Waldungen bei Seestetten (Niederbayern) wird z. B. der Windbruch auf mindestens 1000 Ster geschätzt; was an Obstbäumen in dortiger Gegend nicht entwurzelt ist, steht mit abgeschlagenen Aesten traurig da und der Boden ist mit Blättern und unreifem Obst dicht bedeckt. Nach Hunderten wurden die Fenster eingeschlagen. Aehnliche Berichte kommen aus der Gegend von Regen, wo im Orte Obernagelbach ein Mädchen vom Blitz erschlagen wurde. Bei Hengersberg hat der Sturm einen Stadel umgerissen. In der Umgebung von Bogen sind nicht weniger als 13 Ortschaften total verhagelt. Beim Rentamt Vilshofen trafen am Dienstag zahlreiche Bauern aus dem Vorwald ein, um ihren Schaden an- zumelden. In einer kleinen halben Stunde war allerorts das Ergebniß monatelanger Arbeit des fleißigen Landmannes vernichtet und trostlos sehen die Leute der sonst fröhlichen Erntezeit entgegen.
Hamburg, 5. Juni. Der kaiserliche Regierungssekretär in Kamerun, Herr Ingenieur Schran, welcher den letzten, von Westafrika herübergekommenen Woermann'schen Dampfer in Havre verlassen hatte, um den Landweg einzuschlagen, ist seit einigen Tagen hier eingetroffen und wird sich demnächst nach Berlin begeben. Unter seiner Führung sind hier sechs junge Afrikaner angelangt, welche sich drei Jahre in Deutschland aufhalten sollen. ES befindet sich ein Sohn des „Königs" Akwa darunter, welcher auf Wunsch des Gouverneurs von Kamerun, Herrn v. Soden, höhere Lehranstalten besuchen wird, um nach Erlernung in der deutschen Sprache als Dolmetscher in den Dienst des Kameruner Gouvernements zu treten. Ein anderer junger Afrikaner wird bei einem Oberförster die Waldwirthschaft erlernen, die vier übrigen werden bei Handwerksmeistern untergebracht, und zwar sämmtlich in — Paderborn. Gegenwärtig fühlen sich die Herrchen, welche die Namen Akwa, Apundu, Fatoma, Dague, Wolfgang und Notene führen, in Hamburg, wo sie jeden Abend ins Theater, Konzert oder in den Zirkus geführt werden, ungeheuer wohl.
Tages-Ereignisse.
Schlüchtern. (Eßt Grünes, Salat, Gemüse, Rettig rc.), ihr Alle, die ihr nicht nach Marienbad, Kissingen, Ems rc. fahren, eine Badekur durchmachen könnt! Junges Gemüse, besonders Salat, Kopf- und Feldsalat, sind nicht nur sehr nahrhaft, geben Fleischansatz und Kraft, sondern sie reinigen das Blut, ihr Genuß ersetzt eine Art Badekur. Und Ihr Hausfrauen, die Ihr das erfrischende Grün, den saftigen Salat zurechtmacht und auftischt, erhaltet in demselben die stärkenden Kräfte und Kräfte! Zerrupft Ihr die Salatköpfe, schneidet Ihr die Blätter vom Kopfe ab, werft Ihr dann Blätter und Herzstückchen in den Eimer, in die Schüssel zum Waschen und Reinigen, so ist das Beste des Salates dahin, schwimmt im Wasser und kommt auf den Dünger statt in den Leib. Die Salatköpfe müssen ganz ungerupft gewaschen und kurz vor dem Essen zerlegt und angemacht werden, damit alle Säfte in der Eßschüssel bleiben. Und dann für den Mann nicht 5 bis 6 Blättchen, sondern 2 bis 3 Köpfchen auf den Tisch, Mittags und Abends, und Ihr sollt einmal sehen, wie rosig und blühend die Wangen werden! Versucht's nur einmal! Laßt Euch Abends eine Schüssel Salat und dazu Spiegeleier machen. Ihr werdet bald sehen, wie gut es Euch bekommt; aber 6 bis 8 Wochen lang. Ein Bad nützt nichts, mehrere hintereinander aber schaffen's. Im Fleischsaft giebt JustuS von Liebig 2,96 Prozent lösliches Allbumiu an, der Feldsalat hat 2, 09 Prozent Stickstoffgehalt, Kopfsalat 1,41 Prozent.
— Eine Landgemeinde hat das Anfahren und Zerkleinern der zur Unterhaltung der Gemeindewege nöthigen Steine in einzelnen Loosen an die mindestfordernden Gemeindeangehörigen zu vergeben; der Akkordpreis entspricht dem ortsüblichen Tageslohn. Das Reichs- Versicherungsaint hat sich unter dem 28. April d. J. (Nr. 527) dahin ausgesprochen, daß die Gemeinde als Unternehmerin der fraglichen Bauarbeit anzusehen ist, und daß alle von den Akkordanten bei der übernommenen Arbeit beschäftigten Personen (Ehefrauen, Kinder, Gesinde rc.) ebenso wie die Akkordanten selbst als versichert im Sinne des § 22 Absatz 1 des Bauunfallversicherungsgesetzes vom 11. Juli 1887 anzusehen sind.
— Die Söhne von Handwerkern und Unternehmern sind versicherungspflichtig wie jeder andere gewerbliche Arbeiter, wenn sie im Betriebe ihres Vaters beschäftigt sind, so entschied der Strafsenat des Reichsgerichts, da der Sohn dann einen Arbeiter ersetze und das Gesetz hierin keinen Unterschied zulasse.
FulLa, 7. Juni. Wie dem „Tagebl." ein Abonnent in Amerika mittheilt, starb dieser Tage zu Baltimore ein ehemals kurhessischer Lehrer, welcher als eine tüchtige Kraft geschätzt wurde und sich großer Beliebtheit erfreute, der nunmehrige amerikanische Musik-Director Martin Schmalz, geboren zu Fulda. Der Grund, weshalb er s. Z. seine deutsche Heimath verließ, dürfte in Folgendem zu suchen sein: Zu damaliger Zeit, es war im Jahre 1849, erließ die kurhessische Regierung eine Verfügung, wonach es jedem Lehrer untersagt wurde, einen Bart zu tragen. Nun war aber rc. S. von der Mutter Natur mit einem prachtvollen Bart ausgestattet worden, und es ist sonach begreiflich, daß sich der jugendliche Lehrer, welcher damals erst 24 Lenze zählte, seiner
männlichen Zierde nicht so ohne Weiteres berauben lassen wollte. Erst auf wiederholtes Auffordern des damaligen Landraths zu Hünfeld (Schmalz war im Decanat Eiterfeld angestellt) entschloß er sich dem Re- gierungsrescript Folge zu leisten. Er ließ sich den kräftigen Vollbart abnehmen, packte ihn sorgfältig ein und schickte ihn dem Beamten nach Hünfeld mit der Bemerkung: „Der Herr Landrath könne nun ruhig sein, das Vaterland sei nunmehr gerettet!" Seine sofortige Absetzung als Lehrer war die Folge dieses jugendlichen Streiches. In Folge dessen verließ er bald sein heimathliches Land, siedelte nach Baltimore über, wo er sich als tüchtiger Musiklehrer und Organist einen ehrenvollen und einträglichen Wirkungskreis und, allmälig zum Musik-Director vorgerückt, ein behagliches Heim schuf, aus welchem ihn nun der Herr plötzlich zu sich abberufen hat. Er hinterläßt eine treue Gattin und vier bereits erwachsene Kinder.
Frankfurt, 7. Juni. In Begleitung von 43,000 Gulden und ihres Geliebten war im August 1859 eine junge Dame, ein Fräulein P., von hier durchgegangen. Das Geld gehörte einer reichen Tante, welche indeß das Paar nicht gerichtlich verfolgen ließ und sich darauf beschränkte, in Zeitungen des In- und Auslandes durch Annoncen die Nichte zur Rückkehr aufzufordern. Vergebens; man hörte nichts von dem liebenden Paar, es war und blieb verschollen. Vor einigen Tagen nun besuchte ein siebenundzwanzigjähriger junger Mann eine hiesige Familie, die zu jener Dame in naher Verwandtschaft steht, und stellte sich als deren einziger Sohn vor. Seine Mutter hatte in Amerika den Geliebten geheirathet und war Anfangs April in Chicago gestorben; ihr Mann war ihr vor einigen Jahren im Tode vorausgegangen. Der letzte Wunsch der Verstorbenen war, der Sohn möge ihre Verwandten in Frankfurt aufsuchen und Verzeihung für sie nachträglich erflehen. Der junge Amerikaner wurde von den Verwandten mit großer Freude ausgenommen. Er erbot sich — seine Mutter hatte ihm ein beträchtliches Vermögen hinterlassen — die 43,000 Gulden sammt Zins und Zinseszins zurückzuzahlen. Die hiesige Familie hat es aber nicht nöthig und nahm das Anerbieten nicht an. Die übereilte That ist längst verziehen und den letzten Stachel, der im Herzen noch zurückgeblieben sein mag, hat jetzt der Versöhner Tod entfernt.
Casstl, 7. Juni. Im Interesse der Besitzer von Schuldverschreibungen der 1868er, 1872er und 1878er Stadt Kasseler 4proc. Anleihen sei schon jetzt darauf aufmerksam gemacht, daß nach einer in kürzester Frist zu erwartenden Bekanntmachung die Kündigung aller durch planmäßige Verloosung noch nicht gekündigten, zur Zeit noch in Umlauf befindlichen Schuldverschreibungen der genannten Anleihen zum 1. Januar 1889 erfolgten und den Inhabern eine in den laufenden Monat Juni fallende kurze Frist zur Anmeldung und Vorlage der Schuldverschreibungen zwecks Abstempelung auf S^/o Zinsen vom 1. Januar 1889 ab gesetzt werden wird.
Von der Diemel, 9. Juni. Die ganze Gegend an der waldeckisch-westfälischen Grenze ist durch einen scheußlichen Lustmord in leicht begreifliche Aufregung versetzt worden. Zwischen Rohlgrund und Erlingshausen, etwa eine halbe Stunde von Marsberg, auf preußischem Gebiet, aber dicht an der Waldeckischen Grenze, wurde vorgestern Morgen ein 17jähriges Mädchen, welches in einem etwas abgelegenen Wiesengrunde das Vieh ihres Vaters, eines Bauern in Erlinghausen, hütete, ermordet aufgefunden. Das junge Mädchen ist unzweifelhaft das Opfer eines Lustmordes geworden, darauf deuten die näheren Umstände hin; ebenso darauf, daß ein verzweifelter Kampf stattgefunden hat. Als die Schwester der Ermordeten angesichts des drohenden Regens hinaus auf die etwa 10 Minuten vom Dorfe liegende Wiese geht, um einen Schirm zu bringen, findet sie die fast völlig entblößte Leiche hinter einem Gebüsche versteckt. Außer einer handbreit klaffenden Wunde am Halse, welche den sofortigen Tod herbeigeführt, zeigt sich eine tiefe Wunde im Nacken und mehrere Schnitte an der Hand; letztere Verletzungen hat die Unglückliche sich wahrscheinlich bei ihrer verzweifelten Gegenwehr zugezogen, indem sie die Mordwaffe von sich abzuwehren suchte. Gegen einen Strolch, welcher sich Tags vorher in der Gegend umhertrieb, hegt man Verdacht bezüglich der Thäterschaft. Das Gericht von Nieder-Marsberg war vorgestern an Ort und Stelle und nahm den Thatbestand auf, gestern erschien der Staatsanwalt von Arnsberg. Die Untersuchung ist im vollen Gange und wird es hoffentlich bald gelingen, Licht über diese schaurige Unthat zu verbreiten und diese Bestie in Menschengestalt dingfest zn machen.
Aus dem Kreise Schanmburg, 7. Juni. Der Stand der Saaten ist in hiesiger Gegend ein sehr trauriger. Vom Roggen, der theils hat umgepflügt werden müssen, ist nur eine sehr geringe Ernte zu erwarten. Auch die Sommerfrüchte kommen wegen anhaltender Dürre nicht fort und ängstlich sieht der Bauer der Ernte, der Hoffnung des LandmanneS, entgegen. Auch Obst wird nur geringen Ertrag liefern, da sich die Blüthen wegen der großen Kälte nicht entwickeln konnten.
Ausland.
Teheran. Die Ausführungsarbeiten, so wird aus Teheran (Persien) gemeldet, zur ersten Eisenbahn im Lande des Schah, schreiten rüstig vorwärts. Schon ist auf einer Strecke von mehreren Meilen das Schienen- geleise gelegt worden. Der Ausgangspunkt der Eisenbahn ist Mahmondabat am Kaspischen Meer; zunächst wird von hier aus die Strecke nach Amol, 25 Meilen im Innern gelegen, gebaut. Den Eingeborenen sind die Lokomotiven etwas ganz Wunderbares. Selbst nach wochenlanger Beobachtung scheint ihnen noch nicht die geringste Ahnung über die Kraft des schnaubenden Ungeheuers aufgegangen zu sein. Sobald die Lokomotive heranbraust, weicht die Menge eine ganze Strecke der Sicherheit wegen zurück und bricht dann in einen lauten Aufschrei aus. Ueber 2000 Arbeiter sind gegenwärtig an dieser ersten persischen Eisenbahn beschäftigt. Die meisten sind Italiener, der Rest, verschiedenen anderen Nationen angehörig, war früher beim Bau der transkaspischen Eisenbahn beschäftigt. Die Mahmondabad- und Amol-Eisenbahn wird lediglich zu Handelszwecken gebaut. Viele Schwierigkeiten bietet das Landen des Baumaterials, da das Wasser im Hafen sehr flach ist und die Leichterschiffe häufig Umschlägen. Selbst kleinere Dampfer können sich nur auf eine Entfernung von drei Meilen dem Ufer nähern. Trotz alledem aber macht der Bau der Linie ziemlich gute Fortschritte. Von dem Erfolg dieser ersten Linie wird es abhängen, ob weitere Eisenbahnen in Persien gebaut werden.
Die Directrice.
Novelle von Karl Schaper.
(Fortsetzung.)
In dem trauten Familienkreise der Verwandten gewann sie bald ihre Ruhe und Fassung wieder; dieselben, von denen sie lange fern gewesen, thaten Alles, um dem jungen Mädchen den Aufenthalt bei ihnen angenehm zu machen.
So weilte Ella schon eine Woche dort, als ihr plötzlich eine Berliner Zeitung in die Hände siel, wöbe ihre Augen bei einem Inserat haften blieben, was ihr wie ein Fingerzeig vom Himmel erschien:
Dem chiffrirten Inserat zufolge suchte eine in der Reichshauptstadt wohnende, vornehme und alleinstehende Dame ein gemüthrerches, gebildetes, junges Mädchen, dem eine etwas zurückgezogene, stille Lebensweise zusage, wie bemerkt stand, als Gesellschafterin, Vorleserin rc.
Hier konnte ein neuer, glücklicher Wirkungskreis für Ella anbrechen, sie fühlte, wie ein friedliches, ruhiges Dasein ihr jetzt mehr zusagen würde, als alle andere Thätigkeit, und sie beschloß, sich um die Stellung zu bewerben. Sie schrieb über ihre früheren Verhältnisse, so weit angängig, in warmem, zum Herzen dringendem Tone, erzählte von ihrer Vergangenheit, ihren Eltern, und ihr ganzer, fester, bescheidener Charakter sprach sich in den zierlichen Zeilen aus. Auch legte sie, wie ver langt wurde, ihre Photographie bei. —
Zwei Tage später erhielt sie Antwort trotz der übrigen Bewerber, die sich unzweifelhaft zahlreich gemeldet haben mochten. „Liebes Fräulein," schrieb die Dame, „Sie wissen gar nicht, wie mich Ihre freundlichen Zeilen erfreut haben, so natürlich, so ungezwungen zum Herzen dringend. Ja, Sie müssen gut sein, Ihn Worte, Ihr Bild sagen es mir, ich zweifle nicht, das wir zu einander passen, daß wir unS auf's Beste verständigen werden." Dann folgte die Aufzählung der Pflichten, die Ella zu übernehmen hatte und die ihr leicht und angenehm erschienen, wie überhaupt der ganze Brief eine vornehme milde und gutherzige Dame verrieth.
Ella fühlte sich von dem Schreiben aufs Wärmst! angemuthet, ja sie wollte die Stellung übernehmen un» alles thun, um das Wohlwollen der Dame zu erringw Dann las sie die Unterschrift: „verw. Präsidentin Braun." Das junge Mädchen zuckte leicht zusammen. SoW die Dame eine Verwandte von dem jungen Manne sein dessen sich ihr Herz noch immer in wehmüthiger Freud! erinnerte, wohl gar seine Mutter! Einen Augeubm wurde sie in ihrem Entschluß schwankend — aber IN heit, wie lebhaft ihre Phantasie war — gab eS w viele Menschen in der Welt, die nur die Gleichheit w Namens gemein haben? Durch solch thörichtes Beben!!» wollte sie sich nicht von ihrem Entschlüsse abbringen lassen. Sie schrieb ihre zusagende Antwort an 7 Präsidentin und bestimmte den Zeitpunkt, wo sie 111 Berlin eintreffen werde.
VI.
Felix war mehrere Wochen zur Vertretung * einem kleinen Orte beordert gewesen, die Zeit, die V lang genug gedäucht hatte, war abgelaufen, nun befw er sich wieder in seinem alten Amtssitze, und mit welche Gefühlen betrat er wieder die heimische Stadt, der!» Mauern ein Etwas bargen, das ihm den Aufenth"» daran noch einmal so lieb und angenehm machte. We"» noch irgendwie Zweifel und Bedenken über den ZuD seines Herzens in ihm obwalteten — an dem kleine»- einsamen Orte waren sie verschwunden, fern von geliebten, junge» Mädchen, bei dem seine Gedanken v oft mitte»; — dort, wo er sie nicht täglich fO E