— I. M. die Kaiserin-Wittwe Viktoria wird voraussichtlich, da sie sehr angegriffen ist, mit ihren Töchtern schon in nächster Zeit, vielleicht schon Anfang der nächsten Woche, sich zur Erholung nach der Schweiz begeben. Die Kaiserin-Königin-Wittwe Augusta kchri mit dem Großherzog und der Großherzogin von Baden nach Baden-Baden zurück.
— Die „N. Pr. Ztg." schreibt: Der Kaiserin-Wittwe Viktoria sind durch letztwillige Verfügung weiland Sr. Majestät des Kaisers Friedrich das Schloß in Char- lottenburg und das sogen. Kronprinzenpalais in Berlin als Wittwensitz überwiesen. Außerdem ist es selbstverständlich, daß Ihrer Majestät auf ausgesprochenen Wunsch eines der unbewohnten Schlösser im Besitz des königlichen Kronfideikommiß zur Verfügung gestellt wird. Da die Kaiserin-Wittwe Viktoria die Absicht geäußert hat, zunächst in den Rheinlanden Aufenthalt zu nehmen, so hat es sich nur um die Wahl unter den dortigen königlichen Schlössern gehandelt. Wie verlautet, ist noch keine definitive Entscheidung getroffen, doch gilt es als wahrscheinlich, daß Homburg zur Aufnahme der Kaiserin gewählt wird, da dies allen zu stellenden Anforderungen entspricht. Hierbei handelt es sich stets nur um UcbeT= Weisung der Schlösser zur Benutzung, da selbstverständlich ein Besitzübergang aus dem Kronfideikommiß nicht eintreten kann.
— In den höheren Schulen Elsaß-Lothringens soll nach dortherigen Mittheilungen mit dem neuen Schuljahre der französische Unterricht in der Sexta Wegfällen und in den übrigen Klaffen beschränkt werden. Zum 1. Oktober d. I. sollen bekanntlich auch alle Elementarlehrer pensionirt werden, die vor 1870 im Amte waren und nicht genügend Deutsch gelernt haben. Alle diese Bestrebungen, die sich auf Beschränkung der französischen und Hebung des Gebrauches der deutschen Sprache beziehen, können nur mit Freude begrüßt werden.
Erfurt, 16. Juni. Die „Thüringer Ztg." erzählt von hier folgendes interessante Vorkommnis;: Ein wunderbarer Zufall führte die Gattin eines hiesigen Magistratsbeamten in die Arme ihres seit 40 Jahren nach Amerika ausgewanderten, für verschollen und todt gehaltenen Bruders. Sie begleitete eine Verwandte nach dem Bahnhöfe und zog es vor, bis zum Abgänge des Zuges im Wartesaale zu verweilen. Hier hörten die beiden zufällig die Unterhaltung von zwei an demselben Tisch sitzenden Herren, von denen der eine dem anderen erzählte, daß er nach 40jähriger Abwesenheit von Deutschland aus Amerika herübergekommen sein, um sich das alte Vaterland, insbesondere aber Thüringen ünzusehen: Verwandte werde er kaum mehr vorsinden, da er von denselben im Laufe der langen Jahre niemals etwas gehört habe. Die Eingangs gedachte Dame konnte nach diesen Mittheilungen nicht unterlassen, dem Amerikaner von ihrem verschollenen Bruder zu erzählen. Dieser hörte anfangs gleichgiltig zu, wurde aber aufmerksamer, als die Erzählerin die Person des Todtgeglaubten näher bezeichnete. Plötzlich sprang er unter den Rufen: „Meine Schwester, meine Schwester!" auf und schloß die überraschte Dame in seine Arme.
Gütersloh. Um Mitte vorigen Monats wurde vom Schöffengericht zu Gütersloh in Westfalen der Herausgeber des christlich-konservativen Kalenders wegen eines Artikels, „das S chn aps g esch ä f l", in welchem er alle Diejenigen, welche Branntwein verkaufen, als „elende Schurken" gebrandmarkt hatte, zu 300 Mk. Geldstrafe und Tragung sämmtlicher Kosten verurtheilt. Möchten doch die Christlich-Sozialen nicht das Kind mit dem Bad ausschütten und deshalb, weil durch unvernünftiges SchnapStrinken so manche ohnehin fragliche Existenz zu Grund gerichtet wird, gleich Alle verdammen, die dem zu harter Arbeit Gezwungenen seinen einzigen StürkungStrunk verabreichen. Es giebt der mit Glücksgütern Begabten genug, welche zum Schaden ihrer Gesundheit, ihres Berufes und ihrer Familie in Champagner Orgien feiern, ohne daß deshalb die reichen Weinhändler von christlich sozialen Heißspornen verunglimpft würden.
Tages-Ereiguisse.
Schlächtern. (Israelitischer G o t t e s d i e n st.) Außer den am Beisetzungstagc Sr. hochseligen Majestät des Kaisers und Königs Friedrich III. für sein Seelenheil gesprochenen Gebete findet kommenden Sonntag, den 24. d. M., Morgens 10 Uhr, ein Trauergottes- dienst mit Predigt statt.
— Der Kaiser hat angeordnet, daß für den verstorbenen Kaiser Friedrich am 24. Juni dieses Jahres in allen Lehranstalten und Schulen eine Gedächtnißfeier stattfindet.
— Die Kundgebungen für Kaiser Friedrich im Auslande sind so zahlreich, daß wir unmöglich von ihnen eingehend Notiz nehmen können. An Herzlichkeit stehen sie kaum den inländischen Kundgebungen nach. Namentlich herzlich waren sie in Oesterreich und in Italien.
—. Bei dem Königl. Proviant-Amt zu Bockenheim sollen gleich nach Beginn der Heu- und Roggen-Ernte die Heu- und Roggenstroh-Ankäufe stattfinden. Die Produzenten der genannten Erzeugnisse werden hiervon mit dem Anfügen in Kenntniß gesetzt, daß das Königl. Proviant-Amt zu jeder schriftlichen und mündlichen Auskunft über Preis- und QualitätS-Berhältniffe gern HE ist,
Fulda, 19. Juni. Der Bischof Joseph veröffentlicht aus Anlaß des Hinscheidens Kaiser Friedrichs einen Erlaß an die Bewohner der Diözese Fulda, worin unter Ausdrücken des Schmerzes Abtheilung von dem traurigen Ereignisse gemacht wird.
— 19. Juni. Bei dem gestrigen Trauerläuten für den verewigten Kaiser löste sich der fast 2 Centner schwere Klöppel der Domglocke „Osannah", bekanntlich der größten Glocke Fulda's, durchschlug krachend den massiven eichenen Glockenboden und fiel neben den läutenden sechs Männern nieder, welche zum Glück mit dem bloßen Schrecken davon kamen. Die nothwendig gewordene Reparatur wurde nach der „Fuld. Ztg." alsbald vorgenommen und wird die „Osannah" schon heute. Mittag wieder geläutet werden. Zufälliger Weise wird der gleiche Fall auch aus der Bischofsstadt Limburg vom letzten Samstag gemeldet.
Ulmbach, 18. Juni. Kaiserliche Oberpostdirection hat bestimmt, daß binnen Kurzem dahier eine Fernsprech- Station errichtet werde. Die nöthigen Vorarbeiten sind bereits im Gange. Die Leitung wird dem Vernehmen nach von Steinau über Ulmbach und Freiensteinau nach Grebenhain führen. Diese Einrichtung der Kaiserlichen Oberpostdirection wird seitens der Bewohner des Vogelsbergs mit großer Freude begrüßt. Sehr zu wünschen wäre, daß nun auch die Personen-Fahrpost „Steinau— Uerzell-Freiensteinau" diese Richtung einnehme, also über Ulmbach ginge. Daß die Frequenz eine sehr bedeutende sein würde, steht außer Zweifel.
— Es hat hier recht unangenehm berührt, daß am vergangenen Sonntag Morgen in der hiesigen Kirche auch nicht mit einem Worte das so tiefschmerzliche Er- eigniß vom 15 Juni erwähnt worden ist. Die Liebe und Verehrung zu unserem, von unsäglichem Schmerze heimgesuchten Herrscherhaus hätte doch den betreffenden Herr Pastor bestimmen, auch ohne höhere Aufforderung die versammelte Gemeinde von dem Hinscheiden des geliebten Landesvaters zu unterrichten.
□ Uerzell, 17. Juni. Die an der Straße von hier nach Ulmbach von Herrn F. Huhn neu errichtete Kalkbrennerei ist dem Vernehmen nach an die Russenstein- fabrikantin Fräulein S. Huhn in Ulmbach pachtweise übergegangen. Der erste Brand soll Fräulein Huhn vorzüglich gelungen sein und verspricht das Unternehmen ein sehr einträgliches zu werden, da der Pachtpreis blos 36 Mark beträgt und die Firma bis jetzt hier keine Concurrenz hat.
Frankfurt. Der neue Centralbahnhof hat die amtliche Bezeichnung „Hauptpersonenbahnhof" erhalten. Den Beamten rc. ist aufgegeben, sich der letzteren Bezeichnung und nicht des Wortes Centralbahnhof zu bedienen. — Die Eröffnung ist mit Rücksicht auf die nicht vor August fertig werdenden hydraulischen Einrichtungen verschoben worden. Ob der Bahnhof Mitte August, wie zur Zeit angenommen wird, eröffnet werden kann, steht noch dahin.
Cassel, 19. Juni. Der Kaiserin-Wittwe Viktoria soll das Schloß Wilhelmshöhe zum Wittwensitz und als Eigenthum zuertheilt worden sein, und zwar nach Nachrichten aus gut unterrichteter Quelle laut Bestimmung des verstorbenen Kaisers Wilhelm 1.
Bau der Diemel, 16. Juni. Kaum hat sich das Grab über dem in voriger Woche in Erlinghausen bei Marsberg auf scheußliche Weise ermordeten jungen Mädchen geschlossen, noch hat sich die Aufregung über diese Unthat nicht gelegt und sind alle Versuche, den Mörder zu entdecken, bisher vergeblich gewesen — und schon wieder geht hier in dem westfälisch-waldeckischen Grenzdistricte die Schreckenskunde wie ein Lauffeuer durch Stadt und Land: ein zweiter Mädchenmord ist in Erlinghausen verübt worden. In der Nähe des Dorfes Erlinghausen, nicht weit von der Stelle, wo der erste Lustmord begangen wurde, ist gestern Nachmittag ein kräftiges junges Mädchen, welches einige 30 Jahre alt war, ermordet worden. Die That geschah auf freiem Felde in der sog. Sandkuhle, doch hatten auf dem Felde arbeitende Leute das Hülfegcschrei des Mädchens gehört und eilten herbei, es war zu spät, die blutige That war schon geschehen und sie fanden nur die schrecklich zugerichtete Leiche. Der Mörder flüchtete in den nahen Wald, kletterte auf einen Baum und erhängte sich, doch mißlaug sein Vorhaben, der Strick zerriß, der Mörder stürzte aus beträchtlicher Höhe zur Erde und zerbrach den Fuß. Durch die furchtbaren Schmerzen verlor er die Energie, sich zum zweiten Male aufzuhängen, auch vermochte er nicht zu entfliehen und konnte so von seinen Verfolgern eingeholt und festgenommen werden. Die Bewohner Erlinghansens waren ebenso aufgeregt als erstaunt, als sie in dem verruchten Mörder einen der Ihrigen erblickten, wo sie doch allseitig der Ansicht waren, die beiden Morde müsse ein in den Bergen und Schluchten herumlungernder Strolch verübt haben, der festgenommene Mörder ist nämlich ein Bauernsohn aus dem Dorfe, Johannes Prior, ein kräftiger Bursche von 32 Jahren. Der Unmensch hat die That mittelst einer großen Hecken- scheere begangen, welche nicht weit vom Thatorte aufgefunden wurde, ohne Zweifel hat diese Bestie in Menschengestalt auch den ersten, an der 17jährigen Therese Füst begangenen Lustmord verübt, die näheren Umstände find fast die gleichen. Die Aufregung in der
ganzen Gegend, namentlich in Erlinghausen und Marsberg, ist unbeschreiblich, doch leicht erklärlich. Nachdem man den Mörder gefesselt, wurde er auf einen Wagen gebunden und nach Marsberg geführt, wo V gut bewacht hinter Schloß und Riegel sitzt.
Ausland.
Paris. Den merkwürdigsten Eindruck hat der Tod des Kaisers Friedrich und die Thronbesteigung Kaiser Wilhelms II. auf die Pariser Zeitung „Soleil" gemacht. Sie bricht in Klagen darüber aus, daß für die Ver- proviantirunz von Paris ungenügend, kaum für 14 Tage gesorgt sei, und dringt in den Kriegsminister, für den Fall eines plötzlichen Krieges seinen Pflichten besser nachzukommen, um zu verhüten, daß eine neue Belagerung Paris unvorbereitet treffe.
Petersburg. Aus St. Petersburg kommt aus zuverlässiger Quelle die Nachricht, daß die Reise des russischen Kaiserpaares nach Kopenhageu zur Zeit fest beschlossen ist. Eine Aenderung des Planes würde nur im Fall „ganz außerordentlicher Ereignisse" eintreten. Der Zeitpunkt der Reise ist noch nicht endgültig festgesetzt.
Wien. Wer sich nur zu helfen weiß! Der Kaufmann B. ging von der Wohuung eines wohlhabenden Fabrikanten auf der Andraffystraße in Pest gerade in dem Augenblick vorüber, als eine schöne Frau, die am Fenster saß, durch eine unvorsichtige Bewegung ein Buch auf die Straße fallen ließ. B. hob natürlich sofort das Buch auf und beeilte sich, dasselbe seiner Eigenthümerin in das Zimmer zu überbringen. Er wollte sich sofort, nachdem er seiner Aufgabe als „ehrlicher Finder" entsprochen hatte, wieder entfernen, aber, er wußte selbst nicht wie, es hatte sich rasch ein lebhaftes Gespräch zwischen ihm und der schönen Frau entsponnen. Doch plötzlich schien es ihm, als ob die Dame des Hauses von einem heftigen Schrecken erfaßt sei. Sie eilte zum Fenster und rief: „Um Gotteswillen, mein Mann kommt!" Jetzt wurde auch B. verlegen. „Wenn mein Mann einen fremden Besuch findet, ist er gleich eifersüchtig", stammelte sie. Auf diese nicht gerade beruhigende Aufklärung wollte B. schleunigst Hut und Stock nehmen, woran er aber gehindert wurde. „Das ist zu spät. Sie begegnen schon meinem Gatten an der Thür und das wäre noch schlimmer. Bleiben Sie, ich werde Sie als den Arzt vorstellen, den ich wegen eines-plötzlichen Unwohlseins, von dem ich befallen worden bin, habe rufen lassen. B. hatte nicht mehr Zeit, die ehrvolle Promotion abzulehnen, der Gatte, ein Herr unbestimmbaren Alters, trat eben in den Salon. Der etwas von Eifersucht angekränkelte Ton, mit dem Herr S. den Fremden begrüßte, wich sofort, als die junge Frau mit einer passend modulirten leidenden Stimme dessen Anwesenheit erklärt hatte. „Die Sache hat nichts zu bedeuten," meinte beruhigend der junge Kaufmann, „die gnädige Frau braucht nur ein wenig Ruhe, es ist auch nicht nöthig, daß ich ihr etwas verschreibe." B. war glücklich, als er endlich im Vorzimmer war. Herr S. begleitete ihn dahin, fragte ihn nochmals eindringlichst, ob kein Grund zur Besorgnis; vorhanden sei, und drückte ihm schließlich mit dankerfüllter Miene eine Fünfguldennott in die Hand. Was sollte B- thun? Um nicht aus der Rolle zu fallen, mußte er sie dankend einstecken.
Eingesandt.
Salmünster, 19. Juni. Bei der am 11. d. Mts. dahier stattgehabten Firmung durch den Hochwürdigsten Herrn Bischof von Fulda ist mit Unwillen bemerkt worden, wie ein gewisser Herr in ziemlich unsanfter Weise die Aufrechthaltung der Ordnung in der Kirche zu handhaben suchte. Es ist schon öfters hier gefirml worden und stets ist ohne solche Hand- und Mund- fertigkeiten die heilige Handlung in schönster Ordnung verlaufen. Möge der betreffende Herr die Ausübung seiner Hand- und Mundproben künftig auf den Vogell- berg beschränken. Hier ist man ein derartiges, mehr auf den Kasernenhof paffendes Auftreten nicht gewohnt.
Ein Beobachter»
Schreckliche
Plage diese Russen und Schwaben, ich wußte mir nicht zu helfen, da rieth man mir zu Strubelin: Alles ist seitdem verschwunden. I. Ammann,
München.
Allein ächt bei: Ferd. Fenner.
Witterungsbericht.
Das Wetter wird in den nächsten 2—3 Tagen muth- maßlich folgenden Gang nehmen: Die Temperatur wW so ziemlich dieselbe bleiben; die Bedeckung wird wechseln; es werden mäßige Nord- bis Ostwinde herrschen; Niederschlüge sind nur mit Gewittern, welch« sehr wahrscheinlich sind, zu erwarten.
Kirchlicher Anzeiger für Schüchtern.
Sonntag, den 24. Juni 1888:
Morgengottesdienst: Herr Pfarrer Römhtk^ Nachmittagsgottesdienst: derselbe. _ .
Wachend teuft in der Stadt: Herr Superintendent ®^