Augenblickes war. Kaum aber hatte der lange Bahnzug die Stätte des tragischen Ereignisses passirt, so ging das Reh, mehr trollend als flüchtig, wieder zurück, hin und wieder stutzend, und seiner Trauer um den verlorenen Gefährten durch langgezogenes Schmälen Ausdruck gebend. Von dem unter so merkwürdigen Umständen zu Fall gekommenen Rehbock erwies sich der größte Theil der Wildbräts sowie eine Stange unverletzt.
Des
Freiherr» von Münchhausen
eigene Grzäytung.
(Fortsetzung.)
Zehntes See-Abenteuer.
Eine zweite Reise nach dem Monde.
Ich habe schon ehemals von einer kleinen Reise erzählt, die ich nach dem Monde machte, um meine silberne Axt wieder zu holen. Ich kam nachher noch einmal auf eine viel angenehmere Art dahin, und blieb lange genug daselbst, um von verschiedenen Dingen mich gehörig zu unterrichten, die ich nun so genau, als mein Gedächtniß mir erlaubt, beschreiben will.
Ein weitläufiger Verwandter von mir hatte sich die Grille in den Kopf gesetzt, es müßte nothwendig ein Volk geben, das dem an Größe gleichkäme, welches Gulliver in dem Königreiche Brobdignag gefunden haben will.
Dies aufzusuchen, ging er auf eine Entdeckungsreise aus und bat mich, ihn zu begleiten.
Ich meinestheils hatte nun zwar jene Erzählung nie für etwas mehr gehalten, als ein artiges Märchen, und glaubte so wenig an ein Brobdignag, als an Eldorado; indes der Mann hatte mich zum Erben eingesetzt und ich war.ihm also wieder Gefälligkeiten schuldig.
Wir kamen auch glücklich nach der Südsee, ohne daß uns irgend etwas aufstieß, das verdiente angeführt zu werden, außer einigen fliegenden Fischen, die in der Lust Menuett, tanzten oder Springerkünste machten, und dergleichen Kleinigkeiten.
Den achtzehnten Tag, nachdem wir bei der Insel Otahaiti vorbeigekommen waren, führte ein Orkan unser Schiff wenigstens tausend Meilen von der Oberfläche des Wassers in die Lust empor und hielt es geraume Zeit in dieser Höhe.
Endlich füllte ein frischer Wind unser Segel, und nun ging's mit unglaublicher Geschwindigkeit fort.
Sechs Wochen lang waren wir über den Wolken gereist, als wir ein großes Land entdeckten, gleichsam eine schimmernde Insel. Wir liefen in einen bequemen Hasen ein, gingen an das Ufer und fanden das Land bewohnt. Unter uns sahen wir eine andre Erde mit Städten, Bäumen, Bergen, Flüssen, Seen u. s. w., das, wie wir vermutheten, die Welt war, die wir verlassen hatten.
Im Monde — denn das war die schimmernde Insel, an der wir gelandet hatten, — sahen wir große Gestalten, die auf Geiern ritten, von denen jeder drei Köpfe hatte. Um dem Leser einen Begriff von der Größe dieser Vögel zu geben, muß ich sagen, daß die Entfernung von einem Ende ihres Flügels bis zum andern sechsmal so lang war, als das längste Segeltau an unsrem Schiffe. — Gerade so, wie wir Erdbewohner auf Pferden reiten, fliegen die Einwohner des Mondes auf diesen Vögeln umher.
Der König hatte gerade einen Krieg mit der Sonne. Er bot mir eine Offizierstelle an; allein ich verbat mir die Ehre, die Seine Majestät mir zudachte.
Alles ist in dieser Welt außerordentlich groß; eine gewöhnliche Fliege z. B. ist nicht viel kleiner als eines unsrer Schafe. Die vorzüglichsten Waffen, deren sich die Einwohner des Mondes im Kriege bedienen, sind Rettige, die wie Wurfspieße gebraucht werden und den, der damit verwundet wird, augenblicklich tödtet. Ihre Schilde sind aus Pilzen gemacht, und wenn die Zeit der Rettige vorbei ist, so vertreten die Spargelstengel ihre Stelle.
Ich sah hier auch einige von den Eingebornen des Hundssterns, die der Handelsgeist zu dergleichen Streifereien verleitet. Diese sonderbaren Leutchen haben ein Gesicht wie große Bullenbeißer. Ihre Augen stehen zu beiden Seiten der Spitze oder vielmehr des untern Endes ihrer Nase. Sie haben keine Augenlider, sondern bedecken ihre Augen, wenn sie schlafen gehen, mit ihrer Zunge. Gewöhnlich sind sie zwanzig Fuß hoch.
Von den Einwohnern des Mondes aber ist keiner unter sechsunddreißig Fuß. Der Name, den die letztern führen, ist etwas sonderbar. Sie heißen nicht Menschen, sondern „kochende Geschöpfe", weil sie ebenso wie wir ihre Speisen beim Feuer zurechtmachen.
Uebrigens nimmt ihnen das Essen sehr wenig Zeit weg; denn sie öffnen nur die linke Seite und schieben die ganze Portion auf einmal in den Magen hinein; dann schließen sie wieder zu, bis nach Verfluß eines Monats derselbe Tag wieder kommt. Sie haben mithin das ganze Jahr hindurch nicht mehr als zwölf Mahlzeiten, — eine Einrichtung, die jeder, der kein Feinschmecker oder Schlemmer ist, der unsren weit vorziehen muß.
Wenn die Leute im Monde alt werden, so sterben sie nicht, sondern lösen sich in Luft auf und verfliegen wie Rauch.
Sie haben nur einen Finger an jeder Hand, mit dem sie alles thun können, so gut oder noch besser als wir, die wir außer dem Daumen viere haben.
Ihren Kopf haben sie unter dem rechten Arm, und wenn sie auf eine Reise oder an eine Arbeit gehen, bei der sie auch heftig bewegen müssen, so lassen sie ihn gemeiniglich zu Hause, denn um Rath fragen können sie ihn, sie mögen von ihm entfernt sein so weit sie wollen.
Auch pflegen die Vornehmen unter den Mondbewohnern, wenn sie gern wissen möchten, was unter dem gemeinen Volke vorgeht, nicht unter dasselbe sich zu be- geben. Sie bleiben zu Hause; d. h. der Körper bleibt zu Hause und schickt nur den Kopf aus, der inkognito gegenwärtig sein kann und dann nach Gefallen seines Herrn mit der eingezogenen Kundschaft zurückkehrt.
Die Traubenkerne im Monde sind vollkommen unsrem Hagel ähnlich, und ich bin fest überzeugt, daß, wenn ein Sturm im Monde die Trauben von ihren Stielen abschlägt, die Kerne dann auf unsre Erde herunterfallen und den Hagel bilden.
ß Ich glaube auch, daß diese meine Bemerkung manchem Weinverkäufer schon so lange bekannt sein muß, wenigstens habe ich öfters Wein bekommen, der aus Hagelkörnern gemacht zu sein schien und vollkommen so schmeckte wie der Mondwein.
Einen merkwürdigen Umstand hätte ich bald vergessen. — Der Bauch thut den Leuten im Monde ganz die Dienste, die uns ein Ranzen thut; sie stecken in ihn hinein, was sie nöthig haben, und schließen ihn ebenso, wie ihren Magen, nach Belieben auf und zu; denn mit Gedäimen, Leber, Herz und andern Eingeweiden sind sie nicht beschwert.
Ihre Augen können sie nach Gefallen herausnehmen und einsetzen, und ebenso gut damit sehen, wenn sie in ihrem Kopf, als wenn sie in ihrer Hand sind. Verlieren oder beschädigen sie zufälligerweise eins, so können sie ein andres borgen oder kaufen, und dasselbe so gut gebrauchen als ihr eignes. Man trifft daher allenthalben im Monde Leute an, die mit Augen handeln. Diese Angenverkäuser machen gute Geschäfte, da der Geschmack sehr verschieden ist und häufig wechselt; bald sind blaue, bald braune, grüne oder graue Augen in der Mode und besonders gesucht.
Ich gestehe, diese Dinge klingen seltsam; aber ich stelle es jedem, der den geringsten Zweifel hat, frei, selbst nach dem Monde zu gehen und sich zu überzeugen, daß ich der Wahrheit so treu geblieben bin, wie vielleicht nur wenige andre Reisende!
Reise durch die Welt
nebst andern merkwürdigen Abenteuern.
Brydones Reisen nach Sicilien, die ich mit un- gemeinem Vergnügen durchlesen habe, machten mir Lust, den Berg Aetna zu besuchen.
Auf meinem Wege dahin stieß mir nichts Merkwürdiges auf.
Ich sage mir; denn mancher andre hätte wohl verschiedenes äußerst merkwürdig gefunden, was mir alltägliche Kleinigkeit war und womit ich keines ehrlichen Mannes Geduld ermüden mag.
Eines Morgens reiste ich früh aus einer am Fuße des Berges gelegenen Hütte ab, fest entschlossen, auch wenn es auf Kosten meines Lebens geschehen sollte, die innere Einrichtung dieses berühmten Feuerschlundes zu untersuchen und auszuforschen.
Nach einem mühseligen Wege von drei Stunden befand ich mich auf der Spitze des Berges. Er tobte damals gerade und hatte schon drei Wochen getobt.
Wie er unter den Umständen aussieht, das ist schon so oft geschildert worden, daß, wenn Schilderungen es darstellen können, ich auf alle Fälle zu spät komme; und wenn sie, wie ich aus Erfahrung sagen darf, es nicht können, so wird es am besten gethan sein, wenn nicht auch ich über dem Versuche einer Unmöglichkeit die Zeit verliere.
Ich ging dreimal um den Krater herum — den man sich als einen ungeheuren Trichter vorstellen muß, und da ich sah, daß ich dadurch um nichts klüger wurde, so faßte ich kurz und gut den Entschluß, hineinzuspringen.
Kaum hatte ich dies gethan, so befand ich mich in einem verzweifelt warmen Schwitzkasten, und mein armer Leichnam wurde durch die rothglühenden Kohlen, die beständig heraufschlugen, an mehreren Theilen, edlen und unedlen, jämmerlich gequetscht und verbrannt.
So stark übrigens die Gewalt war, mit der die Kohlen heraufgeschmissen wurden, so war doch die Schwere, mit der mein Körper heruntersank, um ein Beträchtliches größer, und ich kam in kurzer Zeit glücklicherweise auf den Grund.
Das erste, was ich gewahr wurde, war ein abscheuliches Poltern, Lärmen und Toben, das rings um mich zu sein schien.
Ich schlug die Augen auf, und siehe da! — ich war in der Gesellschaft Vulkans und seiner Cyklopen.
Diese Herren — die ich in einem weisen Sinne längst ins Reich der Lügen verwiesen hatte — hatten sich seit drei Wochen über Ordnung und Subordination
gezankt, und davon war der Unfug in die Oberwelt gekommen.
Meine Erscheinung stellte auf einmal unter der ganzen Gesellschaft Friede und Eintracht her.
Vulkan hinkte sogleich nach seinem Schranke hin und holte Pflaster und Salben, die er mir mit eignet Hand auflegte, und in wenigen Augenblicken waren meine Wunden geheilt. Auch setzte er mir einige Erfrischungen vor, eine Flasche Nektar und andre kostbare Weine, wie sonst nur Götter und Göttinnen sie zu kosten kriegen. Sobald ich mich etwas erholt hatte, gab er mir eine sehr genaue Beschreibung von dem Berge Aetna. Er sagte mir, daß derselbe nichts als eine Anhäufung von Asche wäre, die aus seiner Esse ausgeworfen würde, daß er häufig genöthigt wäre, seine Leute zu strafen, daß er ihnen dann im Zorne glühende Kohlen auf den Leib würfe, die sie oft mit großer Geschicklichkeit parirten und in die Oberwelt hinauf- schmissen, um sie ihm aus den Händen zu bringen.
„Unsre Uneinigkeiten," fuhr er fort, „dauern bisweilen mehrere Monate, und die Erscheinungen, die sie auf der Welt veranlassen, sind das, was ihr Sterbliche, wie ich finde, Ausbrüche nennt. Der Berg Vesuv ist gleichfalls eine meiner Werkstätten, zu der mich ein Weg führt, der wenigstens 350 Meilen unter der See hinläuft. — Achnliche Uneinigkeiten bringen auch dort ähnliche Ausbrüche hervor."
So hielt ich mich denn einige Tage in der Unter« welt auf und wurde nicht müde, das wunderbare Leben und Treiben Vulkans und seiner Untergebenen zu beobachten. Trotz der großen Hitze, die unten herrscht, fing ich allmählich an, mich heimisch zu fühlen, zumal mich Vulkan mit ganz besonderer Auszeichnung behandelte und mich aufs glänzendste bewirthete. Aber gerade diese ausgesuchte Bevorzugung, die mir zu Theil wurde, schuf mir auch bittere Feinde und Neider, welches es sich angelegen sein ließen, mich durch die lügenhaftesten Verläumdungen bei Vulkan anzuschwärzen, was ihnen leider nur zu gut gelang.
Ohne mir vorher nur den geringsten Wink zu geben oder nur Zeit zu lassen, mich gegenüber den Verläumdungen meiner Feinde zu rechtfertigen, nahm er mich eines Morgens beim Arm, trug mich in ein Zimmer, das ich vorher nie gesehen hatte, hielt mich über einen tiefen Brunnen, wie es mir vorkam, und: „Undankbarer Sterblicher," sagte er, „kehre zurück zu der Welt, von der du kamst."
Mit diesen Worten ließ er mich mitten in den Abgrund hinunterfallen.
Ich fiel und fiel mit immer zunehmender Geschwindigkeit, bis die Angst meiner Seele mir endlich alle Besinnung nahm. Plötzlich aber wurde ich aus meiner Ohnmacht aufgeweckt, indem ich auf einmal in eine ungeheure See von Wasser kam, die durch die Strahlen der Sonne erleuchtet wurde.
Ich konnte schon seit meiner Jugend vortrefflich schwimmen und alle möglichen Wasserkünste machen. Daher war ich gleich wie zu Hause, und im Vergleich mit der fürchterlichen Lage, aus der ich eben befreit war, kam mir meine gegenwärtige wie ein Paradies vor.
Ich sah mich auf allen Seiten um, sah aber leider überall nichts als Wasser; auch unterschied sich das Klima, unter dem ich mich nun befand, sehr unbehaglich von Meister Vulkans Esse.
Endlich entdeckte ich in einiger Entfernung etwas, das wie ein erstaunlich großer Felsen aussah und auf mich zuzukommen schien.
Bald zeigte sich's, daß eS eines der schwimmenden Eisgebirge war. Nach langem Suchen fand ich endlich eine Stelle, an der ich auf dasselbe hinauf und bis zur obersten Spitze klimmen konnte. Allein zu meiner größten Verzweiflung war es mir auch von hier au# noch unmöglich, Land zu entdecken.
Endlich, kurz vor Dunkelwerden, sah ich ein Schiff/ das gegen mich zufuhr. Sobald ich nahe genug war, rief ich; man antwortete mir holländisch; ich sprang in die See, schwamm zu dem Schiffe hin und wurde an Bord gezogen.
Ich erkundigte mich, wo wir wären, und erhielt die Antwort: im Südmeer.
Diese Entdeckung löste auf einmal das ganze Räthsel. Es war nun ausgemacht, daß ich von dem Berge Aetna durch den Mittelpunkt der Erde in die Südsee gefallen war; ein Weg, der auf alle Fälle kürzer ist, als der um die Welt. Noch hatte ihn niemand versucht als ich- und mache ich ihn wieder, so werde ich gewiß sorgfältigere Betrachtungen anstellen.
Ich ließ mir einige Erfrischungen geben und ging zu Bette.
Ein grobes Volk aber ist es um die Holländer. Ich erzähle meine Abenteuer den Offizieren ebenso aufrichtig und simpel, als ich sie hier niedergeschrieben; trotzdem machten einigewon ihnen, vorzüglich der Kapitän. Miene, als zweifelten sie an meiner Wahrhaftigkeit. Indes sie hatten mich freundschaftlich in ihr Schiff g^ nommen, ich mußte durchaus von ihrer Gnade leben und folglich auch wohl oder übel den Schimpf in die Tasche stecken.
Ich erkundigte mich, wohin ihre Reise ginge-
Sie antworteten mir, sie wären auf neue Eatde^