Aeitage zu Ar. 31 der Schtüchternsr Zeitung.
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Ottilie, das Herenkind
oder:
Das Geheimmß der schönen Müllerin.
3t(tgtmtoe au« dem Ende de» 16. Jahehnndeetr »on «HfU» Kienast.
(Schluß.)
Am Schluffe des landesherrlichen Auftrages an die Räthe heiß? es: „Ihr wißt den Malestzrechtstag an« zustellen und ergehen zu lassen, was Malefizrechtens Recht ist."
Als Beilage zum Urtheile der Herzoge folgte ein Schreiben: „Gewalt" (Vollmacht) an Meister Görgen, den Nachrichter zu Schongau, „das Urtheil leiblich zu vollziehen.
Im Besitze dieser Dokumente faßte nun Donns- prrzer folgendes „hosrüthliches Urtheil in Berweserschaft der Pfleg Schongau" ab:
„In peinlichen Sachen und auf fürstlichen Befehl, die Gefangenen (es folgen nun die Namen) betreffend, ist auf Derselben sowohl gütliche als peinliche Aussagen und Bekenntnisse endlich (das heißt: endgiltig) zu Recht erkannt, daß bemeldete Weiber (nemlich: die Kerblin, die Dennhauserin, die Weinmillerin, die Ritterin, die Kleinin, die Wcihin, und noch vierunddreißig andere Weiber) wegen Dem, daß sie Gott, dem Allmächtigen, wider- sagt, desselben und aller seiner Heiligen geläugnet und sich ihrer verziehen (das heißt begeben), dann mit dem bösen Feinde Verbündniß gemacht — mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht und hernach ihre todten Körper durch das Feuer verbrannt werden sollen von Rechtswegen — ferner, daß die Margaretha Millerin, mit Einziehung ihrer liegenden Hab, mit Stäupung, Pranger, Landesverweisung und vorgängiger Abditt für angethane Verläumdung und falsche Bezichtigung vor der persona der Ottilie Kerblin zu strafen — — besagte Ottilie aber als schuldlos ihrer Haft zu entlassen sei."
Der Schreiber dieser Erzählung müßte eine hundertmal größere Kunst in der Seelenschilderung besitzen, als ihm Hu Gebote steht, um die gewaltigen Stimmungen zu malen, die furchtbarenSituationen zu zeichnen, welche der entsetzliche Feuletyurm seit jenem Tage in seinen schwarzen Mauern barg, da dieses Urtheil den einzelnen von ihm Betroffenen verkündigt wurde. So will denn der Erzähler, auf das Vermögen des fecirenden Herzenkenners, dem eine Meisterschaft der Schilderung zusteht, im vornherein verzichtend, nur schlicht aussagen,. daß die entsetzlichste Wehklage der zum Tode Verurteilten nun Tag und Nacht in jenen Verließen erscholl, daß die schöne Müllerin bald in stieres Hinbrüten, bald in furchtbares Toben verfiel und — Ottilie, ihre Freilassung wohl innig begrüßend, durch das über ihre Mutter verhängte Urtheil in den tiefsten Jammer gestürzt ward. Burkhaid nahm die Befreite jubelnd in Empfang. Bleich vom Kerker-Elende, ungeheures Leid um der Mutter- willen im Herzen, verließ die Aermste den Thurm. Wohl stoß das gold'ne Licht der Sonne nun wieder auf sie in vollen Fluthen aus dem wonnigen Blau des Sommer- Tages hernieder: wohl stützte, führte, tröstete, ermunterte sie der Geliebte; wohl ward sie, bis die letzte Klippe glücklich umschifft — bis der Vater Burktzards mit der Berehelichung des armen „Hcxeukindcs" und des eignen Sohnes einverstanden sein würde, in der Behausung des edlen Firmus Oberhofer und von der alten gutmüthigen Beschließerin dieser Wohnung freundlich ausgenommen, aber ach, Ottilie konnte da in einem stillen Kämmerlein nur weinen, sich zergrämen, nnd für die verlorene Mutter beten, bis erbarmend sie oftmals ein ohnmächtiger tiefer Schlummer umfing. -------
Oberhofer und der Pfarrer ließen nicht ab, die arme Ottilie mit den milden Vorstellungen des Seelsorgers aufzurichten. Der beste Trost, wenn es überhaupt hier einen solchen geben konnte, war für das arme Mädchen die Nachricht, daß ihre Mutter sich reuig zum Tode vorbereitete, gefaßt demselben entgegen sehe und die letzte Freude ihres ohnehin so freudenarmen Lebens in der Ehrenrettung fand, welche der unschuldigen Tochter zu Theil geworden. Daß Burkhard nickt von Ottilien ließ, gereichte der Alken ebenfalls zur Beruhigung. Nur einen Wunsch hatte die Mutter noch — vor ihrem Hin- scheiden wollte sie noch Ottilie sehen — und dieser letzte Wunsch konnte und durfte ja erfüllt werden.
Indeß die Kerblin und die meisten der verurtheilteu Weiber sich allmühlig in ihr trauriges Schicksal ergaben, haderte die unselige Müllerswittwe, gott- und menschen- lästernd, gegen die rächende himmliche Fügung. In dem Gemüthe dieses ränkevollen WcibcS bewirkten die Scham vor der drohenden Prangerstellnng, der Schmerz verschmähter Liebe, die Qual der Eifersucht, der Zorn über Hörwarth, ihren Verräther, die drohende Armuth und die Aussicht auf den Bettelstab, auf ein Leben voll Lasten, Arbeit und Erniedrigung nach Jahren des Wohl- lrbey^ und sinnlicher Freude eine solche Zerstörung des
Willens zum Leben, daß die Unglückliche, einem Moment der allergrößten Verzweiflung sich hingebend, Hand an sich selbst legte. Mit Flüchen wider Ottilie und Burkhard, wider Gott und alle Heiligen schlang sie ein Zopfband ihres Hauptes um den Hals und erdrosselte sich damit. —
Der Morgen der Exekution brach an. Es war ein schöner Augusttag. Die Müllerin sollte vor allen anderen Weibern ihre Strafe erstehen. Da fand die Gerichtskommission die Leiche des Weibes. Sie hatte ihr Leben just in dieser Nacht geendet. —
Unterstützt von Burkhard war Ottilie noch einmal in den schrecklichen Feulethurm gegangen, dem Willen ihrer unglücklichen Mutter gemäß.
Die alte Kerblin nahm einen Abschied von Ottilie, welcher auch den mitanwesenden Burkhard tief erschütterte und rührte. Die alte Kerblin hatte bereits, wie die anderen, des „letzten Ganges" harrenden Weiber von dem Selbstmorde der schönen Müllerin gehört. Anknüpfend an dieses Ereigniß pries sie Ottilien glücklich, daß nunmehr ihre, des Mädchens, Zukunft sicher in der Hand des Jünglings ruhe, welcher so standhaft die Lockungen jener schönen Wittwe abgewehrt. Die alte Kerblin fand sogar ihre eigene Strafe nicht mehr so hart, da sie ja wirklich Gott vergessen und schwer gesündigt habe. Sie bat Burkhard, bei seinem Vater ihr Vergebung zu erwirken, da sie wirklich an seinem Vieh sich verfehlte. Satan habe sichtlich über sie Gewalt gehabt. Doch nun sei sie reuig zu Gott zurückgekehrt und sterbe gern, ihr Verbrechen zu sühnen.
Aehnlich wie die alte Kerblin sprachen sich noch viele dieser unglücklichen Verurtheilten aus. Die Meisten gestanden, durch die Begier nach einem Bunde mit dem bösen Feinde sich schwer versündigt zu haben uud erklärten die über sie verhängte Strafen als ein Gericht des beleidigten Himmels. So kam es, daß, wie in hundert anderen Hexenprozessen, die Justiz völlig nach Gerechtigkeit gehandelt zu haben glaubte, wenn sie den Tod verhängte. —
Lagus hatte es nicht über sich vermocht, den bevorstehenden Executionen persönlich beizuwohnen. Der mildherzige Mann verschloß sich trauernd in sein Zimmer auf der Pflegerbehausung. Donnspcrger, von stärkeren Nerven, hatte die Leitung übernommen.
Des Morgens 7 Uhr ertönte die Armcsünderglocke. Die Pforten deS Feulethnrmes öffneten sich. Vier mit Stroh bedeckte Wagen waren vorgefahren, von Bewaffneten begleitet. Der herzogliche Geheimrath saß hoch zu Pferde und besah sich den Vorgang. Meister Görg mit feinen Gehilfen brachten die gefesselten Weiber herbei, je zehn auf einen Wagen vertheilend. Welch' gräßlichen Anblick boten diese Aermste». Alle trugen Spuren der erlittenen Folter und des Kerkersiechthums, die Meisten jammerten, meinten. Viele waren ruhig und beteten die Gebete, welche der Pfarrer und der Cooperator vor- sprachen. Am gefaßtesten war die Kerblin. Sie sah auf dem vordersten Wagen und sollte die Erste sein, welche den Todesstreich empfing.
Die Sonne leuchtete hold über Stadt und Flnr, als der entsetzliche Zug sich zum Richtplatze bewegte. Drunten am Lechstrome war der Anger des Todes. Da ragte das Schaffst und rauchte bereits der Scheiterhaufen.
Auf dem letzten Wagen, auf eine Schütte gebettet von faulem Stroh, lag ein weiblicher Leichnam, das Angesicht zu Boden gewendet. Das war der schönen Müllerin Leid — er sollte mit den Leibern der Hexen verbrannt werden.
Eine zahllose Menschenmenge harrte mit Grauen, stiller Angst oder auch lautem Toben des entsetzlichen Gerichtes; je nachdem das Herz in eines Jeden Brust beschaffen war. Als nun die Erste der unseligen Weiber, die alte Kerblin, das Schaffst bestiegen und mit verbundenen Augen das Haupt auf den Block gelegt hatte, als unter dem kanten Gebete Oberhofers, welcher auf dem Schaffote stand, die Unglückliche den Todesstreich empfing — da schallte aus der Ferne über die lautlose Menschenmenge hin ein markerschütternder Wehschrei. Er kam aus der Brust Ottiliens. Burkhard fing das ohnmächtige Mädchen in seinen Armen auf. — Vierzigmal blitzte des Henkers Beil; vierzig Häupter sanken. In Strömen floß das Blut, welches die Gerechtigkeit jener Zeit zur Sühne für Verbrechen nöthig hielt — die das Jahrhundert, welchem w i r angehören, für wahre Geisteskrankheit erkannte!
Und darauf wälzte sich mit prasselnden Wolken des Rauches die ungeheure Flamme des Scheiterhaufens empor, die Leiber der Unglücklichen verkohlend und zu Asche wandelnd.
Und in diesen Flammen verkohlte auch der jüngst noch so blühende Leib der schönen Müllerin und die Atome, welche bisher in ihrer kunstollen Vereinigung zu Einer Gestalt und berufen zur Dienstleistung für einen unsterblichen Menschengeist, so verderblich gewirkt und geglüht hatten — diese Atome verrauchten in Feuer, wirbelten in der Luft, verflossen mit der Asche der vierzig
Gerichteten in den Flutyen ves Lechstromes, dem der Henker sie »bergab.
So endeten die Hexen von Schwabsoyen. — Weg nun den Blick von dieser Stätte des Entsetzens. Schließen wir mit einem beruhigenden Bilde.
Es wirb uns geboten durch eine Scene im Hofe des alten Lenzenbauern Jakob Schwender zu Schwabsoyen.
Wir seyen, wie Burkhard Hand in Hand mit Ottilien den Segen des Alten empfängt, indeß Oberhofer mit gerührtem Blicke das liebende Paar betrachtet, welches nach so großen Stürmen und Gefahren sich endlich angehört.
Der alte Lenzenbauer konnte den Vorstellungen des jungen Priesters sein Ohr auf die Dauer nicht verschließen. Er hatte eingesehen, daß Gottes Gerichte waltet, daß so recht die schöne Wittwe gerade eine „Unholdin" im eigentlichen Sinne des Wortes war und daß Ottilie schuldlos und kein Mädchen würdiger sei, auf dem Lenzenbanernhofe als Schwiegertochter einzuziehen.
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Große Dramen erschüttern und läutern, und mit einem aus Mitleid und Erhebung gemischten Gefühle verlassen wir das Schauspielhaus,, indem wir Verschuldung und Schicksal bedeutender Menschen noch einmal erwägen und auf unser eigenes Herz einen prüfenden Blick werfen. Möge die vorliegende Erzählung, in welcher versucht ward, einen gewaltigen, in der Zeitgeschichte liegenden Stoff voll Tragik durch warme Darstellung Euren Herzen nahe zu bringen, aber auch die bedeutungsvollsten Eonflikte und Probleme des einzelnen Menschen-GemütheS treu zu schildern, möge diese Erzählung den Zweck der Rührung, Erhebung und Läuterung erreichen — dann ist die mühevolle Arbeit des VolksschriftftellerS nicht vergeblich gewesen.
--Ende.--
Vermischtes.
— Eine Spukge schichte, welche in den Monaten November und December v. I. in Leonberg von sich reden machte, fand jetzt vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts in Stuttgart ihren Abschluß. Zu besagter Zeit erschien in dem Hause eines allein« stehenden alten Herrn in Leonberg der Teufel und vollführte einen echt höllischen Unfug; er warf Tische und Stühle um, entnahm aus der Commode Geld und schleuderte dasselbe auf den Boden, prügelte den ziemlich hülf- | losen alten Mann durch rc. Der Spuk dauerte längere Zeit, bis einmal der auswärtige Sohn des alten Bewohners zu Besuch kam und dem Teufel auflauerte. Da kam es denn heraus, daß der Satan mit der Marie Längerer, der den alten Herrn bedienenden Magd, indentisch sei. Bei der Verhandlung vor dem Landgericht ergab sich, daß der Zweck dieses Teufelsspiels darin bestand, dem Greise aus seiner Commode auf unverdächtige Weise Geldstücke zu entwenden. Die Angeklagte, der nachgewiesen wurde, sich u. A. zwei 10 Markstücke „als Teufel" angeeignet zu haben, legte nach längerem Leugnen ein Geständniß ab. Das Gericht verurtheilte sie zu einem Jahr Zuchthaus. Der Geisterspuk und die damit verbundenen falschen Vorspiegelungen und Quälereien werden als erschwerende Umstände in Geltung gebracht.
— Eine eigenthümliche Sitte, das nöthige Geld zu einem Tanzvergnügen zu beschaffen, herrscht in der Gegend von Peine. Am Sonntag Nachmittag nach dem üblichen Fastnachtsball versammeln sich die jungen Burschen des Ortes in der Gastwirthschaft und veranstalten hier eine „Auktion der ledigen Mädchen" des Ortes. Sämmtliche Unverheirathete kommen einzeln unter den Hammer, und es wird für Manche von Liebhabern ein recht ansehnlicher Preis geboten. Diejenigen älterenMäd- chen, für die kein Gebot abgegeben ist, werden nachher insgesammt noch einmal zum Verkauf ausgeboten. Der „Kauf" gilt immer nur auf ein Jahr, und es hat der Käufer in diesem Jahr das Recht, die von ihm erstandene Dame zu jedem stattfindenden Tanzvergnügen zu führen. Weigert sie sich, ihm Folge zu leisten, so kann er das verausgabte Geld von ihr zurückverlangen. Das bei der „Auktion" erzielte Geld wird zu einem an dem Abend des Auktionstages stattfindenden Ball verwandt. Auf demselben wird dann das Resultat der statt* gehabten Auktion den anwesenden Damen mitgetheilt. Ls gewährt einen seltsamen Anblick, wie sich oft Riva- en überbieten; jedoch kommen üble Ausschreitungen nicht vor. >
— Auch ein Familienfest. Stubenmädchen Gusti: Was ist denn heut los bei Euch, Kathi? Die ganze Wohnung Deiner Herrschaft ist ja bekränzt. — Kathi: Es wird heut' bei uns ein großes Familienfest gefeiert. — Gusti: So, da hat g'wiß Dei' gnädiger Herr sei' Jubiläum? — Kathi: A na, der junge Herr ommt heut' aus'n Zuchthaus!
— Pfiffig e A usrede. „Entsetzlich, Johann, Sie ind ja berauscht!" — „Gnädige Frau, wer wird's bei Ihrem Anblick nicht sein!"