„bereiste" vielmehr nun das platte Land, wo es noch leichter geht, die Leute zu beschwindeln. Bei der Ab- urtheilung vor dem Kasseler Gericht handelte es sich nur um 6 Einzelfälle, da trotz monatelanger Untersuchungshaft die meisten „betrogenen Bräute" nicht zu ermitteln waren bezw. sich hervorzutreten scheuten. Persönlich erschienen waren nur zwei der treulos verlassenen Geliebten, die indessen auch jetzt noch in Liebe zu ihrem Jngber entbrannten, so daß der Staatsanwalt sehr richtig bemerkte, das eine junge Mädchen (welches den Jngber bei ihrer Gegenüberstellung als Zeugin nach alter Gewohnheit schlankweg „dutzte", trotzdem er nach ihr sich noch ein halbes Dutzend „Bräute" zugelegt hatte) werde den Angeklagten auch womöglich heute noch heuathen. Diese, die Amalie H., eine Thüringerin, Tochter eines Gasthofs-Besitzers, lernte der Angeklagte in Weimar kennen und veranlaßte sie zunächst, mit nach Berlin zu reisen, dann nach Pommern u. s. w. Unterwegs ließ die heißblütige Amalie sich von ihren Eltern nun 400, 200 und 150 Mark schicken, welche Jngber ihr abschwindelte, alles, damit die Heirath demnächst von statten gehe. Später gestand er dem Mädchen ein, er liege noch im Ehescheidungsprozeß mit seiner Frau, während in Wirklichkeit kein wahres Wort daran war. Nachdem das Geld verjubelt war, ließ er Amalie sitzen und lernte auf der Bahn eine junge Rheinländerin, die Friederike H., kennen. Mit dieser verlobte er sich, ließ jedoch die Trauringe die „Braut" bezahlen, setzte den Hochzeitstag fest und ließ sich einstweilen nach und nach bis 90 Mark geben, um danach zu verduften. Darauf lernte er eine Schauspielerin W. von der Schwarzschen Truppe kennen und ließ nicht nach, bis diese ihm folgte und die Truppe im Stiche ließ. Mit der W. hat sich Jngber dann längere Zeit umher getrieben und hauptsächlich in den Gasthäusern die Zechprellereien verübt. So in Cassel im „Goldenen Stern" in mehreren Tagen 60 Mk., ferner in Beiseförth 21 Mk. und in Malsfeld wenige Mk. Die W. war auch noch bei ihm, als Jngber verhaftet wurde. Betreffs der anderen Fälle schwebt noch die Untersuchung. Wegen der 6 Betrugsfälle erkannte das Gericht auf eine Gefängnißstrafe von 2 Jahren und Ehrverlust auf die Dauer von 3 Jahren.
— (Eisenbahnunfall.) Einer großen Gefahr sind die Passagiere, (darunter auch der regierende Groß- Herzog von Oldenburg nebst Großherzogin und Gefolge) des vorgestrigen Berlin-Haller bezw. Breslau-Dresden- Frankfurter Frühschnellzuges entgangen. Der Schnellzug, welcher Halle 7,45 Min. verließ und 12 Uhr 22 Min. in Bcbra eintreffen sollte, war so stark besetzt, daß eine zweite Maschine vorgespannt werden mußte. Zwischen Wandersleben und Gotha, auf freier Strecke und bei voller Fahrgeschwindigkeit des Zuges entgleisten plötzlich beide Maschinen sowie mehrere Wagen. Der Lokomotivführer hatte sofort die Entgleisung wahrgenommen und durch die Karpenterbremse, die ihre Schuldigkeit that, den Zug gestellt. Allerdings war der entgleiste Zugtheil doch mehrere hundert Meter neben den Schienen hergelaufen und hatte das Geleise übel zugerichtet. Ein großes Glück, daß die Stelle horizontal war, sonst wäre es nicht so wunderbar gut abgelaufen. So kamen die Passagiere mit dem Schrecken und einem längeren Aufenthalt auf freier Strecke davon. Die Maschinen waren defekt geworden und so mußten Hilfsmaschinen herbeigeschafft werden, welche den Zug nach Verlauf von etwa 1 ’/a Stunden nach Dietendorf zurückziehen, worauf er von hier auf dem falschen Geleise weiterbefördert wurde. Der Großherzog von Oldenburg nebst Gefolge, welcher von Altenburg kam und ebenfalls in Bebra liegen bleiben mußte, nahm einen Extrazug und fuhr über Cassel und Hannover Nachmittags 5 Uhr nach Oldenburg zurück. Hier in Kassel war längerer Aufenthalt und nahmen die hohen Herrschaften das Mittagsmahl bei Herr» Bahnhofsrestaurateur Hof- lieferant Ritter ein. ______________
Des
Freiherr« von Mimchhausen eigene Krzäßtung.
(Fortsetzung.)
Ich hatte einen ziemlich entfernten Vorposten und sah den Feind in einer Wolke von Staub gegen mich anrücken, wodurch ich wegen seiner wahren Anzahl und Absicht gänzlich in Ungewißheit blieb. Mich in eine ähnliche Wolke von Staub einzuhüllen, wäre freilich wohl ein Alltagspfiff gewesen, würde mich aber ebensowenig klüger gemacht als überhaupt der Absicht näher gebracht haben, warum ich vorausgeschickt war.
Ich ließ daher meine Flankeurs znr Linken und Rechten auf beiden Flügeln sich zerstreuen und soviel Staub erregen, als sie nur immer konnten. Ich selbst aber ging gerade auf den Feind los, um ihn näher in Augenschein zu nehmen. Dies gelang mir. Denn er stand und focht nur so lange, bis die Furcht vor meinem Flankeurs ihn in Unordnung zurücktrieb. Nun war's Zeit, tapfer über ihn herzufallen. Wir zerstreuten ihn völlig, richteten eine gewaltige Niederlage an und trieben ihn nicht allein in seine Festung hinein, sondern anch -Mch dieselbe hindurch.
Sterbfritz, 12. Juli. Zu dem heute basier stattge- Habten ersten Viehmarkte waren ca. 350 Stück Vieh zugetrieben und trotz des überaus schlechten Wetters viele Handelsleute erschienen. Der Handel war ein recht lebhafter, nach Aussage verschiedener Händler soll in langer Zeit im weiten Umkreise kein Markt sich eines so regen Umsatzes zu erfreuen gehabt haben. Der nächste Markt findet Donnerstag, den 23. August er. statt.
(!) Aus der Rhön wird uns geschrieben: Eines solchen Wetters zu dieser Jahreszeit wissen sich die ältesten Leute nicht zu erinnern. Auf den Bergen war der Regen dieser Tage mit Schnee vermischt. Die Kälte ist der Art, daß man die Sommerkleider wieder mit der Wintergarderobe vertauschen muß. Die Zimmer werden geheizt wie im Winter. Ueberall trübe Gesichter. Der Landwirth trauert; seine Aussichten auf eine gute Heuernte sind zu Wasser geworden. Das meiste Futter liegt schwarz gefärbt und eniwerthet auf den durchnäßten Wiesen. Die Viehpreise sinken, die Sommergetreide leiden Schaden und auch die Kartoffel hat Regen genug. Auch auf die Geschäftsleute übt die abnorme Witterung ihren Druck aus. Die Tausende von Touristen, die sonst zu dieser Zeit unser schönes Gebirge durchwandern und manchen Groschen sitzen lassen, fehlen. Nur noch wenige Wochen — und der Sommer ist zu Ende, der Herbst kommt. Möge er seine Sache besser machen!
□ Freiensteinau, 15. Juli. Das heute dahier abgehaltene Kriegerfest verlief in der schönsten Weise. Der Himmel hatte zum Glück ein heiteres Gesicht und es ist diesem Umstand wohl die überaus zahlreiche Betheiligung von Nah und Fern znzuschreiben. Freiensteinau hatte alles Mögliche aufgeboten, um den Gästen frohe Stunden zu bereiten. Der Festplatz war gut gewählt, wenn auch die Wirthschaftsräume etwas beschränkt erschienen. Den Glanzpunkt des Festes bildete der imposante Festzug, an dem sich zahlreiche Kriegervereine mit ihren Fahnen betheiligten. Die üblichen Begrüßungsund Festreden wurden mit großem Beifall ausgenommen. Bis tief in die Nacht herrschte fröhliches Leben auf dem Festplatz und in den reichgeschmückten Straßen des Ortes; keine Ruhestörung trübte die Feier und jeder Besucher konnte mit größter Befriedigung nach Hause zurückkehren.
Cassel. Ein eigenartiger Schwindler, so eine Art fahrender Liebesritter, der in den letzten Jahren wandernd durch Deutschland zog und, begünstigt von „angenehmem Aeußern" und unterstützt durch gewandte Manieren und einschmeichelndes Wesen, schwache Frauen- herzen in großer Zahl an sich zu locken und dann die heirathslustigen verliebten jungen Mädchen bis aufs letzte auszubeuten wußte, stand dieser Tage in der Person des 32 Jahre alten Technikers Hugo Jngber aus Weimar vor dem Gericht in Cassel. Dieser Liebesschwindler heißt nicht nur Jngber, er war auch in der That der reine Jngber (Liqueur) für die Frauen und, gleich süßlich wie dieser seinem ganzen Wesen nach, hatte er etwas Verlockendes für das zarte Geschlecht. Dadurch wurde es Jngber möglich, seit mehreren Jahren in systematischer Weise eine ganze Reihe von Frauenzimmern an sich zu locken und nachdem er ihnen Liebe geheuchelt, sich mit ihnen verlobt hatte, auch ihnen vor- schwindelte, sich demnächst mit ihnen zu verheirathen, ihnen ihre Ersparnisse abzuschwätzen und zu verjubeln. Man sieht also, gerade wie der berüchtigte Hugo Schenk es machte, nur nicht so grausam, denn während er noch mit seiner Geliebten schäkerte und tändelte und der „Bräutigam" mündlich und in Briefen von der bevorstehenden Hochzeit sprach, schwindelte er seiner alten Braut das Geld dazu ab, um mit einer neuen Geliebten sich ein Stelldichein geben zu können. Klappte dies ' nun — und heirathslustige Mädchen sind ja bekanntlich sehr vertrauensselig — so ließ er die alte Geliebte einfach sitzen und fuhr mit der neuen ein Stück in die Welt hinein. An einem Vorwande dazu fehlte es ja nie. Bald wollte er einem Onkel die Braut vorstellen, dann hatte er auf der Bahn Waaren abzunehmen oder 500 Mark auf der Sparkasse zu erheben k., kurz und gut, er wußte immer einen plausiblen Grund, um die „Braut", mit der er gewöhnlich Ringe gewechselt, zu bewegen, mit ihm nach einer größeren Stadt zu reisen. Dort angelangt, stieg man in einem Hotel ab, „vorläufig" um die Verwandten nicht zu belästigen, man machte dann eine größere Zeche, und wenn das Geld alle war, brannte man heimlich durch. Jngber hat auf diese Weise fast alle größeren Städte Deutschlands „bereist", sowohl in Hessen und am Rhein, als in Westfalen und Thüringen, Hannover und Brandenberg, Sachsen und Pommern. Bald war er in Stralsund, bald in Straßburg, jetzt in Berlin, dann in Koblenz und Kassel. Die meisten Damen-Bekanntschaften oder besser „Herzenseroberungen" machte er auf der Eisenbahn. Dazu kommt noch, daß Jngber seit Jahren verheiratet ist und seine Frau und zwei Kinder noch in Weimar leben. Der Angeklagte muß ein sonst geschickter Bautechniker sein, denn er hatte an der neuen Bahn Fulda- Gersfeld eine Strecke zu bauen übernommen und wurde hier auf der Strecke am 18. Januar d. Js. verhaftet, nachdem man ihn auf seinen jahrelangen Irrfahrten vergeblich zu fassen versucht hatte. Jngber hatte nämlich später die große Heerstraße verlassen, als das Register der Städte erschöpft war, und als geriebener Zechpreller Mir 4k sich wohl, W die alten Plätze Müchutehren,
Weil nun mein Litauer so außerordentlich geschwind war, so war ich der vorderste beim Nachsetzen, und da ich sah, daß der Feind so hübsch zum gegenseitigen Thore wieder hinausfloh, so hielt ich's für rathsam, auf dem Marktplatze anzuhalten und da zum Rendezvous blasen zu lassen.
Ich hielt an, aber man stelle sich mein Erstaunen vor, als ich weder Trompeter, noch irgend eine lebendige Seele von meinen Husaren um mich sah.
„Sprengen sie etwa durch andre Straßen? oder was ist aus ihnen geworden?" dachte ich.
Indessen konnten sie meiner Meinung nach unmöglich fern sein und mußten mich bald einholen.
In dieser Erwartung ritt ich meinen athemlosen Litauer zu einem Brunnen auf dem Marktplatze und ließ ihn trinken. Er soff ganz unmäßig und mit einem Heißvurste, der gar nicht zu löschen war. Allein das ging ganz natürlich zu. Denn als ich mich nach meinen Leuten umsah — wer beschreibt mein Erstaunen —. was ich da erblickte? — Der ganze Hintertheil des armen Thieres, Kreuz und Lenden waren fort und wie rein abgeschnitten. So lief denn hinten das Wasser ebenso wieder heraus, als es von vorn hineingekommen war, ohne daß es dem Gaul zu Gute kam oder ihn erfrischte.
Wie das zugegangen sein mochte, blieb mir ein völliges Räthsel, bis endlich mein Reitknecht von einer ganz entgegengesetzten Seite angejagt kam unter einem Strome von treuherzigen Glückwünschen mir Folgendes zu vernehmen gab.
Als ich mitten im heftigsten Gefechte mit dem fliehenden Feinde hineingedrungen wäre, hätte man plötzlich das Schutzgatter fallen lassen, und dadurch wäre das Hintertheil meines Pferdes rein abgeschlagen worden. Erst hätte besagter Hintertheil unter den Feinden, die ganz blind uud taub gegen das Thor angcstürzt wären, durch beständiges Ausschlagen die fürchterlichste Verheerung angerichtet, und dann wäre er siegreich nach einer nahegelegenen Weide hingehüpft, wo ich ihn wahrscheinlich noch finden würde. Ich drehte sogleich um, und in einem unbegreiflich schnellen Galopp brächte mich die Hälfte meines Pferdes, die mir noch übrig war, nach der Weide hin. Zu meiner großen Freude fand ich dort wirklich die andere Hälfte ganz gemüthlich umhergehen.
Da ich so unwidersprechliche Beweise hatte, daß in beiden Hälften meines Pferdes Leben sei, so ließ ich sogleich unsern Kurschmied rufen. Dieser heftete, ohne sich lange zu besinnen, beide Theile mit jungen Lorbeersprößlingen, die gerade bei der Hand waren, zusammen. Die Wunde heilte glücklich zn, und es begab sich etwas, das nur einem so ruhmvollen Pferde begegnen konnte. Nämlich die Sprossen schlugen Wurzeln in seinem Leibe, wuchsen empor und wölbten eine Laube über mir, so daß ich hernach manchen ehrlichen Ritt im Schatten meiner sowohl als meines Rosses Lorbeeren thun konnte.
Einer anderen kleinen Ungelegenheit von dieser Affaire will ich nur beiläufig erwähnen.
Ich hatte so heftig, so lange, so unermüdet auf den Feind losgehauen, daß mein Arm dadurch endlich in eine unwillkürliche Bewegung des Hauens gerathen war, als der Feind schon längst über alle Berge war.
Um mich nun nicht selbst, oder meine Leute, die mir zu nahe kamen, für nichts und wieder nichts zu prügeln, sah ich mich genöthigt, meinen Arm etwa acht Tage lang fest in der Binde zu tragen, wie wenn er mir halb abgehauen gewesen wäre.
Einem Manne, der einen Gaul, wie mein Litauer war, zu reiten vermochte, wird man auch wohl noch ein anderes Voltigier- und Reiterstückchen. zutrauen, welches außerdem vielleicht ein wenig fabelhaft klingen möchte.
Wir belagerten nämlich, ich weiß nicht mehr welche Stadt, und dem Feldmarschall war ganz erstaunlich viel an genauer Kundschaft gelegen, wie die Sachen in der Festung ständen. Es schien äußerst schwer, ja fast unmöglich, durch alle Vorposten, Wachen und Festungswerke hinein zu gelangen, auch war eben kein geeigneter Bursche vorhanden, durch welchen man so etwas glücklich auszurichten hätte hoffen können.
Vor Muth und Diensteifer fast ein wenig allzu rasch, stellte ich mich neben eine der größten Kanonen, die soeben nach der Festung abgefeuert ward, und sprang im Hui auf die Kugel, in der Absicht, mich in die Festung hineintragen zu lassen.
Als ich aber halbwegs durch die Luft geritten war, stiegen mir allerlei nicht unerhebliche Bedenklich- feiten zu Kopfe.
„Hm", dachte ich, „hinein kommst du nun wohl, allein wie hernach sogleich wieder heraus? Und wie kann's dir in der Festung ergehen? Man wird dich sogleich als einen Spion erkennen und an den nächsten Galgen hängen. Ein solches Bett der Ehre wollte ich mir denn doch wohl verbitten."
Nach diesen und ähnlichen Betrachtungen entschloß ich mich kurz und entwarf rasch einen Plan der feindlichen Befestigungen, welchen ich in meinNotizbuch eintrug. Sodann nahm ich die glückliche Gelegenheit war, als eine Kanonenkugel aus der Festung einige Schritt weit vor Wir vorüber nach unserem Lager flog, sprang M