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Mittheilungen wird die Versammlung sich einer regen Theilnahme zu erfreuen haben; auch Gäste von den benachbarten großherzoglich hessischen höheren Schulen dürfen mit Sicherheit erwartet werden. Aus dem reich­haltigen Programm heben wir Folgendes hervor : Vortrag des Gymnasiallehrers Dr. Lohr (Wiesbaden):Ueber bedeutende Grabstätten Griechenlands und Italiens." Vortrag des Realgymnasialdirekiors Dr. Eiselen (Frank­furt):Lessing's Laokoon und Hamburger Dramaturgie als Lektüre der Prima." Vortrag des RealschuUehrers Böhmel (Marburg):Kritische Beleuchtung der päda­gogischen Anschauungen Hcrbart's" Vortrag des Gym­nasiallehrers Dr. Schotten (Hersfeld):Ueber Inhalt und Methode des geometrischen Unterrichts an den Höhe- ren Lehranstalten." Besprechung eines Turnapparats durch Gymnasialdirektor Dr. Wernecke (Montabaur). Beginn der Verhandlungen 6/a Uhr; halbstündige Frühstückspause 12 Uhr; Schluß der Verhandlungen 3 Uhr; Festessen (ä M. 3) 3Hz Uhr im Forell'schen Saale zu Bockenheim.

Cassel, 9. April. Eine gräßliche Scene ereignete sich gestern Abend in einem Hintergebäude vor dem Holländischen Thore. Dort lebte seither in größter Zufriedenheit ein junges Ehepaar der Mann war Schneider mit ihrem Kind. Seit einiger Zeit schien es, daß der Mann tiefsinnig zu werden beginne und auch die Frau schien in diesen Gemüthszustand versetzt zu werden. Gestern Nachmittag schon hatte sich die Frau so auffällig benommen, daß die Hausbewohner unter einem Borwand das Kind von ihr entfernten. Sie geberdete sich aber bald derart drohte aus dem Fenster zu springen, daß man ihr das Kind wieder- gab. Gegen Abend hörte man Mark und Bein durch dringende Rufe. Man stürzte hin und fand die Woh­nung verschlossen. Gewaltsam wurde die Thür gesprengt. Da bot sich ein entsetzlicher Anblick. Auf dem Boden wälzten sich die beiden Ehegatten, indem sie, offenbar von Wahnsinn ergriffen, miteinander rangen. Der Mann hatte der Frau die eine Wange ganz zerbissen. Nur mit der größten Gewalt gelang es, sie von ein­ander zu reißen. Während der Mann an einen Stuhl gefesselt wurde, brächte man die Frau zu Bett und überwachte sie hier. Heute sollte die Ueberführung der Unglücklichen nach der Abtheilung für Irrsinnige in der städtischen Kaserne erfolgen.

Die soeben veröffentlichten Mittheilungen über den gegenwärtigen Stand der Saaten in der preußischen Monarchie besagen über den Reg.-Bez. Cassel: Die Saaten liegen noch nicht völlig schneefrei, so daß sich ein genaues Urtheil über ihren Stand nicht abgeben läßt. Auch der Stand des Rapses und Klees kann mit Sicherheit noch nicht bestimmt werden. Nur so viel scheint festzustchen, daß die Winters,sichte vorder letzten Schneedecke bereits Schaden genommen hatten und daß sie durch den außergewöhnlich langen Winter in ihrer Entwickelung wesentlich zurückgehalten sind. Die Vor­arbeiten zur Frühjahrsbestellung mußten unterbleiben.

Ausland.

Pest. Aus Pest wird folgende grausige That be­richtet: Ein wegen Muttermordes zu LOjähriger Zucht­hausstrafe verurtheilter Einwohner von Sperd-Klari, der bereits 17 Jahre von seiner Strafe im Jllavaer Zuchthause verbüßt hatte, wurde vor Kurzem, da er Besserung simulirtc, bedingungsweise aus freien Fuß gesetzt. Er reiste sofort nach Szcrb-Klari, wo er sich in die Wohnung des Ortsrichters verfügte, auf den er mit einem Revolver feuerte. Die Kugel traf nicht den Richter, sondern dessen eben eingetretene Gattin; die Aermste hauchte wenige Minuten später ihren Geist aus. Bon hier rannte der Mörder in die Kanzlei des Orts notarS: auf die Frage, wo dieser sei, antwortete man, er sei verreist. Der tolle Mensch schoß hierauf dem Bizenolar eine Kugel in den Unterleib nnd wandte sich zur Flucht. Jetzt begegnete ihm ein Gärtner, welchen er gleichfalls tödtlich verwundete. Er stürmte auf die Gasse, schoß hier einen Passanten nieder und entfloh. In der Wohnung des Mörders erschienen kurz darauf Stuhlrichter und Gendarmen, wo sie das Weib und Kind des Mörders mit gespalteten Häuptern todt auffänben. Den Mörder fand man später ür einem nahen Gehölz erhängt.

Ottilie, das HeVenkind

oder:

Das GcheiAKiß der schönen Müllerin.

Zeitgemälde aus dem Ende des 16. Jahrhundert» von

Gustav Kien äst.

(Fortsetzung).

Mächtig dröhnend schlug'« draußen an die Thüre der Zelle. Hörwarth fuhr empor. Die Pforte pflog auf Donnsperger, an seiner Seite der Meister Görg und einige Knechte unter Waffen, standen vor dem Be­troffenen. Ottilie aber stürzte, erst jetzt ihrer Sinne wieder mächtig, denn die Abwehr des Wüstlings hatte alle ihre körperliche und geistige Kraft beansprucht, um siegreich aus dem entsetzlichen Kample hervorzugeheu, vor Donnsperger nieder und rief:Dem Himmel sei Dank, daß Ihr mich aus den Händen dieses Schreck- szcheu befreit« l"

Hörwarth!" sprach Dannsperger.Eure Macht als Pfleger und Richter ist aus. Ich verhafte Euch im Namen Seiner Durchlaucht! Durch Margaretha Miller fam mir ein Dokument zu Handen,, welches Euch und Posselt der langjährigen Unterschlagung anklagt. Der Schreiber ist bereits gesanglich eingezogen. Euch wird die Vergünstigung zu Theil, vorläufig in Eurer Be­hausung unter Bewachung verhaftet zu sitzen, bis der Herzog Weiteres bestimmt. Wachen, nehmt den Ver­hafteten in Eure Mitte!"Ottilie!" wandle sich gütigst Donnsperger an das Mädchen.Nun wird Deine Drangsal kalb zu Ende sein. Wider Dich kann keine Schuld gesunden werden. Für jetzt bist Du befreit von diesem Zudringlichen," und der Rath warf einen verächtlichen Blick auf Hörwarth,bald hoff' ich, auch befreit von Deinen Banden! Die schöne Müllerin hat bekannt, daß sie Dich verderben wollte. Doch muß der Prozeß seinen förmlichen Verlauf haben. DeineMutter, leider, werde ich nicht so glimpflich behandeln können. Nun vorwärts, Hörwarth, fügt Euch!"

Der Rath winkte gnädig dem armen Mädchen zu. Dann setzte er sich mit seinen Begleitern in Bewegung. Diese hatten gerade den Pfleger in ihre Mitte genommen, als im Feulethurme, unten an der Pforte laute Stimmen hörbar wurden. Und nun kamen Menschen zur Treppe herauf wie staunte Donnsperger, als ihm nach ein paar Augenblicken ein gar wohlbekannter Mann sein Amtsgenosse, der herzogliche Rath Lagus, gegenüber stand. Hinter demselben erbliche man den Cooperator Firmus Oberhofer und den Sohn des Lenzenbauern, Ottiliens treuen Bnrkhard.

Ich grüß' Euch, Collega," begann Lagus, ein mildbiickender hochgewachsener Mann in voller Amts­tracht.Hier ist meine herzogliche Vollmacht, leset sie. Sie lautet dahin, vereint mit Euch darauf hinzuwirken, daß in dem schwebenden Prozesse womöglich fein Irr­thum geschieht, fein Unschuldiger leiden muß. Herzog­licher Durchlaucht kennen Eure Gerechtigkeitsliebe, wünschen jedoch, daß auch Milde Platz greife."

Und wem verdanke ich diese Eure Commission?" frug Donnsperger gekränkt, indem er das von ihm ge­lesene Creditiv zurückgab.

Diesen beiden Männern!" erwiderte Lagus, auf den Cooperator und auf Burkhard zeigend.Dieser Jüngling, des Lenzenbauern von Schwabsoyen Sohn und Erbe, Burkhard, liebt die Ottilie, die Tochter der verhafteten Kerblin; dieses Mädchen ist auch verhaftet."

Und dort stellt sie," warf Donnsperger ein. Rath Lagus betrachtete mit sichtlicher Rührung die holde Ge­stalt Ottiliens, welche noch unter der Schwelle ihres Gefängnisses stand und fuhr dann fort:Sie soll aber nach den Behauptungen des Cooperators und des Bnrk- hards schuldlos sein. Mit einem Briefe dieses hohen Herrn langte Burkhard bei mir in München an. Ich begann mich so­gleich lebhaft für die ganze Angelegenheit zu interessiren und Seine Durchlaucht schickten mich hierher"

Wo Sie gerade recht kommen, beurtheilen zu können, ob Rath Donnsperger seine Sache nicht auch gut ge­macht hat," warf dieser ein. Lagus aber ergriff gemüths- voll des Sofiegen Hand; Donnsperger entzog sie ihm nicht und hörte gerührt die weitere Rede des Ange- kommenen an, welcher schloß:Wir wollen zusammen nach Recht verfahren und auch Milde walten lassen, wo es möglich ist."

Ja, Recht und Milde!" betonte Donnsperger. Dorthin," und er zeigte auf Ottite, gehört unsere Milde, und noch mehr, volle Rehabilitirung! Sie, Lagus, werden, wenn Sie den Stand der Akten kennen gelernt haben, freudig beipflichten, denn Ottilie ist unschuldig! Aber hierher," und Donnsperger wies auf Hörwarth, welcher aschenfarbigen Angesichts dastaud,hierher ge­hört Strenge. Das, mein geehrter Herr Collega, ist die Person Hörwarths, Freiherr von Hohenburg Pfleger bislang von Schongau, welchen ich eben wegen Verdachts jahrelanger Unterschlagung sammt feinem Sekretair Posselt verhaften ließ!Nun Collega, wollen wir den Thurm verlassen."

Jetzt ersah Burkhard den Augenblick und ging den gestrengen Rath mit seiner Bitte an, mit Ottilien sprechen zu dürfen.

Burkhard, Sohn des Lenzenbauern," entgegnete Donnsperger,Du magst nun Deine Geliebte begrüßen. Noch kann ich sie nicht ganz frei geben, doch sei getrost, sie wird demnächst ledig ihrer Bande. Die Müllerin hat ihren boshaften Verrath eingestanden. Sie wollte Dir den Zaubertrank beibringen. Tröste nun erst das Mädchen, sie hat viel gelitten."

Und laut schluchzend sanken sich die beiden Wieder- vereinigten in die Arme.

Sanft mahnte, lange nachdem Donnsperger und Lagus mit dem Pfleger und den Bewachern desselben den Feulethurm verlassen hatten, der Cooperator Ober- Hofer den jungen Lenzenbauern, nun die Geliebte für jetzt ebenfalls zu verlassen. Ach! Ottilie hatte weh­müthig geklagt, was sie gelitten, und ingrimmig horchte Burkhard zu und mit heißen Thränen benetzte er an Ottiliens Händen die Spuren der erlittenen Folter. Doch auch hoffnungsvoll schied er von ihr.Leb'wohl, Ottilie. Nun ist die Stunde der Befreiung ja nicht mehr ferne ich hört's, ich glaubt; es muß so sein, die Unschuld hat gesiegt!" Und noch einmal umschlangen

sich die Liebenden und von dem edlen Oberhofer geleitet, verließ Burkhard den Thurm.

Noch manche Trauerscene, lieber Leser, harret Dein, ehe endlich Unschuld und Treue ihren vollen frendigen Glücksantheil bekommen. Düster und graß zeichnet die Historie den Prozeß der Unholdinneu von Schwabsoyen und, so gerne wir Dir's ersparen möchten, Du mußt noch viel Elend an Deinem geistigen Auge vorüber­ziehen lassen, ehe das Goldgewölke heraufwehet am Himmel, welchen so lange ein furchtbares Unwetter bedeckte. Hörwarth sitzt gefangen in seiner eigenen Behausung. Die Rolle dieses schlimmen Mannes ist ausgespiett. Er fühlt es selbst. Sein Gewissen hält ihm die lange Kette seiner bösen Thaten vor unter ihrer Last knickt er verzeifelnd zusammen. Mit Posselt kann er sich nicht mehr besprechen. Sicher ist's, daß der Schreiber ihn nicht mehr schonen wird.*) Hörwarths körperliche und geistige Natur, feit langem faulend, hält den letzten Stoß nicht aus. Genuß, Ehre und Macht sind dahin. Glaube an das Jenseits, Furcht vor dem Richter dort oben, sie sind Beide nicht so mächtig in der Brust des Elenden, als daß er ihrethalben die Bürde des irdischen Lebens noch weiter ertragen möchte. Hör­warth hat sich in der aus seine Verhaftung folgenden Nacht erschossen. Wohl gab es darob argen Rumor in Schongau und sprachen die Bürger von allerlei üblen Thaten, welche nun plötzlich ruchbar geworden seien und mit denen noch Posselts Verhaftung zusammen- hinge. Wegen drohender Absetzung und Vernriheiknng habe sich der Pfleger selbst entleibt. Aber halb war Alles verstummt. Der Hrpenprozeß behauptete mit feinem Interesse die Oberhand im Volke.,

Nach Hörwarths Tode leiteten Lagus und Donns­perger im guten Einvernehmen die Verhandlungen weiter. Sie konnten über die Necktsansichte» jener Zeit und über die damals geltenden barbarischen Bestimmungen von Kaiser Karls peinlicher Halsgerichtsordnuug, der Carolina, nicht hinaus.

Einige Wochen nach den geschilderten Ereignissen, während welcher Zeit die gute Ottilie zwar noch immer im Feulethurme verbleiben mußte, aber sehr milde be­handelt ward, erstatteten die beiden Räche ein großes Gutachten" an den Herzog Wilhelm V. und dessen Bruder Ferdinand, den Besitzer der Grafschaft Schongau. Die Haupiangeklagtcn. nämlich die alte Kerblin, die Dennhauserin und noch achtunddreißig Weiber, stellte dasGutachten" der Fürsten unbedingt als Hexen hin. Ungern sogar ließ Donnsperger in jener Schrift den Passus einflechten, welchen Lagus verfaßt halte: daß man nämlich in der Hexerei vielleicht mehr eine krank­hafte Geistes- und Sinnesverwirrung als ein Verbrechen ersehen und nicht mit Feuer und Schwert d'reinWökhen solle, Und Abänderung der Bcstimmnngen bet Carolitia solle der Herzoge beim Reichstage schleunigst beantragen. Man solle zuwarten, bis Kaiserliche Majestät einEin­sehen" habe. Auf jeden Fall solle der Landesherr vorn Rechte der Begnadigung ausgiebigen Gebrauch machen.

Bezüglich Ottiliens war unbedingte Freisprechung beantragt. Minder günstig lautete das Gutachten in Betreff der schönen Müllerin. Sie, welche im Gesang- nisse streng bewacht und behandelt, von der Kunde des Todes Hörwarths nur wenig, desto mehr aber von der Nachricht von Ottiliens nahe bevorstehender Freilassung und Burkhards unverbrüchlicher Liebe zu der Schwer­gekränkten angegriffen ward, sie, die einst so üppig Lebende, welcher nun seit Wochen ein hartes Stroh­lager als Ruhepfühl dienen laugte, sie war mittlerweile in Trübsinn und thcilweise eintretende Raserei verfallen. Aber immer noch trug sie sich in lichten Momenten mit der Hoffnung auf ihre Freisprechung. Wehe ihr, wenn sie nun bald erfahren wird, daß ihr, als der Mit­schuldigen Hörwarths: Confiscation, ihres Vermögt»», als der böswilligen, verläumderischen Anklägerin der Ottilien: Abbitte vor der reinen Magd und Pranger- stellung, als Zaubertrank-Äkifcherin: die LandeSVer- weisnng droht! j

Drei Wochen verstrichen. Eine kurze fürchterliche^ Zeit für die des Urtheils harrenden UnglüMchen !- '

Der herzogliche Bescheid langte an. Er war graue»' haft. Aber die Fürsten vermeinten Recht zu thun. Ihr Gewissen blieb ruhig. Zu einer Aenderung deS Ge­setzes, so hieß es im Bescheide, sei gar kein Grund vor- . Handen. Kaiser Karoli Majestät habe in der Hexerei ein schändliches Verbrechen, das höchste, was es unter der Sonne gebe, befunden. Darin liege eben das Ver­schulden, daß die Unholdinnen mit des Teufels Gewalt ihre Sinne nmdnnkeln und in sothaner Gemüthsver^ fassung Gräuel verüben. Aber doch habe man Gnade nicht ausschließen wollen und die eigentliche Strafe i Lebendig verbrennen in den Tod durch Enthauptung und nachheriges Verbrennen umgewandelt.

Und nun befehlen die Fürsten, daßvierzig" Weiber mit dem Schwerte vom Leben zUm Tode gebracht, ilsie Körper verbrannt werden sollten; daß allein die junge Kerblin in Freiheit zu setzen^ an der Müllerswittwr von Schwabsoyen aber die im räthlichen Gutachten vor­gesehenen Trafen auszuführen seien.

________ (Schluß folgt.) .

*) Der Pflege Sekretarius wurde in der Folge durch Hof Rathsdkschluß wurtbrill, wegen Veruntreuungen und Fälschungen gehenkt in werden, welche Ptrgse auch »ottjogen ward.