Schlüchterner Zeitung.
Amtliches Blatt für die Veröffentlichungen des Kreises Schlächtern.
_____________________Erscheint Mittwochs und Samstag». - Preis »ierteljährUch 1 Mark. — An»eigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
Jf 6L Mittwoch, den 1. August. 1888.
Amtlicher Theil.
Nach einer Mittheilung des Herrn Kriegsministers sollen, um den Mannschaften des Beurlaubtenstandes nach der beabsichtigten Einrichtung von Central-Melde- büreaus rc. die gesetzlich zulässige schriftliche Meldung nach Möglichkeit zu erleichtern, den Ortsvorständen durch die Bezirks-Commandos mit einem entsprechenden Vordruck versehene Meldeformulare überwiesen werden, welche für die abzustattenden Meldungen bereit zu halten und den Betheiligten unentgeltlich zu verabfolgen sind. Cassel, den 20. Juni 1888.
Der Negierungs-Präsident.
I. V.: S ch w a r z e n b e r g.
4617. Vorstehendes bringe ich hierdurch zur öffentlichen Kenntniß mit der Anweisung an die Herren Bürgermeister des Kreises, den meldepflichtigen Mannschaften des Kreises bei Ausfüllung der Formulare jede thunliche Unterstützung zu Theil werden zu lassen. Schtüchtern, den 27. Juli 1888.
Der Königliche Landrath: R o t h.
Bekanntmachung.
Bei der Postagentur in Schwarzenborn wird am 17. eine Telegraphenanstalt mit Fernsprechbetrieb eröffnet. Cassel, den 14. Juli 1888.
Der Kaiserliche Ober-Postdirector. gez.: zur Linde.
Kaiser Friedrich als Kriegsgefangener.
Das „Berl. Tagebl." ruft einen Vorfall aus den Herbstmanövern des 1. bayerischen Armeecorps vom Jahr 1881 ins Gedächtniß, bei welchem unser hochseliger Kaiser Friedrich die Rolle eines „Kriegsgefangenen" spielt. „Es war," so erzählt das Blatt, „am Tage des Hauptmanövers, als der hohe Armee-Jnspector, über die exacle Ausführung sämmtlicher Truppenbewegungen hocherfreut und in der besten Laune, auf einem bewaldeten Hügel hielt und von dort auf das hitzig entbrannte Gefecht herniedersah, dessen Linie sich bereits bis zum Fuß der Anhöhe herangezogen hatte. Plötzlich wurde die Aufmerksamkeit des Kronprinzen durch irgend einen Zwischenfall nach dem rechten Flügel gelenkt, der sich in einem nahen Wäldchen festgesetzt hatte und den Augenblick erwartete, in welchem er ins Treffen geführt werden sollte. Sofort warf der Kronprinz seinen Braunen herum und sprengte, nur gefolgt von seinem Adjutanten, auf jene Abtheilung zu. Ein fataler Zufall wollte es nun, daß sich der hohe Herr plötzlich einem Wassergraben gegenüber befand, welcher so breit war, daß sein feuriges Pferd unmöglich darüber Hinwegsetzen konnte. Um an das gesteckte Ziel zu gelangen, blieb daher kein anderer Ausweg übrig, als eine Stelle aufzusuchen, welche das Hinüberkommen gestattete. Zu diesem Zweck trennte sich der Kronprinz von seinem Adjutanten, und während dieser den Wasserarm aufwärts entlang ritt, sprengte er in entgegengesetzter Richtung davon. Sein Weg führte ihn durch ein kleines Gehölz, und er war noch gar nicht weit gekommen, da tauchten plötzlich 4 mächtige Reitergestalten mit weißen Binden am Arm auf einer kleiner Anhöhe vor ihm auf. Es waren Chevauxlegers der feindlichen Abtheilung, welchen der Befehl ertheilt worden war, das Terrain zu recognosziren. Als die Soldaten den einsamen Reiter ohne Armbinde sahen, stützten sie einen Augenblick, dann aber sprengten sie auf einmal mit lautem Hurrahruf im sausenden Galopp auf ihn los, um ihn einzufangen. Die Braven hatten nicht im Geringsten eine Ahnung, daß es der Kronprinz sein könnte. Wenn auch einen Moment über diese sonderbare Ueberraschung erstaunt, begriff der hohe Herr doch sofort die Situation, in welche er jetzt gerathen war, und in seiner bekannten Leutseligkeit ging er auf die ihm zugefallene Rolle ein, wandle sein Roß und trabte wieder rückwärts, hinter ihm her sausten mit einem wahren Wulhgebrüll die siegesdurstigen Alpensöhne, die ihre Pferde zur äußersten Anstrengung anspornten, um den Flüchtling einzuholen. Immer kürzer wurde der Abstand, der Kronprinz vernahm bereits das Keuchen der einhersprengenden Rosse, und der Vorderste der eifrigen Verfolger, der vielleicht noch zehn Pferdelängen hinter dem Fliehenden hergaloppirte, schrie nun mit einer wahren Löwenstimme seinen Kameraden zu: „Buam, laßt'» nöt aus! Kriag'n müss'n me ihn, den Höllsakra, NW wenn er auf Aüötting (du bekannter Wallfahrts
ort) reift. Wär nöt übel, wenn wir Schwolesche koan schweren Reiter verwischen könnten!" Und mit erneuter Kraft gings nun hinter dem Verfolgten her. Dieser wußte jetzt, wie er daran war. Er wurde für einen schweren Reiter gehalten, welche der den Cheveauxlegers feindlichen Abtheilung angehörten. Um dem aufgeregten Jagen ein Ende zu machen, hielt er nun an, und das lächelnde Gesicht seinen Verfolgern zugekehrt, erwartete er ihr Nahen. „An Säbel her! Du g'hörst jetzt uns, g'fanga bis jetzt, wir geb'n koa Pardon nöt!" schrie ihm nun der Vorderste, der Führer, ein riesiger Gefreiter entgegen, der in der Hitze der Verfolgung auch jetzt noch nicht wußte, mit wem er es zu thun hatte. Haarscharf vor dem Pferde des Kronprinzen parirte er sein schnaubendes Roß, doch wie vom Blitzstrahl getroffen, sank im nächsten Augenblick sein Arm, der eine Sekunde vorher noch den Säbel so schneidig geschwungen, auf den Sattel hernieder, und todtenbleich vor Schreck und Verwirrung starrte er einen Augenblick in das Gesicht seines hohen Gefangenen. Dann kraute er sich vor Angst, alle Regeln der Disciplin vergessend, in peinlichster Verlegenheit hinterm Ohr. Er hatte nunmehr den Kronprinzen erkannt. „Himmelsakra, Herrgottsakra!" stotterte er, zu seinen herangekommenen Kameraden gewendet, „Buam, g'fehlt is, aus is, der Teufi holt uns Allesam, zwoa Jahr Passau fand uns g'wiß!" Mit einem wohlgefälligen Lächeln sah der hohe „Kriegsgefangene" auf seine bestürzten Verfolger, dann aber bot er dem Führer der hitzigen Braven freundlich die Hand. „Soldaten", sprach er, „ich ergebe mich, wegen mir braucht Ihr keine Angst zu haben; Ihr thatet Eure Pflicht und Schuldigkeit, und es freut mich aufrichtig, in Euch Soldaten mit Leib und Seele zu sehen!" Dann griff er in die Börse und drückte dem Führer ein blinkendes Goldstück in die Hand. „Hier nehmt das! Nach so einem heißen Ritt kann ein kühler Trank nicht schaden. Avieu, und bleibt immer so tapfere Leute wie heute!" Nach diesen Worten sprengte er davon. Erst nach Minuten löste sich der Bann des Schreckens und der freudigen Ueberraschung von den Herzen der Tapferen."
Deutsches Reich.
Potsdam, 27. Juli. Das anläßlich der Entbindung der Kaiserin ausgegebene Bulletin lautet: „Ihre Maj. die Kaiserin nnd Königin sind heute Morgen 1'/- Uhr von einem gesunden Prinzen glücklich entbunden worden. Allerhöchstdieselbe und der neugeborene Prinz erfreuen sich des besten Wohlseins."
— Der jüngste Sohn des Kaisers Wilhelm war etwas rasch, er war erst in der Mitte des August erwartet worden, und danach hatte der Kaiser seine Heimkehr berechnet. Der Kaiser empfing die Depesche von der Geburt des Prinzen bei seiner Landung in Stockholm und lud den König sofort zu Gevatter. Mutter und Kind befinden sich wohl, was nach den vielen und großen Aufregungen und Strapazen des letzten Vierteljahres ein großes Glück ist.
— Die Berliner Maurer versuchen eine neue Lohnbewegung in Scene zu setzen. Die „Baugew. Ztg." schreibt darüber: „Wir halten dafür, daß die Forderungen der Maurer ziemlich aussichtslos sind, denn einen Minimallohn von 50 Pfg. pro Stunde werden sie nicht durchsetzen, weil derselbe ganz unbegründet ist. Geringe Kräfte verdienen solchen Lohn nicht, gute haben ihn längst und wirklich tüchtige Leute verdienen bei der Akkordarbeit vielmehr. 8 bis 9 Mk. Lohn pro Tag ist nicht ungewöhnlich. Einen Minimallohn bewilligen, heißt eine Prämie auf die Faulheit setzen.
— Ueber die Ernteaussichten im europäischen Rußland wird mitgetheilt, daß die Roggenernte eine mehr als mittelgute zu werden verspricht. Die Weizenernte verspricht ein vorzügliches Resultat zu liefern. Ueber Hafer und Gerste fehlen noch ganz sichere Angaben, doch sollen auch diese Getreidearten im Allgemeinen günstig stehen. Nach diesen dem „Journal du ministöre des finances“ entnommenen Mittheilungen dürfte für den Herbst ein großer Export zu erwarten sein. Namentlich kommt in Betracht, daß die Nachrichten, die über den vermuthlichen Ausfall der diesjährigen Ernte in Deutschland eingelaufen sind, nicht sehr günstig lauten. In Roggen und Weizen ist ein großer Ausfall zu erwarten. Eine Mittelernte ist nach den Mittheilungen des „ReichS-Anzeigers" fast nirgends zu erwarten. Der Weizen zeigt zwar einen etwas besseren, aber keineswegs befriedigenden Stand.
Münster, 24. Juli. Die vielerwähnte Zahlmeister- Affaire hat, der „Westd. Ztg." zufolge, nunmehr bezüglich des Proceßverfahrens und der Aburtheilung ihren Abschluß gefunden, indem gestern Morgen vom Kriegsministerium das endgültige Urtheil eingetroffen ist. Demzufolge ist der Zahlmeister Freischmidt von hier freigesprochen, während der Zahlmeister S. von hier zu einem Jahr Gefängniß verurtheilt und bereits gestern Nachmittag in seiner Wohnung, inmitten seiner zahlreichen Familie, von einem Offizier zum sofortigen Antritt seiner Strafe verhaftet wurde. Der dritte der hiesigen in Betracht kommenden Zahlmeister, B., ist bereits vor einiger Zeit zu drei Jahren Zuchthaus und Zahlung von 7100 Mark verurtheilt worden. Wie verlautet, sind im ganzen Heere durch diese letztinstanz- liche kriegsgerichtliche Verurtheilung 42 Zahlmeister betroffen, von denen wohl auch die größere Mehrzahl ihrer Stellung damit verlustig gehen dürfte. Die nachweisbare Schuld des Zahlmeisters S. besteht darin, daß er für den Lieferanten Wollank über dessen hiesige Geschäfts-Angelegenheiten die Buchführung gegen eine Bezahlung besorgt hat, die in keinem Verhältniß zu der geleisteten Arbeit gestanden haben soll. Wie hier ge- rüchtweise verlautet, soll von Seiten derer, die sich ungerecht bestraft fühlen, beabsichtigt sein, die ganze unselige Geschichte vor das Forum der Volksvertretung zur öffentlichen Diskussion zu bringen.
Tages-Ereigniffe.
Schlüchtern, 31. Juli. Heute beginnen wieder die Schulen unserer Stadt ihren Unterricht, nachdem die vom Wetter durchaus nicht begünstigten vierwöchentlichen Sommerferien mit Ablauf der verflossenen Woche zu Ende gegangen sind.
— (Petition.) Schon seit Jahrzehnten hat die hessische Lehrerschaft die besondere Bezahlung des mit dem Schulamte verbundenen Küchendienstes vergeblich erstrebt, dieselbe ist jetzt einen Schritt weiter gegangen nnd hat an die Königliche Regierung folgende Bitte gerichtet: „Hohe Königliche Regierung wolle hochgeneigtest dahin wirken, daß das Einkommen aus den kirchlichen Dienstverrichtungen nicht in die Lehrerbesoldung eingerechnet werde." Bei dem Wohlwollen unserer Regierung für die Lehrerschaft und bei der entgegenkommenden Haltung, welche die kirchliche Behörde gegenüber der Petition beobachten wird, tragen sich die Bittsteller mit der Hoffnung, daß sie von gutem Erfolge begleitet sein werde.
— Der Vorstand des Landesverbandes des Allgemeinen deutschen Schulvereins (Vorsitzender Oberlehrer Dr. phil. Herrmann-Dresden) richtet an alle Freunde deutschen Geistes und deutscher Art die dringende Bitte: „entweder den bestehenden Ortsgruppen als Mitglieder beizutreten und treu zu bleiben" oder „neue Ortsgruppen zu bilden und für dieselben Mitglieder zu werben". An Ortsgruppen zählen Brandenburg 50, Provinz Sachsen 22, Anhalt-Thüringen 19, Hessen-Naffau-Frank- furt 18, Schlesien 21, Königreich Sachsen 76, Ostpreußen 14, Westpreußen 13, Baden 14, Pfalz 14, Pommern 10, Rheinland 11, Schleswig-Holstein-Lauen- burg 9, Posen 8, Hannover 6, Mecklenburg 5, Hessen- Darmstadt und Elsaß - Lothringen je 4, Baiern 3, Württemberg 2, Westfalen 1, einzelne Gruppen 7, äußer- deutsche 15, angeschlossene Vereine 6 und 51 in corpore beigetretene Vereinigungen.
Hauau, 28. Juli. In den Blättern taucht wieder einmal die Nachricht auf, daß der Geh. Neg.-Rath Graf Wilhelm v. Bismarck mit dem ersten Januar n. J. seinen Posten als Landrath hier verlassen und als Präsident an die. Regierung zu Hannover versetzt werden soll. Es müßte dann zunächst erst noch der Präsidenten- posten in Hannover erledigt werden, es muß aber überhaupt dahin gestellt bleiben, ob hinter dem Gerücht jetzt mehr steckt als hinter den gleichen früheren.
Hanau. Infolge der guten Obstaussichten ist in Hanau jetzt das Glas „Aeppelwoin" um 10 Pfg. zu haben.
Frankfurt, 25. Juli. Der verhaftete Einbrecher, der sich Bergmann nennt, wird streng bewacht; um ihn an einem Selbstmord zu hindern — er hat sich bekanntlich bei seiner Verhaftung entleiben wollen — befinden sich fortwährend zwei Wächter bei ihm, Langners ve- stigia terrent! Der Pseudo-Bergmann war ein genauer Buchhalter. Bei der Haussuchung in seiner Wohnung fand man ein großes Verzeichniß von Villen und „feineren" Häusern, die er wahrscheinlich eines nächt«