Mt ist von Haus und Hof vertrieben, hat Haus und Hof endgültig verloren. Dabei steigt bis zum gegenwärtigen Augenblick noch das Wasser stündlich, wenn auch langsam, das Eistreiben setzt seine verheerende Zerstörungen fort; dabei ist keine Aussicht vorhanden, daß das Wasser vor Wochen und Monaten ablaufen kann. Wären nicht die braven Pioniere gewesen, das ganze 1. Pionier-Bataillon ist zur Stelle, zahllose Menschenleben wären zu Grunde gegangen. Mit Aufbietung aller Kräfte haben sie Unglaubliches geleistet. Das Stabsquartier ist in Marienburg, die Kompagnien sind in die verschiedenen Ortschaften »ertheilt, von wo sie rasch Hülfe bringen können; nachdem jetzt aus dem Gebiet, das sie beherrschen, die Menschen gerettet worden sind, versuchen sie noch, das vorhandene Vieh in Sicherheit zu bringen. Hier werden schon für die nächste Zeit die umfassendsten gesundheitlichen Maaßnahmen getroffen werden müssen, so groß ist die Zahl der »er unglückten Thiere, namentlich die Schweine, Schafe, Ziegen sind fast ausnahmslos ertrunken. Einem Pferdehändler, der auf der Reise nach Danzig mit 20 werth- vollen Pferden die Nacht in Elbing zubrachte, sind dort 11 Thiere ertrunken, so rasch ist das Wasser gestiegen. Die Bebauungsfähigkeit des fruchtbaren Marschlandes ist für viele Jahre hinaus beeinträchtigt; der Gesammt- schaden unermeßlich. Und während hier die Noth unbeschreiblich ist, treffen stündlich neue Hiobsposten aus allen Theilen des Ostens ein. Fast alle kleinen Flüsse, deren Namen man kaum kannte, verursachen an der Ostseeküste mehr oder mlnder große Verheerungen. Die Warthe, die Brahe, die Oder wälzen immer neue Wasser- massen herab, die Schneeschmelzung nimmt einen überraschen Verlauf, die Deiche, sonst so widerstandskräftig und mächtig, sind an den verschiedensten Stellen auf's ernsteste bedroht; jede Stunde kann von neuen schrecklichen Nothzuständen berichten. Es ist ein furchtbarer Unglücksschlag, der fünf schöne Provinzen, Westpreußen, Posen, Schlesien, Sachsen, Brandenburg und das mecklenburgische Nachbargebiet aufs schwerste Heimgesucht hat.
Deutsches Reich.
Berlin, 6. April. (Tritt der Kanzler zurück?) Kaiser Friedrich und seine Gemahlin haben am Donnerstag Nachmittag lange Unterredungen mit dem Reichskanzler gehabt, und nach denselben dürfte der Gedanke eines Rücktrittes fallen gelassen sein. Die Nachrichten, welche in dieser Sache verbreitet werden, sind vielfach übertrieben, namentlich auch das Gerücht, Graf Herbert Bismarck werde zurücktreten. Niemand denkt daran. Eine offizielle Kundgebung wird in naher Zeit Klarheit schaffen. Die „Norddeutsche Allgemeine Ztg.„ druckt „zur Information ihrer Leser" alle Allarmnachrichten der „Köln. Ztg." ab, bemerkt aber dazu selbst kein Wort.
—- Die Aachen-Münchener Feuer-Bersicherungs-Gesell- schaft stellte Kaiser Friedrich 00,000 Mark für die Ueberschwemmten zur persönlichen Verfügung.
— Die Hochz eit des Prinzen Heinrich findet bestimmt am 24, Mai zu Schloß Friedrichskron statt.
Tages-Ereignisse.
Schlüchtern. Nach Specialerlaß des Ministers des Innern und des Finanzministers ist auch die unentgeltliche Verabreichung von Branntwein an Kunden von Seilen solcher Kaufleute, welche keine Konzession zum AuSschanke geistiger Getränke besitzen, als unerlaubter Schankbetried zu betrachten, wenn erhellt, daß dadurch Personen veranlaßt werden in sein Geschifft einzutreten und Waaren aus demselben zu entnehmen.
Kim, 6. April. Heute, Mittags 2 Uhr, fand die Beerdigung unseres letzten Veteranen aus den Freiheitskriegen unter überaus zahlreicher Begleitung statt. Es wan der Schuhmacher Albert H a g e m a n n, geboren am 7. März 1794 und diente von 1814 im 2ten Hess. Linien-Regiment. Seinen Abschied erhielt er im Jahre 1832. Am Leichenzug beteiligten sich außer dem Hies. Kriegerverein noch die Vereine Schlüchtern (Deputation), Gundhelm (mit Fahne) und Hüllen. Aufstellung der Trauerparade war am Kriegerdenkmal und zwar in der Weise, daß den betreffenden Kriegervereinen eine Schützeneskorte von 15 Mann voranging. Der mit Lorbeer- kranz und kriegerischen Emblemen geschmückte Sarg wurde von Kameraden aus dem letzten Feldzuge getragen. Dem Sarge voran trug ein Kamerad die auf schwarzem Sanimetkissen befestigten kriegerischen Ehrenzeichen. Vor dem Abgänge wurden von den Schützen die Gewehr präsentirt; ein Gleiches bei der Einsenkung. Räch der Einsegnung erfolgten nach dem exakten Kommando des Kameraden Metzing-Brandenstein die üblichen drei Ehrensalven über's Grab, nnd wurden dieselben trotz der vielartigen Gewehre so präzis ausgeführt, als geschähe es aus dem Exercierplatz. Der Trauerrede war vom Herrn Pfarrer Harlmann der Text 2. Tim. 3, 7 zu Grunde gelegt. Die Betheiligung an diesem Be- gräbniß war eine so zahlreiche, daß wohl in Elm noch kein ähnliches gesehen worden, doch: wer seinen Trost ehrt, chtt sich selbst! Lebhaft bedauert wurde nur, daß bei einem so seltenen Vorkommniß verschiedene Kameraden durch ihr — wenn auch entschuldigtes — Nichterscheinen sich hrrporthaMr. Schließlich noch allen auswärtigen K»Wr«h«^ Welch« ütift-eer Gplaümig so MWdüch ■ge
folgt waren, auf diesem Wege unsern tiefinnigsten Dank, besonders auch noch für den Lorbeerkranz, welchen die Kameraden von Schlüchtern am Grabe des Verblichenen niederlegen ließen. — f. —
Fulda, 6. April. In der Nacht vom 4. zum 5. ds. Mts. wurde dem Bauer Heinrich Müller in Bronzell aus seinem Stalle ein 3 Monate altes Kalb gestohlen. Die Polizei dahier, welche von dem Diebstahl am 5. ds. Morgens Kenntniß erhielt, ermittelte zunächst, daß in einer hiesigen Metzgerei von einem Unbekannten ein Kalb zum Verkaufe angeboten worden war. Da der Kauf abgelehnt, hatte der Betreffende mit dem Kalbe den Weg in der Richtung nach Maberzell genommen; zwei Gendarmen verfolgten nun den Dieb und stellten fest, daß derselbe das Kalb in Unlerbimbach an den Wirth Adam Kremer für 18 M. verkauft hatte und in der Richtung nach Großenlüder weiter gegangen sei. Ukrermüblich setzten die Sicherheitsbeamten die Verfolgung fort und gelang es denselben auch, den Dieb in der Nähe von Großenlüder festznuehmen und heute Nachmittag ins Amtsgerichtsgefängniß hierselbst abzuliefern. Der betreffende Dieb ist der Taglöhner Christian Nuhn aus Schlitz, welcher außerdem noch von mehreren Gerichten wegen Diebstähls verfolgt wird. Es sei schließlich noch bemerkt, daß das Kalb wieder in den Besitz des rc. Müller in Bronzell zurückgelangt ist.
Wilhelmstad, 6. April. Heute Nachmittag um ^s3 Uhr wurde der Mörder des landgräfl. Jagdaufsehers Mankel an den Ort seiner Frevelthat im Walde verbracht. In dem geschlossenen Wagen saßen gefesselt der Mörder Morlock und sein Compagnon im Wilderhand- werk, der Schuhmacher Moritz. Letzterer blieb unter Bedeckung im Wagen sitzen, während Morlock zum That ort geführt wurde. Der Mörder, dessen verwegenes Aeußerc ausfällt, steht im Anfang der dreißiger Jahre. Er diente im Hanauer Regiment und galt als der beste Schütze und Turner seiner Compagnie. Am Thatort hatten sich eingefunden: Herr Untersuchungsrichter Reul, Secretäre, Criminalbeamte, Polizei der Stadt und Gen- darmie, sowie Herr Rittmeister von Strahl und die landgräflichen Oberförster und Jagdaufseher des Jagdreviers. Morlock ist seiner scheußlichen That in allen Theilen geständig. Er hat seinem Opfer aus dem von dem Mordplatze gegenüberliegenden Graben aus gedeckter Stellung den tödtlichen Schuß beigebracht. Leute aus der Umgegend waren, trotzdem von der Untersuchung nur sehr Wenigen etwas bekannt war, massenhaft hinzugeströmt und eine wahre Panik ergriff das Publikum, als Leute aus dem Dickicht heraussprangen mit dem Geschrei: „Per Mörder ist entflohen!" Alles strömte nach Wilhelmsbad, die Gendarmerie galoppirte dem Walde entlang, doch die Nachricht bestätigte sich glücklicherweise nicht; Morlock wurde nach 5 Uhr in geschlossenem Wagen wieder in die Gefangenenzelle nach Hanau zurückgebracht.
Frankfurt. Ein heirathslustiger Junggeselle suchte durch eine Annonce in einer größeren illustrirten Zeitung eine Ledesgelährtin. Durch Versehen des Setzers war das Alter nicht richtig mit 37, sondern mit „87" angegeben. Deutlich aber war dort zu lesen : „Ein vermögender Junggeselle," und siehe da: es liefen nicht weniger als 147 Offerten aus allen Theilen Deutschlands, aus Oesterreich und England ein. Durchweg versprachen die Heirathslustigen, dem „alten Herrn" einen recht glücklichen Lebensabend bereiten zu wollen. Die jüngste Bewerberin zählte 17 '/s und die älteste 95 Jahre, nur bei sehr wenigen war zu lesen, daß auch sie einiges Vermögen besitzen.
Mainz. Auf Verfügung des Generalcommandos wird vom 1. April ab an sämmtliche Truppen der Garnison Mainz anstatt des seitherigen Commißbrodes, ein zum .vierten Theil mehr Weißmehl enthaltendes helleres Brod verabreicht. Es ist dies nur ein Probe- versuch, der vorläufig bis zum 1. September währen soll, worauf dem Generalcommando Bericht erstattet wird, in welcher Weise sich bei den Truppen das neue Brod bewährt hat.
Cassel, 7. April. Hühnereier, welche am Ostersonn- abend mit 1,50 Mk. die Steige bezahlt würden, erfuhren heute einen bedeutenden Preisabschlag und wurden am Schluß des heutigen Marktes mit 80 Pfg. die Steige verkauft.
Ottilie, das Hekenkind oder: Das Geheimniß kr schönen Müllerin.
Zeitgemälde aus dem Ende des 16. Jahrhunderts vsn Gustav Kienast.
- - (Fortsetzung).
So kam es, daß zwar Hörwarth in der Nacht, wie er ver sprachen, den Sekretair Posselt mit Wagen und Gelt in der Nähe des Feulethurmes bereit halten, auch in's Gefängniß der schönen Wittwe unbehindert eintreter. konnte, als er jedoch, nachdem er den Thurmprofoßet mit einem Aufträge abseits beordert, die Gefangene am dem Thurme bringen wollte, — auf die Wachen stieß, welche der Wittwe den Ausgang wehrten und sie zurück führten ins Gefängniß! — Hörwarth hörte noch in, Enteilen — denn ihm selbst legten die Wachen nichte i« den Weg - den oerzweisettrn Ryf her WglüMichW:
„Schändlicher Heuchler! Das hast nur Du so ange- zettclt! Nun warte! Sie haben mich gefoltert, mir Geständniße abgepreßt, die mich verderben! Nun geh' auch Du zu Grunde!"
Hörwarth floh in seine Wohnung. Nun sah er, es stand übet um ihn. Anfänglich beschloß er, Allem zu trotzen, was da über ihn kommen würde. Bald aber behielt die Angst des bösen Gewissens die Oberhand pnd krallte sich immer tiefer und tiefer in sein Herz. Um für den übelsten Ausgang — den mit seiner Schande — gerüstet zu sein, riß er von der Wand seines Schlafgemaches eine Pistole, lud sie und steckte sie zu sich. Sein Ehrgefühl vermochte sich denn doch noch bis zum Entschlüsse des — Selbstmordes zu erheben!---— Seinem Sekretair, mit welchem er in jener Nacht noch flüchtig zusammentraf, machte er keine Mittheilung über die ihnen Beiden drohenden Katastrophe. Hörwarth gedachte, alle Anklagen auf dieses sein Werkzeug bei den getrauen Verbrechen überzuwälzen,---
Die Müllerin aber verlangte sofort nach dem gescheiterten Fluchtversuche, daß der herzogliche Rath zu ihr komme. Sie habe ihm eine wichtige Mittheilung zu machen. Dom Turmprofoßen geholt, erschien noch des Nachts Donnsperger im Gefängnisse der schönen Müllerin.
Nun eröffnete ihm die Verzweifelnde ihr Geheimniß: Die Schrift Lidls sei ihrer Rache Werkzeug. Hörwarth, das sehe fte, gehe damit um, sie zu verderben. Er habe ihr, um die Entdeckung seiner Verbrechen zu verhindern, versprochen, sie zu befreien. Doch habe er augenscheinlich nur eine Comödie mit diesem Fluchtversuche gespielt, wohl in der Hoffnung, gegen Lidls Anklagen zu siegen oder sich selbst zu retten. Nun gebe sie ihr Geheimniß Preis und hoffe dafür auf Gnade in ihrem eigenen Prozesse! Jenes Papier, welches Hörwarths Verbrechen «ufzähle und beweise, befände sich in dem großen, hohlen Birnbäume, welcher zur Linken des Mühlbaches an ihrem Hofe stehe. Dort, in der Spalte des Baumes habe sie das Document in einer hölzernen, mit Eisen ausge- fütterten Chatvulle befindlich, versenkt gehalten bisher.
Donnsperger, welchem Margaretha natürlich auch die Mißhandlung erzählte, welche Hörwarth dem Lidl angethan, bemeifterte kaum mehr feinen Zorn.
„So hat nun das würdige Paar sich gegenseitig selbst verrathen," murmelte Donnsperger. Und zu der Gefangenen sprach er: „Will Jnquisttin die peinliche Frage noch einmal über sich ergehen lassen — in Betreff des Punktes: ob sie wissentlich Theil gehabt, an den von Hörwarth unterschlagenen Geldern?" „Nein, nicht mehr foltern!" schrie die Gefangene. „Ich de- bekenne, daß ich am Anfänge meines Verhältnisses mit Hörwarth wenigstens ahnte, woher Hörwarth Mittel hatte, mit mir große Reisen zu machen, mich verschwenderisch zu ergötzen und seine früheren Gläubiger zu befriedigen. Aber seit fünf Jahren sind auch die letzten Mittel Hörwarths verbraucht gewesen und ich mußte ihm beständig aushelfen, bis ich es satt besam. Das, gestrenger Herr ist die vollste Wahrheit. O laßt mich mit der Folrer verschont. —"
„Wohl!" entgegnete Donnsperger. „Du sollst nicht mehr gefoltert werden. Und höre, Du wirst sogar mit Leib und Leben aus diesem Prozesse davon kommen — aber nicht eher, als bis Du — genügend bestraft bist I Nun gehe ich und besorge mit dem frühesten Tagesgrauen die Aufhebung Deines den Pfleger belastenden Küstleius. Hörwarth soll der Strafe ebenfalls nicht entgehen. Ottilie aber, hoffe ich, soll glänzend gerechtfertigt werden!"
Mit diesen Worten entfernte sich der herzogliche Rath.
Dem Thurmprofoßen ertheilte er den Auftrag, wenn Höiwarth käme, den Pfleger sowohl zur Müllerin als auch zu jeder anderen Gefangenen zu lassen. Der Rath wollte so behutsam wie möglich Vorgehen. — — Das verhängnißvolle Kästchen war alsbald in Donnspergers Hand. Der Rath hatte sich nach der Unterredung mit der schönen Müllerin ganz allein auf dem Wege nach Schwabsoyen gemacht und fand, von Niemandem beobachtet, während noch die Sterne am Himmel glänzte» und ein kühler Wind das Nachtgewölbe vertrieb, im 'Baumstümpfe die Chatvulle.
Sie enthielt was wir wissen. Donnsperger, Lidls Handschrift und Siegel aus früheren amtlichen Beziehirngen wohl kennend, fand reiches Material in der Schrift, gegen den ungetreuen Herzogsdiener, den Pfleger Hör- warth, criminell vorzugehen.
Hörwarth schritt seinem Verhängnisse näher und immer näher. —
Was ist es doch, das die Seelen ohnehin f^bfi fluchbeladener Menschen oft noch am Rande des Abgrundes, dem sie unvermeidlich entgegen rennen, plötzlich zu einem neuen, noch größeren Erkühnen lasterhafter Art anstachelt? Die Schaale ihrer Verbrechen wird dadurch übervoll. Ist es die Verzweiflung, womit sie wch eine Zerstreuung suchen? Ist es die teuflische Manie, sich immer noch mehr mit Schuld zu beladen, gleichsam, als sollte der rächende Gott mit Achtung von solchen Gräueln auf die Thäter schauen und ihnen als- oann im Bereiche der Finsternisse einen erhöhter«, Platz anweifen als anderen, gewöhnlichen Verbrechern? Wir vermögen es nicht zu entrüthseln. Genug, Hörwarth- ipürte so was in sich. Noch war er frei, noch Pfleger Md Richter, «och wußte er jmcht, ob die schön»