Anlage zu Mr. 33 her SHtüchterner Zeitung.
Des Schicksals Hucke.
Erzählung von O 11 o Ludwig.
I.
Der Baron geleitete seine Mutter zu einem der eleganten aber gemüthlichen Nebenzimmerchen, wo die älteren Damen und Herren sich niedergelassen und bei einem Glase Wein dem Treiben der Jugend zusahen.
Nun wollte er zurück zum Saale, wo die lebhafte Bewegung verriet, daß der Tanz bald beginnen werde, da zog Fräulein von Cammpech ihn zu sich herab und flüsterte leise:
„Sieh, Karl, dort Marie von Byrdow. Ist sie nicht die schönste von allen Anwesenden? Reich und von hohem angesehenen Adel ist sie auch, wie wäre es mit ihr? Fühlt Dein Herz sich nicht zu ihr hin- gezogen?'
„Ach Mutter, ein flottes Lieutenantsherz fühlt sich zu jedem schönen Lärvchen hingezogen. Aber, warum nicht? Man kann sich ja etwas ran machen.
So trat er in den Saal.
„O, hübsch ist sie wie Venus," dachte er, sie von der Thüre aus betrachtend. „Frisch und rosig, wie eine eben aufgeblähte Centifolie. Aber das sind eigentlich alle Mädchen von 18—20 Jahren, wenn sie sich richtig geschminkt haben. Ha, ha! Donnerwetter, schneidig, ob man der wohl die roten Backen wegküssen kann? Ver- such's mal."
In wenigen Schritten war er bei ihr.
„Äh, gnädiges Fräulein, dürfte ich auf das große Glück hoffen, Sie, meine Holde, zum ersten Tanze führen zu können?"
„Bedaure unendlich, H^rr Dr. Laffing hat bereits mein Versprechen."
„Ah, schade, schade, aber doch wohl zum nächsten?" „Bedaure, Graf Bulshein —"
„Dann — äh, doch der Dritte?"
„Sehr angenehm."
„Zäh wie ausgekochtes 20-jähriges Kuhfleisch muß der Mensch sein, will er sich bei solchen Universal-Lotosblumen einen Rang erwerben."
So dachte der junge Baron, als er jetzt langsam durch den Saal schritt, um eine andere Schönheit zum . Tanz zu führen.
„Warum mußte aber auch gerade jener simple Laffing den ersten Tanz haben? Wie konnte dieser gelehrte Doctor der Zerstreutheit die Dreistigkeit besitzen, die schönste Dame der Stadt um den ersten Tanz zu bitten. Konnte er nicht mit der rothaarigen Billar verlieb nehmen? Dann könnte er doch während des Tanzes Studien über den Lichtreflex rother Flächen anstellen, denn klein genug ist sie für den Riesen, so daß er die schönste Äus- flcht hätte auf ihren Fuchskopf, ha, ha! Wäre ein nettes Pärchen, Donnerwetter. Der dürre, lange, schwindsüchtige Doctor und die kleine, dicke Billar. Wäre neugierig, ob er sie herumbrächte."
Endlich begann der dritte Tanz und nun flog das schöne Par durch den Saal. Hell auf lachte er im Innern, als sie an Dr. Laffing vorüber kamen und ihn die durchbohrenden Blicke des eifersüchtigen Bücherhelden trafen. Ja, eifersüchtig mußte er sein, sonst würde er ihn nicht fortwährend mit den Blicken verfolgen, aber nützen konnte ihm das nichts, sie war jetzt sein und er würde nicht locker lassen, das stand fest. Sie mußte ja sein werden, wer konnte ihm. widerstehen?
Wie traf es sich doch eigenthümlich, daß Frau v. Cammpech gerade am Ende dieses Tanzes bei Byrdows am Tische saß, so daß der Baron gezwungen war, noch dort zu verweilen und Frl. Marie zu unterhalten? Wenn nur nicht immer die finsteren Blicke zu ihm herüberlenchteten, gerade als habe die gelehrte Vogelscheuche ein besonderes Recht auf diese Fee an Karls Seite. —
Aber es schadete nichts. Er wußte sich doch ran- züuiachen der gewandte Kavalier, und als der Ball zu Ende war, hatte er die Zusage, sie am anderen Morgen besuchen und sich nach ihrem Befinden erkundigen zu dürfen.
So wäre ja der Willen der Mutter gethan, denn Herr von Byrdow konnte ja nichts gegen die geplante Verbindung haben.
* ^ *
Am anderen Morgen zog Karl von Cammpech, Rittmeister bei dem ...... er Husaren seine neue Uniform an und fuhr zur Villa Byrdow.
Wenn ihn nur die Kameraden nicht sehen, die hätten seine Absicht sofort gemerkt und er wäre nicht wieder nach Hause gekommen, ohne eine Lage Seckt für die jubelnde Reiter in Hoffnung auf die zukünftige Ehegattin gezahlt zu haben.
Aber er kam glücklich zur Villa, sprang auS dem Wagen und durchschritt nun die schattigen Lpubgänge, A hier und da durch schöne Grotten und blumige Ime untechrochen W««.
„Was war das, flüsterten da nicht zwei Stimmen jenseits der Wegkrümmung?" Richtig, da war wieder eine Grotte, er unterschied es deutlich durch die Blätter hindurch, „und auf der Bank, war das nicht Frl. Marie?" Wahrhaftig und neben ihr der lange Doktor. Sie waren in sehr eifrigem Gespräche zusammen und eben tönte die Stimme des Doktors herüber zu den Ohren des Staunenden.
Leise trat er etwas zurück und hörte die ziemlich erregte Stimme:
„Aber Marie, Du hast den Baron entschieden bevorzugt."
„Wie konnte dieser Mensch sich unterstehen, die Baronesse v. Byrdow mit „Marie" und „Du" anzu- reden? Das übersteigt doch Alles," dachte Karl, und eben wollte er empört vorspringen und den Verbrecher vor die Pistole fordern, da, welch' neues Wunder sah er, wie die Baronesse mit ihrer Hand den Mund des Doctors schloß und zu ihm herüber tönten die Worte:
„Fritz, Fritz, kannst Du denn die schnöde Eifersucht niemals bannen? Laß mich doch spielen mit dem flotten Eroberer, Du weißt doch, daß ich nur Dich liebe und daß nichts uns trennen kann. O, ich habe mehr gethan, als Du ahnest, ich habe ihm gestattet, mich heute Morgen zu besuchen. Lasse ihn nur recht hoch steigen in seinen Hoffnungen, desto schwerer fällt er und das ist solchem victorien universal zu gönnen."
Lautlos glitt jetzt eine Gestalt aus dem dichten Versteck hinter dem Pärchen hervor und eilte zum Aus- gange des Parkes. Die Baronesse soll lange auf den Besuch Karl v. Cammpechs warten.
^ ^ ❖
„Lieber Karl," sprach die Baronin, als der Rittmeister mit der Nachricht seiner unglücklichen Entdeckung nach Hause kam, „man hat Dich nicht gesehen, nimm Dir's nicht zu Herzen, giebt es ja doch noch hundert andere Mädchen, schöner wohl noch und liebenswerter. Siebe, Karl, da ist Wilhelmine von Dammke, ein reizendes Mädchen, da ist Frida von Lammar, Greta von Diez und, mein Gott, fast hätte ich Olge von Ramols vergessen. Ja, dort mußt Du Deinen Besuch machen, sie wird Dir sicher gefallen, denn ich hörte nur Gutes von ihr und ihr Vater war der beste Freund Deines seeligen Vaters. Fahre gleich Morgen hin auf Gut Ramols und versuche dort Dein Glück."
„Mais, chöre mama, wozu treibst Du nur so, ich fühle doch noch gar kein Verlangen, mich zu verehelichen. Ist nicht noch Zeit genug?"
„Du bist der einzige Cammpech, Karl, ich bin schon alt und möchte nicht aus dem Leben scheiden, ohne zu sehen, daß das Geschlecht derer von Cammpech noch nicht erloschen ist, darum thue mir den Gefallen und beeile Dich, meinen Erwartungen nachzukommen."
„Nun, so heißt es scheiden aus dem geliebten, ungebundenen Leben und Hineinschreiten in das Joch der Ehe, den flotten Junggesellen abschütteln und ein ehrsamer, langweiliger Philister zu werden. Ich werte Dir folgen, cheremama, aber glaube nicht, daß ich mein Leben mit dem einer herausgeputzten Nachteule verkette. Finde ich irgend einen Tadel an ihr, dann zwingt mich nichts um sie zu werben, selbst nicht Deine mütterliche Machtworte. A dien mama, morgen reise ich"
Leichten Schrittes verließ er das Zimmer.
„Oh, welch' schrecklicher Mensch, dieser Karl. Andere Männer seines Alters haben sich schon längst die Lebensgefährtin erwählt, aber er, trotzdem ihm alle Herzen zufliegen, immer der galante Courmacher, ohne die geringsten ernsten Absichten-"
So tönte es von den Lippen der Mutter.
Aufgeregt erhob sich die stolze Dame und schritt im Zimmer auf und ab. Jetzt bewegte sich die Portiare und ein Diener trat ein. Auf seinem silbernem Teller trug er einen Brief und reichte ihn der Baronin dar.
Während sie den Brief öffnete, entfernte sich der Diener. Sie las und mit unwilliger Bewegung warf sie den Brief auf den Tisch.
„Auch dies noch," murmelte sie, die stolzen Sippen mit den Zähnen benagend, „muß auch gerade jetzt diese bürgerliche Cousine sich zum Besuche annutden! Ader," setzte sie stolz hinzu, „man soll nicht sagen, daß jemand im Hause derer von Cammpech ungastlich ausgenommen worden sei, mag sie immer kommen, sie wird sich nicht zu beklagen haben. Nur gut, daß Karl gerade morgen abreist, so kann sie seinem Herzen nicht gefährlich werden, denn man sagt ja, sie sei schön wie eine Psyche, diese bürgerliche Landblume."
Sie klingelte, und der Diener betrat wiederum das Zimmer.
„Franz, übermorgen kommt meine Cousine Frl. Sonden zu Besuch hierher. Sorge, daß das Eckzimmer nach dem Garten für sie zurecht gemacht wird. Johann soll sie um 3 Uhr mit dem Landauer von der Bahn abholen.
Stumm verbeugte sich der Diener und verliest das Zimmer. '
II.
„Bitte wollen der Herr Baron einstweilen in das Zimmer treten, ich werde Herrn von Ramols sofort benachrichtigen."
Mit diesen Worten führte ein Diener Karl von Cammpech in ein elegant ansgestattetes Zimmer.
Als der Baron allein war, athmete er tief auf. So wäre ich denn auf meiner Brautfahrt glücklich bei der 3len Fee angekommen. Sehen wir, wie es sich mit dieser macht.
Sein Blick fiel auf ein großes Oelgemälde, das Bild einer stolzen, schönen Frau. Sicherlich die Frau des Hauses, dachte er. Ihre Züge waren so fesselnd, daß er sie unverwandt anstaunen mußte, alles um sich her vergessend. Hatte diese, etwa in den 40er Jahren stehende Frau noch eine solche Schönheit bewahrt, wie schön mußte erst die Tochter sein, die doch kaum das 20fte Jahr überschritten haben konnte.
Da ertönte eine Uhr und zwölf silberhelle Schläge weckten ihn aus seinem Sinnen auf. Schnell trat er zu einem der hohen Spiegel, um sein Haar noch ein wenig zu ordnen, denn der Hausherr mußte jeden Augenblick eintreten. Aber erstaunt und wie gebannt blieb er stehen. In dem Spiegel sah er durch eine geöffnete Thüre in ein dunkles Zimmer und von da durch eine Glasthüre in ein vom Tageslichte hell erleuchtetes Gemach. Er sah bloß eine kleine Stelle desselben, aber gerade diese zeigte ihm das originellste Bild, welches er je gesehen.
Vor einem kleinen Toilettentischchen faß ein junges Mädchen und bräunte sich mit einem eisernen Stäbchen, das sie an einer brennenden Kerze erwärmte, die kurz geschnittenen Haare über der Stirne zu lauter lichten, krausen Löckchen.
Jetzt eben hatte sie dies beendet und erhob sich.
Schön war sie nicht, nur das Gesichtchen war nett, frisch und angenehm, aber die Gestalt. O, es war lächerlich, wie die Natur ein so schönes Gesichtchen zu einem so mißgestalteten Körper fügen konnte.
Die rechte Schulter war weit nach hinten hervorgetreten und verlieh der Besitzerin einen recht bedeutenden Buckel. Der Kopf saß so gedrungen zwischen den Schultern, daß man hätte meinen sollen, der Schöpfer habe hier die nothwendige Zugabe des HalseS ganz vergessen. Und zu alle dem kam noch, daß die linke Hüfte bedeutend höher war als die rechte.
Fast wäre der junge Offizier in lautes Lachen ausgebrochen, aber noch rechtzeitig besann er sich. Sicher das Zöfchen ihrer Gnaden, meiner zukünftigen Braut, dachte Karl. Da hörte er feste Schritte auf dem Corridor. Das mußte Herr von Ramols sein. Schnell trat er zurück, Der Erwartete trat ein, eilte auf Karl, der ihm langsam und förmlich entgegen kam, zu und bot ihm herzlich die Hand zum Gruße.
„Seien Sie mir willkommen, Herr von Cammpech," sagte er, „ich freue mich, den Sohn meines alten Freundes kennen zu lernen.“ Und, nachdem sie Platz genommen, fuhr er in seiner herzlichen Weise fort:
„O, es war ein herrlicher Mensch. Ihr Herr Vater und wir waren immer gute Freunde, hielten immer treu zusammen, so daß wir in unserer Garnison die Unzertrennlichen hießen. Später, in dem Kriege, waren wir auch immer zusammen und, als Ihr Herr Vater schwer getroffen darniedersank, da konnte ich ihn nicht verlassen, ich blieb bei ihm, er trug mir seine letzten Wünsche auf Und ich drückte ihm die Augen zu."
Die schmerzlichen Erinnerungen griffen den starken Mann sichtlich an, er schwieg einen Augenblick, aber dann, sich ermannend, fuhr er fort:
„Erbittert, daß mir der Freund genommen, zog ich dann weiter und achtete nicht der Gefahren, nein, blind stürzte ich mich hinein, tollkühn flog ich, der junge Husarenoffizier, auf meinem schwarzen Rosse dem Feinde entgegen und manchen gefährlichen Ordonanzritt machte ich allein in dunkler Nacht, mitten durch die feindlichen Vorposten. Wenn alle den Ritt für unausführbar hielten, ich machte ihn, und stets glückte er mir. Nur einmal, zuletzt, da trafen sie auch mich, schössen mich zum Krüppel und so muß der flotte Husar nun hier fitzen und seine Accker bebauen."
„Wie ich sehe," sprach Karl von Cammpech, „tragen Sie auch das eiserne Kreuz, ein Beweis, daß Sie bedeutende Thaten zu verzeichnen haben."
Ich erhielt es nach meiner Verwundung, und ich kann wohl sagen, daß ich es verdient hatte. Es war ein kritischer Moment. Der Feind war mit Uebermacht gegen uns ausgerückt und wir sahen ein, daß wir unterliegen mußten, wenn eine unserer Truppen, welche in einem 6 Stunden entfernten Orte lag, nicht vorher benachrichtigt wurde und dem Feinde in den Rücken fiel. Zwischen ihnen nnd uns lagen schon die feindliche» Vorposten und durch diese mußte die Ordonanz ihren Weg nehmen.
(Fortsetzung folgt.)