Ruhe ließ, freiwillig gestellt. Derselbe hatte gelegentlich einer Hochzeitsfeier in einem benachbarten Dorfe mit einem scharf geladenen Revolver Freudenschüsse abgegeben und dabei den achtzehnjährigen Heinrich Kaufmann ge- tödtet.
Homberg, 29. August. Die auf heute hierher berufene amtliche Lehrer-Konferenz im Seminar war außerordenlich zahlreich besucht und hatte dies wohl darin seinen Grund, weil auch die Lehrer der Nachbarkreise zum Besuche der Konferenz angehalten waren. Um 10 Uhr begann dieselbe mit Gebet und Ansprache des Direktors Dr. Otto. Seminarlehrer Wagner hielt darauf seine Probelektion über das Thema: „Die mathematisch - Astronomische Geographie in der Volksschule." Nach einem gemeinschaftlichen Mittagsessen im Hotel Paulstich fand um 3 Uhr unter Leitung des Seminarlehrers Meister ein Konzert der Seminaristen statt.
— Die Lehrer des Bezirksvereins Homberg erklärten sich heute einstimmig gegen den vom Bezirkverein Hanau zur Jahresversammlung eingebrachtenAn- tr ag, nach welchem die Mitglieder des Hauptausschusses zur Hälfte im Vereinsgebiet außerhalb Kassels gewählt werden sollen als ein unberechtigtes und unverdientes Mißtrauenvotum gegen den Hauptausschuß und beantragen, qu. Antrag von der Tagesordnung zu streichen, resp, von vornherein abzulehnen.
Eine Gespenstergeschichte
Nach dem Englischen.
(Schluß.)
„Träume, meine Herren, bringen gewöhnlich keine greifbaren Resultate und ich wünsche zu erfahren, wie aus meinem Traum sich eine so gut gearbeitete Cigarren- tasche entwickeln konnte, welche ich die Ehre hatte, Ihnen bei dem Beginn unsrer Konferenz vorzulegen."
Er antwortete:
„Ich gebe zu, Herr Langford, daß das Etui entscheidend für Sie spricht, aber auch nur das Etui und obendrein ist es noch möglich, daß die Direktoren sich durch eine zufällige Aehnlichkeit täuschen ließen. Darf ich die Tasche noch einmal sehen?"
Ich überreichte sie mit der Bemerkung:
„Es ist unwahrscheinlich, daß sich gerade dieser Namenszug auf einer andern findet."
Schweigend sah der alte Herr das Futteral einen Moment an, ehe er's Herrn Hunter reichte. Dieser drehte es um und um und schüttelte den Kopf, als er erklärte:
„Es ist keine oberflächliche Aehnlichkeit. Dies hier ist zweifellos John Dwerrihouses Cigarrentasche. Ich habe sie hundertmal gesehen und erkenne sie ganz gewiß wieder."
„Ihrer Ansicht!" unterbrach der Präsident. „Aber wie kam sie in den Besitz des Herrn Langford?"
„Sie lag, wie schon gejagt zu meinen Füßen, nachdem der Besitzer ausgestiegen war. Ich trat daraus, als ich ihm aus dem Wagenfenster nachsah und lief hinterher, um sie zurückzugeben, als ich Herrn Raikes mit ihm in tiefem Gespräch erblickte oder zu erblicken meinte."
Dieses Mal riß mich Jonathan mit krampfhafter Heftigkeit am Aermel und rannte mir zu:
„Sieh' mal Raikes an, sieh' mal Raikes an:"
Während ich mich umdrehte, schlich der Beamte todtenbleich und mit zitternden Lippen dem Ausgang zu.
Ich sprang ihm in den Weg, packte ihn an die Schultern wie ein Kind und drehte ihn gewaltsam gegen den grünen Tisch mit dem Ausruf um;
„Da seht mir Dem mal in's Gesicht, Ihr Herren, zeugt für mich!"
Die Stirn des Präsidenten wurde finster und er drängte:
„Wenn Sie etwas zu bekennen haben, Raikes, so thun Sie es jetzt."
Der Schwächling konnte sich nicht von mir losreihen und stammelte:
„Lassen Sie mich los; ich weiß von nichts. Sie haben kein Recht, mich hier wider meinen Willen festzuhalten. Lassen Sie mich los, sage ich!"
Der andre fragte:
„Hatten Sie mit Herrn John Dwerrihouse auf der Station Blackwater eine Zusammenkunft oder nicht? Ist die Anklage gegen Sie falsch oder wahr? Wenn das letzte der Fall ist, so bitten Sie um Gnade und machen ein ausführliches Bekenntniß!"
Der Schelm rang die Hände in hilflosem Schrecken und schrie:
„Ich war fünfzig Stunden weit weg, weiß von der ganzen Geschichte nichts und habe nichts zu gestehen. Ich bin bei Gott unschuldig!"
«Fünfzig Stunden weit weg;" wiederholte der Vorsitzende. „Wie so?"
„Ich war in Devonshire. Ich hatte drei Wochen Urlaub, wie Herr Hunter weiß, und kann klar legen daß ich die ganze Zeit dort unten war."
Als die Direktoren ihn so niedergedonnert und fast wahnsinnig vor Furcht sahen, stand einer der Herren I leise aus und hieß den Pedell die Saqlthür schließen. Dann fragt# maur
„Was hat Ihre Anwesenheit in Devonshire mit der Sache zu thun? Wann waren Sie dort?
Der Sekretär erklärte:
„Herr Raikes war im September beurlaubt und damals ungefähr verschwand Herr Dwerrihouse."
„Ich erfuhr es erst bei meiner Zurückkunft."
„Das wäre nachzuweisen," entschied der Präsident; „ich werde diesen Fall dem Gericht übergeben. Inzwischen rathe ich Ihnen, keinen vergeblichen Widerstand zu versuchen, sondern ein offenes und reuevolles Bekenntniß abzulegen, so lange Ihnen das noch hilft. Was Ihre Mitschuldigen betrifft. . . "
Der Lump fiel auf die Knie:
„Ich hatte keinen Mitschuldigen," zeterte er. „Seien Sie barmherzig und schonen Sie mein Leben; ich will auch alles gestehen. Ich wollte ihm ja nichts zu Leide thun; kein Haar auf seinem Kopf krümmen; seien Sie gnädig und lassen Sie mich laufen."
Blaß und bewegt stand der Vorsitzende auf:
„Gott im Himmel, welch' schreckliches Geheimniß steckt noch dahinter!"
„So wahr ein Herr über uns ist," sprach Jonathan mit tiefer Stimme, „Mord steckt dahinter."
„Nein, nein, nein! wimmerte Raikes wie ein geschlagener Hund, „nicht Mord; kein Schwurgericht kann Mord daraus machen! Ich wollte ihn nur betäuben . . . Todschlag ist es — o, fein Mord!"
Diese unerwartete Offenbarung brächte Grabesstille im Saal hervor, bis der Generaldirektor sagte:
„Du Unglücklicher hast Dich selbst angektagt."
„Sie haben mein Geständniß erzwungen und mir Verzeihung verheißen."
Der Redner antwortete:
„Sie haben ein Verbrechen gestanden, welches niemand ahnte und wir weder strafen noch verzeihen können. Ich gebe Ihnen anheim, sich vor den Herren Geschworenen schuldig zu erklären und nichts zu verhehlen. Wann thaten Sie es?"
Der Elende stand auf und lehnte sich schwer auf den Tisch. Die Antwort drängte sich widerwillig über seine Lippen, als ob ihn der Alp drücke:
„Am 22. September."
Am 22. September? Ich blickte auf Jelf und er auf mich. Alles Blut strömte mir zum Herzen und ich fühlte mich blaß und kalt werden, als mein Freund mir mit bebendem Mund zurannte:
„Ewiger Herrgott! was hast Du denn im Zuge gesehen?".....
* * *
Was ich im Zuge sah, ich weiß es bis heute noch nicht und habe mir nie eine Antwort auf diese Frage geben können. Er war, wie er leibte und lebte, der Ermordete, der schon seit zehn Wochen tief unten in einer verlassenen Lehmgrube unter faulenden Blättern zwischen Blackwater und Mallingford moderte. Mein „Gesicht" sprach, bewegte sich und sah aus, wie jener Mann im Leben. Ich hörte oder schien von ihm die Berichte zu vernehmen, von denen ich sonst nirgends und nimmermehr etwas erfahren haben würde; das Gespenst auf der Plattform führte zur Auffindung des Mörders und ich wurde ein passives Werkzeug der Gerechtigkeit. Eine Erklärung habe ich nicht ausfindig machen können. Sie bleibt dem Leser überlassen; ich berichte Thatsachen, die man annehmen muß, wie sie dastehen, mit dem tröstlichen Erfahrungssatz: Es geschehen Dinge unter der Sonne, von denen kein Verstand der Verständigen sich etwas träumen läßt.
Was nun schließlich die Cigarrentasche betrifft, so brächte man heraus, daß der Wagen, worin ich an jenem Nachmittag saß, lange ungebraucht im Schuppen gestanden hatte und thatsächlich derselbe war, in welchem John Dwerrihouse seine letzte Reise machte. Ohne Zweifel hatte er das Etni fallen lassen und es war unbemerkt geblieben, bis ich es fand.
Die Einzelheiten des Mordes kümmern uns nicht. Wer sich darüber unterrichten will, findet sie in dem Selbstbekenntniß des Augustus Raikes. Hier genügt, zu erwähnen, daß der Mörder, der mit den Verhandlungen über die Zweigbahn bekannt war, den Entschluß faßte, seinem Vorgesetzten aufzulauern; ihm die halbe Million abzunehmen und sich dann mit dem Raub nach Amerika zu flüchten.
Zu diesem Zweck nahm er ein paar Tage früher, als das Geld fällig war, Urlaub; ein Passagierbillet nach New-Aork in dem Dampfer, welcher am 23. September absegeln sollte; versah sich mit einem gewichtigen Todtschlüger und erwartete sein Opfer in Blackwater. Raikes traf Dwerrihouse auf dem Perron mit dem Vorgeben, daß ihn der Verwaltungsrath schicke; er erbot sich ihn auf einem Richtweg nach Mallingford zu führen; an einem einsamen Ort schmetterte er ihn mit dem Todtschlüger nieder; warf die Leiche in die abseits liegende Lehmgrube und bedeckte sie mit Zweigen und Erde. Sonderbarer Weise fürchtete sich der Mörder, nach gethaner Arbeit England zu verlassen. Nach seiner Angabe hat er den Direktor nicht erschlagen, sondern nur betäuben und berauben wollen und wagte später nicht zu fliehen, aus Furcht, Argwohn zu erregen.
Der Räuber war in den Vereinigten Staaten sicher, aber der Mörder wäre ausgeliefert worden. Darum ließ er sein Uebkrsahrtsgetd im Stich, lehrte
nach Ablauf des Urlaubs in sein Bureau zurück und verwahrte die Beute auf gelegenere Zeiten. Es kam ihm zu stattcn, daß man allgemein der Ansicht war, Herr Dwerrihouse habe sich mit dem Geld aus dem Staub gemacht, obgleich niemand wußte wie oder wohin.
Ob nun Raikes mit Absicht seinen Herrn erschlug oder nicht, ist unerwiesen geblieben. Jedenfalls erhielt er die volle Strafe für Mord; denn er wurde in der zweiten Woche des Januar 1875 in Old Besteh gehängt.
— Ende. —
Alte Erinnerung vom 34. Pr. Jnf.-Regiment.
(Im Monat Januar 1845 zu Aachen.)
D e r Posten.
Am Pulverthurm stehet auf eisigem Pfad, Gewehr im Arm, ein junger Soldat.
Er schaut hinein in die düstere Nacht, Umtost von des Sturmes brausender Macht.
Er denkt voll Freude der kommenden Zeit, Wo er von den Ketten des Dienstes befreit. Er denkt an sein Liebchen, so hold und schön, An's Vaterhaus denkt er und Wiederseh'n.
Da glüht sein Auge und sein Haupt wird so schwer, Und leise entsinkt seinem Arm das Gewehr, Und fester er nun sich den Mantel umschlägt, Indes die Erinn'rung zur Heimath ihn trägt. -
Und drüben in den Bergen Steht eine Hütte klein; Dort weilen seine Eltern Im engen Kämmerlein.
Und ihnen dicht zur Seite
Ein holdes Mädchen sitzt,
In ihrem dunklen -Auge Hell eine Thräne blitzt.
Sie reden von dem Sohne, Den in der großen Stadt Zum Dienste man gezogen Vor wenig Jahren hat.
Sie reden auch von Hochzeit und Dingen mancherlei, Wie bald die Zeit vorüber und der Geliebte frei. Die Nacht entfliehet zögernd, laut wird es in der Stadt, Die Runde in düsterem Schweigen der Hauptwache naht.
„Was giebts? Was hat verwüstet der eisige Schnee und Sturm?" —
„Ein Posten ist erfroren, der an dem Pulverthurm."
C. F. Möller.
Ein pensylvanisches Wettrennen.
(Für unsere Zeitung niedergeschrieben von C. Fr. Möller,
Major a. D.)
Vor etlichen Jahren veröffentlichten die Mitglieder eines Klubbs, daß binnen Kurzem ein Wettrennen abgehalten werden sollte, und setzten einen Preis von 100 Dollars für eine (englische) Meile Distanz aus. Die gedruckten Bedingungen lauteten, daß Alles an dem Wettrennen Theil nehmen könne, was vier Beine und Haare auf dem Felle habe. Ein Farmer in der Nachbarschaft Namens Hays hatte einen Ochsen, aus dem er gewöhnlich mit seinem Sack Korn zur Mühle ritt, und er entschloß sich, den Ochsen am Wettrennen Theil nehmen zu lassen. Er sagte Niemand ein Wort davon, sondern ritt mit ihm mehreremale während der Nacht um die Rennbahn herum, bis der Ochs den Boden genau kannte und die Bahn richtig einzuhalten im Stande war. Er ritt mit Sporen, was dem Ochsen besonders unangenehm war, und zwar so, daß er jedesmal, wenn er die Sporen fühlte, fürchterlich brüllte. Am Morgen, als das Wettrennen vor sich gehen sollte, kam Hays mit seinem Ochsen auf die Bahn geritten. Anstatt eines Sattels hatte er eine getrocknete Kuhhaut mit Hörnern daran auf den Rumpf des Ochsen gelegt. In der Hand hielt er eine blecherne Trompete. Er ritt auf den Richterstand zu, um sich und seinen Ochsen für das Wettrennen einschreiben zu lassen, wogegen aber die Pferdeeigenthümer protestirten. Er wies dagegen aus die Bestimmungen des Rennens hin, daß „Alles was vier Beine und Haare auf dem Felle habe," daran Theil nehmen könne. Nach vielem Hin- und Herstreiten sahen sich die Richter genöthigt, Hays und seinen Ochsen zum Rennen zuzulassen. Die Besitzer der Pferde ärgerten sich über den Ochsen und den schlechten Witz, den man, wie sie glaubten, mit ihnen beabsichtigte, dachten aber, daß die ganze Geschichte vorbei sein werde, sobald die Pferde erst den Anlauf genommen. Das Signal ward gegeben, die Pferde nahmen ihren Anlauf, doch in demselben Augenblick blies Hays in seine Trompete, stieß dem Ochien die Sporen in die Seiten und dieser stürzte unter wüthendem Gebrüll von bannen, während die getrocknete Kuhhaut auf- und niederflog und bei jedem Sprung ein eigenthümliches Klappern hervorbrachte, welches von dem Brüllen des Ochsen und den höllischen Tönen der Trompete begleitet war. Die Pferde wurden scheu und flogen nach allen Richtungen hin, wie wenn der böse Feind hinter ihnen gewesen, und Hays trug natürlim den Sieg davon. Die Pferdebesitzer machten Hays ton Triumph streitig und behauptete»/ tr-KbeK