionen. 1797." Mit der Zeit verwischten nun viele Buchstaben, und die übrigen zeigten folgende gewiß nicht beabsichtigte Zusammenstellung : „Hier liegt —--ein-- lump — der--Seine Hohe--stell--e ---mehr----seiner — Gattin-- Schönen Wa den — als — Seinem Kopf verdankt __e-- 1797."
Eingesandt.
Ein recht genußreicher Abend wurde den Theaterbesuchern durch die Aufführung des Stückes „Schloß am Meer" am Freitag Abend zu Theil. Zeugte schon die Auswahl dieses Stückes von dem guten Geschmack der Benefizianten, so war auch die Ausführung selbst eine sehr gute und sämmtliche Darsteller ernteten reichlich wohlverdientes Lob. Den größten Beifall aber erwarb sich der „Diener Franz", welche Rolle ein hiesiger „Kunstfreund" übernommen hatte und übte dieser talentvolle junge Mann durch seine urkomische Gestalt und durch sein vorzügliches und höchst „geistvolles" Spiel eine geradezu durchschlagende Wirkung auf die Lach- muskeln der Zuschauer aus. Schade, jammerschade, daß derselbe sein Talent nicht ganz der Bühne weiht. Derselbe würde jedenfalls in dergleichen Dioden ganz „Bedeutendes" leisten.
Leider wurden die ersten Acte des Stückes insofern gestört, daß mehrere junge Herren in dem an den Saal anstoßenden Gastzimmer so laut absichtlich Spektakel machten, daß ein großer Theil der Zuschauer vollkommen gehindert war, der Darstellung auf der Bühne zu folgen.
Wir machen diesen jungen Leuten weniger einen Vor- wurf als dem Wirth, welcher unbedingt die Verpflichtung hat, in diesem Zimmer während der Ausführung für Ruhe und Ordnung zu sorgen.
Wenn er das nicht thut, darf man sich nicht wundern, wenn das Publikum bei ähnlichen Fällen in Zukunft dergleichen Unternehmer zu veranlassen sucht, in solchen Lokalitäten ihren Sitz zu nehmen, in welchen man gegen so unliebsame Störungen geschützt ist.
(Theater.)
Mittwoch gelangt zum Benefiz der sich einer allgemeinen Beliebtheit erfreuenden Schauspielerin Fräulein Jenny Schwartz das effectvolle Costümlustspiel „Don Cäsar oder König und Straßentänzerin" zur Aufführung. Wir wünschen dem Frl. Schwartz, welches uns stets durch ihr munteres und anmuthiges Spiel Vergnügen machte, ein recht volles Haus.__
Kein hessischer Landwirth
sollte es versäumen, im kommenden Winterhalbjahre die in Kassel im 10. Jahrgang wöchentlich 8 Seiten stark erscheinende „Landwirthschaftliche Zeitung undAnzeiger", Organ des landwirthschaftlichen Central - Vereins für den Reg.-Bez. Cassel und des Vereins zur Beförderung der Fischzucht, zu lesen. Herausgegeben und redigirt von Herrn Oberamtmann Thon und durch die Mit- wirkung bewährter Fachmänner neuerdings noch erweitert, hat sich dieses Fachblatt als ein unentbehrliches Hülfsmittel für den hessischen Landwirth in seinem Berufe erwiesen. Trotz des reichen Inhalts ist der Preis der Zeitung — 1 Mark 25 Pfg. per Vierteljahr ei» sehr billiger zu nennen.