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Schlüchterner Zeitung.

Amtliches Blatt für die Veröffentlichungen des Kreises Schlüchtern.

Erschein: Mittwochs und Samstag». - Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

^ 67. Mittwoch, den 22. August. 1888.

A m t l i ch e r T h e i l.

Bekanntmachung.

Zu der am 24. August d. Js., Nachmittags 3 Uhr im Gasthofzum Stern" hierselbst stattfindenden con- stitnirenden Generalversammlung des Kreis­vereins zum Rothen Kreuz zur Pflege im Felde verwundeter und ertränkter Krieger werden alle Mit­glieder des Vereins und Freunde der Sache des Rothen Kreuzes hierdurch eingeladen.

Gegenstand der Verhandlung:

1. Definitive Beschlußfassung und Annahme des Statuts (cfr. Beilage der Nummer 64 d. Bl.)

2. Wahl der Vorstände.

Schlüchtern, den 26. Juli 1888.

Im Auftrag: Roth, Königlicher Landrath.^

Die Macht des Kartellgedankens.

DieErörterungen über die Aufrechtyaltung des Kartells scheinen nunmehr zu einem gewissen Abschluß gekommen zu sein, Ihr Ergebniß kann als ein befriedigendes und erwünschtes bezeichnet werden. Denn wenn auch zwei Organe des rechten und des linken Flügels der im Kartell stehenden Parteien noch erst kürzlich aus einem in entschiedenerWeise für das Kartell eintretenden Schreiben des freiconservativen Herrn von Kartorff Anlaß ge­nommen haben, ihre Bedenken und Einwendungen dagegen zu wiederholen, so geschah dies doch mit einer gewissen Resignation, welche darauf hindeutet, daß das Bewußtsein von der Nothwendigkeit der Aufrechthaltung des Kartells eine Macht ist, der sich diejenigen nicht so ohne Weiteres zu entziehen vermögen, welche an den Segnungen der Kartellpolitik bisher praktischen Antheil genommen haben.

In der That ist dieses Bewußtsein eine Macht ge­worden, mit der nicht nur der Gegner schon längst rechnen, sondern die auch den unzufriedenen Elementen innerhalb der Kartellparteien sich fühlbar macht. Sie haben versucht, jene Macht zu erschüttern, haben aber keine anderen Mittel gefunden, als unerwiesene Beschuldigungen. Auf der einen Seite wird behauptet, die Nationalliberalen wollten nichts mehr vom Kartell wissen oder den Con- servativen innerhalb desselben keine Gleichberechtigung zugestchen, auf der anderen Seite wird die Fabel ver­breitet, die Conservativen wollten für die Windhorst'sche Schulpolitik eintreten und mit dem Centrum Hand in Hand gehen. Diese gegenseitigen Beschuldigungen ent­springen einer gewissen Eifersucht, welche leicht zwischen Wasfengcführten entsteht, wenn in dem Kampfe gegen den gemeinsamen Gegner eine Pause eingetreten ist. Mögen aber auch jene Beschuldigungen vorrübergehend verstimmt haben, so waren sie doch nicht im Stande, die Waffengefährten ihrer Pflicht gemeinsamen Handelns vergessen zu machen. Es ist ein glänzender Beweis von der großen Macht der Einigkeit der nationalen Parteien, daß sie durch solche Mittel nicht ins Wanken gebracht werden konnte. Hierzu hätte es ganz anderer Mittel bedurft, vor Allem der festen und unerschütter­lichen Ueberzeugung, daß das Bündniß geschadet habe und seine Aufrechthaltung ein Unsegen sein würde.

Wer aber innerhalb der Kartellparteien möchte sich zu dieser Ueberzeugung bekennen? Vielleicht giebt es hier und da einen Politiker, der, von engherzigem Parteifanatismns befangen, seinen Weizen nur dann blühen sieht, wenn er dasLos vom Kartell' durchsetzt: aber Verständniß für einen solchen einseitigen Standpunkt wird er bei den Wählern nicht finden. Vielleicht mag auch in der That der einen oder der anderen Partei aus einer rücksichtslosen Vertretung der eigenen Interessen ein vorübergehender Vortheil erwachsen: aber einen sicheren dauerhaften Boden wird sie sich damit im Volke uid)t verschaffen.

Für die Wähler, welche sich zu den nationalen Par­teien rechnen, bildet der Streit innerhalb dieser Parteien in der That nichts, was sie begeistern und fesseln könnte. Dieser Streitigkeiten sind sie selbst in hohem Maße überdrüssig. Für sie giebt es, nachdem einmal die Par­teien sich zu der einigenden That des Kartell anfgcrafft haben, keine andere Sorge, als daß auf diesem Boden, der sich für die Interessen des Vaterlandes so fruchtbar gezeigt hat, weiter gearbeitet werde. Für sie giebt es nur eine Frage:Dürfen wir mit dem zufrieden sein, was durch die Einmülhigkeit der nationalen Parteien in Verbindung mit der Regierung endlich erreicht wurde, oder nicht?" Diese Frage stellen, heißt sie Beantworten Das Kartell, diese nationale Wehrkraft, deren Bildung

noch in dem letzten Lebensjahre des großen Kaisers Wilhelm ermöglicht wurde, unter allen Umständen aufrecht zu erhalten, erachten wir als ein theures Vermächtniß jener großen Zeit, es zu schwächen oder zu zerstören, für einen Fehler, welcher den gegnerischen Elementen wieder Oberwasser geben und der ruhigen, gesunden Entwickelung im Innern die größten Schwierigkeiten und Verwickelungen bereiten würde.

Möchte auch im Kreise Schlüchtern-Gelnhausen der Kartellgedanke d. h. der Gedanke der Versöhnung aller wahrhaft nationalen Männer, welcher Partei und Con- fession sie auch angehören mögen, für die bevorstehende Wahl zum Abgeordnetenhause allein maßgebend sein!

Deutsches Reich.

Oberhof, 17. August. Das ins Manöver marschirende 2. Bataillon des 95. Jnf.-Regts. (Hildburghausen) wird den 15. August fortan zu seinen schönsten Erinnerungs­tagen zählen. Auf einer Wiese vor dem Dorfe Oberhof hatte das Bataillon sich an diesem Tage nach dreistündigem Marsche zum Rendezvous gelagert, als die kaiserlichen Prinzen angefahren kamen und am Rendezvousplatze ausstiegen. Die kleinen Hohenzollern hatten Infanterie- Ausrüstung angelegt und eilten über Wurzeln und Steine, die Hand beständig zum militärischen Gruße an den Helm gelegt, auf die Soldaten zu. Da der Besuch bereits vorher angekündigt war, so war Befehl gegeben worden, daß die Mannschaften sich ruhig und angemessen verhalten, im Uebrigeu sich jedoch durchaus nicht durch den Besuch in ihrer Erholung beeinträchtigen lassen sollten. Es war ein überwältigender Anblick, als die frischen, blondlockigen Prinzen in den Kreis der Offiziere traten und jedem Offizier der Reihe nach die Händchen reichten. Dann wurde ein Tornister vor den Augen der Prinzen ausgepackt, was besonders den Kronprinzen sehr zu intercssircn schien. Der BataillonS-Commandeur ließ die Fahne herbeibringen und sie entrollen, die­selbe war so zerschossen, daß nur noch seidene Fetzen an der Fahnenstange hingen und riß von derselben vier kleine Stücke ab, welche er den Prinzen zum Andenken an den für das Bataillon unvergeßlichen Moment über- gab. Währenddessen concertirte die Bataillonsmusi! ununterbrochen; die alten historischen Märsche, denen der Kaiser sein volles Interesse gewidmet hat, klangen durch die sonnige Morgenluft und fanden ihr Echo in den fernen Gründen. Auch von Soldatenkehlen wurde ein Lied, eine Kaiserhymne angestimmt und schließlich brächte sogar ein älterer Sergeant ein Hoch auf den Kronprinzen und seine Brüder aus, in das die. Mann­schaften, jubelnd die Feldmützen schwenkend, voll unge­künsteltem Enthusiasmus einstimmten. Eine Stunde ungefähr dauerte der Aufenthalt der Prinzen unter den Soldaten, wobei sie sich ganz ungenirt zwischen den um ihre Feldkessel gruppirten Mannschaften umhertummelten, dann entführte der Wagen wieder die prinzlichen Besucher. Als das Bataillon nach beendeter Rast-Pause im Parade­marsche mit angefaßtem Gewehr am Herzoglichen Jagd­schlösse vorbeimarschirte, harrte seiner noch eine anmutige Ucberraschung. Die Prinzen hatten sich an der Straße nach Ohrdruf, wohin die Marschroute der Truppen ging, ausgestellt und beim Nahen des Bataillons comman- dirte der Kronprinz seinen BrüdernStillgestandcn! Präseutirt das Gewehr!" was von den kleinen Soldaten zur Rührung aller Augenzeugen prompt ausgeführt wurde, bis der letzte Mann vorüber war. Selten ist wohl ein Parademarsch mit einer solchen Strammheit und Exaktheit ausgeführt worden, als am Morgen des 15. August auf der Oberhof -Ohrdrufer Landstraße. Mannschaften und Offiziere waren wie electrisirt von dem wunderbar-lieblichen Anblick, der sich ihnen bot, und manchem von den Zuschauern traten die Hellen Thränen der Rührung über das entzückende Bild, das Keiner, der es mit angesehen hat, je im Leben vergessen wird, in die Augen.

Vorsfelde (Herzogthum Braunschweig,) 14. August. Auf ganz eigenthümliche Weise ist hier ein 10jähriges Mädchen um's Leben gekommen. Dasselbe war beauftragt 4050 Schafe zu hüten. Als das Kind Abends mit der Hecrde nicht zurückkam und man Nachforschungen anstellte, fand man dasselbe auf dem Weideplätze todt, von den Schafen zertreten vor. Man nimmt an, daß das Mädchen eingeschlafen und die Schafe, vielleicht scheu gemacht, dasselbe umdrängt und so getödtet haben.

Aus der Pfalz, 14. Aug. Am Samstag retteten zwei mit Kohlentragen beschäftigte Arbeiter und ein

Schiffskuecht zuerst einen Erwachsenen und später einen 7jährigen Knaben des Tagelöhners Schweitzer, welche in den Hochangeschwollenen Kanal gestürzt waren, von dem Tode des Ertrinkens. Während sonst solchen Leuten behördlicherseits die wohlverdiente Anerkennung gezollt wird, hat sich die Frankenthaler Polizei veranlaßt ge­sehen, zwei der Retter, den Kohlenträger Peter Metzler und den auswärtigen Schiffsknecht zu Protokolliren, weil sie sich, bevor sie in's Wasser sprangen ihrer Kittel entledigt hatten und sich wegen des entblößten Oberkörpers eines Sittlichkeitsvergehens schuldig gemacht haben sollen. Da fehlt nur noch, daß man eine Klei­derordnung für Retter einführt und dieselbe an be­suchter Uferstelle öffentlich aushängt, damit männiglich weiß, wie weit ihm sich zu entkleiden gestattet ist, wenn er Gesundheit und Leben auf's Spiel setzt, um Jemand aus der Gefahr des Ertrinkens zu retten.

Mainz, 15. August. Ein räthselhafter Fund wurde heute im Rhein gemacht; mehrere Leute waren damit beschäftigt, mit einer sogen. Legschnur zu fischen und zogen hierbei eine Hose aus dem Wasser. Bei dem Untersuchen derselben wurde in der Tasche ein Hundert­markschein und 200 Mk. in Gold und etwas Silbergeld gefunden; außerdem befanden sich verschiedene Schlüssel in der Tasche. Der Fund wurde auf der Polizei ab­geliefert.

Tages-Ereignisse.

Schlüchtern. Dem Vernehmen nach hat unser Herr Landrath zur Herstellung seiner Gesundheit einen län­geren Urlaub nachgesucht. Die Verwaltung des Land­rathsamtes wird inzwischen der Kreisdeputirte Herr Bürgermeister B e r t a führen.

Aus dem Kreise Gelnhausen kommt die Nachricht, daß vor einigen Tagen in Wächtersbach auf Einladung des Landraths von Riedelel eine vertrauliche Wahlver­sammlung stattgefunden hat. Ueber das Resultat der Besprechung der hochconservativen Elemente, die sich zusammengefunden, lassen sich bis jetzt nur Vermuthungen aufftetkn, Im Kreise Schlüchtern wird man vielleicht etwas überascht sein zu hören, daß nur der jüngste Einwohner, Freiherr Rittmeister v. Stumm zu Ramholz mit einer Einladung beehrt worden ist. Wenn dies auch nach Lage der Sache vorläufig das Beste gewesen sein mag, so wäre doch zu wünschen, daß durch eine baldige Annäherung und Verständigung der Wahlmänner beider Kreise im Sinne des vor drei Jahren geschlossenen Compromisses (siehe Nr. 57 u. 58 d. Bl.) ein einheit­liches geschlossenes Vorgehen erzielt würde.

DasFranks. Journ." und dieHanauer Ztg." bringen nachfolgendes Eingesandt aus Gelnhausen zur Wahl, welches wir unseren Lesern bei dem Interesse der Sache nicht vorenthalten wollen:

Aus Gelnhausen, 15. Aug., wird demFr. Jl." zur Wahl geschrieben: In unseremWahlkreis Gelnhausen- Schlüchtern arbeiten einige Wahlmacher bereits eifrig an der Auffrischung der conservativ-ultramontanen Ver­brüderung. Besonders thätig zeigt sich ein Herr, der in der vorigen Wahlperiode die sonderbare Rolle spielte, als conservativer Vertrauensmann Herrn von Riedesel als conservativen Candidaten aufzustellen und alsbald ich selbst als conservativ-clericalen Gegencandidaten auf- 'tellen zu lassen. Damals gab die ultramontane Fuld. Ztg. )ic Weisung, daß der evangelisch-conservative Riedesel der am meisten genehme und selbst dem katholischen Candidaten vorzuziehen sei. Diese Parole war nicht verwunderlich nach der ausdrücklichen Erklärung, die Herr v. Riedesel in einer Wählerversammlung abgegeben hatte, dahin lautend, daß die Erziehung des Clerus eine rein innerkirchliche Angelegenheit sei, in welche die Staatsregierung nicht das Mindeste hineinzureden habe. Wenn schon damals die Ultramontanen mehr als zufrieden ein konnten mit dem ihnen angetragenen Candidaten, o können sie es jetzt gewiß mit dem sein, den die Conservativen des Kreises Schlüchtern, denen laut Ab­machung der Vorschlag zusteht, in Bereitschaft halten. Ob aber auch alle Conservativen diesem Candidaten zu- timmen?! Denn mit dem Zukunftsbild, das dieser Herr in seinem Leiborgan, demSchlüch. Krsbl.", in einem ArtikelDer Nuntius kommt" entrollt hat, stellt er auch die allerkühnsten Hoffnungen und Phantasie- gebilde der Federhelden derGermania" in den Schatten. Im Geiste sieht er den Nuntius durch das Hallische Thor seinen Triumpfzug in die Reichshauptstadt halten als Träger des höchsten Völkerglücks, aus dessen Hand