lichen Besuches für werth erachtete. Pünktlich und gewissenhaft hat er in dieser Tabelle da, wo schon eingebrochen war, ein Kreuzchen gemacht!
— 25. Juli. Der heutige Polizeibericht meldet: Ein hiesiger Zahnarzt, welcher sich mit seiner Familie seit Anfang d. M. in einem Nordseebade aufgehalten hatte, machte bei seiner Rückkehr nach hier die Enloeckung, daß aus seiner Wohnung eine Kassette mit Inhalt von 40,000 Mk. an baarem Gelde und Staatspapieren, eine komplette Garnitur Möbel, Leinensachen, Küchengeräth, 2 Betten und Oelgemälde im Werthe von 30,000 Mk. verschwunden waren. Die Sachen sollen von einem Droschkenführer aus der Bergerstraße in der Nacht vom 20.|21. d. M. fortgeschafst sein und wurden auch theil- weise, außer der Kassete und den Bildern, bei einer in der Baustraße wohnenden Frau vorgefunden, welche dieselben von einer am Merianplatz wohnenden Frau zum Preise von 100 Mark erstanden haben will. Die eingeleitete Untersuchung wird hoffentlich auch die fehlende Kassette und die werthvollen Oelgemälde wieder an's Tageslicht befördern.
— Die Kassctten-Diebstahls-Geschichte in Frankfurt, durch die ein dortiger Zahnarzt um 40,000 Mk. geschädigt worden sein sollte, hat bereits ihre sehr einfache Lösung gefunden. Es ist die Frau Zahnärztin gewesen, die in Abwesenheit ihres Mannes hat aufpacken lassen und seitdem spurlos verschwunden ist.
Rotenburg, 26. Juli. Zwei jüngere Herren, ein Referendar und ein Apothekergehilfe von hier, geriethen neulich im Wirthshaus dermaßen in Streit, daß eine Forderung auf Pistolen das Ende war. Vor einigen Tagen fand nun das Duell auf einer kleinen Waldwiese, eine halbe Stunde von hier zwischen Lispenhausen und Schwarzenhasel statt; der Pharmazeut erhielt eine Kugel in den Schenkel und die Ehre ist gerettet.
Marburg, 24. Juli. Sicherem Vernehmen nach hat Professor Enneccerus hierselbst einen sehr ehrenvollen Ruf an die Universität Bonn erhalten, denselben jedoch abgelehnt.
Ausland.
London. Eine Londoner Verlegerfirma hatte sich an Sir Morell Mackenzie mit der Anfrage gewendet, ob er etwas gegen den Verschleiß einer englischen Ueber- setzung der Broschüre der deutschen Aerzte über die Krankheit des Kaisers Friedrich in England einzuwenden haben würde. Mackenzie antwortete, „er bezweifle, ob irgend ein achtbarer Verleger in England sich zur Re- production des „erbaulichen Documents" hergeben werde; aber sollte irgend eine unternehmende Firma den „köstlichen Köder" verschlingen wollen, würde er vor einer prompten Vertheidigung seines Rufes als Arzt durch Vermittelung der Gerichte nicht zurückschrecken".
Des Freiherr« von Münchhausen eigene Grzäßtung.
(Fortsetzung.)
Am fünften Tage nach Sonnenuntergang verwickelte sich meine Barke auf einmal in etwas, das ich für Ranken und Strauchwerk hielt. Sobald es aber am nächsten Morgen Heller ward, fand ich mich überall von Mandeln umgeben, welche vollkommen reif und ganz vortrefflich waren. Als wir das Senkblei aus- warfen, fand sich, daß wir wenigstens sechzig Fuß hoch über dem Boden schwebten und schlechterdings weder vor- noch rückwärts konnten.
Ungefähr gegen acht oder neun Uhr, soviel ich aus der Höhe der Sonne abnehmen konnte, erhob sich ein plötzlicher Wind, der unsre Barke ganz auf eine Seite umlegte. Hierdurch schöpste sie Wasser, sank unter, und ich hörte und sah in langer Zeit nichts wieder davon, wie ich nun gleich das Nähere erzählen will.
Glücklicherweise retteten wir uns insgesammt, acht Männer und zwei Knaben, indem wir uns an den Bäumen festhielten, deren Zweige zwar für uns, allein nicht für die Last unsrer Barke hinreichten.
In dieser Situation verblieben wir drei Tage und lebten ganz allein von Mandeln.
Am zweiundzwanzigsten Tage unsres Unsterns fiel das Wasser wieder ebenso schnell, als es gestiegen war, und am scchsundzwanzigsten konnten wir wieder auf Terra firma fußen.
Unsre Barke war der erste angenehme Gegenstand, den wir erblickten. Sie lag ungefähr zweihundert Klafter Weit von dem Orte, wo sie gesunken war. Nachdem wir nun alles, was uns nöthig und nützlich war, an der Sonne getrocknet hatten, so versahen wir uns mit dem Nothwendigsten aus unsrem Schiffsvorrath uud machten uns auf, unsre Verlorne Straße wieder zu gewinnen.
Nach der genauesten Berechnung fand ich, daß wir an die hundertundfünfzig Meilen weit über die Gartenwände und mancherlei Gehege hinweggetrieben waren.
In sieben Tagen erreichten wir den Fluß, der nun wieder in seinem Bette strömte, und erzählten unser Abenteuer einem Bey. Liebreich half dieser allen unsren Bedürfnissen ab und sendete uns in einer von seinen tt-«en Barken weiter. I» ungefähr sechs Tagen langte»
wir zu Alexandrien an, allwo wir uns nach Konstantinopel einschisften. — Die Reise dahin ging ohne besondere Erlebnisse gut Don - ffatten und ich wurde bei meiner Ankunft von dem Großherrn überaus gnädig empfangen,
Sechstes See-Abenteuer.
Bei dem Großsultan galt ich seit meiner ägyptischen Reise alles in allem. Seine Hoheit konnten gar nicht ohne mich leben und baten mich jeden Mittag und Abend bei sich zum Essen.
Ich muß bekennen, daß der Türkische Kaiser unter allen Potentaten auf Erden den delikatesten Tisch führt. Jedoch ist dies nur von den Speisen, nicht aber von dem Getränke zu verstehen, da, wie bekannt, Mohammeds Gesetz seinen Anhängern den Wein verbietet. Auf ein gutes Glas Wein muß man also an öffentlichen türkischen Tafeln Verzicht thun.
Was indessen nicht öffentlich geschieht, das geschieht doch nicht selten heimlich, und des Verbots ungeachtet weiß mancher Türke so gut als der beste deutsche Biedermann, wie ein gutes Glas Wein schmeckt. Das war nun auch der Fall mit Seiner Türkischen Hoheit.
Bei der öffentlichen Tafel wurde des Weins auch nicht mit einer einzigen Silbe gedacht. Nach aufgehobener Tafel aber wartete auf Seine Hoheit gemeiniglich ein gutes Fläschchen im Kabinette.
Einst gab der Großsultan mir einen verstohlenen freundlichen Wink, ihm in sein Kabinett zu folgen. Als wir nun uns daselbst eingeschlossen hatten, holte er aus einem Schränkchen eine Flasche hervor und sprach: „Münchhausen, ich weiß, ihr Christen versteht euch auf ein gutes Glas Wein. Da habe ich noch ein einziges Fläschchen Tokaier. So delikat müßt Ihr in Eurem Leben nichts getrunken haben."
Hierauf schenkten Seine Hoheit sowohl mir als sich eins ein und stießen mit mir an. — „Nun, was sagt Ihr? Ist es nicht etwas Extrafeines?"
„Das Weinchen ist gut, Jhro Hoheit", erwiderte ich; „allein mit Ihrem Wohlnehmen muß ich doch sagen, daß ich ihn in Wien beim hochseligen Kaiser Karl dem Sechsten weit besser getrunken habe. Potz Stern! den sollten Jhro Hoheit einmal versuchen."
„Freund Münchhausen, Euer Wort in Ehren, allein es ist unmöglich, daß irgend ein Tokaier besser sei. Denn ich betont einst nur dies eine Fläschchen von einem ungarischen Kavalier; und er that ganz verzweifelt rar damit."
„Possen, Jhro Hoheit! Tokaier und Tokaier ist ein großmächtiger Unterschied. Was gilt die Wette, so schaffe ich Ihnen in Zeit einer Stunde geradeswegs und unmittelbar aus dem kaiserlichen Keller eine Flasche Tokaier, die aus ganz andern Augen sehen soll."
„Münchhausen, ich glaube, Ihr faselt."
„Ich fasele nicht. Geradeswegs aus dem kaiserlichen Keller in Wien schaffe ich Ihnen in Zeit von einer Stunde eine Flasche Tokaier von ganz anderer Nummer als dieser Krätzer hier."
„Münchhausen! Münchhausen! Ihr wollt mich zum besten haben, und das verbitte ich mir. Ich kenne Euch zwar sonst als einen überaus wahrhaften Mann, allein — jetzt sollte ich doch fast denken, Ihr flunkert."
„Ei nun, Jhro Hoheit! Es kommt ja auf die Probe an, erfüllte ich nicht mein Wort — denn von allen Aufschneidereien bin ich der abgesagteste Feind, — so lassen Jhro Hoheit mir den Kopf abschlagen. Allein mein Kopf ist kein Pappenstiel. Was setzen Sie mir dagegen?"
„Topp, ich halte Euch beim Worte. Ist auf den Schlag Vier nicht die Flasche Tokaier hier, so kostet's Euch ohne Barmherzigkeit den Kopf. Denn foppen laß ich mich auch von meinen besten Freunden nicht. Besteht Ihr aber, wie Ihr versprecht, so könnt ihr aus meiner Schatzkammer soviel an Gold, Silber, Perlen und E'delgesteinen nehmen, als der stärkste Kerl davon zu schleppen vermag."
„Das läßt sich hören," antwortete ich, bat mir gleich Feder und Tinte aus und schrieb an die Kaiserin- Königin Maria Theresia folgendes Billet:
„Ihre Majestät haben unstreitig als Universalerbin „auch Ihres höchstseligen Herrn Vaters Keller „mitgeerbt. Dürfte ich mir wohl durch Vorzeiger „dieses eine Flasche von dem Tokaier ausbitten, „wie ich ihn bei Ihrem Herrn Vater oft getrunken „habe? Allein von dem besten! Denn es gilt „eine Wette. Ich diene gern dafür wieder, wo „ich kann, und beharre übrigens u. s. w."
Dieses Billet gab ich, weil es schon fünf Minuten über Drei war, nun sogleich offen meinem Läufer, der seine Gewichte abschnallen und sich unverzüglich nach Wien auf die Beine machen mußte.
Hierauf tranken wir, der Großsultan und ich, den Rest von seiner Flasche in Erwartung des besseren vollends aus.
Es schlug ein Viertel, es schlug Halb, es schlug drei Viertel auf Vier, und noch war kein Läufer zu sehen und zu hören. Nachgerade, gestehe ich, sing mir an ein wenig schwül zu werden; denn es kam mir vor, als blickten Seine Hoheit schon bisweilen nach der Glockenschnur, um nach dem Scharfrichter zu klingeln. ' Roch erhielt ich zwar Erlaubniß, einen Gang himus
in den Garten zu thun, um frische Luft zu schöpfen, allein es folgten mir auch schon ein paar dienstbare Geister nach, die mich nicht aus den Augen ließen. In dieser Angst, und als der Zeiger schon auf fünfnnd- fünfzig Minuten stand, schickte ich noch geschwind nach meinem Horcher und Schützen.
Sie kamen unverzüglich an, und der Horcher mußte sich platt auf die Erde niederlegen, um zu hören, ob nicht mein Läufer endlich ankäme.
Zu meinem nicht geringen Schrecken meldete er mir, daß der Schlingel irgendwo, allein weit weg von hier, im tiefsten Schlafe läge und aus Leibeskräften
Dies hatte mein braver Schütze kaum gehört, als er auf eine etwas hohe Terrasse lief und, nachdem er sich auf seine Zehen noch mehr emporgereckt hatte, hastig ausrief: „Bei meiner armen Seele! Da liegt der Faulenzer unter einer Eiche bei Belgrad und die Flasche neben ihm. Wart'! ich will dich aufkitzeln."
— Und hiemit legte er unverzüglich seine Flinte an den Kopf und schoß die volle Ladung oben in den Wipfel des Baumes. Ein Hagel von Eicheln, Zweigen und Blättern fiel herab auf den Schläfer. Dieser erwachte, und da er selbst fürchtete, die Zeit beinahe verschlafen zu haben, machte er sich dermaßen geschwind aus die Beine, daß er mit seiner Flasche und einem eigenhändigen Billet von Maria Theresia um 59'/, Minuten auf vier Uhr vor des Sultans Kabinett an» langte.
Das war ein Gaudium! Der Großsultan war im ersten Augenblicke wohl etwas verblüfft darüber, daß ich meine Wette gewonnen, doch faßte er sich schnell und sagte mir mit der heitersten Miene:
„Münchhausen, Ihr müßt es mir nicht übel nehmen, wenn ich diese Flasche für mich allein behalte. Ihr steht in Wien besser als ich! Ihr werdet Euch schon noch mehr von dem Tokaier verschaffen können." — Hiermit schloß er die Flasche in sein Schränkchen, steckte den Schlüssel in die Hosentasche und klingelte nach dem Schatzmeister.
O welch ein angenehmer Silberton in meinen Ohren! —
„Ich muß Euch nun die Wette bezahlen. — Hier!" sprach er zum Schatzmeister, der ins Zimmer trat, — „laßt meinem Freund Münchhausen so viel aus der Schatzkammer verabfolgen, als der stärkste Kerl wegzu- tragen vermag."
Der Schatzmeister neigte sich vor seinem Herrn bis zur Erde, mir aber schüttelte der Großsultan ganz treuherzig die Hand, und so ließ er uns beide gehen.
Ich säumte nun keinen Augenblick, die erhaltene Assignation geltend zu machen, ließ meinem Starken mit seinem langen hänfenen Stricke kommen und verfügte mich in die Strafkammer. Wieviel da mein Starker, nachdem er sein Bündel geschnürt hatte, übrig ließ, wird man sich ungefähr denken können.
Ich eilte mit meiner Beute geradeswegs nach dem Hafen, nahm dort das größte Lastschiff, das zu bekommen war, in Beschlag, und ging wohlbepackt mit meiner ganzen Dienerschaft unter Segel, um meinen Fang so rasch wie möglich in Sicherheit zu bringen.
Was ich im stillen befürchtet hatte, das geschah. Der Schatzmeister hatte Thür und Thor von der Schatzkammer offen gelassen, — freilich war's nicht mehr nöthig, sie zu verschließen — war über Hals und Kopf zum Großsultan gelaufen und hatte ihm Bericht abgestattet, in welch freimüthiger Weise ich von seiner Verfügung Gebrauch gemacht hatte.
Das war denn nun dem Großlultan nicht wenig vor den Kopf gefahren. Die Reue über seine Ueber» eilung konnte nicht lange ausbleiben' Er hatte daher dem Großadmiral befohlen, mit der ganzen Flotte hinter mir her zu eilen und mir handgreiflich zu beweisen oder weiszumachen, daß wir so nicht gewettet hätten.
Als ich daher noch nicht zwei Meilen weit in die See war, so sah ich schon die ganze Türkische Kriegsflotte mit vollen Segeln hinter mir herkommen, und ich muß gestehen, daß mein Kopf, der kaum wieder fest geworden war, von neuem nicht wenig zu wackeln anfing.
Allein nun war mein Windmacher bei der Hand und sprach: „Lassen sich Jhro Exzellenz nicht bange sein!"
Er trat hierauf auf das Hinterdeck meines Schiffes, so daß sein eines Nasenloch nach der Türkischen Flotte, das andre aber auf unsre Segel gerichtet war, und blies eine so hinlängliche Portion Wind, daß die Flotte an Masten, Segeln und Tauwerk gar übel zugerichtet, nicht nur bis in den Hafen zurückgetrieben, sondern auch mein Schiff in wenigen Stunden glücklich nach Italien ge« trieben ward.
Von meinem Schatze kam mir jedoch wenig zu gute. Denn in Italien ist Armuth und die Bettelei so groß und die Polizei so schlecht, daß ich erstlich, weil ich vielleicht eine allzu gutmüthige Seele bin, den größten Theil an die Straßenbettler ausspenden mußte. Der Rest aber wurde mir leider auf meiner Reise nach Rom durch eine Bande Straßenräuber abgenommen, so daß mir die dem Großsultan abgewonnene Wette niM nach« haltig zu gute kam.