der Offiziere vernahm, daß ich einen sehr gefahrvollen Ritt vorhabe, der mir wohl das Leben kosten würde, trat er vor und bat, mich begleiten zu dürfen. Der treue Kerl sah mich dabei so flehentlich an, daß ich nach einigem Zaudern gerührt nachgab. Er jubelte laut auf vor Freude, sprang hin, holte sein Pferd und bald daraus jagten wir zusammen hinaus in die Nacht.
Wir ritten stramm zu und mochten wohl 4 Stunden Wegs zurückgelegt haben, als wir ein kleines Gehölz erreichten. Alles war still um uns her und nur der keuchende Athem der dahin fliegenden Rosse und das dumpfe Dröhnen ihrer Hufe verrieth, daß hier lebende Wesen waren.
Eben hatten wir das Ende des Waldes erreicht, da plötzlich hallte ein Ruf, es fiel ein Schuß durch die Nacht, als der Mond gerade durch die Wolken brach, erkannte ich auf einem etwa 1OOO Meter entfernten Hügel die schwachen Umrisse einer Abtheilung Soldaten, die uns augenscheinlich bemerkt haben mußten.
Ich rief Hans, dem Burschen, zu und noch schneller jagten wir dahin. Das Schriftstück mußte um jeden Preis gerettet werden. Näher und näher kamen wir dem Feinde, da riß ich ein Blatt aus meinem Notiz- bnche, schrieb, so gut es im Reiten ging, den Befehl kurz darauf, reichte es Hans hin und sagte:
„Sollte ich erschossen werden, so bringe dies hinüber nach X. Wirst Du gefangen, so verschlucke das Papier."
Er nickte stumm und weiter ging die Jagd.
Jetzt waren wir nur noch wenig von den Feinden, es mochten ihrer 6—10 sein, entfernt. Da krachten 4 Schüsse, und ich fühlte einen brennenden Schmerz am Bein. Ich sah mich um. Hans war hinter mir, und nun rief ich ihm zu:
„Zur Seite links hinab, ich bin getroffen."
„Ach Gott, Herr —" rief er zurück.
„Fort, fort, schnell." Ein Klirren hinter mir, ein Schnaufen des Pferdes, wieder sah ich mich um. Er war verschwunden.
Inzwischen waren wohl noch 10 Kugeln an uns vorbeigeflogen, aber ohne uns zu treffen. Nun war ich allein. Mit Mühe hielt ich mich auf dem Pferde, die Wunde schmerzte sehr. Ich war an den Franzosen vorüber und hörte hinter mir rufen: „Dort ist er hinunter gestürzt, das Pferd muß getroffen sein, fangt ihn." Einige Kugeln flogen mir noch nach, dann eine Biegung des Weges und ich war ihnen aus den Augen.
Ich kam in's Lager, mehr todt, als lebendig. Man half mir vom Pferde und in ein Haus. Dort brach ich ohnmächtig zusammen, die Hand mit dem Papier emporhaltend.
Als ich erwachte, kniete Hans neben mir. Die List war gelungen. Durch sein plötzliches Abbiegen vom Wege und Hinabsetzen von dem ziemlich bedeutenden Abhänge hatten die Franzosen geglaubt, das Pferd sei getroffen und deshalb hinabgestürzt. Er würde also unten jedenfalls vom Pferde bedeckt liegen und sie ihn so leicht fangen und ausforschen können. Daher hatte man von meiner Verfolgung, da man mich für unverletzt hielt, abgestanden, ich gewann einen bedeutenden Vorsprung, der mir bei meiner Verfolgung sehr zu- statten kam.
Hans war nuten glücklich angekommen und durch einen kleinen Fluß geritten. Jenseits desselben war Wald und diesen erreichte er in demselben Augenblicke, als die Feinde an den Abhang traten. Im Schutze des Waldes war er, während jene ihn suchten, eine Strecke fortgeritten, und als er aus ihrer Nähe war, querfeldein nach unserem Bestimmungsorte.
Meine Verwundung war der Art, daß ich meinen Dienst quittiren mußte, und so zog ich mich hierher auf mein Gut zurück, wo ich statt des Todes, den ich im Felde gesucht, ein stilles, trautes Heim fand. Aber meinen lieben Cammpech habe ich immer vermißt. Sie können sich denken, welche Freude ich empfand, als mir der Diener Ihren Besuch meldete."
„Meine Mutter hat mir oft von Ihnen erzählt," erwiderte Karl. „Sie dachte Ihrer immer mit besonderer Wärme, als des treuesten Freundes meines verstorbenen Vaters. So erweckte sie in mir das unwiderstehliche Verlangen, diesen edelsten Menschen kennen zu lernen, und ich reiste hierher."
„Wo Sie hoffentlich einige Tage bleiben werden," fuhr Herr von Ramols schnell fort. „Denn mit einer einfachen Visite kommen Sie hier nicht durch. Bitte, keine Einrede, folgen Sie mir hinab, damit ich Sie meiner Familie vorstelle."
Er war aufgestanden und schritt der Thüre zu. Karl folgte ihm. Als er an dem großen Spiegel vor- beikam, konnte er sich nicht enthalten, einen Blick hinein zu werfen. Das Toilettentischchen war verlassen, das Fräulein verschwunden.
Das elegant eingerichtete Zimmer, welches sie jetzt betraten, war leer, aber durch eine geöffnete Thür sah man auf dem Balkon zwei Damen sitzen, den Nacken den Eintretenden zugewandt und wie es schien, mit einer Handarbeit beschäftigt. Die jüngere, augenscheinlich die Tochter des Hauses, die zukünftige Braut, war ein schön gewachsenes Mädchen mit braunen, lang herabhängenden Haaren. Die ältere, eine stattliche Frauen- ' gestalt von fester, stolzer Haltung, jedenfalls Schwieger- ! mama in spe,
Wald unberechtigt einen Hirsch von ca. 180 Pfund geschossen hatte. Gleichzeitig wurde die Einziehung des Gewehres nebst den Jagdgeräthschaften angeordnet. Der Bürgermeister von Altengronau wurde dagegen von der Anklage der Beihülfe freigesprochen. Gegen dieses Urtheil legte der Kaufmann sowohl als auch die Amtsanwaltschaft Berufung ein. Nach Zstündiger Ver- Handlung wurde die Sache jedoch ausgesetzt, die Augen- scheinnahme des Terrains durch einen Herrn vom Landgericht angeordnet, der auch zugleich einen erkrankten Zeugen vernehmen soll. — Ein Förster a. D. von Neuengronau ist beschuldigt, am 7. October v. I. trotz wiederholter Aufforderung sich nicht aus der Wohnung seiner Schwiegermutter, bei welcher die schon seit längerer Zeit getrennt' von dem Angeklagten lebende Gattin desselben wohnt, entfernt zu haben. Die Anklage lautete anfänglich auf Hausfriedensbruch mittelst einer Waffe, einem eichenen Stock mit eiserner Spitze, und hatte deshalb das Schöffengericht Schwarzenfels sich nicht für competent zur Aburtheilung dieses Falles erklärt und die Sache an die Strafkammer verwiesen. Durch die heutige Verhandlung ergab sich aber, daß nur einfacher Hausfriedensbruch vorliegt, da die angebliche Waffe nichts weiter als der Spazierstock des Angeklagten war, den dieser immer bei sich führt. Der Gerichtshof verurtheilte den Angeklagten zu 9 Tagen Gefängniß.
Homburg. Eine Verfügung des königl. Landraths lautet: „Mit Rücksicht auf den gegenwärtigen ernsten Zustand in dem Befinden Seiner Majestät unseres allverehrten Kaisers erscheint es angemessen, alle Vergnügungen öffentlicher Art vorerst einzustellen und ersuche ich daher die Herren Bürgermeister des Kreises, vorerst und bis Sus Weiteres keine polizeiliche Erlaubniß zu öffentlichen Lustbarkeiten zu ertheilen."
Maiuz, 27. April. Um den strikenden Maurergehilfen nicht nachgeben zu müssen, haben die hiesigen Bauunternehmer eine größere Anzahl it a lie nisch er M aurer engagiren lassen, von welchen gestern bereits 50 ein- getroffen und zunächst bei dem Bauunternehmer U., der große Bauten für das Militär auszuführen hat, in Arbeit gestellt worden sind. Am kommenden Montag werden weitere Züge italienischer Arbeiter erwartet. Der Lohn, welchen die Italiener erhalten, ist etwas höher, als die Maurer seither hier erhielten und mußten die Bauunternehmer außerdem noch die Verpflichtung langer Beschäftigung und die Zahlung der Reisekosten nach hier und zurück übernehmen. Inzwischen legen die strikenden Maurer ihr Hauptaugenmerk darauf, um den Zuzug von Kollegen aus der Nachbarschaft zu verhüten. So kann man den ganzen Tag über an den Bahnhöfen, Landungsbrücken, Stadtthoren rc. Gruppen Wache halten sehen, welche jeden Ankommenden, der dem äußeren Anscheine nach zu dem Maurergewerbe gehört, anhalten und über die Strikebewegung unterrichten. Erfolglos sind diese Bemühungen nicht, denn man hat wahrgenommen, daß viele der Angekommenen alsbald wieder Kehrt machten.
HerSfeld, 27. April. Gestern Nachmittag ereignete sich" in der Nähe der Stadt eine grobe Ausschreitung, wie sie von Burschen, welche zur Aushebung kommen, leider nicht selten verübt werden. Der Gutsbesitzer Ludwig Mohr von Konrode befand sich zu der genannten Zeit mit mehreren anderen Personen auf der Heimfahrt. Am sogen. Sandweg wollten mehrere Burschen, welche hier zur Aushebung gewesen waren, das Fuhrwerk besteigen. Herr Mohr ersuchte die jungen Leute, da der Wagen schon ziemlich beschwert sei, mit dem Aufsteigen so lange zu warten, bis man die Anhöhe zurückgelegt habe. Als dieselben dennoch mit Gewalt ihr Vorhaben ausführen wollten, und Einer sogar den Pferden in die Zügel fiel, um dieselben zum Halten zu bringen, sprang Herr Mohr von dem Wagen herunter, um sich der Zu- dringlichen zu erwehren. Bei dieser Gelegenheit wurde er von einem der Burschen, Namens Christian Eige aus Wüstfeld, mit einem Messer derartig in den Rücken gestochen, daß seine sofortige Aufnahme in das hiesige Landkrankenhaus stattfinden mußte. Hoffentlich wirb dieser Rohheit gegenüber das Strafgesetz in vollster Strenge zur Anwendung gebracht.
Ausland.
Wie«. Bei der Frühjahrsparade ist am Mittwoch der Hauptmann v. Hensler, nachdem er seine Kompagnie am Kaiser vorübergeführt hatte, vom Herzschlag getroffen todt zu Boden gestürzt. ___________
Des Schicksals ®ü die.
Erzählung von Otto Ludwig.
(Fortsetzung).
II.
„Die Sache wurde bei uns in den Offizierkreisen besprochen und das Gefahrvolle der Sendung wohl in Erwägung gezogen. Alan zweifelte an der Ausführbarkeit. Da trat ich vor und erklärte, daß ich den Ritt für möglich halte und mich erböte, ihn zu machen.
Ich erhielt auf meine Bitten den Befehl auf ein kleines Blatt geschrieben und als der Abend nahte, schwang ich mich auf mein Pferd und nahm Abschied von den Kameraden, Mein Bursche hatte das Pferd gehalten Md stand dann abseits. Jetzt, da er aus dem Gespräche
„Meine Frau und meine Tochter Marie," sagte Herr v. Ramols, auf die beiden Damen zeigend, und ; dann betraten sie den Balkon.
„Liebe Frau," rief der Baron, „hier bringe ich Dir den Sohn meines treuen verstorbenen Cammpechs", und Karl noch der Tochter vorstellend, fügte er hinzu:
„Er wird hoffentlich einige Tage bei uns bleiben und da wird es Deine Aufgabe sein, Marie, dafür zu sorgen, daß unser Gast sich hier nicht langweilt, denn ein alter, steifgewordener Mann wie ich kann nicht mehr so mit, wie die liebe Jugend."
Es war gut, daß der alte Herr in seiner redseligen Weise nun gleich in längeren Worten die Sehenswürdigkeiten der Umgegend schilderte, denn Karl wäre nicht im Stande gewesen, etwas Vernünftiges zu erwidern, so verwirrte ihn der Anblick der schönen Marie. — War das nicht dasselbe Mädchen, welches er vor kurzer Zeit in jenem Spiegel gesehen? Das Gesicht war dasselbe und die gebrannten Locken kräuselten sich vorn über der Stirne. Aber nein, es konnte ja nicht sein, jene war ja schief und bucklich, und diese gerade und schön gewachsen. Und doch, von hinten hatte er es nur nicht bemerkt, da das Haar Alles verdeckte. Der Hals, ja der Hals, der unnatürlich kurze Hals, den konnten nicht zwei zugleich haben. Sie war es doch, nur diesmal gerade gewachsen. O ihr Toiletteukünste, ihr Betrüger, ihr Schrecklichen!
Zum großen Verdrösse des Hausherrn ließ sich der Gast nicht halten und schon am folgenden Nachmittage stand er wieder am Bahnhöfe, um so schnell als möglich nach Hause zu kommen, denn mit dieser Heirath konnte es auch nichts sein. Wie gut es doch die Vorsehung mit ihm meinte, daß sie ihm durch Zufall alle die Gebrechen und Fehler sehen ließ, ehe er den entscheidenden Schritt gethan.
Da fuhr der Zug ein, der Schaffner lief am Zuge entlang, die Thüren öffnend, und Karl spähte umher nach einem passenden Koupee.
Was war das für ein reizender Mädchenkopf, der da eben flüchtig zu der Thür eines Koupees Ik. Casse heraussah? Zwei Sprünge uud der flotte Offizier stand in dem Koupee. Es waren eine alte runzliche Dame und ein reizendes, frisches, rosiges Mädchen von 18—20 Jahren darin. Erstere spielte mit einem struppigen Schooßhündcheu, welches bei dem raschen Erscheinen des Offiziers unendlich zu knurren begann und dem Ruhestörer die scharfen Zähne zeigte.
Die besorgte Besitzerin wandle sich sofort an dem Eingestiegenen mit der Bitte, sich möglichst von ihrem Liebling fern zu halten, da jede Aufregung dessen Gesundheit schaden könne. Gern rückte Karl in die äußerste Ecke des Wagens, saß er doch hier jener lieblichen Erscheinung gegenüber, welche allein ihn veranlaßt hatte, das Koupee zu besteigen.
Aber der Pinscher mußte ein ganz besonderes Mißfallen an ihm haben, denn kaum hatte er diese fliehende Bewegung vollendet, als Cilli, so hieß der Köter, auch mit einem energischen Sprunge, unter bcm Aufschrei seiner Herrin von deren Schooß sich entfernte und auf Karl zustürzte. Doch die glatten, steifen Lederschäfte an den Stiefeln des Reiters waren für die verwöhnten Zähne des kleinen Zuckernaschers kein geeignetes Angriffsobjekt, immer wüthender wurde sein Bellen und Zuschnappen, und als er endlich einsah, wie sehr seine Angriffe auf diese Lederfestung nur zum Ruine seiner Zähne diene, da wandle er sich plötzlich mit heftigem Zornausbruche gegen das schöne vis-ä-vis Karls und begann energisch an dessen leichtem Sommerkleidchen herum zu zerren. Doch, da war auch Karl schon zur Hülfe, hatte den Köter gefaßt, trotz des Protestes der Herrin tüchtig geschüttelt und reichte ihn nun der empörten Dame zurück, mit der Bitte, ihren Liebling fernerhin zu verhindern, sich und Anderen weitere Aufregungen zu verursachen. Dann wandle er sich an sein Gegenüber, welches mit aufmerksamen Blicken die Angriffsstelle Cillis untersucht hatte und jetzt erleichtert anfalhmete, da sie keine Verletzungen wahrnehmen konnte.
„Was doch so ein verzogenes Thier in Wuth gerathen kann. Beinahe wäre meine unglückliche Uniform auch noch die Ursache der Zerstörung Ihres Kleidchens gewesen. Verzeihen Sie nur, daß ich, ein unwillkommener Eindringling, den stillen Frieden störte, in dem sie bis dahin mit ihrem kriegerischen Nachbarn gelebt hatten."
„O bitte," entgegnete sie, „meine Garderobe hat durchaus keinen Schaden gelitten und so bin ich Gott sei Dank mit einem bloßen Schrecken davon gekommen."
Damit war das Gespräch eingeleitet. Karl erzählte von seinen großen Nestor und das Fräulein gestand, , daß auch sie die großen Hunde sehr liebe und gar gerne so ein treues Thier besäße, aber ihr Vater gebe es nicht zu, da es zu beschwerlich sei, ein so großes Thier zu halten, zumal, wenn man blos zur Miethe wohne.
Wie im Fluge eilte die Zeit dahin, und erst als der Zug in den Bahnhof einer kleinen Station einlief, die nur wenige Stunden von dem Wohnorte des Barons entfernt lag, wurden sie aus ihrer harmlosen, fröhlichen Plaudereien aufgestört, denn eilig wurde die Konpeethüre geöffnet und ein Herr mit schwerer goldner Kette und unzähligen Ringen stieg ein und setzte sich Karl gegenüber, an der Seite der jungen Dame.
Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, W