Echlüchterner Zeitung.
Amtliches Blatt für die Veröffeullichungen oes Kreises Schiüchterri.
Erscheint Mittwochs und Samstags. - Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
^ 38» Samstag, den 12. Mai. 1888.
Amtlicher Theil.
Nr. 2840. Für den am 5. Juli 1869 zu Salmünster geborenen Nathan L>tern ist um Entlassung aus dem diesseitigen Staatsverbande zwecks Auswanderung nach Amerika nachgesucht worden.
Schlüchtern, den 8. Mai 1888.
Der Königliche Landrath: Roth.
Nr. 2371. Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Hofbauer Müller zu Hütten auf Grund des § 34 der Kreisordnung zum Bürgermeister für die Gemeinde Hütten ernannt worden ist- Schlüchtern, den 4. Mai 1888.
Der Königliche Landrath: Roth.
Bekanntmachung.
Im Auftrage des Königlichen Konsistoriums werde ich Dien st a g, den 22. Mai, Vormittags 11 Uhr auf hiesigem Landrathsamte den Um» und Neubau des Pfarrhauses zu
Hohenzell
öffentlich an den Mindestfordernden ausverdingen lassen. Die Ertheilung des Zuschlages bleibt dem Königlichen Konsistorium vorbehalten.
Plan und Kostenanschlag liegen im Landrathsamte zur Einsicht aus.
Schlüchtern, den 8. Mai 1888.
Der Königliche Landrath: Roth.
Wie nimmt man sich und seine Kinder vor Gesuudheitsstörungeu, ansteckenden Krankheiten, insbesondere auch vor Diphtheritis in Acht?
(Schluß.)
Das Neugeborene wird ja wohl im ersten Vierteljahre regelmäßig gebadet, nachher aber unterläßt man es, während doch die Gesundheit fordert, daß dies so lange fortgesetzt werde, „bis das Kind das 60. Jahr erreicht hat". „O wüßtest du, wie's Fischlein ist so wohlig auf dem Grund, du stiegest nieder wie du bist und würdest erst gesund." Warmes Wasser mit Seife hält die Hautporen offen, durch welche die Unreinigkeiten des Blutes, dessen Gefäße mit den Schweißdrüsen in Verbindung stehen, in Form von Ausdünstung und Schweiß aus dem Körper befördert werden. Bleiben diese Kanäle geschlossen, so treten innere Ueberschwem- mungen, Verschleimungen, Schnupfen rc. ein. Als in der „guten, alten Zeit" noch allgemein gebadet wurde, kannte man keine Schnupf- und Taschentücher, sondern nur Schweißtücher. Bei geschlossenen Hautporen wird auch die Unreinigkeit im Körper zurückgehalten, die Säfte werden unrein. Wie Jauche riecht der durch schweißtreibende Mittel oder auf sonstige gewaltsame Weise erzeugte Schweiß eines sich nie Badenden. „Mit Seife mißt man die Kultur, drum bad' und seif' und reib' dich nur." Warmes Wasser ist darum zum Reinignngs- bade erforderlich, weil dasselbe allen Schmutz und Hauttalg besser aufzulösen im Stande ist als kaltes. Dem warmen Bade, oder wo solches nicht zu haben, der warmen Waschung des ganzen Körpers muß aber — nicht etwa „Jusbettegehen" — sondern kalte Ueber- gicßung oder gehörige Trockenreibung folgen. Durch das warme Wasser ist nämlich unsere Haut empfindlich geworden und läßt die Körperwärme in zu reichlichem Maße ausstrahlen. Durch die nachfolgende kalte Abreibung, oder noch besser Brause, wird die Federkraft unserer Haut gestählt, so daß sie im Stande ist, wie ein Sicherheitsventil zu wirken, indem sie sich zusammen- zieht und die Wärme znrückhält, wenn ihrer zu viel durch die uns umgebende kalte Luft entzogen zu werden droht. Die Abgabe von Körperwärme nach außen hängt aber weiter noch von der Menge Blut ab, welche durch die Blutbahnen nach den äußeren Körpertheilen strömt. Giebt das Blut zu viel Wärme an die Außenwelt ab, so bewahrt es nicht die Temperatur, welche zur Erhaltung der Zellen erforderlich ist, und wir können uns erkälten, falls nämlich gerade Mikroorganismen vorhanden sind, welche die Zellen anzugreifen. Ist dies nicht der Fall, so kann der allzugroße Wärmeverlust schadlos vorübergehen, wie ja auch eine Armee zwar in Gefahr, doch nicht gerade verloren ist, wenn einmal die Wachen schlafen. Wer aber wollte sich damit trösten? Welches sind nun die Wachen, die unser Organismus ausgestellt ^ Werden die Zelle» unserer WrperoberMche durch'
die Kälte unangenehm berührt, so theilen sie dies durch । muß, als wenn die Außenluft durch Fensterschluß völlig die Empfindungsnerven schleunigst dem Gehirn — dem} abgeschlossen wird; denn daß die Glasscheiben so porös
Hauptquartier — mit, und von hier aus werden durch
andere Nerven die Blutgefäße rasch verengert, damit weniger Blut zur Oberfläche und somit nicht zu viel Wärme verloren geht. Bei einem normalen Körper geschieht dies alles im Augenblick und wer einen solchen besitzt, bleibt vor Erkältungen bewahrt, denn er ist „abgehärtet". Wie aber jede Armee, die stets schlagfertig 'ein soll, in fleißiger Uebung bleiben muß, so müssen auch unsere Haut und Nerven, wenn wir uns auf sie verlassen wollen, oft geübt werden. Durch immerwährendes Warmhalten, durch warme Kleider, Wohnungen und Waschungen vernachlässigen wir es aber, unsere Empfindungsnerven und Haut leistungsfähig zu erhalten, und tritt einmal die Aufgabe an sie heran, sich zu bewähren, so gleicht unser Organismus einer Armee bestehend aus ungeübten Soldaten mit rostiger Waffe.
Darum
ist erforderlich, daß wir durch naßkalte Abrei
bungen oder Brausen, im Sommer durch Flußbäder oben genannte Organe in Uebung erhalten und also damit nicht warten, bis die Leichenwüscherin uns unter den Händen hat. Der kalten Brause rc. folge dann noch gehörige Trockenreibung und flotte Bewegung im Freien. Durch letztere wird den geöffneten Poren Ausdünstungsmaterial zugeführt, und werden unsere Säfte gleichmäßig durch den ganzen Körper getrieben, überall den Organen Nährstoffe spendend und verbrauchte, abgestorbene Theile an die Oberfläche schwemmend, woselbst sie durch die geöffneten Schweißporen ausgestoßen werden. Diesem vierten Gebote der Gesundheitspflege — der Bewegung — kann genügt werden durch körperliche Arbeit, Spazierengehen, Turnen, Schwimmen, Schlittschuhlaufen, Reiten, Jagen u. s. w. „Es würde alles besser gehen, wenn man mehr ginge." Durch die Bewegung im Freien würde auch der fünften Gesundheits- vorschrift, der Einathmung frischer, reiner Luft, Rechnung getragen, indem man dabei gezwungen wird, lebhafter zu athmen, als bei sitzender Lebensweise. Die Einathmung reiner Luft unterstützt wesentlich die Reinhaltung der Säfte. Daß die Luft unsere wichtigste Speise ist, geht daraus hervor, daß Jemand ohne Magenspeise, wie die „Hungervirtuosen" Tanner, Cetti rc. gezeigt haben, 40 Tage leben kann, ohne Luft aber schon nach wenigen Minuten stirbt. Pabulum vitae, d. i. Lebensspeise, nannte darum Hippokrates die atmosphärische Luft, und sollte man deswegen auch im Zimmer bei fTag und Nacht durch Oeffnen der Fenster stets für ; reine Lust sorgen. Nicht von Erkältung kommen die ' mancherlei Lungenerkrankungen während des Winters und Frühjahrs, sondern von langsamer Erstickung in verdorbener Stubenluft, da bekanntlich Leute, die auch während der kalten Jahreszeit im Freien sich aufzuhalten gezwungen sind, wie Briefträger rc. gesund bleiben. Auch während der Nacht soll man sich durch „Schlafen bei offenem Fenster" reine Luft im Zimmer erhalten. Man erwidere nicht, daß durch Lüften während des Tages genügend reine Luft im Schlafzimmer aufgespeichert sei; dieser Borralh ist, wenn nicht für Abfuhr der verbrauchten und Zufuhr frischer Luft gesorgt wird, sehr bald so verschlechtert, daß er gesundheitschädigend wirkt, indem er Sauerstoff, den wir doch allein gebrauchen, nicht mehr enthält, dagegen aber von uns ausgeathmcte giftige Kohlensäure und schädigende Lungen- und Hautausdünstung. Wer beim Zubettgehen sämmtliche Fenster schließt, gleicht demjenigen, der Tags über ein Glas Trinkwasfer auf dem Nachttische stehen hat, es aber beim Schlafengehen hinausgießt. Wie viel Einwände werden aber gegen die Nachtluft erhoben, während sie sich doch von der Tagesluft nur dadurch unterscheidet, daß sie dunkel und einige Grad kühler ist als diese. Letzteres ist im Sommer aber eine Wohlthat und im Winter schützt das Bett vor Erkältung, denn dasselbe ist doch bedeutend wärmer, als die Kleider, die wir am Tage tragen. Daß die Nachtluft völlig unschädlich ist, beweisen die Nachtwächter, Lokomotivführer und andere Leute, die sich ihr ständig aussetzen und gesund dabei bleiben. Ergötzlich sind all die Muhmenbedenken gegen ; das offene Fenster; dem Einen entsteht zu wenig, dem ' Anderen zu viel Ausgleich zwischen der Zimmer- und | Außenluft. Vielleicht erinnert sich mancher Leser der i Zeitungsmittheilung, daß sich Professor Virchow gegen 1 das Schlafen bei offenem Fenster ausgesprochen habe, weil die Zimmerluft dann dieselbe Temperatur erhalte wie die Außenluft und eine genügende Ventilation nicht mehr stattsinde. Ich erlaube mir gleich zu bemerken, daß die Ventilation doch immer «och ausgiebtzer sein
seien, daß durch sie ein genügender Gaswechsel stattsinde,
wie mich einst Jemand glauben machen wollte, wird Jeder bezweifeln, der sich einmal von dem luftleeren Raume über der Quecksilbersäule seines Barometers überzeugte. — Sodann bitte ich zu beachten, daß nicht Professor Rudolf Virchow es war, der obiges Bedenken gegen das offene Fenster hegte, sondern dessen Sohn Hans, der sich aber in diesem Stücke als „nichts gelernt habendes Hänschen" entpuppte. Denn richtig dachte jener andere Luftscheue, der Folgendes gegen das Oeffnen des Fensters vorbrachte: „Der Körper des Schlafenden giebt fortwährend Wärme an die ihn umgebende Luft ab, diese steigt in Folge dessen nach oben und kühlere strömt vom Fenster hernach." Leider fürchtet dieser gute Mann den so entstehenden sanften Ausgleich so sehr, daß er seinetwegen Nachts das Fenster geschlossen hält. — Sind denn durch das Heizen des Schlafzimmers nicht auch Wände und Möbel desselben erwärmt, so daß auch nach ihnen hin der eindringende Luftzug verzweigt wird? Und wenn die durch den Schlafenden verursachte Cirkulation wohl etwas lebhafter sein kann, so ist dies doch nur wünschenswerth, öffne ich ja gerade deshalb das Fenster, daß Luft mir zuströme. Immerhin geht auch dieser Luftwechsel so allmählich von Stätten, daß dadurch noch keine Feder bewegt wird. Herr Hans Virchow muß ihn wohl nie gespürt haben, wie wäre er sonst zu seiner Theorie gekommen. Was mich am meisten wundert, ist, daß gerade ein Forstmann, der doch draußen an viel bewegtere Luft gewöhnt sein muß, es ist, der von solch geringer Luftbewegung Erkältung
befürchtete. Ich möchte nur mal dieses Nimrods „Gänse- । haut" sehen, wenn seine Kollegen singen: „Kampiren oft zur Winterzeit in Sturm und Wetternacht, hab' überreift und überschneit den Stein zum Bett gemacht; auf Dornen schlief ich wie auf Flaum, vom Nordwind unberührt rc."
Schlafen bei offenem Fenster heißt nicht, daß alle Fenster sperrangelweit aufstehen sollen, sondern es genügt, je nach dem Grade der Kälte und der Luftbewegung einen oberen Flügel mehr oder weniger zu öffnen. Mag meinetwegen der Aeugstliche auch nur durch ein Fenster im Nebenzimmer und offene Verbindungsthür ventiliren, der Seufzer: „Wenn nur erst die Nacht vorüber wäre," würde von Kranken und Krankenwärtern weniger ausgestoßen. Leider trifft die weitaus größte Mehrzahl der Menschen noch heute der Tadel eines schon vor 100 Jahren lebenden Arztes Dr. Unzer: „Wir hüten unsere Kinder, die doch geboren sind, frische Luft zu schöpfen, so lange als möglich vor Berührung mit derselben und halten es für Gewissenssache, sie an einem schönen Tage aus dem- stinkenden Zimmer hinaus in die freie Luft zu tragen, damit sie ja nicht zu früh eine bessere Luft athmen als die mit dem Qualmen der Ausdünstungen, mit dem Gerüche der Windeln, Speisen, Kohlen und faulenden Dünsten angesteckt ist. Ja, damit ja nichts von diesen köstlichen Gerüchen verloren gehe, verkleben wir die Fenster und verhängen die Thüren. Wir Erwachsenen selbst legen das Vorurtheil unserer Ammen und Eltern wider die freie Lust so wenig ab, daß wir vielmehr darin den Grund der meisten Krankheiten suchen, und wenn wir uns endlich durch diese schädliche Klugheit von der verdorbenen Luft böse Krankheiten zugezogen haben, so verschließen wir uns vollend» in eine noch viel ärgere Luft, vernageln unsere Fenster und wünschen, daß unsere Dienstboten Geister wären, die durch verschlossene Thüren zu uns kommen könnten, damit wir nicht nöthig hätten, ein wenig Erquickung durch die Eröffnung derselben zu dulden. So seltsam sind die Menschen, wenn sie der Natur zu klug werden."
Wenn sich Niemand die kleine Mühe verdrießen läßt, diese Regeln streng zu befolgen, so wird man bald gewahr werden, daß in unseres Herrgotts großer Natur- apotheke alles besser und billiger zu haben ist, als in den verstaubten Schachteln, Büchsen und Gläsern der Kunstapotheken. „Und nicht mehr über Menschengräbern werden sich dann Aerzte und Volk die Hand reichen, sondern an einer Stätte frischen, fröhlichen Gedeihens, wie sie der Dichter bei den Worten dachte: „Und neues Leben blüht aus den Ruinen."
Ei« Jünger Hygieia's,