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O Aus dem Kreise. Die diesjährige Kirschen-Ernte ist eine geradezu gesegnete zu nennen. Die Aeste der Kirschbäume neigen sich tief unter der Last der süßen Früchte und die Landstraßen sind zum Theil wie besäet mit den kleinen, meist schwarzen sog. Vogelskirschen. Der Landmann schließt von der Kirschen- auf die Kartoffel-Ernte. In der That haben die Kartoffeln auch dieses Jahr einen unvergleichlich üppigen Stand. Wie es aber unten aussieht, wird sich bald zeigen. Die Frührose hat schon eine Menge schwarzer, fauler Knollen und die spätreifen Sorten werden unter dem Einfluß der abnormen Witterung wohl nicht besser, vielleicht noch schlechter ausfallen.

□ Ulmbach, 31. Juli. Seit längerer Zeit hatte man hier keine Zigeuner gesehen. Heute Morgen, als der Tag graute, wurden wir wieder einmal von einer ansehnlichen Bande beehrt. (An den Feldern, die an die Straßen stoßen, konnte man bemerken, daß die Zigeunerpferde auch unausgedroschenen Hafer fressen.) Nachdem die Damen der schwarzen Gesellschaft in zahl­reichen Familien die nöthigen Nahrungsmittel für den Tag in Empfang genommen und als Gegenleistung einen Blick in die Zukunft gestattet, zog die Bande, größtentheils zu Fuß, in paradiesischen Schuhen, tiefer in den Vogelsberg hinein. Darüber wäre nun weiter nichts zu sagen. Daß es aber im 19. Jahrhundert noch Leute giebt, die an Hexen und Hexenbann, an Geisterbeschwörung, Festmachen, Glücksegnen oder Sancn u. bergt. glauben und sich von Zigeunern auf die er­bärmlichste Weise beschwindeln lassen, das ist leider mehr der Fall als man glauben sollte und nur zu bedauern.

Mittelbuchen, 1. August. Die zweite hiesige Lehrer- stelle hat Herr Lehrer Röder aus Hütten erhalten. Derselbe bezog heute sein neues Heim, die neu reno- virte Lehrerwohnung. Der Eingang war von der Ein­wohnerschaft mit Fichten-Kränzen und Guirlanden ge­schmückt worden.

Frankfurt, 3 August. Am Sonntag kam eine Frau ganz unverhofft von Soden nach Frankfurt. Sie hatte im Bad keine Ruhe mehr und wollte einmal sehen, wie es zu Haus zuging. Hier angekommen, fand sie ihre Wohnung verschlossen, hörte aber ihr jüngstes Kind, welches dem Dienstmädchen anvertraut war, heftig schreien. Alsbald wurde die Vorplatzthüre gewaltsam geöffnet, man fand, nach der Kl. Pr., außer dem schreienden Kind, Niemand in der Wohnung. Man eilt nun zur Mansarde empor und traf daselbst das Dienstmädchen in Gesellschaft eines Herrn bei Wein und Kuchen. Das liebende Paar wurde natürlich sofort an die Luft gesetzt.

Mainz, 3. Aug. In einer der nächsten Nächte wird die gesummte Garnison der Festung Mainz eine Feld­dienstübung vornehmen, Dieselbe wird in einem Angriff auf das Fort Hardenberg bestehen. Die Uebungen sollen bei electrischem Lichte stattfinden. An den Uebungen betheiligen sich auch die Mannschaften der Unteroffizier- schule in Biebrich, welche in der Gegend von Walluf über den Rhein setzen und alsdann über Budenheim bis Gonsenheim vordringen.

Ausland.

In Chicago hat Frau Emma Mumford ihren Mann, der mit einer Clara Brown durchgebraunt, dann verhaftet worden war und wegen Ehebruchs prozessirt werden sollte, an ihre Nebenbuhlerin um 50 Schilling baar und 150 Schilling in 3 Wechseln verkauft. Mehr wird der Kerl auch nicht werth sein, setzt eine amerikanische Zeitung hinzu und wir wagen der Kollegin nicht zu widersprechen.

Des

Freiherr« von Münchhausen

eigene Erzählung.

(Fortsetzung.)

Achtes See-Abenteuer.

Ohne Zweifel haben die Leser von der nördlichen Entdeckungsreise des Kapitäns PhiPPs — gegenwärtig Lord Mutgrave — gehört.

Ich begleitete den Kapitän, — nicht als Offizier, sondern als Freund.

Da wir unter einen ziemlich hohen Grad nördlicher Breite gekommen waren, nahm ich mein Teleskop, dessen ich bei der Geschichte meiner Reise nach Gibraltar schon Erwähnung gethan habe, und betrachtete die Gegenstände, die ich nun um mich hatte. — Denn, im Vorbeigehen gesagt, ich halte es immer für gut, sich von Zeit zu Zeit einmal umzusehen, vorzüglich auf Reisen.

Ungefähr eine halbe Meile von uns schwamm ein EiSgebirge, das weit höher als unsre Masten war, und auf demselben sah ich zwei weiße Bären, die meiner Meinung nach in einem hitzigen Zweikampfe begriffen waren.

Ich hing sogleich mein Gewehr um und machte mich zu dem Eise hin, fand aber, als ich erst auf den Gipfel desselben gekommen war, einen unaussprechlich mühsamen und gefahrvollen Weg. Oft mußte ich über schreckliche Abgründe springen, und an andern Stellen war die Oberfläche so glatt wie ein Spiegel, so daß meine Bewegung ein beständiges Fallen und Aufstehen war. Doch endlich kam ich so weit, daß ich die Bären

erreichen konnte, und zugleich sah ich auch, daß sie nicht mit einander kämpften, sondern nur spielten.

Ich überrechnete schon den Werth ihrer Felle — denn jeder war wenigstens so groß als ein gutgemästeter Ochse — allein indem ich eben mein Gewehr anlegen wollte, glitschte ich mit dem rechten Fuße aus, fiel rückwärts nieder und verlor durch die Heftigkeit des Schlages, den ich that, auf eine kleine halbe Stunde altes Bewußtsein.

Wer könnte sich nicht mein Erstaunen vorstellen, als ich erwachte und fand, daß eines von den oben­genannten Ungeheuern mich umgedreht hatte und gerade den Bund meiner neuen ledernen Hose packte? Der obere Theil meines Leibes steckte unter seinem Bauche und meine Beine standen voraus. Gott weiß, wohin mich die Bestie geschleppt hätte; aber ich nahm vorsichtig mein Taschenmesser heraus, hackte in seinen linken Hinterfuß und schnitt ihm drei von seinen Zehen ab. Nun ließ er mich sogleich fallen und brüllte fürchterlich. Ich nahm mein Gewehr auf, feuerte auf ihn, sowie er weglief, und plötzlich fiel er nieder.

Mein Schuß hatte nun zwar eines von diesen blutdürstigen Thieren auf ewig eingeschlüfert, aber mehrere Tausende, die in dem Umkreis von einer halben Meile auf dem Eise lagen und schliefen, aufgeweckt. Alle mit­einander kamen spornstreichs angelaufen. — Zeit war nicht zu verlieren. Ich war verloren, oder ein schneller Einfall mußte mich retten.

Er kam. —

Etwa in der Hälfte der Zeit, die ein geübter Jäger braucht, um einem Hasen den Balg abzustreifen, zog ich dem todten Bären seinen Rock aus, wickelte mich darein und steckte meinen Kopf gerade unter den seinigen. Kaum war ich fertig, so versammelte sich die ganze Heerde um mich herum.

Mir wurde heiß und kalt unter meinem Pelze. Indeß meine List gelang mir vortrefflich.

Sie kamen, einer nach dem andern, berochen mich und hielten mich augenscheinlich für einen Bruder Petz. Es fehlte mir auch nichts als die Größe, um ihnen vollkommen gleich zu sein, und verschiedene Junge unter ihnen waren nicht viel größer als ich. Als sie alle mich und den Leichnam ihres verschiedenen Gefährten berochen hatten, schienen wir gesellig zu werden, auch konnte ich alle ihre Handlungen so ziemlich nachmachen; nur im Brummen, Brüllen und Balgen waren sie meine Meister.

So sehr ich aber wie ein Bär aussah, so war ich doch noch ein Mensch; — ich fing au zu überlegen, wie ich die Vertraulichkeit, die zwischen mir und diesen Thieren sich erzeugt hatte, wohl auf das vortheilhafteste nützen könnte.

Ich hatte ehedem von einem alten Feldscher gehört, daß eine Wunde im Rückgrat augenblicklich tödtlich sei. Hierüber beschloß ich nun einen Versuch anzustellen.

Ich nahm mein Messer wieder zur Hand und stieß es dem größten Bären nahe bei den Schultern in den Nacken. Allerdings war dies ein sehr gewagter Streich, und es war mir auch nicht wenig bange. Denn das war ausgemacht: überlebte die Bestie den Stoß, so war ich in Stücke zerrissen.

Allein mein Versuch gelang glücklich: der Bär fiel todt zu meinen Füßen nieder, ohne einmal zu mucksen.

Nun nahm ich mir vor, allen übrigen auf eben die Art den Rest zu geben, und dies wurde mir auch gar nicht schwer; denn obgleich sie ihre Brüder zur Rechten und zur Linken fallen sahen, so hatten sie doch kein Arg dabei. Sie dachten weder an die Ursache noch an die Wirkung des Niedersinkens, und das war ein Glück für sie und für mich.

Als ich sie alle todt vor mir liegen sah, kam ich mir vor wie Simson, als er die Tausende erschlagen hatte.

Die Sache kurz zu machen, ich ging nach dem Schiffe zurück und bat mir drei Theile der Bemannung aus, die mir helfen mußten, die Felle abzustreifen und die Schinken an Bord zu tragen. Wir waren in wenigen Stunden damit fertig und beluden das ganze Schiff damit. Was übrig blieb, wurde in das Wasser geworfen, ungeachtet ich nicht zweifelte, daß es, gehörig eingefallen, ebenso gut schmecken würde als die Keulen.

Sobald wir zurückkamen, schickte ich einige Schinken im Namen des Kapitäns an die Lords von der Admiralität, andre an die Lords von der Schatzkammer, etliche an den Lord-Mayor und den Stadtrath von London, einige wenige an die Handelsgesellschaften, und die übrigen an meine besonderen Freunde.

Von allen Orten bezeigte man uns den wärmsten Dank, die City aber erwiderte mein Geschenk auf eine sehr nachdrückliche Art, nämlich durch eine Einladung, jährlich an dem Wahltage des Lord-Mayors auf dem Rathhause zu speisen.

Die Bärenfelle schickte ich an die Kaiserin von Rußland, als Winterpelze für Ihre Majestät und ihren Hof. Sie dankte mir dafür in einem eigenhändigen Briefe, den sie mir durch einen außerordentlichen Ge­sandten überschickte, und worin sie mir anbot, mit ihr die Ehre ihrer Krone zu theilen. Allein da mich's eben nie sehr nach königlicher Würde gelüstet hat, so lehnte ich Ihrer Majestät Gnade in den feinsten Ausdrücken ab.

' Einige Leute haben die Verleumdung ausgestreut,

Kapitän PhipPs sei auf seiner Reise nicht so weit ge­gangen, als er wohl hätte thun können. Allein hier ist es meine Schuldigkeit, ihn zu vertheidigen. Unser Schiff war auf einem recht guten Wege, bis ich es mit einer solchen ungeheuren Menge von Bärenfellen und Schinken belud, daß es Tollheit gewesen sein würde, einen Versuch zu machen, weiter zu gehen, da wir nun kaum im Stande waren, mit einer solchen Last nur gegen einen etwas frischen Wind zu segeln, geschweige gegen jene Gebirge von Eis, die in den höheren Breiten liegen.

Der Kapitän hat seitdem oft erklärt, wie unzufrieden er sei, daß er keinen Antheil an dem Ruhme dieses Tages habe, den er kurzweg nur den Bärenfell-Tag zu nennen pflegte.

Dabei beneidet er mich nicht wenig wegen der Ehre dieses Sieges und sucht auf alle Art und Weise dieselbe zu schmälern. Wir haben uns schon öfter hierüber gezankt und stehen auch jetzt noch auf etwas gespanntem Fuße.

Unter anderem behauptet er geradezu, ich dürfe mir das nicht zum Verdienste anrechnen, daß ich die Bären betrogen habe, da ich mit einem ihrer Felle bedeckt gewesen sei: er hätte ohne Maske unter sie gehen wollen, und sie hätten ihn doch für einen Bären halten sollen.

Dies ist nun freilich ein Punkt, den ich für allzu zart und spitz halte, als daß ein Mann, der auf gefällige Sitten Anspruch macht, mit irgend Jemand, am aller­wenigsten mit einem edlen Pair, darüber streiten darf.

Neuntes See-Abenteuer.

Eine andre Seereise machte ich von England aus mit dem Kapitän Hamilton. Wir gingen nach Ostindien.

Ich hatte einen Hühnerhund bei mir, der, wie ich im eigentlichsten Sinne behaupten konnte, nicht mit Gold aufzuwiegen war; denn er betrog mich nie.

Eines Tages, da wir, nach den besten Beobachtungen, die wir machen konnten, wenigstens noch dreihundert Meilen vom Lande entfernt waren, markirte mein Hund. Ich sah ihn fast eine volle Stunde mit Er­staunen an und machte sodann den Kapitän und die Offiziere an Bord auf das Benehmen deS Hundes aufmerksam; ich behauptete, wir müßten dem Lande nahe sein, denn mein Hund witterte Wild.

Dies verursachte ein allgemeines Gelächter, durch das ich mich aber in der guten Meinung von meinem Hunde gar nicht irre machen ließ.

Nach vielem Streiten für und wider die Sache erklärte ich endlich dem Kapitän mit der größten Ent­schiedenheit, daß ich zu der Nase meines „Tray" mehr Zutrauen habe, als zu den Augen aller Seeleute an Bord, und schlug ihm daher kühn eine Wette von hundert Guineen vor — der Summe, die ich für diese Reise akkordirt halte, — wir würden in der ersten halben Stunde Wild finden.

Der Kapitän — ein herzensguter Mann — fing wieder an zu lachen und ersuchte Herrn Erawsorl, unsren Schiffschirurgus, mir den Puls zu fühlen.

Er that es und berichtete, ich wäre vollkommen gesund.

Darauf entstand ein Geflüster zwischen beiden, davon ich indeß das meiste deutlich genug verstand.

„Er ist nicht recht bei Sinnen," sagte der Kapitän, „ich kann mit Ehre die Wette nicht annehmen."

„Ich bin ganz der entgegengesetzten Meinung," erwiderte der Chirurgus. „Es fehlt ihm nicht daS mindeste. Nur verläßt er sich mehr auf den Geruch seines Hundes, als auf den Verstand jedes Offiziers an Bord. — Verlieren wird er auf alle Fälle; aber er verdient es auch."

„So eine Wette," fuhr der Kapitän fort, „kann von meiner Seite niemals so ganz redlich sein. Indeß, es wird desto rühmlicher für mich sein, wenn ich ihm nachher das Geld wieder zurückgebe."

Während dieser Unterredung blieb Tray immer in derselben Stellung und bestärkte mich noch mehr in meiner Meinung. Ich schlug die Wette zum zweitenmal vor — und sie wurde angenommen.

Kaum war dies geschehen, als einige Matrosen die in dem langen Boote, das an das Hintertheil deS Schiffes befestigt war, fischten, einen außerordentlich großen Hai erlegten, den sie auch sogleich an Bord brachten.

Sie fingen an, den Fisch aufzuschneiden, und — siehe — da fanden wir nicht weniger als sechs Paar lebendige Rebhühner in dem Magen des Thieres.

Diese armen Geschöpfe waren schon so lange in dieser Lage gewesen, daß eine von den Henne» auf fünf Eiern saß, wovon eines gerade ausgebrütet war, als der Hai geöffnet wurde.

Diesen jungen Vogel zogen wir mit einem Wurfe kleiner Katzen auf, die wenige Minuten vorher zur Welt gekommen. Die alte Katze hatte ihn so lieb alS eines ihrer vierbeinigen Kinder, und war immer höchst besorgt und unruhig, wenn das Huhn etwas zu weit wegflog und nicht gleich wieder zurückkommen wollte. — Unter den übrigen Rebhühnern hatten wir vier Hennen, von denen immer eine oder mehrere saßen, so daß wir während unsrer ganzen Reise beständig einen Ueberfluß von Wildbret auf des Kapitäns Tafel hatten.

Dem arme» Tray ließ ich, zum Danke für die